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Central-Verein-Zeitung · 1936-05-22 · 21 (22.5.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
21 (22.5.1936)
Date
1936-05-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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XV.Jahrg. / Nr. 21 Berlin, 22. Mai 1936 Preis 10 Pfennig entralerein- ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitnng, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser S'trasse 42. Fernsprecher: J2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto:, BerhnJ01544. Die „C.-V.-Zeitung“ erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die GeDunren durch den Postboten erhebt. — Bezugsgebühren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf. (Ausland 2,30 RM, umgerechnet in die Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer lUKpf. (Ausland zu lxpi.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene Millimeter-Zeile -0 Rpf., mr Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz- und Datenvorschritten ohne verDinulicüKeit. Die Kommission Bemerk ungen A. H. Der Unterricht, den uns die Gegenwart in jüdischer Geschichte und jüdischer Schicksalsgestaltung erteilt, ist von stärkster Plastik. Jüdische Daseinssormen, von denen man bisher gemeint hatte, daß sie sich nur nacheinander entwickeln könnten, stehen heute nebeneinander. Die Versuchung, Vergleiche zu ziehen und daran Wertungen zu knüpfen, ist groß. Wir wollen uns aber mit dem Nankeschen „Aussprechen", dessen „was ist", begnügen — es bleibt auch dann noch genug Subjektivität übrig. Um drei Vorgangsreihen kreiste unsere Aufmerksamkeit während der letzten Tage im Besonderen: den Osten mit seinen jüdischen Millionen, Palästina inmitten der großen Auseinandersetzungen, die immer deutlicher zu einer englisch-arabischen Kontroverse über Mandatspolitik werden, und dann einige völlig andere Ereignisse in England Und Frankreich, die nichts mit jüdischen Massen als Akteuren, sondern nur mit einzelnen Juden als Handelnden zu tun haben. Da leben also im gleichen Jahre 1936, äm gleichen Tage und zu der gleichen Stunde in den verschiedenen Teilen der Welt Juden, die sich in erster Linie, vielleicht sogar ausschließlich, als Juden empfinden, wobei dahingestellt sein mag, ob diese Empfindungen immer als Erhebung oder nicht auch Manchmal als Belastung spürbar sind, und Juden, deren Judesein eine Zufällige, nie bestrittene, aber auch nie zentrale Eigenschaft innerhalb ihres staatlichen Bürgerempfindens für ihre Heimatländer ist; Juden, die im bittersten Daseinskampf stehen, und Juden, aus denen aller Glanz des Daseins ruht. * Der Kampf der jüdischen Masse'des Ostens geht um Lebensmöglichkeiten aus der Grundlage völkerrechtlich garantierter Grundrechte. Man hat einmal mit viel Berechtigung das Minderheitenrecht die Emanzipationsform des 20. Jahrhunderts genannt. Die Oststaaten fühlen sich in ihrer Souveränität durch die Minderheitenrechte beeinträchtigt. Sie treffen deshalb Regelungen, für die manche innerstaatlich sicherlich treffende Begründung gesunden werden kann. Aber es fehlt dabei der Ausgleich nach der Seite hin, aus der nicht die Mehrheit des Staatsvolkes, sondern eine Volkstumsminderheit steht, die aus Grund jahrhundertelanger Ansässigkeit, Leistung und Bewährung innerhalb der staatlichen Grenzen ihr Dasein unter den gleichen Lebensvoraussetzungen führen will wie die Mehrheit; sie möchte den gleichen Start in die Existenz wie die anderen, aber dieser Start wird ihr verwehrt. Die Krise des Völkerbundes, der hinter allen Minderheitsabkommen direkt oder Diese Nummer umfasst 24 Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Südamerika, von Dt. E.R-z.— Auslandsnachrichten. 1. Beiblatt: Klein-Amsterdam, von Dt. E. Fr-l. — Schachecke. — Vom Prager Ghetto auf den Schachthron, von Arthur Schüler. — Der Briefmarkensammler. 2. Beiblatt: Jüdische Bücher, von Ludwig Feuchtwanger u. a. 3. Beiblatt: Musikbeilage aus Anlass von Gustav Mahlers 25. Todestag, mit Beiträträgen von Ludwig Altmann, Dr. Martin Friedland, Dr. Anneliese Landau u. a. 4. Beiblatt: Sportblatt. 5. Beiblatt: Palästina-Umschau. — Wirtschaft der Woche. indirekt steht, wirkt sich gleichfalls negativ aus. Die Aufteilung des Menschenschicksals in Einzellösungen scheitert an der großen Zahl. Die Menschen können in ihrer Mehrzahl und wollen zum erheblichen Teil nicht den Weg nach draußen beschreiten; so muß die Masse selbst zum Schicksal werden, indem das wirtschaftliche und menschliche Gewicht, das Millionen darstellen, in die Wagschale Politischen und wirtschaftlichen Geschehens ihrer Länder geworfen wird. Die Erweckung eines jüdischen Bewußtseins ist für diese Menschen kaum noch.nötig. Was not tut, ist das Erwachen ihres politischen Bewußtseins. v Mit völlig anderen Vorzeichen spielt sich der Kamps um das Recht der Juden in Palästina ab. . Im Osten sind jüdische Massen, denen Rechte nicht zugestanden werden, ohne die sie nicht eristieren können; in Palästina übt eine in der Bildung begriffene jüdische Gemeinschaft ihr Recht schon allein dadurch aus, daß sie existiert. Hier sind die menschlichen Voraussetzungen der Gleichberechtigung völlig außer Frage, hier ist auch der Rechtsanspruch nicht zweifelhaft. Hier handelt es sich fast nur um Tempo und Inhalt. Aber diese beiden Faktoren, anderwärts nur politische Beiläufigkeiten, werden hier entscheidend. Denn die jüdische Rechtsstellung in Palästina will auf die Dauer nicht so sehr von außerjüdischen Machtgegebenheiten abhängen, wie aus dem' Schwergewicht der jüdischen Bevölkerung selbst ihre Rechtfertigung, ihre Bestätigung, ihre Widerstandskraft ableiten. An jüdische Vormacht, oder etwa an einen Judenstaat, die das Spiel von Mehrheit und Minderheit mit umgekehrten Vorzeichen abrollen lassen könnten, sei dabei keinen Augenblick gedacht. Und auch nicht daran, von jüdischer Seite aus das Emanzipationsproblem einmal bei der anderen Bevölkerungsgruppe akut werden zu lassen. Aber uns will scheinen, als ob die letzten Ereignisse in Palästina ihre Ursache z.- T. darin haben, daß man dort zu sehr den Ehrgeiz hatte, das Land zum geistigen und kulturellen Zentrum der Judenheit werden zu lassen und dabei übersah, daß es wichtig wäre, auch für die politische Frage des Zusammenlebens von verschiedenen Menschengruppen innerhalb derselben Grenzen und aus der Grundlage des gleichen geschriebenen Rechts einen konstruktiven und mustergültigen Beitrag zu liefern. * Geringfügig und nur anekdotisch erscheinen neben diesen östlichen und palästinensischen Situationen Vorgänge,, die aus England und Frankreich.zu berichten sind: Aber sie verdienen gleichwohl vermerkt zu werden, weil es für die Stellung des Judentums in der Welt ebenso bedeutsam ist, wie es den Gruppen in Ländern jüdischen Massenschicksals ergeht, wie den jüdischen Individuen in den Staaten, in denen sie nur als solche beurteilt werden. . . Der König von England hat kürzlich zu Ehren des letzten Generalgouverneurs von Australien ein Bankett gegeben, an dem neben dem scheidenden Generalgouverneur, der Jude ist, unter anderem auch ein aktiver englischer jüdischer Minister teilgenommen hat. Es ist davon in England nicht viel Aufhebens zu machen. Denn dort, wo ein .Jude das British Empire schuf, ist ein solcher Weg begabter jüdischer Menschen möglich, natürlich, um nicht zu sagen alltäglich. Er entspringt der englischen Auffassung von der Vereinbarkeit zweier Sphären innerhalb einer Persönlichkeit, durch die deshalb nicht ein Bruch geht, sondern die dadurch eine Vermehrung ihrer Werte erfährt. Der Gentleman steht außer Dis- Der Kolonienminister I. H. Thomas kündigte am Montag, dem 18. Mai d. I., in Beantwortung einer Anfrage des Abgeordneten Gordon MacDonald an, daß die Regierung beschlossen hat, Sr. Majestät dem König zu empfehlen, eine Königliche Kommission zu ernennen, die die Ausgabe haben soll, die Ursachen der Unruhen in Palästina, sowie Anlaß und Verlaus der bekannten Zwischenfälle zu untersuchen. Fragen anderer Unterhausmitglieder, die im Anschluß an diese Anfragebeantwortung gestellt wurden, gaben dem Minister Gelegenheit, zu erklären, daß der Empfang einer arabischen Delegation in London nicht mehr in Frage komme, und daß die Untersuchungskommission sich auch über die richtige Interpretierung der Mandatsbestimmungen werde äußern können. . Gordon MacDonald fragte, welche Schritte unternommen worden seien, um den arabischen Führern in Palästina zur Kennt-, nis zu bringen, daß die Regierung Sr. Maje-* stät sich durch Gewalt oder Gewaltandrohung von der Durchführung des Mandats nicht werde abbringen lassen. Kolonienminister I. H. Thomas antwortete, der High Commissioner habe den arabischen Führern den Standpunkt der englischen Regierung durchaus klargemacht. Er wolle diese Gelegenheit benutzen, um zu erklären, daß die Regierung Seiner Majestät die in Palästina infolge von Rassenunruhen und einem dauernden Zustand der Beunruhigung entstandene Lage einer ernsten Betrachtung unterzogen habe. Das erste Erfordernis sei die Herstellung der bürgerlichen Ordnung; der High Commissioner unternehme alle notwendigen Schritte zu diesem Zweck. Infolgedessen sei die Regierung zu der Entscheidung gekommen, daß die geplante Entsendung einer arabischen Abordnung nach London den entstandenen Verhältnissen nicht mehr entsprechen würde und daß statt dessen die Durchführung einer Untersuchung an Ort und Stelle wünschenswert sei. Sie habe daher beschlossen, nach Wiederherstellung der Ordnung, Seiner. Majestät die Ernennung einer Königlichen Kommission zu empfehlen, welche, ohne die Bestimmungen des Mandats in Frage zu stellen, die Ursachen der Unruhe und der angeblichen Beschwerden von Arabern und Juden erforschen solle. Lord Winterton: Habe ich zu verstehen, daß die Königliche Kommission nicht die Freiheit haben wird, die Bestimmungen des Mandats zu erwägen, und daß es der Kommission nicht freistehen wird, zu beurteilen, in welchem Ausmaß das Mandat durchgesührt ist. oder nicht?; . Kolonienminister Thomas: Die, Kommission wird in der Lage.sein, zu erklären, ob das Mandat richtig interpretiert wird (fairly kussion; was diskutiert wird,, ist nur seine Leistung. ' ' Der französische Vorgang ist bemerkenswerter. Man nennt als kommenden Ministerpräsidenten Leon Blum. Man weiß hier noch von anderen Gelegenheiten her, daß Blum Jude ist. Sicher wissen es auch die Franzosen, deren Mehrheit seine Führung will, Es wäre eine, sehr interessante theoretische Erörterung, ob Blum mit Rücksicht aus seine Zugehörigkeit zum Judentum oder auf Rückwirkungen oder in Erinnerung an, außerfranzösische Erfahrungen das ihm angetragene politische Führeramt ablehnen soll. Der Franzose Blum' wird diese Fragestellung nicht begreifen; denn indem er sie zuließe, würde er selbst das Erbe der großen französischen Revolution, das für jeden französischen Politiker unabdingbar ist, in Frage stellen. Er wird, ob er nun die Minister- Präsidentschaft übernimmt oder nicht, als interprieted), es wird ihr aber nicht freistehen, das Mandat selbst in Frage zu stellen. 4500! Wauchopes Antwort auf die arabischen Forderungen Mitten in den kritischsten Tagen der Palästina-Unruhen hat der High Commissioner Sir Arthur W a u ch o p e die Forderung der Araber nach vollständiger und endgültiger Einstellung der jüdischen Einwanderung damit beantwortet, daß er die neuen Arbeiter- Einwanderungs - Schedule sestsetzte. Diese Mitteilung, dre noch keine Angaben über die Anzahl der auszugebenden Zertifikate enthielt, erging am 12. Mai, also 3 Tage vor Ablauf des arabischen Ulitmatums, dessen Zweck die obige Forderung war. Jetzt wird offiziell mitgete-ilt, daß die Einwanderungschedule für das laufende Halbjahr April bis Oktober 1936 insgesamt 4500 Zertifikate zählen wird. Von dieser Gesamtzahl sind 500 für illegale Einwanderer, die sich bereits in Lande befinden, bestimmt worden. 1200 Zertifikate einschließlich 300 Zertifikate für Verheiratete sollen Juden aus Deutschland zugeteilt werden. Die letzte Einwanderungsschedule für das Halbjahr Oktober 1935 bis April 1936 belief sich auf 4350 Zertifikate, von denen 1000 bereits als Vorschuß vor der endgültigen Zuteilung ausgegeben worden waren und 1200 für illegale Einwanderer, die sich schon im Lande befanden, zurückbehalten wurden. Die Einwanderungsschedule für das letzte Sommer Halbjahr hat noch 7500 Zertifikate betragen. Aber selbst wenn man diese Ziffer, die damals einen Rekord bedeutete, zum Vergleich heranzieht und berücksichtigt, daß die Jewish Agency diesmal wieder 11000 Zertifikate beantragt hatte, muß in der gegenwärtigen Situation die Bewilligung der neue Schedule in der angegebenen Höhe Befriedigung auslösen. Sie beweist,^ daß die Mandatsregierung nicht gewillt ist, sich die Gesetze ihres Handelns durch den arabischen Terror vorschreiben zu lassen und daß sie in den Vorgängen der letzten Wochen keinen Anlaß sieht, in der Festsetzung der Einwanderungsquote auch nur hinter die Zahl zurückzugehen, die sie im Herbst 1935 für angemessen' hielt. Diese letzten'Zählen sind gewiß nicht so groß, daß sie dem subjektiven Bedürfnis der auf Auswanderung wartenden Juden Deutschlands und Polens .gerecht werden könnten. Auch sie beweisen wieder, 'daß. Palästina nur eine verhältnismäßig geringe. Entlastung der gespannten Judenlage bedeuten kann. Aber als Lchmtom 'ist die Festsetzung erfreulich. Franzose, als' der er sich fühlt,; immer nur französische Politik machen und. die Franzosen werden sie immer nur als französische Politik empfinden. Emanzipations- und Assimilationserörterungen entstehen nur dort, wo Zweifel und Unsicherheit über sie vorhanden sind. In Frankreich bestehen sie nicht. Denn wenn irgendwo, so kann hier ein Sprichwort variiert werden: Sei im Recht und du bist im Besitz. Das wahllos gefügte Mosaik jüdischer Ereignisse zeigt, daß sich jüdische Geschichte ' eben nur in Gegensätzen vollzieht, daß also nur das Nebeneinanderstehen verschiedensten Schicksals, von Helligkeit und Dunkel, von Licht und Schatten, jüdisches Dasein ergibt und erhält. Und daß, wer im Schatten des jüdischen Schicksals lebt, das Bewußtsein in sich tragen darf, in irgendeiner, seinem Begreifen verschlossener Weise auch an derHelligkeit anderen jüdischen Schicksals teilzuhaben.

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