Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1936-04-02 · 14 (2.4.1936) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
14 (2.4.1936)
Date
1936-04-02
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2277379-9449481-9449342--10216-9448867
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Die illustrierte Haggada gibt es fast so lange, wie die Haggada überhaupt als gesonderte Schrift besteht. Um diese wunderreiche Vorgeschichte zur Gründung eines Lebens auf eigenem Grund und Boden eindringlich vor Augen zu führen und lebendig zu erhalten, wollte man den wichtigen Faktor der bildlichen Darstellung nicht entbehren. Anschließend an den Text der Haggada hat man hauptsächlich die ägyptischen Plagen geschildert, ein Thema, das sich in der christlichen Kunst selten findet. Bei der Betrachtung alttestamentarifcher Szenen in der christlichen Kunst kommt man immer zu der Fragestellung: warum hat man diese Themen gewählt? Welchen Symbolwert haben sie in bezug auf das Neue Testament? ■ Moses ist in dieser Beziehung eine hohe Rolle zuerteilt; er gilt neben Christus als Urheber und Leiter einer neuen Weltordnung. Darum ist feine Darstellung schon in der frühchristlichen Zeit sehr beliebt, schon im 2. Jahrhundert, wo neben einer neuen Religions- und Weltanschauung auch eine neue Kunst anfängt sich zu kristallisieren. In dem eigenartigen Vorspiel der christlichen Kunst, in der Katakombenkunst, wird am häufigsten das Thema gewählt: „Moses schlägt Wasser aus dem Felsen." Ueber 200 Darstellungen dieses Quellwunders sind in der.Katakombenmalerei und in der Sarkophagplastik nachgewiesen worden, und dieser Hinweis aus die Häufigkeit eines Motives in einer verhältnismäßig kurzen Zeitspanne läßt berechtigterweise aus eine überaus große Zahl von Moses-Darstellungen in $er bildenden Kunst schließen. Das quellende Wasser gilt als Symbol des Tcmswasiers, das „die Seele erfrischt und vom ewigen Tode befreit", und diese Wunderszene findet sich gelegentlich als direktes Gegenstück zur Tausszene. Die Darstellung ist lpicht zu erkennen: die Oertlichkeit wird durch einen isolierten Fels mit einem Baum, die im unbegrenzten, ungesormten Freiraum stehen, angedeutet. Moses ist durch seinen Stab und durch die Tracht, eine Tunika, einen Philosophenmantel und Sandalen, eine Ehrenkleid«ng, die sonst nur von Christus und den Aposteln, von diesen aber immer getragen wird, charakterisiert. Es finden sich auch noch andere Szenen, und es find dann immer stereotype Formen für Oertlichkeit und Requisiten, aus denen man die Handlung abliest. Es ist weniger eine künstlerische Darstellung als eine Bilderschrift, inhaltlich höchst bedeutsam durch die gedanklichen Beziehungen, durch das, woran der Beschauer erinnert werden soll. Als später das Christentum als Staatsreligion die Pflicht der Repräsentation auf sich nimmt, gewinnt in der Kunst die äußere Form, das, was sinnfällig vor Augen geführt wird, wieder eine wesentlichere Bedeutung. In großen dekorativen Mosaiken — ein bekanntes Beispiel ist in St. Maria Maggiore in Rom — wird in epischer Weise erzählt, werden historische, zeitlich und örtlich begrenzte Handlungen geschildert. Im Vergleich zu der vorangegangenen, traditionellen Typensprache kann man jetzt beinahe von einem persönlichen Stil sprechen; jedenfalls hält man sich wenig genau an den Bibeltext. Charakteristisch ist für die frühchristliche Monumentalkunst die Vermeidung von blutigen Szenen; in der Schlacht gegen die Amalekiter gibt es nur einen Verwundeten. Nachdruck wird nur aus den Untergang Pharaos im Roten Meer gelegt; denn Pharao ist der sprichwörtlich Herzensharte, der Verfolger der Israeliten und damit der Unterdrücker des wahren Glaubens. Um die typologischen Beziehungen zwischen Altem und Neuem Testament handelt es sich auch noch in den Fresken der Sixtinischen Kapelle, wo Moses als repräsentativer Vertreter des idealen Judentums erscheint, als Führer und Haupt einer religiösen Gemeinde und so als Vorläufer von Petrus und Christus. 1480 beauftragt Papst Sixtus IV. vier Maler mit der Ausschmückung der Kapelle und gibt als Thema Szenen aus dem, Leben von Moses und von Petrus. So ist diese monumentale Illustration entstanden, das Dokument eines guten gleichmäßigen Niveaus, in dem di« Handschrift des einzelnen Von Dr. Margarete Steinberg - *> Mmm v. Oben: Findung Mosis, Gemälde von Jacopo Tintoretto — Mitte links: Moses-Brunnen in Dijon, Skulptur von Klaus Sluter — Mitte techis: Moses-Skulptur, Detail vom Grabmal Papst Julius II. von Michelangelo Buonarott't — Unten: Aussetzung Mosis, Gobelin nach einem verschollenen Bild Nie. Poussin* Künstlers relativ zurücktritt. Im Stil der Zeit wird undramatisch, weitschweifig plaudernd berichtet. Aus einem neu gewonnenen unmittelbaren Verhältnis zur Natur, aus der positiven Wertung alles Irdischen und Diesseitigen erwächst ein lebendiger Naturalismus, allerdings nur ein Naturalismus der Einzelheiten. Das Bild als Ganzes ist unnaturalistisch im Sinne der modernen Malerei, denn es bringt erzählend eine Reihe zeitlich auseinander folgender Begebenheiten aus eine gemeinsame Bühne. Es ist die sogenannte kontinuierende Darstellung, die im Mittelalter üblich ist; allerdings gibt man jetzt die einzelnen Motive nicht nebeneinander in Reihung, sondern bringt sie in einen konkreten Raumzusammenhang innerhalb eines Bildes. Im „Jugendleben Mosis" von Botticelli tritt Moses siebenmal auf, und es ist charakteristisch für die fehlende Dramatik, daß im Mittel- und Vordergrund, ausschlaggebend für die Stimmung, ein poetisches Schäseridyll steht: Moses und die Töchter Jethros am Brunnen. Das feinfühlige Linienspiel von Haarwellen und Konturen atmet durchaus das höfische Sentiment des Kreises um Lorenzo Magnifico, und erst beim näheren Hinsehen wird man gewahr, daß es hier um sehr viel beunruhigendere und bedeutsamere Dinge geht: denn es beginnt mit dem Totschlag des Aegypters und endet mit dem Auszug aus Aegypten. Die zahlreichen eingesügten Porträts, die bei einer repräsentativen Familienkapelle gewünscht werden, tragen noch dazu bei, die Haupthandlung zu verdunkeln. Man empfindet das besonders deutlich, wenn man in den benachbarten Loggien die Rafsaelsche „Bilderbibel" betrachtet, die er und seine Schüler in den Flachkuppeln knapp, deutlich und anschaulich erzählen. Nicht weniger anschaulich, aber ganz neu erlebt, frei von jeder Tradition, schildert Tintoretto die Mosesszenen in Venedigs Kirchen und Bruderschasts- . Häusern. Bei größter Vereinfachung des Szenarismus dominiert Moses als barocker Held, als Meister der Elemente, als Wundertäter; die erregte Stimmung des Ganzen und die Wirkung auf die Nebenpersonen suggerieren uns die Glaubhaftigkeit der Wundertaten. Im Barock, dem Stil der großen Kontraste, findet sich als Gegenpol zu dem religiösen Pathos, zum Visionär-Ekstatischen eine starke naturalistische Note, eine auf Gottvertrauen begründete Lebensbejahung. So gibt Tintoretto eine ganz eigenartige Ausdeutung des „Mannawunders", eine große Zahl von Menschen, die sich in allerlei Verrichtungen des Alltags um das tägliche Brot bemühen. Auch Tintoretto hält an der typologischen Zusammenstellung fest, und er gibt auch hier neue Beziehungen; er malt als Gegenstück zum Jüngsten Gericht die Anbetung des goldenen Kalbes, als Warnung vor der Ueberschätzung der irdischen Güter. Der mehr klassisch gestimmte französische Barock — Poussin, Claude Lorrain — wählt auch gern die reich bewegten Historien; die Affekte werden hier durch eine reich differenzierte Gestensprache übermittelt, bei der die formale Geschlossenheit der Erscheinung immer gewahrt bleibt. Die schöne, weiträumige Landschaft sängt allmählich an, eine große Rolle zu spielen, die Figuren werden klein, fast staffagehast; der Tanz um das goldene Kalb wird ein ländlicher Reigen, und der einzig aktive dramatische Mitspieler Moses steht kaum erkennbar an der Seite. Bezeichnend, daß man besonders gern die Findung Moses malt, die Szene, bei der man die höfische Note hervorheben kann und die mehr zur allgemein poetischen als zur religiösen Stimmung spricht. Das künstlerische Interesse steht durchaus über dem religiösen; könnte^ sonst Poussin für Richelieu eine Dornbusch-' szene malen, im Oval, die als Kaminfüllung gedacht ist? Um sich zu verdeutlichen, wie verschieden die Auffassung und Ausdeutung der gleichen Bibelstelle sein kann, muß man zurückblicken, wie im 15. Jahrhundert der Niederländer Dirk Bouts diese Szene gemalt hat; trotz des. Bemühens um eine persönliche Darstellung — Moses soll durch schwarzen Bart und Lockenhaar orientalisch wirken —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.