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Central-Verein-Zeitung · 1936-06-25 · 26 (25.6.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
26 (25.6.1936)
Date
1936-06-25
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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! LeichenhLusern hinausgeschoben Verden müsse.! Auch dies Werk ist manchmal komisch in der Ausdrucksweise, aber es wirkt als Ganzes durch Belesenheit und Werbekraft erschütternd. Als Friederike es an Fürsten^ Staatsmänner, Mediziner, Geistliche sandte, hatte es einen tiefgreifenden Erfolg: Friederike erhielt Zustimmungserklärungen von fast allen Fürstenhöfen Europas, vom Zarenhofe Alexanders II. bis zu Napoleon III.; Alexander von Humboldt wie der Fürstbischof von Breslau, der kaiserliche Staatsminister Münch- , Vellinghausen wie der Oberrabbiner Fasse! traten mit vielen anderen Persönlichkeiten für die Verwirklichung ihrer Idee ein. Allenthalben richtete man Leichenhäuser ein, wie Friederike es auf ihrem eigenen Gute getan hatte; und nachdem ihr Büchlein sechs Auslagen und Uebersetzungen in anderen Sprachen erlebt hatte, verfügte das Preußische Ministerium am 7. März 1871, daß die Frist vor der Beerdigung auf 7 Tage verlängert werden dürfe. In dieser Schrift läßt Friederike auch den einstigen Arzt des Berliner Jüdischen Krankenhauses Marcus Herz, sowie Mendelssohn, Börne und sogar den Talmud für ihre Forderung sprechen. Und wer das Gesamtwerk Friederikens liest, der findet, daß sie, wie in vielen anderen Wissenschaften, auch in der Wissenschaft des Judentums bewandert war. Einer ihrer Lieblingsschriftsteller war der jüdische Historiker Flavius Josephus, der ihr den Stoff für zwei Dramen gab: Das eine betitelt „Berenize, Tragödie nt 5 Aufzügen und Jamben", in der sie mit dem großen Racine wetteifert: aber dies Personepreiche Stück ist weniger ein Drama als ein umfangreiches Zeitgemälde ans der Zeit des zweiten Tempels mit sehr idealisierten Figuren und Jofephus selbst als Hauptgestalt. Das zweite: „Antigonos" ist das Drama des beliebten jüdischen Prinzen, den sein Bruder, König Aristvbulos, umbringen läßt, weil er auf Anstiften seiner Frau ' ihn für einen Verräter hält. Friederike zeigt in diesen Stücken eine gute Kenntnis der Bibel, der sie das Motiv für ihre letztes Drama entnahm, das „Jahel" heißt und ihrem Vater gewidmet ist, „aus dem Buche der Richter geschöpft, welches er so gern las." Dies Drama, überglänzt von der Heldengestalt der Richterin Debora, ist eine drollige Nachahmung von Hebbels „Judith", denn Jahel tötet, um das Judenvolk zu retten, den - Feind Israels ZYssra, der sie begehrt, und ersticht sich dann selbst. Diese gutherzige Frau stellt überhaupt oft das Grausige dar, natürlich um abzuschrecken; aber sie malt diese Scheußlichkeiten inmitten süßester Poesie so ausführlich und anschaulich, daß man merkt, welche Freude sie an der Schilderung von oft ganz ausgefallenen Schrecknissen empfand. Aber auch ihre anderen Lieblingsideen kehren in ihren dichterischen Werken vielmals wieder, so ihr Kampf gegen die Schrecken der Einzelhaft, den sie sehr beweglich und mit verblüffender Psychologie durchführt, in einer Schrift „Gegen die Einzelhaft oder das Zellengefängnis". Diese Schrist ist beigefügt einer anderen, die sich betitelt „Das Büchlein von der Menschheit"; Friederike geht von der These aus, „daß die nicht umzustoßende Vortrefflichkeit das eigentliche Wesen des Menschen ausmücht", und folgert hieraus vier Grundforderungen der Menschenrechte, aus denen sie wieder Staats-Volksküchen, Staat-Wohnungen, Arbeit und freien Unterricht für jedermann sowie Verlegung der Universitäten aufs freie Land fordert. Dies edle soziale Wollen hat sonderbare Blüten in ihren Gedichten getrieben. Den Idealen der Freiheit und Frömmigkeit, der Welt-, Menschen- und Gottesliebe, mußte alles dienen, was sie wirkte und schrieb. Und wer ihre Werke genau liest, der erkennt: sie besingt Blümlein und Sternlein, weil sie ihr das Symbol der Schönheit, die Vöglein, weil sie ihr das der Freiheit bedeuten; sie tritt nicht nur für den Schutz der Menschen, sondern auch für den der Tiere ein. Und ehrlich empfunden, wenn auch grotesk im Ausdruck, ist der Vierzeiler an ihren Hund „Nero": In den Augen meines Hundes Liegt mein ganzes Glück, All mein Jnnres, krankes, wundes, Heilt in seinem Blick. So ist ihr Leben und Dichten ganz und gar Aktivität, denn „Der ist gar nichts oder wenig, der dem Bösen stehet zu". Ihr Irrtum aber war, daß sie vermeinte, „daß nur durch das Schöne — \ also durch die Kunst — das Böse zu besiegen ist", «ine, ihr zweiter Irrtum, daß sie ihre Gedichte, Dra- Mü? men und Novellen für dies Schöne selbst, für ge Kunst und Dichtung hielt. Es bleibt uns unbenommen, über die unfreiwillig komische Poesie * der Friederike Kempner zu lachen, künftig aber wollen wir zugleich in ihr die Kämpferin, die Philantropin, sehen, die nicht nur ein guter Mensch war, sondern auch unablässig das Gute zu bewirken und zu verwirklichen suchte. Lurt Pinthus. Die Sitztante. Im Frauenblatt in Nr. 17 der E.-V.-Zeitung veröffentlichten wir einen Artikel über „Die Sitztante" in Amerika. Seit längerer Zeit gibt es auch in Berlin solche „Sitztanten", die bereit sind, Kinder oder alte Leute einen Abend über zu betreuen. Sie kommen in die Familie, wenn die Eltern oder Verwandten einmal ausgehen wollen, und bleiben bis zu ihrer Rückkehr. Für ihre ruhige, aber verantwortungsvolle Tätigkeit erhalten sie 1 RM und Abendbrot. Der Verband Berlin desJüdischenFrauenb und es E.V., Abteilung Hauspslege (Büro Berlin-Wilmersdorf, Gieselerstraße 12, Emser Platz, 8 6 2933), besitzt eine große Anzahl von Adressen zuverlässiger „Sihtanten", die aus Nachfrage auf Beschäftigung warten. Elsa Meher hat vor kurzem in Karlsruhe die Meisterprüfung als Wäscheschneidcrin mit gutem Erfolge bestanden. Mirjam / Die Sonne brannte tagaus' tagein von dem glattblauen Himmel über Aegypten und ließ den Lehm hart und bröcklig werden, der zu Ziegel geformt werden sollte. Den Männern lies der Schweiß von der Stirne, aber sie wischten ihn nicht ab, denn die Aufpasser hätten das allein als Zeitvergeudung angesehen, und die Peitschenhiebe, die daraus folgten, waren scharf. So formten die aus- Pemergelten Hände an den dürren Armen immer weiter die Ziegelrechtecke, schichteten sie nebeneinander auf in farblosen monotonen Reihen, farblos und monoton und endlos wie die Reihe der Tage waren, die die Juden in der ägyptischen Fron lebten. Amram war einer der vielen Juden, die an den Stadtwällen arbeiteten. Was war aus ihm geworden, der aus dem stolzen Stamme Levis stammte, dessen Vater der reiche, mit allen Gütern gesegnete Jaacob war? Vor ungefähr einhundertdreißig Jahren war Jaacob mit seinen Söhnen und Enkelkindern nach Aegypten gekommen, und die Zeit hatte sich feit jenen Tagen erschreckend für die Kinder Israels geändert. Amrams Weib war Jochebed, eine Schwester feines Vaters und schon sehr alt. Still und gebeugt verrichtete sie ihre Hausarbeit, und zwischen den Gatten wurde nicht viel gesprochen, wenn Amram des Abends nach Hause kam. Ihr erstes Kind war ein Mädchen und sie nannten es Mirjam, ein Name, der von „mar" abgeleitet wird und „bitter" heißt. Bitter genug war auch die Jugend Mirjams, erfüllt von dem Stöhnen der Erwachsenen, bedrückt von dem düsteren Schweigen der Eltern. Das zweite Kind war ein Sohn und hieß Aaron. Die beiden Kinder verkrochen sich oft in irgendeinen Schlupfwinkel, um aus dem Bannkreis der düsteren Schweigsamkeit zu kommen, und hier erzählte Mirjam ihrem jüngeren Bruder allerhand Geschichten und Märchen, die hell und seltsam waren und Aaron jubeln und jauchzen ließen. Aber das waren nur kurze Minuten der Freude, die Wirklichkeit war hart und stärker als alle Geschichten und Märchen und die Beklommenheit, die von Jochebed ausstrahlte, teilte sich den Kindern mit. Jochebed arbeitete und schwieg, schwieg unentwegt, und die Kinder wußten es nicht anders. Da hörten sie sie eines Abends, als der Vater nach Hause gekommen war, aufschreien, und aus ihren Augen, die wie zwei versiegte Brunnen, der Tränen nicht mehr fähig schienen, stürzte unaufhaltsam eine Flut. Dann packte sie in ein Tuch ihre Habseligkeiten zusammen, sah Mirjam und Aaron tief und stumm an, mttrmelte etwas zu Amram, was die Kinder nicht verstanden, und schritt schwer und gebeugt zur Tür hinaus. Drei Jahre lang sah Mirjam ihre Mutter nicht, und das Leben war für sie noch grauer, noch düsterer in seiner Isnverstündlichkeit geworden. _ Mirjam mußte nun ihre Mutter ersetzen. Sie arbeitete, so gut sie konnte, versorgte den kleinen, ärmlichen Haushalt und war müde, wenn der Tag sich senkte. Aber die Müdigkeit griff nur von ihrem Körper Besitz, von ihren Armen und Beinen, nicht von ihren Gedanken und Sinnen und Träumen. Die blieben wach und sie warteten insgeheim auf eine Ueberrafchung, auf eine Aenderung des Tages. Mirjam wurde durch die Arbeit nicht resigniert und stumpf wie ihre Mutter Jochebed. Mirjam war ein Kind, das hoffen kann, ein Kind, das sogar der Unabänderlichkeit noch ein trotziges fragendes Warum stellt, ein Kind, das die Zukunft nicht wie ein Erwachsener mit kühlem Kops berechnet, sondern ihr täglich von neuem neugierig einen Schleier entreißt, immer bereit auf ein Wunder. Und eines Nachts, es mochte wohl eine Nacht gewesen sein, in der die Sterne vom Himmel besonders hell geleuchtet haben, und manche von ihnen in weitem, steilem Bogen über die dunkle Kuppel zum Rand sausten, hörte Mirjam im Traume eine Stimme, die ihr einen Bruder weissagte, der Israel vom Joch der Aeghpter befreien werde. Mirjams Bruder sollte der große Netter werden, nicht der sanfte, weiche Aaron, nein, ein neuer Bruder, der ihr im strahlenden Licht erschien. Mirjams kindliche Sehnsucht hatte ein Ziel, einen Ausdruck, eine Form bekommen. Es war der Bruder. Und ihr kleiner Körper mochte sich gestreckt haben, und ihre Seele mochte mutiger geworden sein, und ihre Stimme voll tiefer Verheißung und klangvollem Glauben, als sie dem Vater ihren Traum berichtete; und so mochte sie ihn bis ins Innerste erschüttert haben. Denn Amram, Mirjams Vater, holte seine Frau Jochebed zurück, von der er drei Jahre lang getrennt gelebt hatte, damit sie keine Kinder bekomme, die nach dem ägyptischen Gesetz getötet werden sollten. Jochebed kam, still und gebeugt, wie sie gegangen war, wieder, nahm die Arbeit auf, die sie vor drei Jahren niedergelegt hatte, und als ihre Zeit gekommen war, gebar sie ihr drittes Kind, ihren zweiten Sohn: Moses. Voller Ahnungen und voll zitternden Jubels, hatte Mirjam ihren zweiten Bruder erwartet. Sie war die Einzige unter ihrem Volke, der in jener sternenhellen Nacht das große Vertrauen, die göttliche Zuversicht in Der Bibel nacherzählt von Gusti Hecht die Brust gelegt worden war — und die Schwester Mirjam beugte sich in überströmenden Glück über den kleinen Knaben, ihren Bruder. Der kleine Knabe war ein feines, schönes Kind, und Mirjam vermeinte, daß erst jetzt die Sonne und der Mond in das Zimmer scheine, in dem ihr Bruder lag, daß erst jetzt der Tag hell und die Nacht silbern geworden war. Drei Monate wurde das Kind vor den ägyptischen Häschern verborgen Doch die ägyptischen Wächter waren wachsam und ersannen sich allerhand Schliche und Tücken, um den neugeborenen Judenknaben aus die Spur zu kommen, von denen sie wußten, daß man sie vor ihnen verbarg. So nahmen sie ihre eigenen Frauen mit den eigenen Kindern mit, stellten sich vor der Juden Tür, und wenn ihre eigenen Kinder auf dem Arm der Mutter zu lallen begannen, antworteten mit ähnlichem Lallen die jüdischen Kinder aus dem verstecktesten Winkel des Hauses. Dann aber drangen die Schergen ein, und es half kein Bitten und kein Flehen, kein Schreien und keine( Verzweiflung: der jüdische Knabe mußte ihnen ausgeliefert werden. Mirjams Herz kannte kein regelmäßiges Klopfen mehr. Mirjams Herz war von der entsetzlichen Angst zusammengeschrumpft und elend. Und nach drei Monaten flocht sie mit ihrer Mutter ein Binsenkörbchen, sorgfältig verklebten sie die Fugen mit Erdharz und Pech, legten das helle Kind hinein, das sich wohl zuerst über seine neue luftige Behausung zu freuen fchien, und trugen das Kästchen zum Nil, wo sie es in das hohe Schilf am Ufer betteten. Dann hatte Jochebed mit bitterem Hohn Mirjam gefragt: „Tochter, wo ist deine Weissagung?" und war nach Hause gegangen. Mirjam aber wartete und wartete und konnte sich nicht trennen von dem Küstlein, das im Schilfe lag, und fühlte, daß sie ihren kleinen Bruder schützen müsse, ihm Helsen müsse, damit er der große Bruder werden könne, der große Netter Israels. Wie ein Jäger, der das geringste Geräusch und den leisesten Windhauch verspürt, wenn er auf der Lauer liegt, so hört Mirjam in ihrem Versteck das Schilf knacken, die Wellen ans User schlagen, die Erde atmen, und sie hörte ihr eigenes Herz wie Hammerschläge klopfen, als sie Schritte vernahm und endlich das Gespräch zweier Frauen, die das Küstlein im Schilf erblickten und Mutmaßungen darüber anstellten, was wohl in ihm verborgen sei. Es war die Pharaonentochter, die mit ihrer Dienerin zum Bade gekommen war und nun diese aufforderte, ihr das Kästchen zu bringen. Sie fand den ■ Knaben Moses. .Da war nun für Mirjam wohl einer jener Augenblicke gekommen, die man herausgeschnitten aus der rtmrahmenden Zeit erlebt, ein Augenblick, losgelöst von allen vergangenen , und allen zukünftigen, da die . Gedanken, die er enthalt, die Gefühle und den Entschluß, die er reift, keine Verbindung zu - den voraüsgegangenen oder folgenden kennen,. sondern wie aus dem Nichts auftauchen, sich zu einem ungeahnten Ausdruck formen und ihrer Stärke und Vehemenz auch kein langsames Abklingen finden, überleitend zu der alltäglich schwingenden Lebensart. In; solchen Augenblicken steht man Aug in Aug dem Feind gegenüber, in solchen Augenblicken gilt alles oder nichts, in solchen Augenblicken ist der Kampf gegen das Schicksal kein leeres Wort mehr, und in einem solchen Augenblick fand das kleine, schüchterne. Judenmädchen, das bisher nur versonnene Märchen ihrem Bruder erzählen konnte und die Wirklichkeit nicht glaubte, den nüchternen, klaren und schlagfertigen Witz, sich der Pharaonentochter, die hilflos und überrascht das fchreiende Judenkind im Arme hielt, zu nähern, als ratspendende, ja beinahe überlegen Wissende, und ihr in berechnender und listiger Weise gerade die Frage zu stellen, auf die sie die Antwort bekam, die sie hören wollte. „Soll ich hingehen, und der hebräischen Frauen eine rufen, die da säuget, daß sie dir das Kindlein säuge?" So fragte Mirjam die Pharaonentochter, und kein weiser Diplomat, der sich alles gut und folgerichtig überlegt, hätte geschickter und besser fragen können, als sie in der völlig unerwarteten und neuen Situation. Sie fragte nicht, soll ich die Mutter des Knaben holen, nein, sie fragte „eines der hebräischen Weiber", schlau und bewußt, daß eine Steigerung der in der Frage geforderten Güte und Milde, die Pharaonentochter vielleicht stutzig und zürnend gemacht Hütte. „Geh hin", war die kurze Antwort der Pharaonentochter, und Mirjam flog mehr als sie ging, um ihre eigene Mutter, die Mutter Moses, zu holen. Unter Mirjams Augen wurde Moses groß und stark, und das war ihr ganzer Segen, denn das war die Bestätigung, daß die Stimme, die sie einmal im Traume gehört hatte, Gottes Stimme gewesen war, daß sie nicht getäuscht worden war und daß sie glauben durste, immer weiter glauben durste: Mein Bruder wird der Retter Israels. Mirjams Altersgenossinnen mochten als junge Mädchen in manchen Feierstunden beisammen gewesen sein und sich zusammen gefreut haben. Mirjam war nicht unter ihnen. SonetC 5o bist du fern, dass keiner Sehnsucht Rufen in deine Ferne reicht. Ganz arm und leer ist nun mein Tag. Die Nächte schleppen schwer die trägen Schritte über dunkle Stufen. Was unsre Innigkeiten gross erschufen, wird übergross und leuchtet immer mehr. Die Tränen in den Augen brennen sehr, und Einsamkeiten kommen ungerufen. So bist du weit entfernt. Doch lächeln sehe ich deine Lippen — zärtlich deine Hände umschliessen meine Hand — in deinem Blick ist Frieden und im Frieden deine Nähe für mich. Sobist du nah! Und ich verschwende mich. Sieh: es führt aus dir kein Weg zurück. Hilde Marx. iiiiiiiiiiiiiHiiiiMiiiiiimiiiimiiiiiimiiiimimimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiimiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Mirjam Hatte keine Freundinnen — Mirjam Hatte ihren Bruder. Ihre Altersgenossinnen mochten einen Mann liebgewonnen und ihn geheiratet haben, Mirjam fand keinen Mann, sie suchte ihn nicht, sie hatte ihren Bruder. Mirjam war die Schwester ihres Bruders, sonst nichts. Und das war nicht wenig. Denn nur sie allein hatte ihn schon geahnt, lange bevor, als er auf die Welt gekommen war, sie hatte sein Schicksal gelenkt, als er hilflos im Schilfe lag, und sie wußte während der langen, langen Jahre, da Moses die Schafe Jethros hütete und die Not der Juden immer furchtbarer wurde, daß er eines Tages zurückkommen und die Not beenden.werde. Und Moses kam zurück, und Moses vollführte das Wunder. Moses hielt, was die nächtliche Stimme Mirjam geweissagt hatte, Moses führte die Juden aus Aegypten. Die Aegypter verfolgten sie. „Pharao zog hinein ins Meer mit Rossen und Wagen und Reitern; und der Herr ließ das Meer wieder über sie fallen. Aber die Kinder Israel gingen trocken mitten durchs Meer. Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine Pauke in ihre Hand, und alle Weiber folgten ihr nach, hinaus mit Pauken im Reigen. Und Mirjam sang ihnen vor: Laßt uns dem Herrn singen; denn er hat eine herrliche Tat getan. Roß und Mann hat er ins Meer gestürzt." Das war der Jubelruf Mirjams. Es war der Höhepunkt ihres Lebens, die Erfüllung ihres Lebens. Aber das Leben geht nicht auf den Höhen weiter, auch Mirjams Leben nicht. Sie war n u r die Schwester Moses, Moses war nicht allein ihr Bruder, Moses war auch der Gatte von Zippora, die ihm zwei Söhne geboren hatte. Das war nun der Bezirk um Moses, irr dem Mirjam keinen Raum fand, aus dem sie ausgeschlossen war. Moses, als der geniale Führer und Gesetzverkünder ihres Volkes, war ihr nicht fremd und fern, denn dafstr hatte sie ja ihr ganzes Dasein zum Einsatz gegeben. Aber Moses, als Ehemann einer andern Frau, erweckte ihre Eifersucht. „Da redete Mirjam tlnd Aaron wider Moses des kuschitischen Weibes halber, das er genommen hatte, denn ein kuschitisches Weib hatte er genommen. Und sprachen: Redet denn der Herr allein durch Moses? Redet der nicht auch durch uns?" Gewiß, Mirjam und Aaron redetön wider Moses, aber hat nicht der Herr Mirjam allein dafür gestraft? Nur sie wurde aussätzig, nicht Aaron. Mirjam mußte es gewesen fein, die von Eifersucht aufgestachelt, gegen ihre Schwägerin zuerst gehetzt hatte, die ihren Bruder Aaron überredet haben mußte, und die lang bekannte Tatsache, daß Moses' Weib eine Mohrin war, auf einmal zum Vorwand nahm, wider sie zu reden. Das zwölfte Kapitel im vierten Buch Mose trägt die Ueberschrift: „Die murrende Mirjam wird aussätzig." Mirjam fühlt sich zurückgesetzt, vernachlässigt, Mirjam ist enttäuscht und bitter, Mirjam murrt. In diesem kurzen Kapitel beleuchtet ein grelles Licht die Beziehung Mirjams zu ihrem Bruder. Die übergroße Schwesternliebe ist verletzt, die Wunde schmerzt tief und macht Mirjam so besinnungslos, daß sie anmaßend ruft: „Spricht der Herr nicht auch durch uns?" Selbst den von ihr bisher unbedingt anerkannten Vorrang, den Moses vor Gott im Vergleich zu allen andern, auch zu ihr hat, neidet sie. Ihre Verwirrung kennt keine Grenze, alles ist Auflehnung gegen das qualvolle Leid. Aber Moses, ihr großer, begnadeter und herrlicher Bruder, versagt auch jetzt nicht, „Moses aber schrie zu dem Herrn und sprach: Ach. Gott, heile sie!" Und Mirjam wird auf Moses Fürsprache geheilt, aber erst nach sieben Tagen. In den sieben Tagen, die Mirjam verschlossen außerhalb des Lagers verbrachte, mochte ihre Eifersucht sich in Scham gewandelt haben, und aus der Scham die demütige Kraft gewachsen fein, zu erkennen, daß ihr Schicksal nur um der einen Aufgabe willen, den Retter Israels in tiefster Seele und mit dem glühendsten Herzen ahnen und erwarten zu können, vom höchsten Willen geformt wurde. Das war die Sendung der Prophetin Mirjam. Als sie starb, weinte, beklagte und begrub sie Moses. Und der Mirjambrunnen, der wie ein Felsen vor den Kindern Israels auf ihrer Wanderung durch die Wüste rollte, und „dessen Wasser die höchsten Gipfel erklomm und die tiefsten Tälern erreichte, je nachdem wo Israel lagerte", und sich zu Bächen und Strömen vereinte. an dessen Ufern die herrlichsten Bäume mit duftenden Blüten und Früchten wuchsen, so daß die Luft würzig und süß wurde, der Mirjambrunnen versiegte mit Mirjams Tode.

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