Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 22 (27.5.1936)
- Date
- 1936-05-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XV, 3ahrg. I Nr. 22 Berlin, 27. Mai 1936 frei« 10 Pfennig entralerein- ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitang, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilang): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Die „C.-V.-Zeitung“ erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. — Bezugsgebühren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf. (Ausland 3,30 RM, umgerechnet in die Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 30 Kpf.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene Millimeter-Zeile 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf.. für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz- und Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Die neue Lehre Zn Schownans / Von Manfred Swarsensky Aus den Siedlungen des Heutigen Palästina werden am Schowuaus-Fest in fröhlichem Festzuge die Erstlinge des Feldes dem Keren Kajemeth in Haifa dargebracht, das in den letzten Jahren zur traditiönellen Stätte des „Chag habikkurim", des „Festes der Erstlinge", geworden ist. In den Ländern der Welt schmücken wir am Wochensest zwar auch unsere Gotteshäuser mit dem frischen Grün der uns umgebenden Landschaft. Hier aber, in der Diaspora, tritt der alte landwirtschaftliche Charakter dieses Festes, den auch die Bibel nur kennt, ganz hinter dem Inhalt zurück, den die talmudifche Ueberlieferung mit Schowuaus verknüpft, die Erinnerung an die Offenbarung am Sinai. Schon das äußere Schicksal der Judenheit, das ihr nur für den kürzeren Zeitabschnitt ihrer Geschichte die Verbindung mit dem Boden des Heiligen Landes gestattete, hat es gefügt, daß gegenüber dem jahrzeitlich bedingten Charakter des Wochenfestes sein religiös-geschichtlicher derbestimmende geworden ist, daß Schowuaus stärker als „Fest der Erstlinge" in unserer Tradition lebt, das uns mit unserem geistigen Ursprung verbindet, der „Zeit, da unsere Lehre gegeben ward". Doch nicht allein der äußere Verlauf des jüdischen Weges hat dem religiös-historischen Gehalt den Vorrang gesichert. Hierin findet vor allem die Art der jüdischen Seele, Geschichte zu deuten und zu erleben, ihren ureigensten Ausdruck. Es ist die Besonderheit jüdischer Geschichtsauffassung, die eigene Geschichte zu begreifen als Ausdruck eines bestimmten in sie eingetanen theologischen Sinnes. Geschichte geschieht nicht „von unten her". aus dem Spiel blindwaltender irdischer Kräfte. In ihr waltet ein „Gesetz von oben her". So sind darum „Aegypten" und „Sinai", diese beiden Stationen auf dem Weg des jüdischen Volkes in der Jugendzeit seiner Geschichte, nicht nur geographische Begriffe und nicht nur historische Ruinen, über denen Gras gewachsen ist, beide Erlebnisse in der Frühzeit der jüdischen Geschichte haben den Charakter des Judentums geprägt und in lebendiger, schöpferischer Kontinuität von Geschlecht zu Geschlecht die Richtung des jüdischen Geistes und den Weg der jüdischen Menschen bestimmt für alle Zeit. Wie die Stämme Jakobs auf dem Weg aus Aegypten zum Volke wurden, so wurden sie am S i n a i aus der Mitte der Weltvölker gesondert, ein Volk eigener Prägung, das „Volk der Lehre" zu werden. Das jüdische Volk fand Gott, und Gott fand fein Volk. Es offenbarte sich dem Ewigen, und der Ewige offenbarte sich ihm. Es erwählte Gott zu seinem König, und Gott erwählte Israel als sein Königreich. Damit ist das jüdische Volk als Volk gebunden an einen Auftrag „von oben her". Damit ist ihm von Ursprung an seine Bestimmung für die Dauer der Tage vorgezeichnet, Träger und Garant der Lehre vom Sinai aus Erden zu sein. Jeder, der als Jude geboren wird, steht daher in diesem „B u n d". „Nicht nur mit euch allein schließe ich diesen Bund, sondern mit dem, der heute hier mit uns vor dem Ewigen, unserem Gotte, steht, wie auch mit dem, der heute nicht mit uns hier ist" (5. Buch Mose XXIX, 13—14). Der „Bund" ist eine überpersönliche Ordnung. Er ist vor dem einzelnen da, er hängt nicht vom Willen des einzelnen Juden ab. Die leiblich-schicksalhafte Bindung ist die Grundlage für die metaphysisch - sakrale Bundesverpflichtung, unter der jeder Jude steht. Ein Eintritt in den Bund auch von Menschen, die ihrer Geburt nach nicht zu ihm verpflichtet sind, ist — wenn auch als Ausnahmesall — möglich. Das Beispiel der heidnischen Moabiterin Ruth, von der wir gerade am Schowuaus lesen, beweist dies ebenso, wie hierdurch die Tatsache deutlich wird, daß der sakralen Bindung der Vorrang gegenüber der stammhaften zukommt, da das Judentum keine Gemeinschaft der Rasse ist. Ist so ein Hinein in den Bund wohl möglich, so gibt es doch andererseits nie ein völliges Heraus aus dem Bund. Selbst der Jude, der die religiös-geschichtliche Vundesverpflichtung leugnet oder im staatsrechtlichen Sinn seinen Austritt aus dem Judentum erklärt, bleibt doch noch durch das Band der Abstammung an das Judentum gebunden, auch wenn er durch das Abstreifen der ihm als Sohn des „Volkes des Bundes" obliegenden sakralen Bundespflicht — religiös gesprochen —■ die größte Sünde eines Juden begangen hat. Gerade die neuere begriffliche Bestimmung über die Zugehörigkeit zum Judentum, die wir inner jüdisch gewiß mit anderen Kategorien sehen müssen, als Außenstehende es zu tun vermögen, diese Entwicklung hat uns erkennen laffta daß es selbst noch für „Gottesleugner" einen kleinen Winkel im Vorhofe des Judentums gibt, daß selbst für die, die vom Bund abgefallen sind, unaufhebbar — mag es sogar gegen ihren eigenen Willen sein — dem ewigen Bunde eingeordnet sind, den einll ihre Väter an den Höhen des Sinai geschlossen haben. Das Ziel, aufdas darum heute wie zu allen Zeiten alle jüdischen Aufgaben gerichtet sein müssen, wird dadurch unmittelbar sichtbar. Es kann nur lauten: Wiedereinordnung lll!!II!IIIlllIIIlHllIi!I!IIllIlIIllillIIininHl!lIIIUHIHIinilUlllllIIIllHlIlI!iifiniIlHIllIiniI!I!III11!Illlin!HIIIl!niUIlIHlIlHini!IIHlIlHl!il!I!!IlIUH!llHUIUll!miIimnSHl!Il!Il!UIIIllIUlllUI!lllIUlIHn!HHIIIinmUIHIIHIIIIIIUIlIlUlIIlliB Sir Lrltlingr Der Text ist der T orczyncr-Bibel entnommen,* Das Bild „Die ErstlingeFot Sonnenfeld; 1? ¥ „Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich dich geführt habe aus dem Land Mzraeim, aus dem Sklaoenhaus. . Du sollst keine anderen Götter haben vor mir! Du sollst dir kein Bildnis machen und keinerlei Gestalt dessen, was im Himmel oben und was auf Erden unten und was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen, denn ich. der Ewige, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der da bedenkt die Schuld der Däter an den Rindern am dritten und vierten Geschlecht, bei denen, die mich hassen; der aber Liebe erweist tausenden (Geschlechtern), denen, die mich lieben und meine Gebote wahren. - Du sollst den Namen des Ewigen, deines Gottes, nicht zur Unwahrheit aussprechen: denn der Ewige wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen zur Unwahrheit ausspricht. Gedenke des Sabbattages, ihn zu heiligen? Sechs Gage sollst du arbeiten und all dein Werk verrichten: aber der siebente Gag ist ein Sabbat dem Ewigen, deinem Gott. Da sollst du keinerlei Werk verrichten, du und dein Sohn und deine Tochter, dein Unecht und deine Nagd und dein Di eh, und dein Fremdling, der in deinen Toren ist. Denn in sechs Tagen hat der Ewige den Himmel und die Erde geschaffen, das Neer und alles, was darin ist; aber am siebenten Tag hat er geruht: darum hat der Ewige den Sabbattag gesegnet und ihn geheiligt. Ehre deinen Dater und deine Nutter, auf daß du lange lebst auf dem Boden, den der Ewige, dein Gott, dir gibt! Du sollst nicht morden! Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht aussagen widern deinen Nächsten als falscher Zeuge! Du sollst nicht begehren das Haus deines Nächsten? Du sollst nicht begehren das Weib deines Nächsten, noch seinen Knecht, seine Nagd, seinen Gchsen, seinen Esel, noch alles, was deinem Nächsten gehört." Sir Lrhrr Das Bild „Die Lehe* nach einem Gemälde von Lesser Ury: Fol. Abraham. in den Bund vom Sinai! Nur darin kann der Sinn all der Erschütterungen liegen, die heute fast die ganze jüdische Welt — Palästina eingefchlosfen — in Bewegung gebracht haben. Wieder, wie unsere Väter einst am Sinai, fühlen wir uns unmittelbar angerusen von Gott. Haben aber wir Heutigen auch die Kraft gleich ihnen aus diesen Anruf zu antworten: „Wir wollen tun und hören!" Vom rechten Tun und vom rechten Hören scheinen wir noch recht weit entfernt zu fein. Wohl sind wir reich an jüdischem „Betrieb" und reicher noch an Betriebsamkeit. Es ist manchmal erschreckend zu sehen, wer alles sich befugt glaubt. Verbindliches für das Judentum zu sagen und was alles plötzlich als „jüdisch" deklariert wird. Es ist erstaunlich, wie ober- Die Schriftleiterin der C.-V.-Zeitung, Dr. Margarete Edelheim, beginnt in dieser Nummer die Schilderung einer Reise nach und durch Süd-Afrika (Hauptblatt S. 3). flächlich die jüdische „Masse" ohne eigenes Denken zwischen Extremen hin- und herfchwankt, wie gern sie sich durch laut vorge. tragene SchlaMorte alter und neuer Prägung erregen und „begeistern" läßt, ohne daß allem Hören auch ein Ernstnehmen, der Wille zum Tun folgt. Judentum ist heute oft eine sehr unverbindliche Sache geworden. Manch einen meint es schon zu besitzen, wenn er die Mit-« gliedskarte einer jüdischen Organisation erworben hat. Wohl gibt es nirgends so wie unter den Juden Deutschlands allerdings sehr kleine Kreise, die sich vor allem auf die Jugend beschränken, die sich äußerst ernst mit aller echten Hingabe darum mühen, zu echtem Tun und zu echtem Hören zu gelangen. Das ist eine große Hoffnung für uns. Aber wird auch diese Jugend nur ausgetretene Pfade zu gehen vermögen? Oft hat man das Empfinden, als könne auch sie sich immer noch nicht der Verkrampfung in einseitige Ideologien, die für die echte „Lehre" genommen werden, entwinden, in denen nach der bisher üblichen Auffassung „Tun und Hören" sich erschöpft. Dabei wird es doch immer deutlicher, daß sie uns samt und sonders nicht befriedigen können, daß sie bei aller Anerkennung ihrer geschichtlichen Bedeutung doch alle zu eng, zu einseitig sind, um die echte und volle „Lehre" zu ersetzen, nach der unser Sehnen geht. Der Liberalismus hat gewiß fein zeitbedingtes Verdienst um Erhaltung und Verlebendigung des Judentums. Aber feine einseitige Spiritualisierung des Judentums, sein Ueberfehen aller geschichtlichen Faktoren sind zu unbefriedigend, als daß er eine neue umfassende „Lehre" des Judentums fein könnte. Eine Rückkehr zur Orthodoxie alten Stils ist aus vielerlei Gründen unmöglich, da dies keine Frage des Willens allein ist, auch wenn man spürt, daß sie noch die größte Legimität aller sonstigen „Lehren" besitzt. Der Zionismus, der in der Tat den Sinn für geschichtliche Kontinuität geweckt hat und dem Zeitempfinden vieler am nächsten kommt, ist doch dort, wo er mehr fein will als die Kraft, die den Aufbau Palästinas antreibt und möglicherweise dabei die Voraussetzungen für eine hebräische Kultur schafft, die damt noch nicht unbedingt jüdische Kultur ist, der Zionismus ist dort, wo er den Anspruch erhebt, die „Lehre" zu fein, die Judentum in feiner Totalität umfaßt, zu eng, zu einseitig, zu weltlich, zu sehr den politischen Zeitströmungen angeglichen, ja oft sogar zu unjüdisch im Sinne der religiös-geschichtlichen Linie des Judentums, als daß die Gleichung Judentum gleich Zionismus restlos aufginge.