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Central-Verein-Zeitung · 1936-06-11 · 24 (11.6.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
24 (11.6.1936)
Date
1936-06-11
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Judenfeindliche Ausschreitungen in Polen In Minsk-Mazowieck kam es Zu pogromartigen Ausschreitungen, nachdem ein junger geisteskranker Jude namens Leib Chazkelewicz wegen Ermordung eines polnischen Sergeanten namens Jean Bujak, der Chazkelewicz während seiner Mlitärdienstzeit schwer mißhandelt hatte, verhaftet worden war. 16 Juden wurden erheblich verletzt ins Krankenhaus gebracht. In den jüdischen Häusern wurden die Fenster eingeworsen, Geschäftsläden wurden denwliert. Aus Warschau wurden Polizeiverstär kungen herangezogen, die die Ordnung wiederherstellten. Sämtliche jüdischen Geschäfte sind geschlossen, über 3000 Juden, mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung, haben ihre Wohnungen geräumt. Chazkelewicz wurde nach Warschau gebracht. Senator Dr. Schorr hat sich wegen der Vorfälle in Minsk-Mazowieck an den Ministerpräsidenten General Skladkowski gewandt, der energische Maßnahmen zur Sicherung der Ordnung versprach. Ueber 5000 Juden flüchteten nach Warschau. Im Anschluß an die Bestattung Bujaks am 4. Juni nachmittags kam es neuerlich zu. einem regelrechten Pogrom. Unter Führung antisemitischer Agitatoren drang Straßenmob in die jüdischen Wohnungen und Geschäftsläden ein, zerstörte Warenbestände und Einrichtungen und mißhandelte die jüdischen Einwohner auf das barbarischste. Mehrfach kamen auch Brandstiftungen vor. Die Polizei konnte zwar in den Abendstunden der Ausschreitungen Herr werden, doch dauert die Erregung in der Stadt noch immer an. Bei sieben Opfern des ersten Pogroms besteht Lebensgefahr. Auch unter den Verletzten vom Donnerstag befinden sich drei, an deren Aufkommen gezweifelt wird. Die Polizei hat den M ö r d e r des Sergeanten Bujak, den aus Kaluszyn stammenden. 32jährigen Arbeiter Juda Leib Chazkelewicz vernommen und festgestellt, daß dieser seit längerer Zeit als geistignichtnormal gilt. Man nannte ihn in Kaluszyn den „Stadtirren". Chazkelewicz war während seiner Militärdienstzeit von dem Sergeanten Bujak schwer mißhandelt worden. Nachdem er sich durch einen Sturz vom Pferde eine schwere Verletzung zugezogen hatte, war er aus dem Dienst entlassen worden. Seither beherrschte ihn der fixe Gedanke, an Bujak Rache zu nehmen. Bujak wußte davon, nahm aber die Worte des Irren nicht ernst. Die Witwe des getöteten Sergeanten erklärt, sie bedauere sehr die j u d e n - feindlichen Ausschreitungen, die nach dem Mord verübt wurden. Auch sie wisse, daß Chazkelewicz ein unverantwortlicher Irrer sei. Die Pogromatmosphäre in Minsk-Mazowieck hält nach Meldung der Jta vom 7. Juni an. Unablässig hört man aus nah und fern das Krachen von eingeschlagenen Fenstern und Türen, die Schreie gequälter Menschen; immer wieder flackern Brände auf. Die Synagogen blieben am Sabbat leer. Manche jüdische Familien, die in ihren Häusern verbarrikadiert sind, haben seit Tagen nichts gegessen; es besteht keine Möglichkeit, sie mit Nahrung zu versorgen. Einige ch r i st l i ch e Familien haben ihre jüdischen Nachbarn bei sich ausgenommen. Die drei jüdischen Toten des ersten Pogroms sind drei Tage lang unbestattet geblieben, weil die jüdischen Einwohner sich nicht auf die Straße wagen konnten. Die Polizei hat festgestellt, daß 150 Mitglieder der Warschauer illegalen „Nara" (Nationalradikales Jugendlager) an dem ersten Pogrom in Minsk-Mazowieck teilgenommen haben. Die jüdischen Zeitungen veröffentlichen eine Namensliste von 51 bei diesem Pogrom erheblich verletzten Juden und teilen mit, daß die Liste noch bei weitem nicht vollständig sei; viele Verletzte halten sich noch verborgen. Die gesamte jüdische Einwohnerschaft von Minsk- Mazowieck ist materiell zugrundegerichtet. Die O r t s p o l i'z e i wurde des D i e n st e s enthoben und durch Warschauer Polizei ersetzt. Die Polizei hat Befehl erhalten, im Fall eines Wiederaufflammens der Unruhen Tränengas zu verwenden. Die Ausschreitungen sind hauptsächlich durch jugendliche Elemente begangen worden. 25 Personen sind wegen Teilnahme an den Ausschreitungen verhaftet worden. Die jüdischen Parlamentarier haben ein drittes Mal beim Ministerpräsidenten General Slawoj Skladkowski interveniert. Der Ministerpräsident hat den Minsker Starosta sofort angerufen und ihn ausgefordert, die Ruhe zu gewährleisten. Im Anschluß an die Vorgänge in Minsk-Mazowieck kam es auch in einer Reihe anderer polnischer Orte zu jud e n fe in d l i ch e n Ausschreitungen. P Die Leitung der Warschauer Jüdischen Gemeinde hat für den 11. Juni eine Konferenz der jüdischen Gemeinden Polens zur Erörterung der Lage einberufen. Przytyk Am 2. Jum begann vor dem Radomer Kreisgericht der Monstre-Prozeß wegen der blutigen judenfeindlichen Ausschreitungen, die sich Anfang März in Przytyk ereignet hatten. Angeklagt sind 4 3 N i ch t j u d e n, die von 2y Rechtsanwälten verteidigt werden, und 14 Juden, denen 9 bekannte Anwälte zur Seite stehen, unter ihnen zwei hervorragende nichtjüdische Juristen, der Dekan der Wilnaer Rechtsanwaltskammer Dr. Kazimierz Petruszewicz und der Warschauer Rechtsanwalt Paszalski. Die angeklagten Nichtjuden sind zum größten Teil ungebildete, ustd vielfach vorbestrafte Menschen, von den jüdischen Angeklagten ist keiner vorbestraft. Zu dem Prozeß sind nicht weniger als 400 Zeugen geladen; der Jüngste von ihnen ist der sechsjährige Sohn des ermordeten Ehepaares Minkowski. Wir werden über die Hauptverhandlung ausführlich berichten. 0m die „Protokolle der Weisen von Zion“ Das Ende der Baseler Prozesse Neben dem Prozeß um die Echtheit der „Protokolle", der im Jahre 1935 in Bern geführt wurde und bekanntlich in der ersten Instanz mit der Feststellung endete, daß die Protokolle als Fälschung anzusehen seien (vgl. C.-V.-Zeitung vom 16. Mai 1935), schwebte über den gleichen Fragenkomplex noch ein zweiter, vor drei Jahren begonnener Prozeß in Basel, der nunmehr mit einem Vergleich sein Ende gefunden hat. Der Beklagte, Dr. Zander, gab eine Erklärung ab, durch die er seine Behauptung, der Stockholmer Oberrabbiner Dr. Marcus Ehrenpreis habe in einem Vortrag die Echtheit der „Protokolle" bezeugt, mit dem Ausdruck des Bedauerns Zurückzog; die Bemerkung in dem eingeklagten Artikel sei auch gar nicht in diesem Sinne gemeint gewesen, denn er selbst habe nie geglaubt, daß Dr. Ehrenpreis an jenem in den „Protokollen" behaupteten „Welteroberungsplan der Juden" mitgearbeitet habe oder an der Durchführung dieses Planes beteiligt gewesen sei; ebenso unbeteiligt seien die beiden anderen Kläger. Ferner gab Dr. Zander zu, daß diese „Protokolle" mit dem im Jahre 1897 in Basel unter Leitung von Theodor Herzl abgehaltenen ersten Zionistenkongreß überhaupt nichts zu tun haben Außerdem erklärte sich die „Nationale Front" damit einverstanden, daß die seinerzeit beschlagnahmten 780 Exemplare der „Protokolle" von der Gerichtskanzlei vernichtet werden. Schließlich hat sich Dr. Zander bereit erklärt, die gesamten Gerichtskosten zu tragen, während die Kläger auf eine Prozeßentschädigung verzichteten. Nach Unterzeichnung dieses Vergleichs haben die Kläger ihre Klagen zurückgezogen. Der Prozeß war vor drei Jahren durch Rechtsanwalt Dr. Oskar Meyer im Aufträge von I. Dreyfus-Brodsky, Präsident der Jfraelitifchen Gemeinde Basel und damaliger Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, Dr. Marcus Cohn, Präsident der Schweizer Zionistenverbandes, und Dr. Marcus Ehrenpreis, Oberrabbiner in Stockholm, eingeleitet worden. Die Kläger hatten von Anfang an weniger auf eine Bestrafung Dr. Zanders, der in einem Artikel die Echtheit der Protokolle, die von Dr. Ehrenpreis selbst in einem Vortrag bezeugt worden sei, behauptet hatte, als vielmehr auf die Feststellung der Fälschung und die gerichtliche Konfiskation der Bücher Wert gelegt. Früher angeregte Vergleiche waren von Dr. Zander abgelehnt worden. Die bei dem Berner Prozeß Verurteilten hatten Berufung eingereicht, über die noch nicht verhandelt wurde. STELLEXMARKT ANGEBOTE Erfahrene Haushalthilfe mögl. mit Säuglingspflege vertraut, für 3 Zimmer- Haushalt, 2 Personen, per sof. gesucht. Angenehme Dauerstellung; auf Wunsch Familienanschluss. Aufwartefrau Vorhand. B 4227, C. V.-Zeitung, Berlin W, 15. Zu 2 Personen (Aelt. Ehepaar), Umgebung Frankfurt, zuverlässige arbeitsame "" “ *— (auch arisch, wenn über 45 Jahren) bei guter Behandlung für Dauerstelle gesucht. Offert. A. 4204, C.-V.-Zeitung, Berlin W. 15. Junges Mädchen gesucht für nichtrit. 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