Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 19 (7.5.1936)
- Date
- 1936-05-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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entral XV.Jaferg. / Nr. 19 Berlin, 7. Mai 1936 Preis 1® Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser S'trasse 42. Fernsprecher: J2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: CentraLglauben, Berlin.^P®?tscheckkonto: BerIin 7ÖM4. Die „C.-V.-Zeitung“ erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch dae Post, die me _ixeDunren durch den Postboten erhebt. — Bezugsgebühren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf. (Ausland 2,30 RM, eingerechnet in die Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer lUKpr. (Ausland Kpi.;. Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene Millimeter-Zeile 20 Kpf., für öteuengMacne 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz- und Datenvorschriften ohne vervindiicneeir. Bemerkungen I. A. H. Der Kaiser von Abessinien ist von einem englischen Kriegsschiff nach Haifa gebracht worden, das sicherlich nicht sein St. Heleng sein soll. Es berührt etwas merkwürdig, daß der „Löwe aus dem Stamme Juda" nach den Zusammenbruch seiner nationalen Macht dorthin seine Schritte lenkt, von wo aus sein Haus durch Salomos Verbindung mit der sagenhaften Königin von Saba den Ausgang genommen hat. Man wird erst später wissen, ob salomonische Weisheit diesen Entschluß bestimmt hat. Aber sicherlich ist es nicht ohne Aufschluß für die Stellungnahme Englands zu den Bestrebungen der eingeborenen Völker nach einer relativen Autonomie, daß Halle Selassie auf einem englischen Schisse in ein englisches Mandatsland gekommen ist — und das gerade in einem Augenblick, in dem der Mandatsgedanke einer, vielleicht der bisher stärksten Belastungsprobe unterzogen wird und in dem die Auseinandersetzung zwischen den Eingeborenen und den Einwandernden Brand und Blutvergießen geschaffen hat und leider noch ständig schafft. Man wird aus dem Verhalten Englands keineswegs ablesen dürfen, daß eine einseitige Parteinahine für die arabischen Ansprüche zu erwarten sei. Ganz im Gegenteil liegt der Eindruck nahe, daß Englands Wille, der auf die Ausbalancierung der Kräfte vor allem im vorderen Orient gerichtet ist, auch die palästinensischen Konflikte klären wird. In allen jüdischen Kreisen besteht jedenfalls diese Anschauung, und nichts berechtigt zu einem Defaitismus, der, indem er die schlimmste Lösung ins Kalkül einbczieht, die Kraft zur Durchsetzung der ursprünglichen Zielsetzung zerstört. An diesem Vorgang sollte sich, wie gegenüber anderen Schwierigkeiten auch, erweisen, daß die Einsicht in die Möglichkeit des Verlustes den Willen zum Beharren stählen und nicht ihn zersetzen soll. II. Seitdem Palästina wieder von Kämpfen durchzittert ist, haben die Juden außerhalb Palästinas eine Haltung eingenommen, hinter der nicht ein flacher Optimismus, ein Hinwegsehen über biewirklichen großen Schwierigkeiten der Lage steckt und auch nicht nur der übliche Ausdruck einer Solidarität. Wir glauben vielmehr, daß sich eine Haltung herausgebildet hat, wie sie gegenüber dem Durchhalteivillen der kämpfenden Front für das Hinterland notwendig ist, das ja auch seinerseits in anderer Weise Front ist. Es ist in diesen Augenblicken erforderlich, den Menschen in Palästina das Gefühl zu geben, daß hinter ihnen nicht, wie übertriebene Aeußerungen von jüdischer Seite Diese Nummer umfasst 26 Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Mexiko, Mittelamerika, Westindien. Von E. R—z. 1. Beiblatt: Omer-Geschichten. 2. Beiblatt: Ludwig Börne. Von Hans Bach. — Buchbesprechungen. 3. Beiblatt: Zwei Maler und ein Bildhauer. — Jüdisches Leben — jüdischer Geist. 4. Beiblatt: Sportblatt. 5. Beiblatt: Palästina-Umschau. —- Wirtschaft der Woche. 6. Beiblatt: Kinderblatt. lauten, das Nichts steht, sondern die Juden überall in der Welt, die die Fortführung und die Beständigkeit dieses Werkes bestätigen. Es wäre in der Tat eine unerträgliche Zuspitzung in der Situation der jüdischen Massen innerhalb bedrohter Existenzbezirke, wenn nicht nur etwa die Fortsetzung der Palüstinaeinwanderung aushörte, sondern sogar ein Weiterströmen gefährdeter jüdischer Leben aus Palästina begönne. Wir haben an dieser Stelle immer den nützlichen Ausgleich zwischen Palüstinawanderung und Verpflanzung in andere Länder, nach dem Ausgleich zwischen Palästinaaufbau und Diasporaerhaltung, verlangt. Wir stehen auch heute, wo die Bewertung der alten ideologischen Positionen einer ständigen Ueberprüsung unterliegt, zu der Forderung nach der richtigen Quote. Jedenfalls ist es nicht angängig, die planende Gestaltung des Schicksals vieler tausend Juden von Tatsachen und Strömungen des Augenblicks ändern zu lassen. Man sollte in allen Kreisen auch der Juden Deutschlands dem Vorsitzenden des E.-V. für die herzliche und abgewogene Erklärung dankbar sein, die er vor Wochensrist im Rahmen einer Kundgebung der Jewish Agency zu den akuten Palästinafragen gegeben hat. HI. Es ist kein Zufall, sondern es entspricht dem Mechanismus unserer jüdischen Arbeit, daß an der gleichen Versammlungsstätte, an der die Ageney-Kundgcbung veranstaltet wurde, die fällige Generalversammlung des Hilfsvereins stattsand. Man gewann zum Organisatorisch-technischen den Eindruck, daß durch zweckmäßige personelle Veränderungen den vielfachen Klagen über ein zu reibungsreiches Funktionieren des Hilssvereins Rechnung getragen sei, und daß Man den schwierigen, aber notwendigen Sprung von der Fahrkartenausgabestelle zur Stätte konstruktiver Auswanderungsarbeit erfolgreich gewagt hat. Die Freunde des Hilssvereins werden unter Spannung und Mitarbeit die Ergebnisse dieser Bemühungen abwarten, die — muß man es wieder sagen? — davon abhäugen, daß tue einzelnen jüdischen Menschen und die für ihr Schicksal traditionell verantwortlichen Organisationen ihre Entscheidungen mit dem Verstände und nicht nach der Stimmung des Augenblicks treffen. Es muß darüber gewacht werden, daß keine Hohlrüume innerhalb des Gefüges unserer jüdischen Gemeinschaft hier in Deutschland eintreten, die, im Augenblick noch durch eine wohlgesügte Fassade verdeckt, jäh ilnd dann mit katastrophaler Wirkung einstürzen könnten. Die Palästinalage ebenso wie die gesamte Wanderungssituation erweisen erneut die Unabdingbarkeit einer z u - k u n f t s - und l e b e n s vollen jüdischen Diaspora als Trägerin jüdischen Lebens — nach der kulturellen wie nach der wirtschaftlich-existenziellen Seite, und die Diskussion um die Schicksale der Diaspora im einzelnen sollte allenfalls um das Z u k u n f t s volle — nicht jedoch um das Lebens volle gehen. IV. Im Gefüge des jüdischen Lebens kann nicht alles kommandiert und nicht jeder durch Befehl auf seinen Platz innerhalb der Gemeinschaft gestellt und an ihm sestgehalten werden. Aber wir wissen, daß immer mehr Menschen seit den letzten Jahren in sich hineingchört haben und daß die Schichten dünner geworden sind, die die Vernehmbar- Bein» High Commissloner Dr. Weizmann, der Präsident der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation, besuchte den Uigll Eommissioner, mit dem er sich über die allgemeine Lage unterhielt. Wie die Jüdische Telegraphen- Agentur erfährt, soll Dr. Weizmann energisch gegen die schwächliche Haltung der Regierung protestiert und daraus aufmerksam gemacht haben, daß die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung Pflicht jeder Regierung sei. Es soll auch die Zwerge der neuen Einwanderungsschedule erörtert worden sein. Dr. Weizmann wird am 10. Mai nach London abreisen. Wie es heißt, soll noch möglicherweise vor seiner Abreise die neue Einwanderungsschedule bekanntgegeben werden. Im Aufträge der Exekutive der Jewish Agency wird sich auch der Tel Awiwer Durch den italienisch-abessinischen Krieg und den Tod des Königs Fund von Aegypten ist die öffentliche Ausmerksamkeit in verstärktem Maße auf das Nilstroinlcmd gelenkt worden. Richard v. Kühlm n n n, der frühere deutsche Staatssekretär des Auswärtigen, behandelt den int östlichen Mittelnieer aktuell gewordenen Fragenkomplex in einem vorzüglichen Aufsatz „Weltprvbleme um Aegypten" („Europäische Revue", 12. Jahrgang, Rr. 4). Rieht nur die äußeren Symbole römischer Herrschaft, das Rutenbündel und das Peil, hat — wie v. Kühlmann aussührt — das faschistische Italien sich zu eigen gemacht, es hat darüber hinaus als letztes politisches Ziel eine Rachschöpsung des alten Imperium Romanum um das M i t t e l m e e r b e ck e n gepredigt. Was wäre aber (fragt w Kühlmann) ein Mittelmeerreich ohne das Haupt- und Kernstück Aegypten? In diesen Verhältnissen liegt letzten Endes der tiefere Grund für die scharfen Gegensätze zwischen dem faschistischen Italien und dem britischen Imperium — Gegensätze, welche sich wohl im Lause der Zeit lverden überbrücken lassen, deren gänzliches Verschwinden aber aus absehbare Zeit wenig wahrscheinlich ist. Man darf die Tatsache keinen Augenblick aus den Augen verlieren, daß Englands Blicke keit der jüdischen Stimme in unseren Menschen gedämpft hatten. Es hören von Tag zu Tag mehr Menschen aus das innere Kommando zur jüdischen Beharrung, aber es sollten mehr Menschen es nicht nur hören, sondern auch sich nach ihm ausrichten. Wenn man die Pläne erführt, die für das geistige und das kulturelle Leben unserer immer kleiner werdenden Gemeinschaft aufgestellt werden, — der Aufbau des jüdischen Schulwesens, die weitgreiseudenMaßnahmen für dieBerussausbildnng unserer schulentlassenen jungen Menschen, die wirtschaftlichen Hilssstellungen für bestehende Existenzen — so mischt sich in die Befriedigung über den ungebrochenen Lebens- und Kulturwillen innerhalb dieser von Sorgen reich bedachten Menschengruppe die bange Frage nach der finanziellen Decke und die Sorge um das Niveau. Beides hängt von den Menschen ab, die Geld geben und die Niveau geben können; aber es wird sich sicherlich niemand beleidigt fühlen, wenn wir meinen, daß es schwerer ist, niveaugebende als geldgebende Menschen zu finden, zumal heute, wo die Opserbereitschast im Judentum ihre glänzende Tradition bewährt. Aber wir erinnern uns an einen Satz in einer Denkschrift über die Unterbringung jüdischer Gelehrter aus Deutschland, wonach die Verpflanzung einiger weniger Menschen heute genüge, um gewisse zivilisatorische Mittelpunkte zu verlagern. Uns will scheinen, als Stadtrat Dov Hoz per Flugzeug nach London begeben. Sir Neil Malcolm vor einer Rundreise Der Völkerbundsoberkommissar für Auswanderuugsfürsorge, General Sir Neill Malcolm, wird sich, wie die ITA erfährt, demnächst in Begleitung eines Beamten des Völkerbundes in eine Anzahl europäischer Länder begeben, um mit den Regierungen wegen der Vorbereitungen für die auf den 2. Juli einbernfene Regierungskonferenz für Answandererfürsorge zu verhandeln. Oberkommissar Malcolm wird diese Gelegenheit wahrneh-- mcn, um auch mit verschiedenen privaten Hilfsorganisationen der betreffenden Länder in Verbindung zu treten. Voraussichtlich wird er Holland, Belgien, Frankreich, die Schweiz, Italien, dis Tschechoslowakei und Polen besuchen. heute vorwiegend auf die im pazifischen R a u m e sich zusammenballendeu Gewitterwolken gerichtet sind. Tie Möglichkeit eines englisch-japanischen Zusammenstoßes in Oftafien ist zweifellos gegeben. Angesehene japanische Schriftsteller scheuen sich nicht, diesen Wasseugang als unvermeidlich hinzustellen. Englische Seestreitkräfte, die im östlichen Mittelmeer stehen, können Singapur, den wichtigsten Kriegshasen Großbritanniens im Osten, eine Reihe von Tagen schneller erreichen, als wenn sie aus der Nordsee oder von den schottischen Flottenbasen aus in See gingen. Dies ist ein weiterer Grund, aus welchem das Interesse des großbritannischen Weltreichs und die Stationierung bedeutender Seeftreitkräfte im östlichen Mittelmeer — basiert auf Aegypten oder Eypern oder beide — aus längere Zeit hinaus als wahrscheinlich werden angesehen werden müssen. Dadurch ist Aegypten heute einer der wichtigsten Brennpunkte der Welt geworden. Es wird von der diplomatischen Geschicklichkeit der englischen Unterhändler abhängen, ob der Freiheitsdrang des aufstrebenden Landes am Nil sich mit den vitalen Interessen des britischen Großreiches wird vereinigen lassen. F. F. ob man mitunter nicht genügend daran denkt, daß die materielle Kraft unserer Menschen vor allem seelisch gestützt werden muß und daß nichts so sehr die seelischen Kräfte zermürbt wie das Empfinden eines hoffnungslosen Niveauabstiegs, einer geistigen Fellachisierung. Die Bemühungen um Menschen, die die geistige Kraft besitzen, Niveau zu halten und zu schaffen, sollten an Wichtigkeit der Arbeit um die Vorbereitung neuer Lebensmöglichkeiten für jüdische Massen gleichgesetzt werden. Und noch eines zu diesem Thema: von den Empfangenden, den Hörern, Lesern, Zuschauern innerhalb unserer kulturellen Arbeit muß ein Zwang auf die Leiter dieser Arbeit ausgeübt werden, ganz lautlos, lediglich durch den Grad der Ansprüche, den man an die Darbietungen legt. Niemand komme und sage: wir wenigen Hunderttausend, — da kommt es nicht so genau daraus an! Geistiges Niveau ist niemals eine Quantitätssrage. Man wird es deshalb begreifen, daß wir die Mitteilung über gewisse personelle Veränderungen innerhalb der künstlerischen Leitung des Berliner Jüdischen Kulturbundes nicht ohne Unbehagen der jüdischen Oessentlichkeit zur Kenntnis bringen. Wir sind an wirklich künstlerischen Menschen sehr arm, und wenn man arm ist, wird — in solchem Zusammenhänge — Niveau nun doch zu einer Quantitätsfrage. Brennpunkte der Welt p! i u I