Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 6/7 (9.7.1947)
- Date
- 1947-07-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9498581-9498587-9504375--385-9498426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2. Jahrgang — Nr. 6/7 JÜDISCHES OEME X N DBBLAT.T FÜR DIE BEIl^SCHl ZONE Vv Seite 5 — 9. Juli 1947 ~ Ansprache von Pr C Epstein, Wiesbaden, ' hessischer Staatskommissar' für die Verfolgten des Naziregimes, auf der Frankfurter Tagung der jüdischen Gemeinden in Deutschland , Meine Damen und Herren! Ich bin der Meinung, daß der Landesvorstand der Interessenvertretung die erste interzonale Tagung der jüdischen Gemeinden nicht rein zufällig, ganz abgesehen von der besseren Erreichbarkeit dieser Stadt, nach. Frankfurt. einberufan hat. Frankfurt hat eine große historische Vergangenheit. Es ist nicht nur'die Geburtsstadt Goethes und weist in seinen Mauern die berühmte Paulskirche auf; in. der vor beinahe 100 Jahren aufrechte Demokraten unter Führung Heinrich von Gagerns ‘ mutig und entschlossen für die Grundsätze der Demokratie, der Tolerahz und der Menschenrechte eintraten, sondern Frankfurt ist auch- $ die Stadt der stolzesten Tradition jüdischen Gei-, stes- und Wirtschaftslebens.' -Frankfurt verdankte einst den Juden, bevor, der Größenwahnsinnige'von ‘Braunau am Inn sie von hiervertrieb, ■ ,seinen mächtigen "wirtschaftlichen Einfluß und .seine - wirtschaftliche. und kulturelle Blüte. Besonders stolz konnte Frankfurt auch auf sein religiöses Judentum sein und esgibt kaum einen Sidur in der Welt, der nicht Bezug nahm und noch nimmt auf die Riten und Minhogim der einstigen jüdischen Gemeinde dieser Stadt. Dieser Glanz hat durch nationalsozialistische Gewalthaber ein jähes .und bitteres Ende gefunden. Wif stehen hier nun, wie überall in Deutsch-, land, ■ yorOeinem Fragment;einer Gemeinde. Erschreckend kurz ist das Gedächtnis der Menschen. Kaum zwei Jahre sind seit dem furchtbaren Zusammenbruch des Hitler-Regimes' vergangen, Und schon beginnt sich graue Vergessenheit zu breiten über Millionen von Toten der Gas- und Folterkammern, über Geißelerschießungen, über ■ ünglückliche Opfer der Konzentrationslager, der Zuchthäuser und Gestapo-Gefängnisse7 des nationalsozialistischen Systems. Vom Winde der Zeit verweht sind die Klagen, um die Ermordeten. Schamlos wendet, sich das öffentliche Mitleid bereits’ den Mördern zu. Die Opfer des . Nationäl- - Sozialismus . werden völlig ungerechtfertigt beneidet und geschmäht. Von Schuld und Süh* ne ist „kaum noch die Rede, dafür urftsornehr- von ausschweifenden Hoffnungen auf einen neuen ' Krieg,. von Rache und Mord. Gäbe es nicht noch hier und da einen Gerechten, man müßte an Gott und der Welt verzweifeln, man , müßte die Hoffnung-auf eine bessere Zukunft der Menschheit begraben. Ich will nicht, die Geister der Rache heraüfbesqhwören.- Sie scheuen das Licht; Aber wir müssen tiefstes Mitgefühl mit den Menschen haben, die inbrünstig an Gerechtigkeit glauben, die nach G,sfV-öia*igk:eit dürsten und deshalb heute nahe -am Verschmachten sind. Wir verfangen keine Sondervorteile für uns, sondern lediglich Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit verlangt nich*t, daß neue Wunden geschlagen 'werden. Sie heischt aber, gebieterisch, daß begangenes Unrecht nach Kräften wieder gutgemacht wird. Es völlig zu tun, ist eine Unmöglichkeit. „Man kann die Millionen Toter nichtwieder zum Leben erwecken, und für die vielen Hinterbliebenen gibt es für den Verlust des Teuersten, das sie im Leben besaßen, keinen Trost. Aber man,kann' eines tun: .Man kann den überlebenden Opfern das Laben wieder lebenswert machen. * ' Wir wissen, wohl, es stört die Behaglichkeit der Satten. und Zufriedenen, wenn man sie an die Zeiten, der Konzentrationslager erinnert. Sie wollen die Foltern und Martern nicht wahr haben. Sie würden -von der bloßen Schilderung der Leiden nur Unlustgefühle bekommen und dem gehen sie beharrlich aus dem Wege. -. - 1 t . Aber die Gerechtigkeit läßt sich nicht mit Ausreden abspielen.. Sie pocht laut an unsere Türen. Sie fordert zwar nicht mehr Aug um Aug und Zahn um Zahn, sonst würde es vie-. len im deutschen* Volk übel ergehen. Die Gerechtigkeit fordert heute nur .Opfer an' Geld und Gut, Rückgabe dessen, was zu Unrecht durch Diebstähl, Raub und Erpressung ( den rechtsmäßigen . Eigentümern weggenommen worden ist. Sie verlangt Entschädigung für * die. ausgestandenem Leiden, soweit .man für sie' überhaupt entschädigt werden kann. Diese Sühne zu leisten ist, wie der stellvertretende , Ministerpräsident £>r. Högener auf der Wiedergutmachungskonferenz in Tegernsee mit. warmen Worten zum Ausdruck brachte, Ety-' renpflicht auchfür . ein verarmtes Volk. Dag Rückerstattungsgesetz berücksichtigt' lediglich einen Teil der Verfolgten. Das sogenannte Entschädigungsgesetz, das besonders die politsch Verfolgten ersehnen und mit Recht erstreben, steht noch aus,; und sein . Schicksal ist ungewiß. Wir, die wir an den Beratungen des Rückerstattungsgesetzes .vom 1. Tage an, das ist vorn 10. Juli 1946 teilgenommen haben, . verlangten von jeher, daß das Entschädigungsgesetz einen integrierenden Bestandteil des Rückerstattungsgesetzes bilden sollte, weil wir ui\s sagten, daß es ein Gebot der Gerechtigkeit^ sei, alle Verfolgten,, ob politisch oder rassisch, gleicherweise zu .entschädigen. Die Politisch verfolgten Kameraden haben mit uns rassisch Verfolgten gelitten und -sind, ebenfalls durch eip Meer von Blut und Tränen gegangen. Wir wissen sehr wohl, wie kameradschaftlich. sie uns Zur Seite: stahden, und es wäre nicht zu verantworten, sie anders zu stellen als uns. Wir würden uns auch im Besitz des uns zu gewährenden Vermögens nicht wohl fühlen, wenn wir nicht gleichzeitig wüßten, daß auch'sie in den Genuß der ihnen zustehenden. Vorteile kommen sollten. Wir verlangen daher, daß .das’ Entsehädigungsge-' Setz, wenn nicht' mehr als Bestandteil des Rückerstattungsgesetzes, so doch diesem un~' verzüglleh folgen, muß. Kein Mensch darf verkennen, daß, die Wie-, dergutmachung an den Opfern des Faschismus nicht nur eine rechtliche Pflicht der deutschen Bevölkerung, 'sondern auch ein Gebot der Menschlichkeit ist. Bevor Deutschland den Krieg in die umliegenden Länder trug, führte es einen leichten, aber deshalb nicht weniger unerbittlichen Kampf gegen seihe Juden. - Der Machtapparat eines 70-Millionen-Volkes schlug erbarmungslos auf die kleine . Minderheit von einigen hunderttausend Menschen ein, und wir wissen heute, mit welchem Ergebnis. Jetzt hören wir in den Spruchkammern von den .8 oder 10 Millionen Parteigenossen, daß jeder yoh ihnen einen jüdischen Freund hatte. Da es hur 600.000 Juden in Deutschland gab, f müssen wir fragen, war diese Millionen- Armee von Nationalsozialisten nicht in der Lage, die kleine Zahl ihrer jüdischen Freunde vor ihrem eigenen Führer zu schützen? Es war nicht ungefährlich; wird man erwidern. Aber schon Goethe .„ sagte: v»Wie man 4en Vogel an den Federn, den Löwen an den Klauen, so erkennt man die Freunde'an den Lanzen, die sie , wohl gelegentlich, für einen brechen.“;; : Die Behandlung der Wiedergütmadiungsfrage für? die politisch, rassisch und religiös Verr folgten ist zu einem Sinnbild der Menschlichkeit geworden, zu einer Frage der politischen Reife eines Volkes. Die Lösung der Wiedergutmachungsfrage muß, ■ wenn sie wertvoll sein soll, von1 innen kommen, Die Welt muß den Wunsch Deutschlands fühlen, das begangene 'Unrecht wenigstens andenen gutzumachen, die das Unrecht überlebt haben. Wir sind uns darüber klar, daß die Voraussetzung' hierfür unbedingt ein. Gesinnungswandel ist,;ein Wandel, .auf den'die Weit seit über,'2 Jahnen vergeblich wartet« * ...; Bevor das deutsche Volk nicht in scharfer Abkehr von seinem ’ bisherigen Geiste die Hinwendung zur wirklichen Hupanität vollzieht und praktische Beweise dafür liefert, bleiben alle Reden und Versprechungenleere Deklamationen. Solange , man nicht die begangenen Verbrechen bestraft hat und zwar nicht nur mit Proformastrafen, sondern mit solchen, .die der Schwere des Verbrechens entsprechen, solange man nicht den'Räubern .und Plünderern “ihre Beute abgejagt und sie den Besitzern oder ihren Erben zur Verfügung gestellt hat, -solange glaubt kein Mensch in der Welt, an eine tatsächliche/Abkehr. ./ Wer. von der Welt Gerechtigkeit erwartet, muß erst beweisen, daß, er selbst Gerechtigkeit zu üben versteht. „Justice begins at ■hörne“, Gerechtigkeit .beginnt im eigenen Hause. Nach dän Kaskaden vdh. Rechtsbrüchen, .mit. denen das Hitlerregime ' zwölf Jahre lang den deutschen Namen' geschändet fiat, bedeutet Wiedergutmachung nicht 'npr die gesetzlich angeordnete oder" aus verstandesmäßigem Pflichtgefühl erwachsene,. sondern die freiwillige Wiedergutmachungden ersten Schritt Zür Umkehr. ■ Bei dem zukünftigen Friede.nsverfrag mit Deutschland, werden seine Bedingungen in entscheidenden. Punkten abhängig sein von der Frage, mit welchem Deutschland Frieden geschlossen werden soll. Mit, einem Deutschland, das sein Gewissen .wiedergefunden hat, seine Schuld erkannt, den Verfolgten Genüg- , tuüng und Wiedergutmachung gewährt hat, oder mit einem Deutschland,' das nur ein neues Firmenschild auf gehängt hatand 'sich wie ein schlechter- Bankrotteur benimmt, der das Geschäft auf dem Nämen seiner Frau weiterführt. - ' : Äußer der materiellen Wiedergutmachung kennen wir ein noch viel höheres Ziel,- die ideelle Wiedergutmachung. Unser Kampf ist . der Kampf gegen alle Reste des Nazismus und unser - Sinnen ist, ein . einigendes .'Band üm alle Verfolgten über alle Zonengrenzen hinweg t zu schmieden unter Schaffung eines verträglichen Verhältnisses , Sur gesamten Be* völkerung, "••■/'. Wir Verfolgter?:, gleichgültig aus welchem Lager die einzelnen von ihnen kommen, wollen zusammenstehen, und. nie ’ wieder der .Welt das' beschämende. Bild innerer Zwietracht und Unduldsamkeit bieten. . .’ Wir werden eg daher nicht zulassen,, daß erneut ein Keil zwischen. Ost , und West getrieben wird. Haben wir nicht alle, als Juden •gelitten Und geblutet? Sind wir denn nicht alle •Söhne' eines Trottes, hat uns denn nicht/ alle eine jüdische' Mutter geboren und uns voll Liebe ans Herz gedrückt, küßte’ und koste uns nicht ein gütiger Vater und hat uns voll Freude ins Auge geblickt? Hat uns denn nicht Hitler hur als Juden behandelt,' und unsere teueren Angehörigen ohne Rüde-, sicht auf ihr Herkunftslünd. gleicherweise vergast und verbrannt? Oder glauben Sie, meine -Herren, daß er die deutschen Juden durch einen mit Teppichen belegten’ Salon in die Gaskammern trieb und die ausländischen durch den Hintereingang? Wir, die Wir selbst schreckliches erfahren, die Torturen und Folterungen bei anderen und. auch am eigenen Leibe verspürt haben, wir, die wirklich, Verfolgten, sind, weit davon entfernt, auf. Grund der besseren deutschen Kultur, Von der wir ja gerade in den -letzten 14 Jahren Kostproben erhalten haben, uns als höhere , und bessere Wesen dünken, wir erklären uns mit unseren ausländischen jüdischen Kameraden solidarisch: und fordern sie alle zum engsten Zusammenschlüsse ■ auf. Dieser Zusammenschluß ist auch ein Gebot' der Stunde, da wieder eine neue Welle des Antisemitismus haushoch über uns hinwe’ggeht urid der Nazismus erneut sein freches und verbrecherisches Haupt erhebt, da wieder die Juden diffamiert und beschimpft werden, da wieder Schändungen jüdischer Friedhöfe an /der; Tagesordnung ,zu stehen scheinen, da man sich erneut bei einem Teil der deutschen Bevölkerung über die Tatsache wundert, daß es -Iiitler nicht gelungen. sei, auch den letzten Rest der Juden zu vernichten. Es ist in den letzten Monaten viel und ausführlich über die Situation geschrieben worden, in der sich die Juden in Deutschland befinden. Es ist beschämend', wenn män erleben muß, daß 2 .Jahre nach dem verdienten Zusammenbruch des Tausendjährigen Reiches noch Gewinne ■ von Nazis aus den durch sie arisierten Geschäften gezogen werden, wie Karl Marx irn Jüdischen Gemeindeblatt für die britische Zone. (Nr. 24) mit Recht hervorhebt. . , Es kann nicht geleugnet, werden, daß die Erfahrungen der - letztön zwei Jahre uns mit starken Zweifeln hinsichtlich der Erklärungen von in der Oeffentlichkeit stehenden Persönlichkeiten erfüllen. Gänz besonders hat die Erklärung des Pastors ' Niemöller,, 'rdie er während seines Aufenthaltes in Amerika abgegeben hat, in Deutschland existiere kein Antisemitismus mehr, stärksten Widerspruch hervorgerufen.. Pastor Niemöller kennt leider nicht die Zustände in Deutschland, sonst hätte er eine solche Erklärung niemals abgeben.dürfen. Wir / sind dem Vorsitzenden der SPD., Dr. Schumacher, Hannover, für seine zuversichtliche Versicherung sehr dankbar, daß’ deutsche Juden damit rechnen könnten, als gleichberechtigte Bürger behandelt, zu werden. Aber ist es, nicht eine selbstverständliche An- [HBanajiiiijwuMimu gelegenheit, daß deutsche Juden in der heutigen Demokratie allen anderen Bürgern gleichgestellt und gleichberechtigt sind und ist c es nicht ebenso selbstverständlich, daß sie wieder zu dem Ansehen kommen müßten, das sie früher einmal-genossen haben?- ‘Schon das ausdrückliche Unterstreichen dieser Selbstverständlichkeit erfüllt uns mit Mißtrauen. Auch unser Oberbürgermeister Kolb hat fo seiner Neujahrsbotschaft, ■■ die er . durch den Rundfunk gehalten hat, die im Auslande be- ■ Endlichen deutschen Juden* aufgefordert, wieder 'nach Deutschland zurückzukehren, indem er ganz .besonders die wirtschaftliche Blütezeit Frankfurts und anderer Städte hervorhob, an der die'deutschen Juden in ganz besonderem Maße beteiligt gewesen seien.. Wir find weit davon entfernt, an der Lauterkeit 'der Gesinnung unseres Oberbürgermeisters zu zweifeln-Wir schätzen seinen, guten Wllleh; aber können nicht umhin, ihn zu fragen, was denn bisher, für die schon in Deutschland lohenden Juden, getan worden ist. Wenn man , nicht, in der Lage ist, ihnen, die nach ihrer Rüdekehr aus . den. Konzentrationslagern vor dem Nichts standen, zu einer. Existenz zu verhelfen, so sollte man Sich überlegen, ob es opportun erscheine, noch andere Juden, di® im Aüsiand lebdn, in ein Band zufückzufufen, dessen Bevölkerung noch immer im Giffcnebel der ' hationalsQziaUstischen Propaganda zu denken gewohnt ist und wenig Beweise dafür geliefert hat, daß es sich von seinem bisherigen Geiste abzuwenden gewillt ist. Ich würde es in Ansehung der neuen_^ituation nicht verantworten können, meine Glaubensgenossen aus dem Auslande wieder nach Deutschland . zurückzurufen.' Sie würden aus der Scylla in die Charybdis, aus dem Regen in die Traufe kommen. Sie - zurückzurufen»■ würde gleichbedeutend sein mit der Aufforderung, sich von neuem in eine Katastrophe zu stürzen.' Mögen sie sich ihre Rückkehr/, mannigfach iberlegen und. das Für . und] Wider, so oft es nur geht, gegeneinander ab-i wägen., Glücksgüter/ erwarten sie ' hier nicht1 mehr. \ . ' - ■ : . - ■ Die Bevölkerung hatbisher von sich aus, nicht versucht; bekanntzugeben,- daß sie durph die fürchterlichen, an den Juden begangenen Verbrechen,’ belehrt worden sei. Es. erfolgten und erfolgen'Verhaftungen von führenden Nationalsozialisten von »Untergrundbewegungen, die zu denken geben. Der Nationalsozia-, lismus ist noch lange nicht tot,, im Gegenteil, er erhebt,- wie bereits betont, Sein freches^ und verbrecherisches Haupt erneut. Und wenn » es heute noch keinen aggressiven, Antisemi«, tismus gibt, so nur deshalb,' weil, wie Marx richtig sagt, das erste Gesetz/ der Militärregierung ihn unter Strafe‘gestellt hat. Die Juden in Deutschland haben keinen] Grund, zuversichtlich in die Zukunft zu' schauen. Die Verhältnisse spitzen sich vbni Tag zu Tag zu.. Es taucht für uns die Frage auf, ob jüdische Gemeinden in Deutschland weiterbestehen können, soweit. sie. inzwischen] wieder aufgeba'ut worden sind. Wir glauben’ nicht, daß das deutsche Judentum die Möglichkeit hat, zu seiner einstigen Blüte zu gelangen- oder auch nur wieder aufleben kann. Wir, sind der Ansicht, .daß Deutschland keine Juden mehr ver(di'ent. Es. "hat uns schon einmal gezeigt, daß es uns nicht duldet und, das ist das Beschämendste an 'dieser ganzen, Sache, daß es für seine weitere' Unduldsamj keit von neuem Beweise liefert, Ueber lang, oder kurz werden wir. nicht umhin können,! uns als Liquidatoren der jüdischen Gemein-1 den. zu betrachten. Es wird für jeden, soweit’ er nicht schon zu alt öder krank ist, nichts anderes übrig bleiben als die Auswanderung, eine bittere Tatsache, die die Jahrtausend .'alte Tragödie unseres Volkes ernSut beweist; Marian Zyd: WIENER BRIEFE —1947 ,1. Der Jude, der verbrannt wurde. Die Wiener Zeitungen stören die Ruhe der umgekommenen Juden. Sie veröffentlichen Gerichtsmeldungen, in denen die Vergasten und Verbrannten auf gef ordert werden, ein Lebenszeichen zu geben.)’ „Sie werden auf gef ordert, pis Zum . . . vor Gericht, zü erscheinen oder irgendein Lebenszeichen zu geben. Wenn Sie bis dahin nicht erscheinen/ werden Sie für tot erklärt.“ Solche Mitteilungen karfn man oft inden Genchtsmeldungen der' „Wiener Zeitung“, der amtlichen Zeitung : der Oesterreichischen Regierung lesen. Die Meldungen erscheinen auf Verlangen seitens der Verwandten oder Erben, üm Personc-n für tot zü erklären, zwecks Erlangung eines Totenscheines.. Das betrifft aber nur solche Umgekommenen, die jemanden hinterlassen haben, der sich jetzt um sie kümrherfr: . Anders ist es mit denen, die niemanden hinterließen — die werden in ihrer Ruhe, nicht durch* Meldungen der Wiener Presse gestört .... - ' ' - Von Zeit - zü Zeit liest man -in diesen Meldungen die »Namen bekannter Persönlichkeiten. In der „Wiener Zeitung“ bin ich auf einen von diesen gestoßen: Dr. Gustav Morgenstern, .'einer der berühmtesten Wiener Juristen, Am. 14, Juli 1942 wurde Dr. Morgenstern er war damals 74 Jahre/alt —- zusammen'mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert. Später wurden sie nach Auschwitz —r in den Ofen,— verschleppt. Sie gingen den Weg,, den viele Millionen gehen mußten. " ’ V / Aber Pr. Morgenstern' hat., noch einen Enkel, der sich jetzt üm eine Todeserklärung bemüht. Nun forderte das Gericht den verbrannten Dr; Morgenstern auf, spätestens bis zum 10. Juli im anderen Balle wird 1947 zu erscheinen er für tot erklärt -Nur ein Wunder kann Vermeiden, daß Dr. Morgenstern zum zweiten Mal sterben soll. Nur ein Wunder kann ihn vor das Gericht bringen, vor die', österreichischen Richter. Im besteh Falle kann'nur seine /Seele erscheinen. Hoffentlich wird am 10. Juli die Ruhe Dr. Morgensterns zum letzten Mal gestört.' Hoffentlich werden die österreichischen Richter ihm dann endlich seine Ruhe lassen . und ihn für tot erklären. " - 2, Der Jude, der‘nicht'verbrannt wurde. Der 25jähfige Uhaim Samberg ist ein polnischer Jude. Er flüchtete aus Polen und gelangte vor ,2. Monaten* nach Wien, - in ein Flüchtlingslager. Er wartet nun niör auf eine Möglichkeit, .nach Australien auszuwandern. Aber, nach Australien fahren ist keine so ganz leichte. Sache. Man muß. Geduld haben und warten —' Wochen und Monate warten.. Man muß zu verschiedenen Behörden and zu yielen ■ Menschen gehen und- Geduld haben. Und bis dahin spaziert. Chaim in den Wiener Straßen umher.: Einmal — es. war abends — mißfiel sein Gang einem Wiener Polizisten; der /hjn aufforderte, seihe Papiere zu zeigen. Chaim — mit Recht oder Unrecht — lehnte es ab, mit* einem -Wiener' 'Schutzmann'' tu verhandeln, der'ln seinen Augen schließlich ein Deutscher ist. Er behauptete, als Ausländer nicht verpflichtet zu sein, che Ausweise vorzuzeigen. Der Wiener Schutzmann war anderer Meinung. Er faßte ihn fest am Arm und schleppte ihn. zur Wache. Chaim ist aber ein früherer Partisanenkämpfer / ünd kein Schwächling. Nun bewies er dem Polizisten; daß ein jüdischer Partisan es' sich nicht gefallen läßt, beim Kragen genommen zu wer dem auch nicht in der neuen österreichischen Republik. .Aber Chaim way -rschließlich — nur einer und dem Schutzmann zu- Hilfe eilten noch einige Passanten und Polizisten. Sie. schimpften und stießen Chaim solange, bis er zur Wache, gelangte. Aber auch hier verweigerte-Chaim irgendwelche Aussagen. Er bat die Militärpolizei zu rufen. Auch hier waren die Polizisten einer änderen Meinung. ‘ Sie schlugen ihn und schließlich sperrten sie ihn in eine .Einzelzelle, hinter Gitter./ > Jetzt kam die Gerichtsverhandlung. Die Wiener Polizisten beschuldigten ihn, er habe sie geschlagen. Chaim behauptete das, Gegenteil und/lehnte ab, deutsch, zu sprechen im Gericht. Die Polizisten holten als,-Zeugen auch einige der .Passanten. Ab';-f der Verteidiger Chäims brachte ein ärztliches Attest, das besagte, daß Chaim am' Tage der Verhaftung untersucht worden war und.daß ^einige Wunden ah ihm festgestellt werden konnten. Diese Wunden waren das Ergebnis -der unfreundlichen Behandlung seitens der Wiener Passanten und der „nfcuen republikanischen“- Polizei. Aber der Richter, Dr. Wätschger, sagte, e$ sei nicht ganz klar, woher die Verletzungen bei Chaim stammen: seitens der Passanten, seitens, der Polizei — vielleicht habe.sich der Beschuldigte selber verletzt? -Der Richter konnte daher diese Behauptung des Verteidigers, dicht anerkennen er befaßte sieh' lediglich mit Chaims Beleidigung der Polizei. Das war, wie' der Richter, mteihte, ein. „unverzeihliches Verbrechen.“ Er. verurteilte daher Chaim zu . 2Za Monaten „schürfen Arrestes“., •. / Das ist die 'Geschichte einesnicht verbrannten Juden, der in Wien auf' seine' Einreisegenehmigung nach Australien warten muß. Jetzt sitzt er im Gefängnis, Und es.bleibt nur zu hoffen, daß seine Reisepapierenicht früher eintreffen, als seine Strafe abgesessen ist. Es wäre, wirklich ,zu grausam, daß er Wegen eines Spazierganges in den Wiener Straßen die Möglichkeit verlieren sollte, auszuwandern. Und so ließ Wien auch einen Juden, der nicht verbrannt-worden ist, nicht ruhen . * , (Aus dem Jüdischen von L Ingster.)