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Central-Verein-Zeitung · 1936-06-11 · 24 (11.6.1936) · p. [Seite]

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dann die Jüdische Gemeinde in Halle; auch die Rabbinate von Halberstadt und Königsberg wurden aus der Liebmannschen Nachkommenschaft besetzt. Daneben besorgte man anderen Angehörigen und Anhängern Geleitbriefe und Handelskonzessionen, durch die sich die kluge Frau und gewandte Politikerin ihre Freunde zu unbedingten Gefolgsleuten zu erziehen versuchte. Es liegt unleugbar ein Zug von Größe in dieser unbeugsamen Tatkraft, in dieser unermüdlichen Wahrnehmung aller Möglichkeiten, in dieser Fähigkeit zur Lenkung der Geschicke einer Familie und fast eines Gemeinwesens innerhalb aller Beschränkungen, die die Juden von dazumal einengten. Esther war aus dem Stoffe, aus dem die großen Menschenlenker geschnitzt werden — das ist kein Zweifel. Dennoch (oder gerade deshalb) hatte sie Feinde vielleicht mehr als Freunde, und zwar gerade im Kreise ihrer Nächsten, im Kreise der wenigen Juden, die gleich ihr, wenn auch später als sie selbst, von fern gekommen waren und in Berlin eine Heimat gesunden hatten. Aehnlich wie etwa Gracia Mendesia, die Marranin, in ihrem schönen Schlosse Belvedere einem ganzen Kreise von jüdischen Gelehrten und Ansiedlern neue Lebensmöglichkeiten schuf — und wie dennoch in ihrer eigenen Familie die Widersacher nicht schwiegen: so lebt auch das Andenken an die Hofjüdin Esther Liebmann heute nicht nur in den Hilsswerken, durch die sie ihrer Familie und ihren Getreuen unermüdlich zu nützen versuchte, sondern vor allem in den unendlichen Prozessen und Streitigkeiten, die sie mit ihren Widersachern führte. Bezeichnend, wenn auch nicht eben erfreulich, daß unter den Prozeßgegnern einmal auch ihr Stiefsohn Aaron Israel sich findet, mit dem die zweite Mutter einen Prozeß wegen des „Großen Judenhauses" in Landsberg führt. Die Akten dieser endlosen Prozesse sind zum großen Teil n Staatsarchiv aufbewahrt worden; aus ihnen erhalten wir ein. lebendiges, aber durchaus nicht erfreuliches Bild dieser kleinen und doch schon in sich gespaltenen Judengemeinschast. Jost Liebmann nahm, wie schon sein Vorgänger, der Hofjude Israel Aaron, eine Ausnahmestellung in der Judenschaft ein; er unterstand nicht ihrer Gerichtsbarkeit, und ihm allein stand lange Zeit hindurch das Recht zu, ein Bethaus zu erbauen und einzurichten. Das ist die berühmte „Liebmannsche Schul", die nachmals der Gegenstand zahlreicher Prozesse der Liebmannin geworden ist. (Nach 'den Forschungen von M. Stern und R. Hallo, die kürzlich O. Lassalh zusammenfaßte, ist wahrscheinlich schon Esthers erster Mann, der Hosjude Israel Aaron, der Hausherr dieses ersten gottesdienstlichen Betraumes in Berlin gewesen.) Als die Wiener Juden 1671 in Berlin zugelassen wurden, besaßen sie zwar das Recht auf einen eigenen Begräbnisplatz, aber nicht das Recht zur Gründung einer Gemeinschaftssynagoge. Benedikt Veit und Abraham Ries beteten in ihrer eigenen Schul; und die Liebmannin hatte gar für ihre „Hauskapelle" in der Person eines Eidams und Neffen einen eigenen^Räbbiner. Nun endlich war man 1714 so weit, eine neue Gemeindeshnagoge zu erbauen. Das war die Synagoge in der Heidereutergasse, uns allen heute noch ehrwürdig und vertraute Damals aber wehrte sich die eigensinnige Hosjüdin gegen die Errichtung des Baues, wobei wahrscheinlich ebenso gefühlsmäßige wie höchst materielle Gründe mitsprachen. In ihrer altgewohnten Liebmann-Schul in der Spandauer Straße, zwischen dem Spandauer Tor und der Heidereutergasse wollte sie weiter beten, so lange sie lebte. Und ... sie setzte ihren Willen durch, freilich nicht, bevor sie lange Zeit darum prozessiert hat. So lange sie lebt, darf die Unbeugsame in ihrer eigenen Schul ihre Andacht verrichten, so wird entschieden. Ja, einmal, als die Juden bei der Zahlung eines Geschenkes an den neuen König Friedrich Wilhelm II. säumig sind, da wird ihnen gedroht: „wenn sie nicht bis zum Montag zahlen, so soll die Liebmannnin die Schul haben . . ." * Aber das war schon zu der Zeit, als der Stern der Hosjüdin Esther Liebmann zu erblassen begann. Es kam ein neuer Herrscher, der von der Liebmannin und ihren Verdiensten wenig wußte. Friedrich Wilhelm I. hatte seinen eigenen Hofjuden, Marcus Magnus aus Dessau, „Marcus Magnus mit dem dicken Kopfs und geschornem roten Bart", wie ihn die Gefolgsleute der Liebmannin verspotteten. Jetzt len der Sonne den großen Magen-David aufblitzen, und mit dem Gefühl des Jubels grüßte Senta Hartmann das fromme Zeichen, das ihr Leitstern gewesen war ... Kaum hatte das Mädcheu voller Zorn das Haus des Chinesen Liu in Lan-tschou verlassen, als Rex Flowerbrink seine unüberlegte Handlungsweise zum Bewußtsein kam. Der ruhige, unromantische, in festumrisienen Grenzen handelnde Engländer stand zwar dem Ueberschuß an Gefühl der Jugendfreundin verständnislos gegenüber. Er vermochte auch nicht einzusehen, daß man den Hungernden an der polnischen Grenze mehr helfen würde durch ein tollkühnes Spiel mit dem Tode als durch Geld; aber Sentas Schneid, der Mut, den sie bewiesen hatte, bestimmten blitzschnell seinen Entschluß. Er stürzte auf die Diele, wo Liu aufgeregt auf einen Boy einsprach und ihn ausscha'lt, weil er die Miß aus dem Hause gelassen hatte, ehe sein Gebieter den Chauffeur erreichen konnte. Senta war verschwunden. Liu befahl seinem Chauffeur in rücksichtslosem Tempo nach dem Hotel zu fahren, aber Senta war dort nicht eingetroffen. Er alarmierte die Polizei, versprach eine große Belohnung. Die unheimliche Ruhe des Ostens, die keine Gemütserregung erkennen läßt, war einem ehrlichen Unwillen gewichen. Er versprach Flowerbrink, nichts unversucht zu lassen, die Lady aufzuspüren. Daraus jagte Liu, gefolgt von Rex, zu Fuß durch den brodelnden, kreischenden Hexenkessel der ausgeschreckten Stadt, dem Bootshaus zu. Doch was Senta in ihrer Tollkühnheit noch im letzten Augenblick geglückt war, wollte das Schicksal Flowerbrink offenbar versagen. Der reißend gewordene Hoang-ho hatte Lius Bootshaus und Rennboot sortgerissen. Aber die unerschütterliche. Ruhe, die Liu nun wieder zeigte, und die ihn nur „Maski" sagen ließ — ,)das macht nichts" — konnte sich Rex nicht Mitteilen. Außer sich vor Wut und Furcht um Senta, ballte er die Hände wird die stolze Frau der Uebervorteilung beim Edelstein- Verkauf angeklagt und verhaftet. Freilich gibt ihr Friedrich Wilhelm I. hernach alle ihre Privilegien wieder zurück; aber die niederdrückende Erfahrung, wie wenig fest ihre eigene Macht und Lebensstellung gegründet war, scheint ihre Kraft gebrochen zu haben. 1714 starb sie, Esther Liebmann. Die goldene Kette, das Geschenk ihres Gönners Friedrich I., hat man ihr nach einer Familienüberlieserung mit ins Grab gelegt. Mit ihr starb die letzte Beterin der Liebmann-Schul. Die Gemeindesynagoge in der Heidereutergasse wurde alsbald mit prunkvollem Fest und andächtigen Gesängen in Gegenwart des neuen Königs eingeweiht. Uns aber bleibt das Bild der Esther Liebmann als das Bild einer ausrechten Jüdin von großen Gaben und glühendem Ehrgeiz, die ihrer Lebensziele kraft ihrer unbeugsamen Tatkraft rm wesentlichen erreicht hat — freilich ohne sich dem Gesetz einer größeren Gemeinschaft unterordnen zu können oder auch nur zu wollen. Auch sie wie ihre Ahnsrau und Namensschwester eine Königin Esther. Aber eine Königin Esther aus der Berliner Judengasse. Zwei Verlage S. Fischer / Rütten & Loening Der Verlag S. Fischer, Berlin, teilt im Buchhänoler- Börsenblatt mit, daß das Stimmrecht sämtlicher Aktien ans den Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Rechtsanwalt Sarre, und das Vorstandsmitglied Peter Suhrkamp übertragen worden sei. Die Aktienbesitzer hätten damit auf jedes Einflußrecht im Verlag verzichtet. Dr. G. Bermann sei als Vorstandsmitglied zurückgetreten und damit aus dem Verlag ausgeschieden: die alleinige Geschäftsleitung habe das bisherige. Vorstandsmitglied Peter Suhrkamp übernommen. Aus einer gleichfalls im Buchhändler-Börsenblatt veröffentlichten Mitteilung geht hervor, daß der Verlag Rütten u. Loening, Frankfurt' a. M., in den alleinigen Besitz von Dr. Adolf Hachfeld übergegangen ist. Die bisherigen Inhaber, Wilhelm Ernst Oswalt und Adolf Neumann, sind mit dem 30. Mai aus dem Verlag ausgeschieden, der nach Potsdam verlegt wird. Die Umwandlung des S. - F i s ch e r - V e r l a g 8, der jahrzehntelang in aller Welt als die bedeutendste Verlagsstätte der neueren Literatur galt, geschieht gerade im 50. Jahr seines Bestehens. Fast hätte der Begründer und Besitzer dieses Verlags, Samuel Fischer, das Jubiläum seiner Schöpfung noch erlebt: er starb, 75 Jahre alt, am 15. 10. 1934, genau an jenem Tag, an dem er als junger Buchhändler in Berlin 1886 seinen Verlag gegründet hatte. Der Persönlichkeit Fischers muß in einem Rückblick zuerst gedacht werden, denn der Verlag war wirklich seine Schöpfung; so urteilskluge und weitblickende Berater und Mitarbeiter er auch um sich scharte, — nichts geschah in seinem Verlag, kein einziges Buch kam heraus, wenn Fischer nicht selbst zugestimmt und das Werk, ob eine große Gesamtausgabe, ob ein kleines Erstlingsbuch, genau geprüft und die Publikation bis in kleinste Einzelheiten vorbereitet hatte. Er war, wie ihn im Almanach des 40. Verlagsjahres einer seiner treuesten Mitarbeiter, Julius Elias, bezeichnet und gezeichnet hat, „die talentvolle Mischung von kaufmännischer Begabung und geistiger Hellsichtigkeit, von Realitätsempfindung und Idealbedürfnis". Während der letzten zehn Jahre stand ihm sein Schwie» gersohn, Dr. Gottfried Bermann, zur Seite, der nach Fischers Tode den Verlag übernahm und nun ausscheidet, um in Wien einen neuen Verlag zu eröffnen. S. Fischer, dessen Lieblingswort „Vitalität" war, ist zeitlebens ein so lebendiger Mann gewesen, daß er nur Bücher lebender Autoren druckte oder (in Einzelfällen) von Autoren, die lebendig genug wirkten, um das literarische Leben der Gegenwart fördern zu können. Er war der Meinung, daß ein Verleger zugleich Kaufmann, Mäzen und Freund fein müsse, und wurde demgemäß überzeugter Propagator und väterlicher Freund der Autoren von vier literarischen Generationen, lieber den S.-Fischer-Verlag schreiben, heißt demgemäß: europäische Literaturgeschichte schreiben. Der junge Verleger begann, in einem friedlichen Zeitalter, dessen Dichter allenthalben in Europa sich als Einheit fühlten, sogleich in der Absicht, eine Sammelstätte der europäischen Literatur schaffen zu wollen: von Dostojewsky bis Zola, von Hamsun bis d'Annunz i o, von Ibsen bis Haupt mann zogen sich in den ersten Verlagsjahren die Linien seiner Tätigkeit. Das eigentliche Kraftzentrum dieser Frühzeit aber war die rasch und kräftig in Opposition zu den damals herrschenden literarischen und politischen Mächten aufkommende realistische Dichtung. Um sie zu fördern, erwuchs aus dem Kreis der Männer um den S.-Fischer-Verlag die „Freie Bühne", die 1889 mit Ibsens' „Gespenster" eröffnet wurde, es folgte Gerhart Hauptmanns Erstlingsdrama „Vor Sonnenaufgang". Kurz darauf wurde die Zeitschrift „Freie Bühne für modernes Leben" gegründet, die dann als „Reue Rundschau" bis zum heutigen Tage die Früchte der geistigen Bewegungen Europas sammelte und selbst jederzeit befruchtend wirkte. Wie sich die Autoren des Realismus aus den nordischen Ländern und aus Deutschland im S.-Fischer-Verlag zusammengefunden hatten, so sammelt sich hier um 1900 auch die Dichter eines romantischeren Lebensgesühls. Eine Charakteristik auch nur der wichtigsten Autoren, die der S.-Fischer-Verlag in seinen ersten drei Jahrzehnten verlegte, müßte mindestens eine stattliche Broschüre ergeben; deshalb seien hier nur die Namen der Verfasser aufgezählt, deren Werke Fischer in repräsentativen Ausgaben als Gesamtwerk herausgab. Von den Nordländern: Henrik Ibsen, Björnstjerne B j ö r n s o n, Hermann Bang, Peter Nansen, Gustaf af G e i j e r st a m , Ellen Key; von den Dichtern englischer Sprache: Bernhard Shaw, Walt Whitman; von deutschen Autoren: Theodor Fontane, Gerhart Hauptmann, Richard Dehme l, Otto Erich Hartleben, Hermann Bahr, Hermann Hesse, Bernhard K e l l ermann, Eduard von Keyserling, Thomas Mann, Hermann S t e h r, Emil Strauß, Gabriele Reuter; von Autoren jüdischer Herkunft: Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannst h a l, Peter A l t e n b e r g, Richard Beer-Hosmann, Jakob Wassermann, Walter R a t h e n a u, Moritz H e i m a n n. Dazu kamen unter vielen anderen noch: Georg Hirschfeld, Felix Hollaender, Friedrich Huch, Norbert Iaques, Robert Michel, Felix Salten, Raoul Auernheimer, Siegfried T r e b i t s ch, Alice B e r e n d, Haus K h s e r, Otto Flake, Rene S ch i ck e l e, Annette Kolb, Martin B e r a d t, Mechtilde L i ch - no w ky. Als dann nach 1910 jene grellen Stimmen hörbar wurden, deren Dichtung man „expressionistisch" genannt hat, fanden auch diese Dichter im S.-Fischer-Verlag eine Stätte. Hier erschienen als erstes expressionistisches Drama „Der Bettler" von Reinhard Sorge, die Stücke von Reinhard G o e r i n g, Georg Kaiser, Paul Kornfeld, Arnolt Bronnen, Hanns Henny I a h n n , Hermann v. B o e t t i ch e r, Fritz v. Unruh; Lyrik von Max Herrmann, Alfred W o l f e n st e i n, Albert Ehren st ein, Iwan G o l l; Romane von Robert Musil und Ernst Weiß; die Werke von Alfred D ö b l i n. Immer hat der Fischer-Verlag auch abseitsstehende und unverstandene Dichter gefördert. So veranstaltete er eine Gesamtausgabe des junggefallenen, urwüchsigen Gustav Sack, sowie des frühzeitig freiwillig aus dem Leben geschiedenen Walter C a l 6. Er verlegte Band auf Band der tiefen Lyrik feines Beraters Oskar L o e r k e und des dionysischen Naturschwärmers Wilhelm Lehmann. Der damals noch wenig geförderte Dichter Emil Strauß erreichte laut Angaben des Fischer-Almanachs von 1926 mit seinen Hauptromanen Auflagen von je mehr als 50 000 Exemplaren. Als um 1925 eine Generation hervortrat, die wieder die Wirklichkeit mit einfachem Gefühl zu gestalten suchte, da waren dem alten Realisten S. Fischer diese Jüngsten willkommener als es die Expressionisten gewesen waren. So erschienen im S. Fischer Verlag während der letzten Jahre Werke von Manfred Hausmann, Heinrich Hauser, Kurt Heuser, Richard Hülsenbeck, Richard Billinger, Hermann Broch,-Joachim M a a ß, Herbert S ch l ü t er, Lernet -Holenia, Max M o h r. In all diesen Jahrzehnten waren aber auch wichtige Dichter des Auslands zu den deutsch-schreibenden Autoren des Verlags gestoßen; zu Fäusten, und die Adern an seinen Schläfen formten sich zu dicken Strängen. Liu sprach indessen auf einem zerlumpt aussehenden Mann ein, den er zu kennen schien, und hielt ihm ein Paket Banknoten unter die Nase. Unheimliche Gier glomm in den Augen des Menschen auf. Er nickte und tauchte in der Menge unter, sich mit den Ellenbogen Bahn brechend. Minuten später war er wieder da, und nach einer eifrig geführten Unterhaltung mit ihm ries Liu, seine gute Erziehung vergessend, dem jungen Ausländer auf die Schulter klopfend: „Go on, Flowerbrink!" Die drei Männer bogen in ein enges Hafengäßchen ein, das von der Schar der Flüchtlinge gemieden worden war. Ein riesiger Segler tauchte von weitem vor ihnen auf. Alles andere wickelte sich in einem Zeitraum von Sekunden ab. Flowerbrink wurde an Bord gestoßen, nicht einmal Zeit zu einem Händedruck mrt Liu blieb ihm. Schon begann der Motor zu rattern, die letzten Segel wurden gesetzt — eine Sirene schrillte grell. Die „Kuanyin" hatte ihre Sturmsahrt über den Hoangho angetreten.-- Die amerikanischen Missionarinnen nahmen sich mit besonderer Fürsorge der jungen Berliner Jüdin an. Mrs. Austin, der die Verhältnisse in Kai-song-fu genau vertraut waren, sagte, als sie Sentas Erlebnisse erfahren hatte, erfreut: „Well, da sind Sie sicherlich bei dem alten Lin an der richtigen Stille. Aber vor heute abend wird Ihnen auf keinen Fall gestattet, das Haus zu verlassen. Erst müssen Sie essen und schlafen, um mit ausgeruhtem Kops und klaren Sinnen mit Lin zu verhandeln. Uebrigens mein Kompliment, niemals hätte ich in Ihnen eine Ausländerin vermutet. Also folgen Sie meinem Rat, Miß Hartmann, blerben Sie vorläufig ruhig weiter die kleine Chinesin. Wir versehen Sie mit frischer Kleidung, bevor Sie Lin aufsuchen. Aber nun essen und. niederlegen, zwu little bero! Seien Sie folgsam!" Bevor Senta sich in dem hellen, ruhigen Missionszimmer aus das Bett warf, glitt ihre Hand suchend nach dem Brustbeutel, der ihre Legitimationen enthielt. Sie blieb auf dem Davidstern liegen, den Senta seit Berlin nicht mehr vom Halse genommen. Gleich daraus war sie fest eingeschlafen. 16. Mit feierlicher Andacht, wie sie es feit Jahrzehnten gewohnt war, hatte Frau Bambus am Vortag des 14. Nissan alles Gesäuerte, das sich in ihrem Haushalt befand, zusammengetragen und Bettlern geschenkt. Sie hatte auch selbst das Backen der Mazzot besorgt, nach dem Rezept, das den jüdischen Frauen von Kai-fong-su geläufig gewesen, so lange die Gemeinde bestand .Zu König Salomos Zeiten waren die ersten Juden. aus Arabien in China eingewandert. Ueber Persien, Khorassan und Samarkand kommend, hatten sie sich schwer gegen die räuberischen Angriffe während ihrer Reise verteidigen müssen. Und diese erlittene Not und ewige Wehr verband sie dann zu einer solchen Gemeinschaft, daß sie sich behaupten konnten und aus der ersten Siedlung Kao-sung-soo, an der Straße von Cheng-chow, die blühende Stadt Kai-fong-fu machten. Jedesmal, wenn der Schammes Lin der einstigen jüdischen Gemeinde aus den Häusern der Aermsten, denen er viel Gutes tat, heimkam, füllte sich sein Herz mit neuem Weh. Heute jedoch hatte er keine Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen. Bambus hatte schon alles für die Sederschüssel vorbereitet, die David ben Lin, wie der alte Mann mit seinem jüdischen Namen hieß, mit ihr gemeinsam herzustellen pflegte. Die Sedertafel, nach Landessitte aus dem Erdboden gedeckt, bot zwanzig Personen Platz. Für die Schwiegertöchter und Enkelinnen, die, ebenso wie Bambus, nicht mit am Tisch der Männer speisen durften, war eine Nebentafel bereitet, die durch einen Vorhang abgesondert war, Juan Liborra war ein Ehrenplatz neben dem Hausherrn zugewiesen worden. Trotz ihres unbestimmten, noch unausgesprochenen Verdachtes hatte sich Bambus dieser höchsten Pflicht unterzogen, denn chinesische Gastfreundschaft duldet nicht, einem im Hause Wohnenden zu zeigen, wenn man nicht gut über ihn dachte. Lin, ein Lehrer von seltener Geduld, hatte längst mit seinem jüngsten Enkelchen, dem klugen, sechsjährigen Fu, die berühmten Fragen des „Manischtanna" einstudiert, die ihm der Großvater am Sederabend beantworten mußte. Wenn auch der hebräischjiddisch-chinesische Sprachmischmasch, das der Greis dem Enkel beizubringen sich bemühte, von Bernhard Usebeck niemals angewandt worden war, so lebte der merkwürdige Jargon in Lins Erinnerung doch weiter, und er betrachtete ihn als ein Vermächtnis des Toten, der einmal sein Lebensretter während einer schweren Erdbebenkatastrophe gewesen war. Diese Tatsache blieb dem alten Chinesen ebenso unvergeßlich, wie die seltsame Herzensgute des toten Fremdlings, dem es noch einmal gelungen war, kraft seiner tiefen Religiosität und seiner Anpassungsfähigkeit an den Fernen Osten, die mehr und mehr zerfallende Judenschast von Kai-song-fu wieder um sich zu einen, und aus dem nach seinem Tode zum Missionshaus gewordenen Großen Tempel eine Stätte jüdischen Glaubens zu machen. Währte diese Freude für Lin auch nur fünf Jahre — sie fand durch die chinesischen Wirren ein Plötzliches Ende — er war immer noch davon erfüllt. Usebeck, der die alte Tora aufgefunden hatte, galt Lin als ein „Gebenschter Etnnois". (Schluß folgt.) L O N D O N n. w. 3 Mrs. L. B. BENDHEIM vornehme deutsch-engl. Famillenpension 11 Adamson Road

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