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Central-Verein-Zeitung · 1936-04-09 · 15 (9.4.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
15 (9.4.1936)
Date
1936-04-09
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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Die „offene Tür“, in vielen Fällen ein Nachteil, ist für Palästina auch ein Vorteil in der Richtung, dass dort immer zu den billigsten Preisen angeboten wird, die irgendwo in der Welt gelten. Wenn die Preise mancher im Land hergestellter Waren steigen müssen, so soll andererseits gerade der Preis wichtiger Konsumartikel, deren Erzeugung keine dringende Notwendigkeit ist, nicht durch unnatürliche Massnahmen erhöht werden. Die Erweiterung des Exportes freilich wird recht schwierig sein. Man hat davon geträumt, Palästina zu einem Fabrikationsland im Nahen Osten entwickeln zu können, aber die Wirklichkeit steht dem entgegen. Die Produktionsbedingungen in den meisten umliegenden Ländern sind niedriger als in Palästina, die Nationalisierung der Wirtschaft schreitet auch dort fort, und schliesslich sind die Bedürfnisse immer noch sehr gering. Es mag möglich sein, den Exportanteil der palästinensischen Industrie, der heute 5 bis 6 Prozent der Produktion beträgt, auf das Doppelte zu erhöhen, wenn man sich weiter auf die Bedürfnisse dieser Länder spezialisieren kann und qualifizierte Erzeugnisse herstellt, aber weiter dürfte es kaum gehen. Hebung der Kaufkraft im Innern, auch der Araber, Spezialisierung auf verfeinerte Erzeugnisse durch Ausbildung eines entsprechenden Arbeiterstammes, Sicherung auskömmlicher, aber nicht übertriebener Preise scheinen die vordringlichsten Aufgaben für die nächste Zeit. (Wird fortgesetzt.) Wirtschaf ts - Notizen Aussenhandelsziffern 1935 Wesentlich früher als im Vorjahr werden jetzt die amtlichen Aussenhandelsziffern für das vergangene Jahr bekanntgegeben. Einfuhr Ausfuhr In Millionen LP. 1934 1935 1934 1935 Lebensmittel. 2,90 8,65 2,86 3,74 Roh- und Halbstofle . . 1,08 1,32 0,05 0,10 Fertigwaren. 9,17 10,79 0,29 0,37 Verschiedenes .... 2,00 3,08 . — — Zusammen 15,15 18,84 3,20 4,21 Erwähnenswert ist noch, dass sich der Umfang des Transithandels auf rund 482 000 LP verdoppelt hat. Wenn sich auch eine Analyse des Aussenhandels erst geben lässt, nachdem die genaueren Ziffern der einzelnen Posten vorliegen werden, so lassen sich doch schon jetzt einige wichtige Feststellungen treffen. Vor allem entfällt die Zunahme der Aussenhandelsumsätze nicht etwa, wie man denken könnte, ausschliesslich auf die Zeit vor der Septemberkrise; vielmehr lagen zum Beispiel auch im Dezember Einfuhr und Ausfuhr erheblich über dem Stand des gleichen Vorjahrsmonats. Die Einfuhr ist zwar erheblich gestiegen, aber die Zunahme war nicht so stark wie die sprunghafte Steigerung, die das Jahr 1934 gegenüber dem Jahre 1933 gebracht hatte. Die Ausfuhr dagegen ist sogar stärker gestiegen als im Vorjahr, und zwar nicht nur infolge des grösseren Orangenexports der vorigen Saison, sondern auch infolge zunehmender Industrie-Exporte. Ein interessantes Bild ergibt sich, wenn man die Gruppe „Verschiedenes“ von den Gesamtziffern abzieht. Diese Gruppe umfasst im wesentlichen den Regierungsbedarf sowie das mitgebrachte Einwanderergut, also Dinge, die mehr oder minder ausserhalb des Kreislaufes der palästinensischen Marktwirtschaft bleiben. Schaltet man diesen Posten aus, so ergibt sich, dass der eigentliche Einfuhrbedarf der palästinensichen Wirtschaft von 13,1 auf 14.8 Millionen LP, die Ausfuhr palästinensischer Erzeugnisse aber von 3,2 auf 4,2 Millionen gestiegen ist. Die Handelsbilanz zeigt also eine gewisse Tendenz zur Verbesserung. Trotz des erweiterten Gesamtvolumens ist der „echte“ Einfuhrüberschuss nur unwesentlich gestiegen, wenn er auch mit rund 10% Millionen LP noch recht hoch ist. Abschluss der genossenschaftlichen Zentralbank Die fortschreitende Entwicklung des jüdischen Genossenschaftswesens geht aus den Jahresergebnisseh der genossenschaftlichen Zentralbanken hervor. Bei der „Central Bank of Cooperative Institutions“ erhöhte sich die Zahl der angeschlossenen Genossenschaften, die unter Führung der Zentrale eine Art Revisionsverbaqd bilden, um 114 auf 134. Im Laufe des Jahres wurden 297 000 LP neue Kredite, hauptsächlich kurzfristige, gegeben, fast ausschliesslich für landwirtschaftliche Zwecke. Reserven und eingezahltes Kapital erhöhten sich von 123 000 auf 147 000 LP. Bei der „Serubabel“ Bank vermehrte sich die Zahl der Mitglieder von 31 auf 40, Kapital und Reserve von 8600 auf 14 000 LP. Ausser diesen beiden Instituten ist namentlich noch die Arbeiterbank als Finanzzentrale für die genossenschaftlichen Einrichtungen der der Arbeiterschaft bedeutsam. Die grösste Genossenschaftsbank des Landes, die Aschra’i-Bank, hat mit ihrem Abschluss für 1935 von rund 20 000 LP Reingewinn 15 000 LP zur Auffüllung der offenen Reserven, rund 74 000 LP, verwandt. Die Bilanzsumme beträgt etwas über eine Million LP, das eingezahlte Kapital 39000 LP. An Barmitteln werden 177 000 LP ausgewiesen. Der palästinensische Geldumlauf betrug Ende Februar 6,19 Millionen LP, das sind nochmals 100 000 LP weniger als im vorangegangenen Monat. Dieser Rückgang ist ein Zeichen für die völlige Entspannung auf dem Geldmarkt. Gegenüber dem Krisenhöchststand ist nunmehr eine Abnahme um 1,4 Millionen zu verzeichnen, gegenüber dem letzten normalen Monat vor der Krise eine Zunahme um 350 000 LP, die dem seither eingetretenen Wachstum der Wirtschaft entspricht. Safed erhält Strom. Die alte Stadt Safed, in der von jüdischer Seite schon seit einigen Jahren Anstrengungen zur Entwicklung des VMm Bestem Fremdenverkehrs und der Wohnsiedlung gemacht werden, wird jetzt an das Stromnetz des Ruthenberg-Elektrizitätswerks Tiberias angeschlossen. Aus der neuen Leitung soll auch das obere Galil mit Strom versorgt werden. Die Citrusverschiffungen der laufenden Saison betrugen bisher 5,2 Millionen Kisten, das sind rund 1h Million weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Bemerkenswerterweise ist der Rückgang völlig zu Lasten des Hafens von Haifa gegangen, während die Verschiffungen über Jaffa sogar noch eine leichte Steigerung aufweisen. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass anlässlich der Einweihung der Neubauten im Hafen von Jaffa viel von einem weiteren Ausbau, ja von der Umwandlung der blossen „Reede“ — die Schiffe ankern ausserhalb der Klippenreihe auf offenem Meer — zu einem richtigen Hafen gesprochen wurde. Arabische Zeitungen wollen sogar wissen, dass dieser neue Hafen nicht bei Jaffa, sondern weiter südlich zwischen Tel Aviv und der Jarkon-Mündung angelegt werden soll. Auf der anderen Seite erwartet man einen weiteren Ausbau des Hafens von Haifa, der aber möglicherweise mehr nach militärischen als nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgen soll. Palästinensischer Zolltarif. Als Ergänzung zu der von uns bereits in der vorletzten Nummer der „CV-Zeitung“ besprochenen Veröffentlichung des Palästina-Amts über den palästinensischen Zolltarif mit Zollgesetzen ist nunmehr auch ein Nachtrag erschienen, der die auf Grund der in der „Palestine Gazette“ Nr. 564 vom 22. Januar 1936, Supplement 1 und 2, veröffentlichte Zolltarifs-Ergänzungsverordnung entstandenen Veränderungen berücksichtigt. Aus der Numerierung dieses Nachtrages ist zu ersehen, dass etwaige weitere Aenderungen erfreulicherweise jeweils in neuen Nachträgen Berücksichtigung finden sollen. Buchausstellung auf der Levante-Messe Auf der diesjährigen Levante-Messe in Tel- Aviv werden zum erstenmal Werke von Verlagshäusern in Deutschland ausgestellt werden. Führende Unternehmungen wie 8. Fischer, Ernst Rowohlt, Soeietäts-Verlag u. a. nehmen an einer grossen Kollektiv-Ausstellung teil, die von der palästinensischen Zentral-Auslieferung europäischer Verleger, Bibiion, Tel-Aviv, P. O. B. 713, veranstaltet wird. Zur Soziologie der Juden Palästinas Von unserem Dr. E. R—z- Palästina-Korrespondenten Um das Legislative Council High Commissioner Sir Arthur Wauchope empfing eine Delegation arabischer Parteiführer und übermittelte ihnen' eine Einladung des Colonial Office, eine arabische Deputation von sechs Mitgliedern nach London zu senden, um direkte. Verhandlungen im Zusammenhang mit dem geplanten Legislative Council zu führen. Der High Commissioner informierte weiterhin die arabischen Führer darüber, dass die Frage der Landverkäufe und Einwanderung ebenfalls Gegenstand der Unterhandlungen sein werde. Die arabischen Führer nahmen die Einladung an und baten, dass auch ein christlicher Araber die Delegation begleiten könne. Die arabische Abordnung wird in London in einigen Wochen erwartet. Dem Empfang beim High Commissioner wohnten von arabischer Seite Ragheb Bey Nashashibi, der Führer der arabischen Verteidigungspartei, Dschemal Effendi el Husseini, der Führer der Arabischen Partei, sowie die Führer der übrigen arabischen Gruppen, Abu Khadra, Abdul Sallah und Yacoub Ghussein, bei. In der Unterredung mit der arabischen Delegation gab Sir Arthur Wauchope als Grund für die Einladung des Colonial Office die Tatsache an, dass die Juden eine entschlossene oppositionelle Stellung gegen den Plan einer Einsetzung eines Legislative Council in Palästina einnehmen. Vor dem Empfang der arabischen Führer hatte der High Commissioner eine längere Unterredung mit dem Präsidenten der Executive der Jewish Agency, David Ben Gurion, mit dem er die wichtigsten Fragen, die im Mittelpunkt der Palästinapolitik stehen, durchsprach. * Im Unterhaus fragte der Abgeordnete Captain Peter MacDonald den Kolonienminister, ob sein Ministerium in Verbindung mit dem Emir von Transjordanien über die Frage einer Vereinigung von Transjordanien und Palästina stehe, und ob er zu dem Vorschlag einer arabischen Union zwischen Syrien und Transjordanien Stellung nehmen könne. In einer schriftlichen Antwort erklärte Kolonienminister J. H. Thomas, dass die Erwiderung des ersten Teils der Frage verneinend sei, und dass der zweite Teil der Frage daher gar nicht auftauche. Haifa, 20. März. I. Grundtatsachen in Zahlen Die jüdische Gegenwart in Palästina ist heute quantitativ mit der Ziffer 375 000 jüdischer Menschen Umrissen, einer Zahl, die ihre volle Würdigung erst durch die Betrachtung ihrer Entwicklung im letzten Jahrzehnt finden kann. Mitte 1919 haben innerhalb der Grenzen des heutigen Mandatsgebietes insgesamt etwa 600 000 Menschen gelebt, darunter knapp 60 000 Juden, also weniger als zehn Prozent. Anfang 1932 ist die jüdische Bevölkerung auf 175 000 Seelen und die jüdische Dichte bereits auf 18 Prozent gestiegen. Drei Jahre später, inmitten des wachsenden Auswanderungsstromes aus Deutschland, sind 300 000 und Anfang 1936 bereits 375 000 Juden dauernd in Palästina angesiedelt; das sind, innerhalb der Gesamtbevölkerung von über einundeinerviertel Million Menschen in Palästina fast 30 Prozent Juden. Von 1919 bis 1936 hat sich die jüdische Volksdichte auf etwa das Dreifache erhöht! Dieses Wachstumstempo ist soziologisch natürlich von tiefgreifender Bedeutung. Die soziologische Struktur der Judenheit Palästinas spiegelt das Kennzeichen jüdischen Seins durch zweieinhalb Jahrtausende: sie spiegelt die Zerstreuung über die Erde, die trotz der Existenz und des unermüdlichen Aufbauwillens Palästinas auch Merkmal einer übersehbaren Zukunft bleiben muss. Das Los der Zerstreuung kann in seiner ideellen und materiellen Bedeutung jedoch gemildert werden, wenn sich in Palästina der Kern einer wirklichen jüdischen Volkseinheit heranbildet. Die Voraussetzungen hierfür zu schaffen, ist ein Ziel, das der Mühe lohnt, die Schwierigkeiten, die zu überbrücken sind, erscheinen gewiss gross — aber nicht unüberwindlich. Und die Erreichung dieses Zieles einer geschlossenen jüdischen Volkseinheit in Palästina bejaht auch der Nicht-Partei-Zionist. II. Die Bevölkerungssektoren Trotzdem aus dutzenden Ländern der Zerstreuung heute in Palästina Juden zusammengeströmt sind, ist das dominierende Element sofort spürbar: es wird hier — ebenso wie in dem Lande der grössten jüdischen Konzentration, in den Vereinigten Staaten — durch die Juden aus dem Osten Europas gebildet, aus den Ländern der schwersten Verfolgungen, in den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende, aber auch der grössten Frömmigkeit, aus den Ländern, wo sich bereits seit sechs und mehr Jahrzehnten der Drang zur Auswanderung auf das stärkste fühlbar machte. Polen und das frühere zaristische R u.s s 1 a n d stellen also das Hauptkontingent der palästinensischen Judenheit, so gross ist der Prozentsatz der Juden dieser Länder -und der Kinder, die aus ihrem Schosse bereits hier geboren sind, dass sie — wo auch immer im Lande — das beherrschende Element in dem jüdischen Palästina der Gegenwart darstellen. Diese Feststellung ist insbesondere aus einem Grunde sehr wichtig, der der künftigen jüdischen Einheit des Landes in besonderer Weise zu dienen geeignet ist. Wie die jüdischen Menschen keines anderen Teiles dieser Erde bringen die „Ostjuden“ ein Sprachtalent mit, das sie nach zwei Richtungen überlegen macht und der Gegenwart und der Zukunft hervorragend dienen lässt: einmal beherrschen sie das Hebräische soweit, dass sie es schon nach wenigen Jahren ihrer Anwesenheit im Lande lebendig sprechen können; ohne Zwang wird es bei ihnen zur selbstverständlichen Tagessprache im Haus wie bei der Arbeit, im Privatwie im Geschäftsleben. Wenn auch noch Teile daneben das Jiddische als die Sprache von mehr als zwanzig Generationen beibehalten, so tritt es hinter dem Hebräischen doch allmählich immer stärker zurück. Ist es doch charakteristisch, dass die Tageszeitungen in Palästina in hebräischer Sprache erscheinen — nicht eine einzige wird in jiddischem Idiom herausgegeben —, ein Zeichen für die Selbstverständlichkeit, mit der die ostjüdische Mehrheit der palästinensischen Juden dem Hebräischen zu lebendigem Sein verhelfen hat und verhelfen will. Noch eine zweite sehr günstige Wirkung hat das Sprachtalent der ostjüdischen Majorität in Palästina: die Vielheit der Sprachen, die die meisten beherrschen, kommt dem palästinensischen Wirtschaftsleben in seiner steigenden Mannigfaltigkeit ausserordentlich zugute. Der palästinensische Handel ist für das doch relativ kleine Land sehr vielseitig, der Schriftverkehr der palästinensischen Firmen mit ihren Kunden ausserhalb der palästinensischen Grenzen wird entweder in der Weltsprache des Handels, in englischer Sprache, geführt, oder aber in einer der anderen weiter verbreiteten Sprachen wie Französisch oder Deutsch, nicht selten aber auch in der Sprache des Export- bzw. des Importlandes, zum Teil auch in arabischer. Und alle diese modernen Sprachen Europas und Asiens beherrschen — oder zumindest lernen — die Ostjuden sehr schnell, und sie sind es, die heute mit diesen Gaben in weitem Umfange die Träger der Arbeit sind, auf denen dieser Handel nun einmal — rein technisch gesehen — beruht. Aber so quantitativ überragend der Prozentsatz der aus dem Osten stammenden Juden innerhalb der Judenheit Palästinas ist, so sehr ist dennoch im täglichen Leben die Vielheit der Länder zu erkennen und zu hören, aus denen dis Minorität der übrigen Juden sich ihrer Herkunft nach zusammensetzt. Es gibt nur sehr wenige Länder der Erde, aus denen keine Juden mit dem Wunsche dauernder Niederlassung nach Palästina gekommen sind. Nach den Ereignissen des Jahres 1933 nimmt die zweite Stelle hinter den Juden des Ostens heute der jüdische Sektor ein, der in den letzten drei Jahren aus Deutschland eingewandert ist. Soweit es sich hier um die älteren Generationen handelt, ist das immer wieder als zentral herausgestellte Sprachenproblem besonders schwierig. Bei allem guten Willen, das Hebräische als Tagessprache zu erlernen, aus dem Gebetshebräisch der Jugendtage das tägliche Hebräisch in Wort und Schrift zu gestalten, scheitern diese Bemühungen bei vielen deutschen Juden über der Dreissig- Jahres-Grenze doch deshalb, weil die physischen und psychischen Voraussetzungen für die Erlernung einer so schwierigen Sprache nicht mehr ausreichen, insbesondere, weil das Gedächtnis versagt, so schwierige und der Muttersprache so fremde Sprachstämme und Vokabeln zu behalten, die doch das unentbehrliche Skelett für jede Sprachbeherrschung sind. In dieser Richtung wird erst die jüngste Generation der eingewanderten deutschen Juden und das hier geborene Geschlecht sich anpassen. Die anerkannten Verdienste der deutschen Einwanderung für das Ganze liegen auf kulturellem Gebiet — äusserlich wie innerlich —, auf einer Intensivierung des gesamten Wirtschaftslebens, die ihre Früchte für die gesamte Judenheit Palästinas ja darüber hinaus für die arabische Mitwelt trägt. In Hunderten von Handarbeitsberufen wetteifern „akademische“ Juden aus Deutschland mit. allen anderen, ihnen, die aus einer anderen sozialen Sphäre kamen wie die Juden des Ostens, fiel der Schritt von der Kopfzur Handarbeit oft sehr schwer: ihr Handeln aber, ihre Ausdauer sind Vorbild der persönlichen Opferbereitschaft, die zur Erreichung einer geschlossenen Volkseinheit nicht unwichtiger ist als die — oft bis zur Unduldsamkeit betonte — Notwendigkeit der Spracheinheit. Zahlenmässig viel kleiner und dennoch für das palästinensisch-jüdische Leben von zweifellos sehr einprägsamer Bedeutung sind die jüdischen Familien, die aus dem nahen und fernen Orient und aus den jüdischen Kolonien Nordafrikas stammen und jetzt teilweise schon in dritter und vierter Generation in Palästina leben. Die Lastträger aus Saloniki sind ebenso sichtbare Wirklichkeit wie die yemenitische Oseret im Haushalt. Juden aus Syrien und aus Aegypten sind als Unternehmer im Ueberseehandel und Transportwesen neben den mittel- und osteuropäischen Industriellen zu finden, aber es sind keine grösseren geschlossenen Sektoren, um die es sich hier handelt, sondern meist sind es nur eine Handvoll Familien, die im Lande Fuss gefasst haben. Die Mehrzahl der Juden des Orients ist geographisch an einer einzigen Stelle des Landes konzentriert: in Jerusalem, während die Ueberzahl der Juden aus Mittel¬ und Osteuropa entweder in den beiden Städten Haifa und Tel-Aviv leben oder aber in den vielen jüdischen Siedlungen,, die auf dem flachen Lande teilweise schon vor Jahrzehnten entstanden sind und weiter neu entstehen. Charakterisiert die Juden des Ostens der einheitlich jüdisch-nationale Wille, so wird die innere Haltung der orientalischen Gruppe in besonderer Weise durch das religiöse Moment bestimmt, das seinen greifbaren Mittelpunkt in Jerusalem hat, der ewigen Stadt, die nicht nur sichtbare Dokumente einer mehrtausendjährigen jüdischen Geschichte in sich birgt, sondern die vielmehr noch in ihrem Gesamteindruck ahnen und fühlen lässt, welches geistige und völkische Geschehen sich in ihr und ihrer Umgebung vollzogen hat: die erste Revolution im religiösen Denken der Menschheit mit den verschiedenen Abwandlungen ihres Ideengutes in den Jahrhunderten, die seiner ersten praktischen Ausgestaltung folgten. Jerusalem als Zentrum des religiösen Judentums, zu dem auch weite Teile älterer osteuropäischer Juden gehören, repräsentiert aber einen nur verhältnismässig kleinen Bruchteil der gesamten Judenheit des heutigen Palästina. Damit ist eine von den vielen Gegensätzlichkeiten festgestellt, die innerlich und äusserlich in der Struktur der palästinensischen Judenheit auffallen, Gegensätzlichkeiten, die aber die Einheit des Ganzen nicht berühren, ja, die die Vielseitigkeit in besonderer Weise betonen, die den geistigen, kulturellen und sozialen Rahmen besonders weit spannen und einen grossen Spielraum für das zukünftige Werden der neu heranwachsenden Generation schaffen. Diese Gegensätzlichkeiten, die keineswegs nur scheinbare sind, und deren Vorhandensein in allen ihren Formen jedem, der näher hinsieht, sichtbar werden, trotz ihres friedlichen äusseren Nebeneinander in gewissem Umfang auch noch bestehen bleiben, wenn die ältere Generation ausgestorben ist. Denn es sind Unterschiede, die im Geistigen wie im Materiellen fussen, Eigenschaften und Erscheinungen, die von den Eltern auf die Kinder übergehen und nicht erst in einer, sondern bestenfalls in drei oder vier Generationen ganz überwunden sein können. (Fortsetzung folgt.) 4-

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