Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 18 (30.4.1936)
- Date
- 1936-04-30
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Sigmund Freud Zum achtzigsten Geburtstag am 6. Mai 1938 Von Dr. med. Walter Schindler „Ich bin am 6. Mai 1856 zu Freiberg in Mähren geboren, einem kleinen Städtchen der Tschechoslowakei. Meine Eltern waren Juden, auch ich bin Jude geblieben." Aus diesem Beginn seiner Selbstbiographie ist erkennbar, wie sehr sich dieser Mann als Jude suhlt und dieser Satz rechtfertigt es in besonderem Maße, daß man seiner an diesem Tag von jüdischer Seite gedenkt. Wenn versucht wird, dieses vielbewunderten und viel befehdeten Mannes Lebenswerk hier zu würdigen, so kann von diesem Satze ausgegangen werden und von der Tatsache, aus die Freud auch wiederum selbst hingewiesen hat, daß er die Unabhängigkeit seiner psychologischen Forschung seinem Jude-Sein verdankte: „Aber eine für später wichtige Folge dieser ersten Eindrücke von der Universität (es sind antisemitische Eindrücke gemeint) war, daß ich so frühzeitig mit dem Lose vertraut wurde, in der Opposition zu stehen und von der Kompakten Majorität' in Bann getan zu werden. Eine gewisse Unabhängigkeit des Urteils wurde so vorbereitet." Man machte dem Juden Freud den Vorwurf, daß seine Psychologie zu materialistisch sei, wobei man den Materialismus, eine damalige freilich allgemeine Zeiterscheinung« als eine jüdische Eigenschaft brandmarkte. Aber in Wirklichkeit war es nicht so. Als sich Freud in den achtziger Jahren zum erstenmal mit den Nervenkrankheiten beschäftigte, konnte man sich die sogenannte Nervosität nicht anders als rein körperlich bedingt vorstellen. Durch den berühmten Pariser Kliniker Charcot angeregt, nahm Freud den Kamps gegen diese materialistische Anschauung aus und arbeitete immer mehr die seelische Konfliktsbedingtheit der Neurose in originellster Weise aus, ohne jedoch die körperlichen Gegebenheiten seelischer Erkrankungen zu leugnen. So wurde er der heutigen modernen Auffassung des Leib-Seele-Pröblems durchaus gerecht, wenn er beim Menschen als Ganzheit Seele und Körper sah, keinem von beiden das Primat zuerkannte, im Gegensatz zu einer materialistischen Zeit jedoch gerade das seelische Moment bei der Neurosenbildung in den Vordergrund rückte. So griffen ihn bald die Materialisten an, weil er das Seelische angeblich überbewertete, aber es wurde ihm später auch vorgeworsen, er sehe nur das körperlich Triebgebundene. In Wirklichkeit wies er beiden den richtigen Platz zu. Weiter sagte man, der bekannte Pansexua-- lismus ist doch aber eine absurde Erfindung Freuds. Freud geht von der Tatsache aus, daß der Sexus oder Eros, abgesehen vom Nahrungstrieb, die Grundlage alles Lebens sei, die Grundlage für die Lebensfreude unb für die Fortpflanzung des Lebens. Die Sexualität muß also das Lebensbewegende und so, ich möchte mit religionswissenschastlich interessierten Psychoanalytikern glauben, das Göttliche sein, das in allen Dingen des Lebens enthalten ist. Und in der Tat, schasst nicht der Sexus neues Leben, eine Eigenschaft, die sonst nur Gott eignet? Und dieser göttlichen Fähigkeit, die nicht mit Genitalität verwechselt werden darf, sollten sich die Phot. Herbert Sonnenfeld, Berlin Menschen schämen! Freud selbst ist nicht religiös. Aber hat er nicht, ohne es zu wollen, durch die Befreiung des verdrängten, mißhandelten Sexus einen Kampf für Gott gekämpft, indem er die Menschen den göttlichen Funken in ihnen wieder reiner und leuchtender er blicken ließ? Durch diese prometheische Tat standen die Menschen nun fonnengeblendet da. Die einen weiteten in klarer Luft Blick und Brust und sahen auch die Köstlichkeiten der Welt, die durch den Sonnensexus erst Glanz und Schönheit bekamen. Sie. freuten sich des unsublimierten und sublimierten Triebes und wurden gesund. Die andern aber nahmen schnell dunkle Brillen, sie konnten die Lichtfülle nicht ertragen, schlossen die Augen und nahmen neue Verdrängungen vor. Aber, wurde weiterhin polemisiert, Triebe, die ungebärdig sind, dürfen nicht gelockert werden. Denn sonst könnten sie das Gebäude der Kultur und Zivilisation zerbrechen. Doch gerade die Kultur will Freud trotz der ihr innewohnenden Gefahr gewahrt wissen. Triebe (Sexual- und Aggressionstrieb), die an sich blind sind, sollen nicht als Partialtriebe (Teiltriebe) eigensüchtig und vordringlich die Gesamtpersönlichkeit beherrschen. Vielmehr soll die ordnende, führende Stimme der sittlichen Vernunft die Triebe wie ein Band die Blumen eines Straußes als Ganzes harmonisch zusammenhalten. Die Vernunft wird so zu einem Mittler zwischen den anstürmenden archaischen Urtrieben und dem mehr oder weniger ich-ungerechten Gewissen. Gerade die letzte Instanz wurde von Freud einer außerordentlich fruchtbaren Analyse unterzogen. Das Gewissen — von Freud Ueber-Jch genannt — als Repräsentanz der Eltern und Erziehungsperson, arbeitet nur allzu oft entsprechend seiner unzweckmäßigen Einstellung falsch, indem es zuviel oder zuwenig belastet, oder aber auch qualitativ falsche Wege weist. Hier konnte Freud zeigen, daß das Ueber-Jch der triebkonstellativen Eigenart des Individuums angepaßt werden muß, wenn nicht die Gesamtpersönlichkeit z. B. unter falschen Schuldgefühlen und falschen Geboten leiden soll. Triebanspruch und realitätsgerechte Ver- - nunft sollen sich die Wage halten, um so den Ausgleich für die Gesundheit der Persönlichkeit zu gewährleisten. Die Vernunft aber oder der ethische Motor der Vernunft muß oft erst während der Analyse sreigemacht werden. Auch dem Höhenflüge des Menschen, seinen sittlichen Kategorien muß Gerechtigkeit widerfahren. Man hat gegen Freud den Vorwurf erhoben, er habe diese Forderung nicht erfüllt. Er tut es jedoch, indem er sagt: „Nicht nur das Tiefste, auch das Höchste am Ich kann unbewußt sein." Der Sinn jeder Analyse aber ist doch. Unbewußtes bewußt zu machen und so auch das Höchste zu befreien. Freud beschäftigte sich freilich mehr mit den Tiefen der Menschen. Jahrtausende hatten sich diese aus einer Eitelkeit heraus nur allzu sehr mit ihren Höhen beschäftigt. Seit der Prophetenzeit hat es ein Großer woh l kaum so konsequent gewagt, dem Menschen das Spiegelbild seiner Gesamtpersönlichkeit aufzuzeigen, also auch die verborgenen Tiefen. Sie interessierten einen bezüglich der Wahrheit so unerbittlichen Menschen wie Freud gerade besonders. Er riß die Maske der Heuchelei ab, und lehrte den Menschen wieder, verantwortungsbewußt so zu sein, wie er ist und nicht wie er scheinen möchte. Allein diese Tat macht ihn zu einem der größten Kämpfer für eine wahre Sittlichkeit — obgleich er sich selbst von jeder Wertung freihält — weil er unbequem ist unb den Menschen zur Einkehr zwang. Schließlich wurde ein Hauptargument gegen Freud ins Feld geführt, seine Analyse wäre zersetzend. Doch nur das Falsche, Krankheitserregende wird zersetzt. Wie Körpersäfte des Nahrungstraktus die Speisen verdaulich machen, indem sie sie zersetzen, damit sie um so geeigneter werden, den Körper aufzubauen und zu erhalten, werden die schwer verdaulichen seelischen Komplexe analysiert. So wird Analyse zu einer typischen Aufbauarbeit, zu einer Aufbauhilfe, die dem leidenden Menschen oft einen letzten Ausweg bedeutet. Diesen konstruktiven Sinn der analytischen Arbeit hat Freud selbst imer wieder besonders betont. Nun, es ist nicht möglich, im Rahmen einer so kurzen Darstellung das gewaltige Werk dieses Mannes nur andeutungsweise richtig zu würdigen. Seine grundlegenden Arbeiten über Aufhellung des Unbewußten, Traumdeutung, Fehlleistung, seine einzigartig befruchtenden Anregungen für die Pädagogik, die Sexualhygiene, für die Kultur- und Geisteswifsenfchaft, um nur mnige seiner Forschungsgebiete zu nennen, sind bekannt. Aber jetzt, da die abendliche Sonne das Leben dieses Forschers beglänzt, erschien es mir zweckmäßig, gerade in heutiger Zeit ernrger Stürme zu gedenken, die feindlich brandend nur allzu oft den mühsamen schweren Anstieg des freilich auch oft irrenden Wahrheitsuchers erschwerten. Nun steht er auf dem Gipfel in kaum erreichbarer Höhe, er ist der Allnatur näher, aber die Wetter der Höhe stürmen weiter um ihn. * Zu Ehren des 80. Geburtstages von Sigmund Freud findet im Akademischen Verein für medizinische Psychologie in Wien am 8. Mai eine besondere Veranstaltung statt, bei der Thomas Mann den Festvortr'ag über „Freud und die Zukunft" halten wird. J.Huizinga: ImSchatten von morgen. Eine Diagnose des kulturellen Leidens unserer Zeit. Gotthelf-Verlag Bern- Leipzig. „Ueberall der Zweifel an der Haltbarkeit des sozialen Systems, in dem wir leben eine unbestimmte Angst vor der nächsten Zukunft, Gefühle des Sinkens und Untergehens der Kultur . . . Wir sehen vor Augen, wie fast alle Dinge, die einst fest und heilig schienen, schwankend geworden sind: Wahrheit und Menschlichkeit, Vernunft und Recht. Wir sehen Staatsformen, die nicht mehr funktionieren, Produktionssysteme, die im Sterben liegen. Wir sehen soziale Kräfte, die ihr Wirken ins Sinnlose steigern. Die dröhnende Maschine dieser gewaltigen Zeit scheint im Begriff festzulausen.'" Mit solchen Worten beginnt der bekannte niederländische Historiker Huizinga seine knapp gehaltene und leidenschaftlich erregte Analyse der geistigen und sozialen Krankheitssymptome unserer Zeit. Er vergleicht die heutige Kulturkrise mit früheren, um dann in klaren Untersuchungen den Verlauf des Krankheitsprozesses festzuhalten. Er stellt eine allgemeine Schwächung der Urteilskraft, einen Niedergang des kritischen Bedürnisses, eine Absage an das Erkenntnisideal, einen Kult des heroischen Lebens, eine Auflockerung der moralischen Normen fest. Von besonderer Treffsicherheit sind seine Atisführtingen da, wo er den Irrationalismus unserer Tage mit dem Irrationalismus früherer , Epochen in Vergleich fetzt: Während man früher in unstillbarem Erkenntnisdrang die Grenzen der Vernunft hinter sich gelassen hat, um das Uebervernünstige zu erfassen, ist heute vielfach eine Verachtung von Vernunft und Wissenschaft bei gleichzeitig hvchgetriebener Technik festzustellen, die ins Untervernünftige zurücksinkt. Es ist sehr aufschlußreich, Hnizingas Gedankengänge mit Karl Mannheims Krisenanalyse in seiner bekannten Schrift „Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus" znsammenzuhalten. Sprach dort der soziologische Systematiker, der einer neuen Aufklärung das Wort redete, so sehen wir hier den historischen Beobachter am Werk, der die Liebeskräfte eines christlichen Humanismus erneuern will. In der Vorrede zu seiner Schrift wehrt sich Huizinga dagegen, daß man ihn ihretwegen einen Pessimisten nenne. Er sei ein Optimist. Was i'i der Grund seines Optimismus? Die nach seiner Meinung trotz allem unverschütteten moralischen Kräfte der jungen Generation. Wir wünschen alle sehr, daß sich sein Glaube bewahrheitet. Ca. Glosse über Psychoanalyse Die Zeiten haben einige Modetorheiten abgeschafst. Aber es ist noch nicht so lange her, da waren einige, ähnlich wie die Fürsten im 17. Jahrhundert auf der Jagd nach Flöhen, aus der Jagd nach Mikos, einer Art seelischen Ungeziefers für Nichteingeweihte: auf der Jagd nach allen nur erdenklichen Minderwertigkeitskomplexen. Und wie für wenig Geld auf Volksfesten den halb entsetzten, halb erstaunten Burschen in Anwendung eines einfachen elektrischen Gesetzes aus Nase und Ohrläppchen Funken gezogen werden, so lvurden auf Einladungen, besser gesagt, Seancen, den Gästen das Geheimnis und die Anzahl ihrer Komplexe entlockt. Ein Analytiker, der eine Praxis eröffnen wollte, hielt zum ausgesprochenen Zwecke der Werbung öffentliche Vorträge über Psychoanalyse in der richtigen Erwartung, daß seine Zuhörerinnen sich die ihnen passenden Hemmungen auswühlten, um sie dann in seiner Sprechstunde wieder für Geld und gute Worte loszuwerden. Und gerade die Tatsache, daß Fachbegrisse wie Hemmungen, Verdrängung, Komplex, Abreagieren in die alltägliche Sprache so übergegangen sind, daß ihr Gebrauch kaum mehr an ihre Herkunft erinnert, spricht deutlicher als alles andere von der überwältigenden Anerkennung, die die Freudfche Lehre gefunden hat. Dieser Sieg auf der vollen Breite aber ist erkauft mit dem Verlust an Tiefe, ist erkauft mit der Verwässerung, ja mit der Verfälschung der Freudschen Lehre, wobei seine sogenannten Schüler tonangebend sind, die in allem und jedem, selbst in dem Federhalter, mit dem sie ihre Kenntnisse niederschreiben, ein sexuelles Symbol erblicken. Während Freud immer wieder daraus hinweist, mit welchen Schwierigkeiten er den Kranken — wohlgemerkt den Kranken! — die Geheimnisse ihres unbewußten Seelenlebens ablauscht,ist die Hemmungslosigkeit erstaunlich und erschreckend, mit der ein gesunder Mensch vor allen und jedem von seinen Hemmungen spricht. Er will damit ausdrücken: „Entschuldigt bitte, daß ich da nicht mit kann, daß ich da gehemmt, begrenzt bin. Diese Hemmung kommt aus dieser und jener Erfahrung und Einstellung. Und daran, daß ich ja schon die Ursache kenne, könnt ihr meinen festen Willen erkennen, die Aenderung meines So-Seins vorzunehmen. Am liebsten möchte dieser jemand ein Plakat auf der Brust tragen: „Infolge dieses Komplexes sind meine Gesichtszüge leider nicht so schön (und so harmlos) wie die des Margarinemädchens oder wie die des „Zufriedenen Rauchers" auf der Litfaß-Süule." Die Absicht, niemals nein sagen zu wollen, und auf keinen Fall ein persönliches Hindernis bilden zu wollen, die Angst aus der Reihe zu tanzen, und seine Eigenheiten (auch im schlechten Sinne) zu zeigen, und der Wille zur Uniformierung, sprechen aus dieser Haltung. Der Massenerfolg dieser nun bereits in eine Lehre vom Erfolg umgedeuteten Seelenlehre liegt an der Sehnsucht gerade der bürgerlichen Massen nach Glückseligkeit, d. h. nach der Möglichkeit, allen Situationen gewachsen zu sein, und zwar glückhaft gewachsen zu sein, ein Wunsch, der allabendlich die Kinos füllt, wo die Filmhelden allen Stürmen des Lebens lächelnd gewachsen sind und immer ein happy end herbeisühren. Die eigentliche Psychoanalyse aber hat niemals vollkommene Glückseligkeit versprochen, im Gegenteil: sie hat ja erst ausgewiesen, welch ein gehemmtes und begrenztes Wesen der Mensch überhaupt ist. Und so kann denn auch die Enttäuschung über die geringe selbsterzieherische Wirkung bei denen nicht ausbleiben, die ja nicht derart krankhaft gehemmt sind, daß sie in der Welt nicht mehr zurechtkommen, und die mit Hilfe der psychoanalytischen Technik zu einem vollkommen andern Menschen werden wollen. Die Psychoanalyse aber will und kann dem Menschen nicht zu einem anderen Selbst verhelfen, sondern nur das e i g e n e, aber bis jetzt krankhaft verschlossene Selbst erschließen helfen. Als Lehre vom Erfolg (wie werde ich reich und glücklich), als typisch moderne Pseudo-Religion (sein Heil in dieser Welt zu suchen statt in jener), als eine durch die Rolle des Unbewußten mystisch gefärbte Heilslehre (sein Heil in der Psychoanalyse zu finden) muß die Pschoanalyse aus ihrem Wesen heraus versagen. Und aus diesem Gefühl der unbefriedigten Wirkung ist ja die volkläufige „Psychoanalyse" als Mode bereits tot. Und damit wird das psychoanalytische Wissen und die Methode in die Hände derer zurückgegeben, in die es ausschließlich gehört, in die Hände der Aerzte und der Philosophen. Abseits vom Tageslärm bemühen sich Aerzte, Kranken mit Hilfe der Psychoanalyse wieder zu ihrem Selbst zu verhelfen, und Philosophen versuchen die Psychoanalyse als einen wichtigen Baustein in die philosophische Anthropologie einzuordnen. Erich Rosenthal, Wetzlar. Stefan Zweig: „Die Heilung durch den Geist.“ Herbert Reichner Verlag, Wien. Tie Neuherausgabe des Zweigschen Werkes durch den Wiener Verlag läßt gerade aus Anlaß des 6. Mai die eindringliche, leidenschaftliche und doch kritische Würdigung Freuds mit Dankbarkeit empfinden, die Zwerg in sein Analysenbuch neben Meßmer und Baker-Eddy eingereiht hat. Max Bense, Aufstand des Geistes. Eine Verteidigung der Erkenntnis. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin. Diese Schrift von 120 Seiten hält mehr, als der etwas sensationelle Titel zunächst zu versprechen scheint; und sie hat den seltenen Vorzug, den Stoff für ein dickes Buch kurz und weltgewandt in aphoristischen Wendungen zu geben. Dem Verfasser ist es um eine „synthetische Philosophie" zu tun: er will Brücken schlagen „aus dem Reich der intuitiven Wahrheiten der Husserl und Bergson in die Mitte der tiefsten Gebiete moderner Quantenphysik, von der tiefsten Innerlichkeit Kierkegaards zu den Relationen Heisenbergs". Eine Naturphilosophie also; und eine sonderbare insofern, als sie nicht, wie es etwa Haeckel tat, aus dem eigenen Gebiet (dem der mathematischen Physik) Begriffe entnimmt und verallgemeinert, sondern mathematische Sätze metaphysisch auffaßt. Bense glaubt dabei von der zeitgenössischen Existenzphilosophie auszugehen: „Sicherung der Idee der menschlichen Existenz, Sicherung unserer inneren Realität" ist ihm die Aufgabe des Geistes. Aber während dieser Philosophie die Stellung des Menschen zum Phänomen der Zeit ein Hauptanliegen bedeutet, ist der Begriff der Zeit für ihn eine nur subjektive Anschauungsform des einzig Wirklichen, des Raumes: „das urtümliche Weltgefühl als das räumliche Weltgefühl ist umgedeutet und übergegangen in ein zweites — vielleicht dekadentes —, nämlich in das Weltgefühl der Zeitlichkeit." Unter diesem „Urraum" versteht er nun nicht einen philosophischen Grundbegriff, sondern den mehrdimensionalen Raum, von dem die mathematische Mengenlehre spricht. Die unanschauliche Spräche der Mathematik wird ihm zum „Sinnbild" über alles sagbare Wort hinaus. Von Leibniz und seinem Erneuerer Driesch übernimmt er den Begriff der „Ordnung"; aber für die Entdeckung der Physik, daß einige Grundvorgänge nicht mehr in Gesetzen, sondern nur noch statistisch erfaßbar oder ganz unbestimmt sind, hat er den Begriff der „Schöpfung" in ganz theologischer Auffassung bereit und rühmt sich der „Entdeckung des sakralen Moments aller Materie". Kurz, was hier mit den Mitteln eklektischer Philosophie versucht wird, ist nicht sowohl eine Philosophie als ein Mythos der Natur oder vielmehr ihrer Erkenntnis: denn „Urraum", „Farben" oder „ganze Zahlen" find ja keine mythischen Naturbilder, sondern mythisierte Begriffe. Manchmal glaubt man Sähe von Novalis vor sich zu haben. Mit der Unterdrückung des Zeitbegriffs verschwindet aus diesem mathematisch gefärbten Weltbild im Grunde die ganze Geschichte und mit ihr die Geisteswissenfchaften. Und die andere Gefahr jeder Naturphilosophie, die Schwierigkeit, zu einer Ethik zu gelangen, besteht auch hier. Es bedeutet nicht „die Sicherung der menschlichen Existenz aus der Idee der Mathematik", wenn für das Gegensatzpaar „wahr-unwahr" zunächst „wahr-falsch" eingesetzt und dieser Gegensatz von der Mathematik nicht anerkannt wird, weil er sich dort auch als „wahr-absurd" präsentiert; es wird nur ein Begriff der Ethik durch einen bloßen Ordnungsbegrifs ersetzt, und — die Frage, ob es Wahrheit gibt" und was wahr ist, besteht weiter. Aber so wenig diese Schrift das philosophisch erlösende Wort spricht, so frisch ist sie in der Verteidigung des — sehr aristokratisch aufgefaßten — Geistes, so merkwürdig und zeitbezeichnend sind die Elemente, aus denen sie sich zusammensetzt und die sie zusammenzusetzen versucht. H. B.