Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 15 (9.4.1936)
- Date
- 1936-04-09
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- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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XV. Jahrg. / Nr. 15 Berlin, 9. April 1936 Preis 10 Pfennig entralerein- ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS 10 Rpf., für Familienanzeigen 18 Rpf„ weitere ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz- und Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Reichsbürgerrecht — Staatsangehörigkeit Staatssekretär Stuckart über die Durchführung des nationalsozialistischen Programms Eiriff«!' Weg r H. Der Auszug aus Aegypten ist zugleich der Beginn der vierzig Jahre Wüstenwanderung. Zwischen der Erinnerung an die Fleischtöpfe in der alten und der Verheißung von Milch und Honig in der neuen Heimat schwanken die Befreiten, die noch in den Ketten überkommener Gewohnheit liegen. Fast scheint es, als ob es nur aus diese Entscheidung ankäme. Und sicherlich ist für die Generation derer, die das erste Pessachsest begingen, die Wahl zwischen Beidern unendlich schwer und oft zweifelhaft gewesen. Die Enkel, die nach vierzig Jahren das heilige Land betreten konnten, wußten kaum noch mehr von Aegypten, als daß der Ursprung ihres großen Weges in die Geschichte als Volk dort gewesen sei. Aber trotzdem sagen wir jedes Jahr am Seder — und wir sagen es während des Jahres noch öfter —, daß jede Generation sich so fühlen solle, als sei sie selber aus Aegypten gezogen. Auch den Zweifel, auch die Qual der Entscheidung soll jedes Jahrhundert uns Juden wieder lehren, damit wir Entscheidungen aus der Sphäre der bloßen Sattheit oder des bloßen Hungers in die des Wissens um die geschichtlichen Zusammenhänge unseres jüdischen Schicksals hinausheben. Nur in der griechischen Göttersage kennen wir den Vorgang — bei der Geburt der Pallas Athene aus dem Haupte des Zeus —, daß ein Wesen fertig ist, ehe es noch beginnt, es selbst zu sein. Unsere Vorstellung kennt das mühsame Werden, auch wenn wir wissen, daß im Keim die Frucht genau vorgezeichnet ist. Jeder Entwicklungszustand ist gleich wichtig, wenn er sich in einem vorbedachten Ausbau vollzieht, in dem er Stufe nach Stufe bildet. Wir kennen viele Ueberflüssigkeiten menschlichen Tuns, aber keinen Uebersluß menschlicher Möglichkeit. Denn wir sehen immer nur den Vorgang, wenn er sich vollzieht, einigermaßen genau, wir sind bereits über seinen Hergang meist in Unklarheit und Meinungsverschiedenheit, und über seinen Fortgang haben wir nur Vermutungen, die von unseren Hoffnungen und Befürchtungen ihre Färbung erhalten. Mitunter setzt die Geschichte einen Zustand, dem wir Menschen nicht entsprechen. Aber dieses „nicht" ist immer ein „noch nicht", denn sonst bliebe es nicht menschliche Geschichte, die fortführt, sondern wäre Naturkatastrophe, die endet. Unsere Ueberlpeserung kennt nur eine Katastrophe, die ein Ende darstellen sollte: die Sintflut. Alles andere, was wir erleben, ist Geschichte, in der wir unseren Platz haben — oder einzunehmen haben, und mit der wir werden, von Augenblick zu Augenblick, von Zustand zu Zustand, um immer stärker nicht nur Objekt ihres Waltens, sondern auch Mitgestalter ihres Fortganges zu werden. Die Sprache ist in ihren Bildern eine treffende Charakterzeichnerin: wenn man > Jüdische Lyrik der Zeit j j§ Anthologie ungedruckter Gedichte g §§ jüdischer Dichter und Dichterinnen, g 1 eingeleitet von Dr. Kurt Pinthus jj H (2. Beiblatt) g IlllIlllllllllllillllllllllllillllllllllllH^ von einem sagt, daß die Geschichte über ihn hinweggegangen sei, so sieht man einen Menschen vor sich, der am Wege liegen geblieben ist; ob er zermalmt ist oder nicht, e r ist aus der Geschichte heraus, für sich und feine Person. Er ist unwichtig geworden für die Zukunft seiner Gemeinschaft, nicht einmal zum Geschlecht der Wüstenwanderer kann er zugerechnet werden, in dem doch die Kraft zum Sinai war. Je kleiner die Schar ist, um deren Schicksal es sich handelt, um so bedeutsamer ist der Entschluß des einzelnen und um so genauer muß die Begründung geprüft werden, die er für feine Entscheidung gibt. Denn sie gilt meist nicht nur für ihn, sondern für einen ganzen Kreis. Der Zwang macht manchen für den Augenblick zum Mittelpunkt, der feiner ganzen Anlage nach am liebsten an der Peripherie bleiben möchte. .Aber es darf dem einzelnen seine Bequemlichkeit nicht nachgesehen werden, die keineswegs mit Beweglichkeit oder Unbeweglichkeit gleichgesetzt werden kann. Er muß wissen, daß er wichtig ist, und sich danach entscheiden. Er muß wissen, daß die Existenz des Judentums zwar ohne jüdische Existenzen unmöglich ist, daß aber die jüdische Existenz allein sich nicht rechtfertigt, wenn sie nicht ihre Verknüpfung mit der jüdischen Gesamtheit erstrebt und beibehält. Die persönlichen Talente, die der einzelne mitbringt, um im einzelnen den jüdischen Ansprüchen der Zeit zu genügen, mögen mitunter sehr gering sein. Aber jüdischen Charakter müssen wir von jedem Juden dieser Zeit verlangen, gleichgültig wo er seinen Platz hat und wohin er seinen Weg nehmen will. Er soll wissen, daß er überall als jüdische Persönlichkeit zu stehen hat, von der aus und um die herum sich jüdisches Leben ergibt, als vielleicht nur bescheidener Beitrag zur jüdischen Geschichte, aber als Tat der Fortführung. In seiner scharfen, aber bewundernden Kritik der Mosesgestalt in den Noten und Anmerkungen zum westöstlichen Divan sagt Goethe: „Nicht die Talente, nicht das Geschick zu diesem oder jenem machen eigentlich den Mann der Tat; die Persönlichkeit ist's, von der in solchen Fällen alles abhängt. Der Charakter ruht auf der Persönlichkeit, nicht aus den Talenten. Talente können sich zum Charakter gesellen, er gesellt sich nicht zu ihnen: Denn ihm ist alles entbehrlich außer er selbst." Oie Council-Aktion und ihr erstes Echo Am ersten Tag Pessach erging ein Appell des Council for German Jewry und des Chief Nabbi des britischen Reiches, Dr. I. H. Hertz, an die jüdischen Gemeinden und Rabbiner in aller Welt, nnt sie zur Beteiligung am Hilsswerk für die Juden in Deutschland auszusordern. Die ersten Ergebnisse der Sammlungsaktion des Council for German Jewry in England zeigen, daß bereits ein Drittel der in Großbritannien und Ländern außerhalb der Vereinigten Staaten aufzubringenden Quote von einer Million Pfund gezeichnet worden ist. Führende Juden Englands und englisch-jüdische Familien haben namhaste Beträge beigesteuert. Drei Londoner Firmen haben allein je 90 000 Pfund gegeben. Es besteht die Hoffnung, daß in Manchester und Umgebung 40 000 Pfund aufgebracht werden. In Manchester selbst sind bisher 18 000 Pfund gezeichnet worden. Die englischen Mitglieder des Council beteiligen sich in der Propaganda für die Sammelaktion an hervorragender Stelle. In Manchester sprach Lord Bear st ed sowie Sir Wyndh a m Deedes, die gleichfalls in Liverpool für In der „Westfälischen Landeszeitung Rote Erde" schreibt der Staatssekretär im Innenministerium Dr. S t u ck a r t über „Staatsbürger jüdischer Rasse — das war einmal! Die Punkte 4, 5 und 6 des Programms der NSDAP haben ihre gesetzliche Erfüllung gefunden." Staatssekretär Dr. Stuckart erörtert die weltanschauliche Stellung des Nationalsozialismus und schreibt sodann: „Das Judentum ist seiner rassischen Zusammensetzung und seinem innersten Wesen nach dem Deutschtum artfremd. In dem Maße, in dem das deutsche Volk wieder zu sich selbst zurückfindet, sind Spannungen zwischen Deutschtum und Judentum die notwendige Folge. Die jeden Rassegefühls ermangelnden vergangen u Jahrzehnte glaubten diese Spannungen durch eine wahllose Vermischung und geistige Annäherung beseitigen zu können. Die Juden sind vor der dnrch die französische Revolution und die liberalistischen Anschauungen von der Gleichheit aller Menschen herbeigcführten Judenemauzipation von allen europäischen Völkern als Fremdkörper empfunden und dementsprechend behandelt worden. Das emanzipierte Judentum hat den liberalistischen Zeitgeist aeschickt auszuuutzen verstanden, indem es den auf gegensätzliche Rasseneigenart beruhenden Unterschied von Deutschtum und Judentum planmäßig und zielbewußt nach und nach von dem rassisch-völkischen Gebiet auf die religiöse Ebene verlagerte, so daß das natürliche Rassenempsinden der unter jüdischliberalem oder jüdisch-marxistischem Einfluß stehenden detttschen Menschen immer mehr äbgeschwücht und das Judentum für sie mehr und mehr zu einer bloßen Religionsgemeinschaft wurde. Die Folge war von der Mitte des 19. Jahrhunderts ab ein immer stärkeres Ansteigen der deutschjüdischen Mischehen und ein immer stärkeres Vordringen des Judentums in der Politik und in der deutschen Kultur." Rach Hervorheben der Tatsache, daß der Nationalsozialismus das Judenproblem wieder auf die Rassenfrage zurückgesührt habe, schreibt Staatssekretär Dr. Stuckart weiter: „Bedingen also die Rasse oder ein durch sie befähigtes Volkstum die kulturelle und politische Höhe eines Volkes und eines Staates, so war die Lösung der Judcnsrage in einer den deutschen Belangen gerechtwerdenden Weise ein Gebot der völkischen Selbsterhaltung und Notwehr. Die Unterbindung jeden ausländischen Zuzuges von Juden durch eine entsprechende Einbürgerungspolitik war die erste Maßnahme und Notwendigkeit für eine solche Lösung. Die zweite entscheidende Maßnahme mußte die Verhinderung weiterer Blutmischung zwischen Deutschen und Juden und die Ausschaltung der Juden aus der Mitbestimmung über das deutsche Schicksal und die deutsche Zukunft sein. Das Reichsbürgergesetz und das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre nebst den dazu ergangenen Ausführungsbestimmungen enthalten die grundlegende Lösung dieses Rassenproblems. Ihre grundlegende Bedeutung besteht darin, daß sie das Eindringen weiteren jüdischen Blutes für alle Zukunft verhindern und den jüdischen Einfluß aus dem Politischen und staatlichen Leben ausschalten. . . . Die Einführung des Reichsbürgerrechtes zum Unterschied von der bloßen Staatsangehörigkeit die Ziele des Council warben. In Leeds sprach Sir Herbert Samuel und der politische Dezernent der Londoner'Zionistischen Executive, Professor Selig Brodetsky. Sir Herbert, zu dessen Ehren der Bürgermeister der Stadt im Rathaus einen Empfang veranstaltete, gab bekannt, es bestehe die Hoffnung, in London 750 000 Pfund aufzubringen und in der Provinz die übrigen 250 000 Pfund. hebt also aus der Einwohnerschaft unseres Reichsgebiets diejenigen als Volksgemeinschaft heraus, die nicht nur durch Geburt, Legitimation, Verheiratung oder kraft staatlicher Einbürgerung die Staatsangehörigkeit erlangt haben, sondern überdies auch blutmäßig und charakterlich die Voraussetzung erfüllen, vollwertige Glieder des deutschen Volkes sein zu können. Den Lehren von der Gleichheit aller Menschen setzt der Nationalsozialismus hier die harten, aber notwendigen Erkenntnisse von der naturgesetzlichen Ungleichheit und Verschiedenartigkeit der Menschen entgegen. Aus der Verschiedenartigkeit der Nassen, Völker und Menschen folgen zwangsläufig Unterscheidungen in den Rechten und Pflichten der einzelnen. Diese auf dem Leben und den unabänderlichen Naturgesetzen beruhende Verschiedenheit führt das Reichsbürgergesetz in der politischen Grundordnung des deutschen Volkes durch. Es unterscheidet zwischen Staatsangehörigen und Reichsbürgern . . . Im Unterschied zum Reichsbürgerrecht ist die Staatsangehörigkeit unabhängig von der blutmäßigen Zugehörigkeit. Durch die Trennung des Besitzes der Staatsangehörigkeit und des Erwerbes der Staatsbürgerrechte durch die Verleihung des Reichsbürgerbrieses hat die Staatsangehörigkeit ihren politischen Inhalt verloren. Die bisher mit der Staatsangehörigkeit verknüpften politischen Befugnisse sind weggefallen. Der Staatsangehörige hat als solcher keine politischen Rechte mehr. Der Staatsangehörige, der die blutmüßigen und sonstigen Voraussetzungen des Reichsbürgergesetzes nicht erfüllt, steht zwar unter dem Schutze des Reiches, darf sich wirtschaftlich frei betätigen, darf alle der Oeffentlichkeit dienenden Einrichtungen im Rahmen der geltenden Bestimmungen benutzen und ist dafür umgekehrt verpflichtet, alle öffentlichen Lasten mitzutragen; er hat jedoch keinerlei Einfluß aus die innere und äußere Schicksalsbestimmung unseres Volkes. Diese Regelung ist praktisch die den Zeitverhältnissen und der Gesamtlage äugepaßte sinngemäße Erfüllung des Punktes 5 der NSDAP." Der Aussatz erwähnt ferner, daß dadurch, daß nur der Reichsbürger Träger der politischen Rechte und Pflichten ist, auch die Forderung des Punktes 6 des Parteiprogrammes seine Erfüllung gesunden habe, und schließt sodann mit der Feststellung, daß das deutsche Volk wieder Herr im eigenen Haus geworden sei und wieder die volle Entscheidung und Verantwortung über sein eigenes politisches Schicksal habe. * Die von Staatssekretär Stuckart mehrfach erwähnten §§ 4, 5 und 6 des Nationalsozialistischen Parteiprogramms lauten: 4) Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein. 5) Wer nicht Staatsbürger ist, soll nur als Gast . in Deutschland leben können und muß unter Fremdengesetzgebun^ stehen. 6) Das Recht über Führung und Gesetze des Staates zu bestimmen, darf nur dem Staats? bürger zustehen. Daher fordern wir, daß jedes öffentliche Amt, gleichgültig welcher Art, gleich ob im Reich, Land oder Gemeinde, nur durch Staatsbürger bekleidet werden darf. Die Erörterung über die Verwendung der Gelder, zu der wir kürzlich an dieser Stelle unter der Ueberschrift „Die Quote" Stellung genommen haben, scheint sich einigermaßen in dem von uns als allein verantwortbar bezeichneten Sinne zu entwickeln. Denn das Council hat, wie die Jüdische Telegraphen-Agentur von autoritativer Seite erfährt, bisher noch keine Entscheidung über eine allgemeine Verteilung von