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Central-Verein-Zeitung · 1936-04-02 · 14 (2.4.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
14 (2.4.1936)
Date
1936-04-02
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 * 1. Beiblatt 2. April 1936 Eime Idee und ihre Zeit 2. April 1806 - Gabriel Riesser - 2. April 1936 Von Dr. Fritz Friedlaender I. Wertmassstäbe lieber allem Denken an Gabriel Rießer liegt für uns heute ein quälender Schmerz. Das Werk dieses Mannes, das seinen Namen in der jüdischen Geschichte der Neuzeit unvergeßlich gemacht hat — die Emanzipation der Juden in Deutschland — ist dahin. Wenn wir dies hart und nüchtern seststellen, so pflichten wir dennoch keineswegs der heute weitverbreiteten Meinung bei, daß durch jene Feststellung das Lebenswerk Gabriel Rießers widerlegt sei und sich als ein folgenschwerer Irrtum erwiesen habe. Es gibt unter uns eine gar nicht geringe Gruppe von Leuten, die vom Feilbieten solcher Meinungen lebt, und nicht einmal ahnt, daß sie ihrerseits einer naiven Geschichtsphilosophie zum Opfer fällt, welche unfähig ist, das Wesen des Geschichtlichen in seiner Eigenart zu begreifen. Man wird wieder lernen müssen, daß es nur einen Maßstab für die Beurteilung einer geschichtlichen Persönlichkeit gibt: nämlich die Feststellung, ob sie sich den Forderungen, die ihre Zeit an sie stellte, gewachsen gezeigt hat. Hat man nicht über jenen Magister gelächelt, der die Schlachten des großen Alexander korrigierte und den großen Staatsmännern nachträglich vorschrieb, was sie in dieser oder jener Lage hätten tun sollen? Aber haben jene Leute, die gegenwärtig die Gedanken und Ideale der Männer der Emanzipation für Phantome und Illusionen erklären, ein Recht zu lächeln? Merken sie nicht, daß es ein ebenso billiges wie bequemes Geschäft ist, aus Grund der Erfahrungen einer völlig veränderten Gegenwart die Zielsetzung der Vergangenheit zu kritisieren? Fast scheint die einfache Wahrheit vergessen, daß jüdisches Schicksal in der Diaspora niemals isoliertes Schicksal, sondern S ch i ck s a l s a b h ü n g i g - keit von überwältigenden Umweltsaktoren gewesen ist. Es ist schon allein aus diesem Grunde einseitig und unmöglich, wenn jüdische Kritik die gegenwärtige Gestaltung des Judenschicksals in Deutschland aus der Haltung des Emanzipativnsjudentums herzu leiten versucht. Es gibt keine „Jrrtümer" und „Widerlegungen" in der Geschichte, denn was die eine Epoche für „richtig" hält, wird die andere, andersgeartete, vielleicht verwerfen. Geschichte ist niemals übersehbar und logisch rubrizierbar, weil es keinen außerhalb von ihr befindlichen archimedischen Punkt der Wertung gibt: wenn wir entscheiden, daß eine geschichtliche Person „richtig" oder „falsch" gehandelt habe, so bleibt dies eine höchst relative und subjektive Angelegenheit; und es gibt nur einen absoluten und objektiven Wertmaßstab in der Geschichte: den der sittlichen Bewährung. Propheten, die das Kommende vorausverkünden, gehören zu den seltenen Genien; aber jede Zeit bedarf zur Behebung ihrer Nöte des Mannes der rettenden Tat. Und ein solcher ist Gabriel Rießer gewesen. II. Die verbannte Zeit Die Epoche der Emanzipation gehört zu den verkanntesten Zeiten unserer neueren Geschichte. So konnte man etwa in dem kürzlich veröffentlichten Briese, den der verstorbene Literat Kurt Tucholsky an Arnold Zweig richtete, folgendes lesen: „Die Emanzipation der Juden ist nicht das Werk von Juden. Diese Befreiung ist den Juden durch die Französische Revolution, also von Nichtjnden, geschenkt worden — sie haben nicht dafür gekämpft. Das hat sich gerächt . . Die Behauptung, daß die Juden für ihre Emanzipation nicht gekämpft hätten, ist vollkommen unzutreffend. Es ist zwar richtig, daß die Kräfte der Juden allein niemals ausgereicht hätten, um die Emanzipation durchzusetzen. Hätte nicht die Französische Revolution den Grundsatz der Menschenrechte verkündet, und hätte nicht in Auswirkung der Revolution die liberale Bewegung ihren siegreichen Einzug in Europa gehalten, so wäre die Judenemanzipation im 19. Jahrhundert niemals möglich gewesen. Aber es ist ungerecht und irreführend, wenn in zahlreichen Geschichtsbüchern nur immer aus das „Tausjudentum" der Emanzipationszeit hingewiesen wird. Denn neben den jüdischen Vorkämpfern der Emanzipation, deren Name geschichtlichen Klang erlangt hat, ist eine ganze jüdische Generation, die innerlich gesund blieb, für die Emanzipation begeistert gewesen. Man möge auch nicht über der gewiß sehr wesentlichen Geburtshilfe, die die liberale Bewegung der Judenemanzipation leistete, den erheblichen Widerstand, den die altständischkonservativen Zeitmächte der Emanzipation entgegensetzten, gering veranschlagen. Auch in der Emanzipationszeit sind den Juden wirtschaftliche Nöte und Sorgen, Enttäuschungen und Rückschläge nicht erspart geblieben. Heutzutage neigt man dazu, dies zu übersehen. Die Jugendzeit Gabriel Rießers fiel ebenfalls in ein Wellental der Emanzipation. Zwar hatte der Staatskanzler Hardenberg, unter dem Einfluß der Ideologie der großen Revolution 1812 in dem deutschen Großstaat Preußen die Judenemanzipation vollzogen. Aber bereits drei Jahre später begann die rückläufige Bewegung. Aus dem Wiener Kongreß kam Wilhelm von Humboldts Projekt einer deutschen Neichsjudenemanzipation zu Fall. Die den Juden bereits gewährten Rechte wurden geschmälert. Preußen machte sein eigenes Emanzipationsedikt aus dem Verwaltungswege unwirksam. Eine judenseindliche Bewegung brach sich Bahn. Das waren die Zeitverhältnisse, unter denen der junge Rießer heranwuchs. Zwar unterlag seine Kindheit nicht jenen Einwirkungen. Er, der am 2. April 1806 zu Hamburg geboren wurde, entstammte einem alten, ostwärts eingewanderten Geschlecht. Einer der Großväter Gabriels, der Rabbi Raphael Cohen zu Altona, war ein Haupt der gesetzestreuen Richtung. Sein Vater jedoch, der neuen Reformrichtung zugetan, ließ ihm eine weltliche Erziehung zuteil werden. Nach Abschluß der Schulbildung studierte er aus den Hochschulen in Kiel, Heidelberg und München wohlgemut die Rechte. Aber als er zur Berufsausübung schritt, packte die Judennot ihn an. Er konnte weder Dozent der Neehte noch Advokat in der eigenen Vaterstadt werden. Aus dieser Leidenszeit erwuchs sein Schriftenkampf für die Emanzipation. 1831 erschien seine erste und wesentlichste Schrift „Ueber die Stellung der Bekenner desmosaischen Glaubens in Deutschland", gerichtet „an die Deutschen aller Konfessionen". Er erhebt darin nicht nur die Forderung nach uneingeschränkter staatsbürgerlicher Gleichstellung, sondern er richtet an die Juden selber den dringlichen Appell, für eine Gleichstellung einzutreten. In einer anschließenden Polemik wendet er sich gegen den führenden Theologen der rationalistischen Schule, H. E. G. Paulus, in Heidelberg, hierbei rührt er an die Grundproblematik des Judentums. Er verficht die Meinung, daß das Judentum als Nation untergegangen sei, jedoch als Religionsgemeinschaft sich erhalten habe. Deshalb seien die Juden in Deutschland entweder Deutsche oder heimatlos. Er widmet sich jetzt ausschließlich der judenpolitischen Publizistik: 1832 gibt er eine eigene Zeitschrift, „Der Jude", heraus. Wo es immer gilt, die Emanzipation voranzutreiben, ist er zur Stelle. Er greift die badischen Liberalen wegen ihrer emanzipationsfeindlichen Haltung an; er kümmert sich um die Lage in Sachsen und in den anderen Ländern; vor allem lenkt er aus Preußen sein Augenmerk .Als 1833 KarlStrecksuß.einhoher preußischer Beamter, eine weitgehende Einschränkung der Emanzipation empfiehlt, stößt er aus eine Abwehrsront. Neben Rießer erhebt Johann Jaeoby, der ostpreußische Demokrat, seine Stimme. Daneben Isaak Markus Jost, der Geschichtsschreiber der Juden, und Joel Jakobi, ein seltsamer Poet und Literat. Ein christlicher Apologet tritt hinzu; Heinrich Christian Freiherr von Ulmenstein. Als König Friedrich Wilhelm I V. von Preußen die Ausschließung der Juden vom Wehrdienst in Erwägung zog, da erhob Rießer 1842 in einer besonderen Schrift ebenso Einspruch, wie er in seinen „Jüdischen Briefen" (1840—1842) die jüdische Geistigkeit gegen den Vorwurf der Zersetzung in Schutz nahm. Die Grundeinstellung seiner Schriften besteht darin, daß sie eine völkische Existenz des Judentums nicht anerkennen und in Konsequenz dieser Anschauung Richtlinien für eine Angleichung an die deutsche Umwelt entwickeln. Wenn man ihren Erfolg begreifen will, muß man den Umstand berücksichtigen, daß sie sich mit der vorherrschenden Strömung der Zeit in Uebereinstimmung befanden. Auch ihre weltanschauliche Haltung wird nur aus der Struktur der liberalen Aera verständlich. Große Teile des deutschen Bürgertums bis zu den Konservativen hinein — die Arbeiterschaft sprach noch nicht mit —■ standen der Judenemanzipation nicht unfreundlich gegenüber. Nichtsdestoweniger haben die Juden (der obigen irrigen Ansicht zuwider) sich für ihre bürgerliche Gleichstellung eingesetzt. Es ist falsch anzunehmen, daß die Emanzipation ihnen wie eine reise Frucht in den Schoß gefallen ist. Eingaben, Vorstellungen, Petitionen bei Behörden und Parlamenten waren notwendig. Der allgemein anerkannte Führer in diesem Emanzipationskampfe war Gabriel Rießer. Seine moralische Autorität war sowohl bei Juden wie Nichtjnden gleich groß. Durchaus modern gesinnt, wenn aueh kein radikaler Neuerer, hat er auch aus die innere Entwicklung des Judentums seiner Zeit einen beträchtlichen Einfluß gewonnen. Der gemäßigten jüdischen Resormbewegung hat er vqn der jüdisch-innenpolitischen Seite her eine bedeutende Hilssstellung geleistet. Sehr fein hat Simon Dubnow in seinem Geschichtswerk aus den atmosphärischen Wechsel hingewiesen, der sich dadurch vollzog, daß der Führertyp eines David Friedländer durch den Führerthp Rießers abgelvst wurde. Im Banne heutiger Erfahrung wollen weite jüdische Kreise in einem Rießer nur noch den Mann sehen, der in sturer Einseitigkeit und Verblendung mit der Emanzipation bloß die Voraussetzung schassen wollte, durch die die Juden zu vollgültigen Deutschen werden könnten. Dieser schöne Wahn sei — so sagt man — entzweigebrochen. In Wirklichkeit hat Rießer die E r h a l t u n g d e s I u d e ntums über die Emanzipation gestellt. Von ihm stammt das Wort: „Wertvoller als das volle Bürgerrecht ist den Juden ihr höchster Besitz: ihr Judentum." Im Gesamtaspekt der neueren jüdischen Geschichte stellt Rießer einen neuen Rhythmus des Judentums in der Diaspora dar; er bezeichnet einen geschichtlichen Wendepunkt in der Epoche der Assimilation: Ueberwindung des abtrünnigen oder lauen und gleichgültigen Judentums und Wiederkehr der glaubenstreuen, aufrechten und selbstbewußten jüdischen Haltung. III. Am Ziel der Zeit Von der Ebene der Politischen Publizistik aus gelangte Rießer üt die große deutsche Politik. Sein privates Leben hatte sich allmählich freundlicher gestaltet. Nach längeren Schwierigkeiten gelang es ihm, in seiner Vaterstadt als Jurist Fuß zu fassen. Sein mutiges Auftreten in der Judensache lenkte die Aufmerksamkeit wohlgesinnter Mitbürger aus ihn. Ihr Vertrauen entsandte ihn, als 1848 die deutsche Freiheitsbewegung zum Durchbruch kam, in die erste deutsche Nationalversammlung, zu Frankfurt am Main. Hier vertrat er das Herzogtum Lauenburg. Die Geradlinigkeit seiner politischen Entwicklung erwies sich dadurch, daß er bei seinem ersten Auftreten im Frankfurter Parlament ein Ausnahmegesetz gegen die Juden bekämpfte und verhinderte. Wenn die Gleichberechtigung der Juden in der Frankfurter Reichsversassung verankert wurde, so ist dies im wesentlichen auf seine SS Zukunft Ihrer Kinder ££ Landschulheim Florenz Höhere Schule und Internat 1. Schulbildung bis zum Abiturium 2. Für Knaben und Mädchen von 6—18 Jahren 3. Unter Leitung bewährter Pädagogen 4. Studienberechtigung in fast allen Staaten — Sprachenpflege 5. Werkunterricht, Landarbeit, Haushaltkunde 6. Vorbereitung für Palästina 7. Aerztliche Ueberwachung, individuelle Förderung 8. Schönste Umgebung, gutes Klima, Sport. Erstklassige Verpflegung 9. Im Sommer: 3 Monate am Meer 10. Zeitgemässe Preise— keine Transferschwierigkeiten Auswanderer! Wie transferieren Sie ihr Vermögen? 1. Beratung über die Einwanderungsstaaten aus eig. Landeskenntnis (Europa uno Uebersee) 2. 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Rießer hielt an dem altliberalen Gedankengut fest, auch als Preußen in der „deutschen Frage" einen eigenen Weg einschlug. Gegen Ende seines Lebens siel ihm ein Richteramt in seiner Vaterstadt zu. Außerdem war es ihm noch vergönnt, als erster Vizepräsident der hamburgischen Bürgerschaft den Ausbau der Verfassung der freien Hansestadt zu fördern. Er starb am 22. April 1863. Wer wiederum unter heutigem Aspekte Rießers Wirksamkeit im Raume der deutschen Politik überschaut, wird vermutlich geneigt sein, in ihr eine Abirrung von seiner eigentlichen jüdischen Ausgabe — dem Kamps für die Tagesschule für Berufsvorlehre Die Schulabteilung der Neichsvertretung der Juden in Deutschland eröffnet Anfang Mai eine Tagesschule für Berufsvorlehre in Berti n-N iedcrs chönhausen, die der Schulung männlicher Jugendlicher dienen soll. In dieser Tagesschule sollen die Jugendlichen für ihre späteren Berufs- und Lebensaufgaben vorbereitet werden. Die Erziehungsziele sind dieselben, die heute im ganzen deutschen Judentum — über alle richtungsmäßig entwickelten Abwandlungen hinweg — in Elternhaus, Schule und Bnnd angestrebt werden. Das allgemeine und jüdische Wissen der Jugendlichen soll hier eine wesentliche Vertiefung erfahren. Sprachunterricht wird in Hebräisch und Englisch erteilt. Daneben sollen die Jugendlichen auf Berufe der Handarbeit vorbereitet werden, um dann nach Verlassen der Schule einer Berufsausbildung zugesührt zu werden. Dabei wird berücksichtigt, daß für einen erheblichen Teil unserer Jugend Auswanderung, insbesondere nach Palästina, unausweichlich ist. Die Tätigkeit in der Werkstatt (Pappe, Holz, Metall, Elektrotechnik) und der Gartenbau sollen der Weckung der Freude an körperlicher Arbeit dienen und eine Beziehung zwischen dem jugendlichen Menschen und dem Arbeitsstoss Herstellen. Mindestalter für die Aufnahme ist das vollendete vierzehnte Lebensjahr, Höchstalter das vollendete sechzehnte Lebensjahr. Der Unterricht findet ganztägig von Montag bis Freitag statt. Die Ausbildungskosten (einschließlich Frühstücksmilch, Mittagbrot und Nachmittagskaffee) betragen monatlich 50 RM. In Fällen besonderer Bedürftigkeit kann aus Antrag Ermäßigung gewährt werden. Für auswärtige Teilnehmer besteht die Möglichkeit der Heimunterbringung zu einem Gesamtpreis von 70 RM. Aufnahmegesuche — nur schriftlich —, die einen selbstverfaßten Lebenslauf sowie das Abgangszeugnis der Schule bzw. Zeugnisse über die bisherige Ausbildung umfassen sollen, sowie alle Anfragen sind zu richten an die Schulabteilung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Berlin-Charlottenburg, Kantstr. 158. * Das vorstehende Kommunique des Schuldezernats geht uns nach Redaktionsschluß zu. Wir behalten uns deswegen unsere Stellungnahme vor. Es handelt sich bei diesem Projekt um jene Pläne, die einer besonderen Anregung des Präsidenten der Reichsvertretung, Dr. Leo B a e ck, entspringen und über die erstmalig in Nr. 25 der C.-C.-Zeitung vom 20. Juni 1935 die jüdi' e Oessentlichkeit unterrichtet worden ist. ESI Neuaufnahmen jederzeit Auskünfte und Prospekte durch die Leitung: Oberreg.-Rat a.D. Dr. Werner Peiser Dr. M. Goldstein Florenz, Villa Pazzi, Pian dei Giullarl

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