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Central-Verein-Zeitung · 1936-03-19 · 12 (19.3.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
12 (19.3.1936)
Date
1936-03-19
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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19. März 1936 R L 3 K y I T y Rfr tuiM'ß Die Kulturbundbühne öffnet uns das Pantheon des altgriechischen Dramas und zeigt, in eine mehr als zweitaufendjährige Vergangenheit Zurückgreifend, die „Antigone" des Sophokles, die menschlich erschütterndste und. innigste seiner sieben uns erhaltenen Tragödien,, zugleich das Werk, in dem sich der tief religiöse Sinn des großen Tragikers am reinsten offenbart. Esist die Religion der allgemeinen Menschlichkeit; es ist das uns besondersvertraute Gebot der Nächstenliebe/ aus das Verhältnis von Schwester und Bruder angewendet; es ist die enge Schicksalsöerbunden-- heit zweier blutsverwandter Seelen, wie sie dann Goethe, Nus dem anderen berühmten Sagenkreise der Antike schöpfend, in seine klassisch geprägte „Iphigenie" hinübergenommen hat. Losgelöst von allen anthropomorphischen Gottesvorstellungen der griechischen Vorzeit, von dem volkstümlichen Glauben an niedere und obere Götter, der den einzelnen Menschen mit dem Schicksal versöhnte, bedeutet : uns „Antigone", über die Wandlungen religiöser-Begriffe hinweg, das Drama ethisch-humaneuPslichterfüllung: Antigone, die schwesterlichste der Seelen, opfert sich, indem sie lediglich dem Zuge ihres Inneren nach gibt, für eine sittliche Idee, für ein ungeschriebenes Recht des Herzens, das ihr höher steht als die starre Satzung, und das sie auch mit dem Tode nicht zu teuer zu büßen glaubt. Wie die sittlichen Forderungen der „Antigone" noch heute unserem innerstenLebensgesühl entgegenkommen; wie das individualisierte Grundmotiv der im althellenischen Volksbewußtsein tief verwurzelten Pflege und ' Verehrung der Toten unser spezifisch jüdisches Empfinden anregt, so sind auch die dramatischen Kräfte der Sophokleischen Tragödie bis auf die Gegenwart wirksam geblieben. Er kannte die Bretter, hat Goethe zu Eckermann von dem Meister des attischen Dramas gesagt; er kannte sie, wenn wir an den Zusammenprall von Spiel und Gegenspiel, an dies „Sitzen" auf Hieb und Stich, an dies Crescendo und Decrescendo der Leidenschaften denken, die unaufhaltsam der Katastrophe zutreiben. Und wenn auch der Chor hier nicht, wie. viel später in Schillers „Braut von Messina", selbständig in die Handlung eingreift; wenn er, als idealisierter Zuschauer, zumeist betrachtend, warnend oder reflektierend den Vorgängen folgt, so beflügelt der griechische Dichter gerade in den Chorpartien den sinnlichen Ausdruck, gibt ihm Kraft, Leben und strotzende Fülle und steigert ihn zu einer dithyrambischen Kunst der Sprache, die wie mit Adlerschwingen über' dem düsteren Abgrund der Schicksalsmächte dahinschwebt. Die sprachliche Schönheit der „Antigone" vermag sich in ihrem vollen Glanz eigentlich nur im griechischen Original zu enthüllen. Selbst der moderne Erwecker des Griechentums, Ulrich v. Wilamowitz, der eine Reihe von Dramen des klassischen Dreigestirns Aeschylus, Sophokles und Euripides übersetzt hat, mußte gestehen, daß er sich an „Antigone" nicht „herangetraut" habe. Leider hat die. Kulturbundbühne von den vielen vorliegenden Uebersetzungen so ziemlich die verstaubteste und sprachlich schwerfälligste gewählt — auch eine „Auspolierung" , hat da nicht viel nützen können. Warum spielte man nicht die zumindest dichterisch beachtsame Uebertragung von Carl Vollmöller? Warum nicht Adolf W i l b r a n d t s Bearbeitüng, die sich zwar nicht eng an das Originalwerk hält, aber doch, neben ihrer geschlissenen Verssprache, auch den gewiegten Kenner der Bühne verrät? So konnte auch in der Ausführung, die unter Fritz Jessners Regie mit viel Fleiß und Ehrfurcht einstudiert war und sich in ihrem einfachen szenischen Aufbau — mit der tiefliegenden Orchestra, von der einige Stufen zur Bühne emporsührten —• dem antiken Theater anzunähern versuchte, gerade das sprachliche Element4 am wenigsten zur Entfaltung kommen. Die Chöre, die, wie üblich, in Gesamt- und Einzelstimmen zerlegt waren, klangen dumpf und im Unisono zum Teil unverständlich — zweifellos eine Folge der Unfreiheit, die sich aus dem verkünstelten und verschachtelten Wortgesüge ergab. Auch den rhythmischen Bewegungen haftete, besonders in dem herrlichen Bacchus-Chor am Schluß,, etwas Starres und Ungelöstes an. Viel besser stand es im Wesentlichen um - die schauspielerischen Einzelleistungen. Die Titelrolle fand in Gerda Klein-Weißmann — deren Judith wir noch in angenehmer Erinnerung haben — eine würdige Vertreterin, wenn auch der ihrem Naturell eigene herbe Zug der Entschlossenheit, die unbeugsame, trotzige Energie der Willensstärken Tochter des Oedipus im ersten Teil des Stückes überzeugender zum Ausdruck kam, als die weichere und elegische Stimmung, mit der sie. dann vom Leben Abschied nimmt. Jsmene, ihr schwesterliches Gegenbild, wurde von, Ruth Man heim er (Reimer) mit leiser, sanfter Zurückhaltung gespielt. Fritz Mistenhatte als Kreon ganz den Wuchs, den Ton und die Haltung des eigenwilligen Herrschers, der gewohnt ist, seinen..Anordnungen Gehorsam zu verschaffen: umso wirksamer dann der Kontrast, als er zum Schluß, von der grausigen Tragik des Schicksals überwältigt, zusammenbricht. Schlicht, eindringlich und mit dem sympathischen Selbstgefühl des Jünglings, dem es nicht nur um die persönlichen Besitzrechte an der dem Tode verfallenen Braut, sondern auch um die allgemeine Gerechtigkeit geht, gab Walter Herz (Hertner) den Haimon. Die äußerlich winzige Rolle der Eurydike (sie hat nur wenige Worte zu sprechen) wurde von Jenny Bernstein-Schafs er mit derunsagbar schmerzvoll-gespannten Miene der von einem jähen Verhängnis betroffenen Mutter zum Leben erweckt. Martin 'C Hassel (Wolfgang) als Seher Teiresias hatte leider weder die Wucht noch die Größe des Propheten, dessen vernichtende Worte Kreon ins Herz treffen. Auch Herbert Grünbaum, sonst in der'Umrißzeichnung seiner Gestalten nicht ohne scharfen und individuellen Blick, versagte diesmal in der Rolle des Wächters, dem er nicht die Geschwätzigkeit und auch nicht den Humor dieser ganz realen Figur zu geben wußte. Hingegen verstand es MartinBrandt, den gestuften Bericht des Boten in lebendigste Anschauung umzusetzen. „ Das Publikum folgte dem tragisch umdüsterten Stück mit offenbar wachsender innerer Teilnahme; die Ergriffenheit löste sich zum Schluß in starken Beifall aus. Dr, Hugo Lachmauski. * Der Kulturbund hat von der Aufführung der Felix Mendelssohnschen „A n t i g o n e" - M u s i k, die eine Ouvertüre, melodramatische Musik und vor allem Chöre enthält, abgesehen und ließ als „Bühnenmusik" ein paar Takte von Werner Seelig-Baß beisteuern, die zum stummen Schreiten der Choristen erklingen. Der Tragödie ging ein Konzertteil voraus, mit Werken von G l u ck und aus der Zeit des Barock, das ja mit der Schaffung der Oper die antike Welt neuentdeckte. Das in seinem edlen Pathos, seiner inneren Belebtheit Adäquate zwischen den Dichter- Worten und dem Stil der Musik wurde deutlich und bezeugte die künstlerische Berechtigung dieser Zusammenstellung. Anfangs sprach die ruhige Größe von Glucks Ouvertüre zur Aulidischen Iphigenie zu uns, interpretiert von Dr. Kurt Singer und dem Kulturbundorchester. An Stelle der angekündigten Beethoven - Sinfonie - wurden zwei Werke aus einem früheren Programm gebrächt, hier wie dort von Berthold Sander dirigiert. Die Einwände gegen die zu romantische Auffassung der R o s e n m ü l l e r - Sonate bleiben bestehen; hier ließ auch die Präzision im Einsatz und Zusammenspiel noch manchen; Wunsch offen. Sehr viel besser und sicherer wirkte Bachs 4. Brandenburgisches Konzert, dem Sander ein gehalteneres Tempo im ersten Satz, im ganzen mehr Transparenz im Klanglichen, Klarheit in der Linie gab als das erste Mal. Die Flötisten Schleyer und Hecht boten erfreuliche Leistun-, gen. Für den bisherigen Konzertmeister Frey., der dieser Tage nach Tokio gegangen ist, spielte nun Basta Polischuk die Sologeige, stilvoll und plastisch' in der Verschiedenheit der Bogen-, techniken. Ludwig Altmanu. Zeichnungen: Ernst Marcuse 1 Photo: Abraham Pisarek Eoiixerte Der Ruf der jüdischen Winterhilfe, das „Aus Opern und Operetten" bunt und reichlich (und dem Publikum zu Dank auch „reichlich bunt") zusammengestellte Programm, die Mitwirkung einiger unserer populärsten Künstler, brachten dem edlen Zweck einen vollen Saal. Auffallend und erfreulich war der spontane Beifall, der immer wieder in die meist pompösen Schlußakkorde hineinknallte. Da sangen sie wieder vor ihrem Publikum: Fritz Lechner mit seinem edel geformten und geführten Bariton, Susanne Loewenstein, deren prachtvolles Organ und stimmliches Werden in einem Meyerbeer-Arioso (aus dem „Prophet") besonders schön zur Geltung kam. Da ließ Fritzr I o k l im „Dorsschwalben- Walzer" alle ihre leichten Staccati und Koloraturen in die Lüste flattern, und schließlich hatte Gerhard P e ch n e r die Hörer mit seinem Loblied auf die Gemütlichkeit (aus Falls „Augustin") für sich, Nur die Stimme Lucic Mankiewitz' konnte sich im großen Saat und selbst bei diskreter Orchesterbegleitung nicht behaupten. Der Oper nch o r unter Berthold Sander stimmte den Walzer der Walzer, die „Schöne blaue Donau", an, und die wohligen Tonwellen glitzerten und leuchteten auch in' der'Chorfassung. Sonst stand Joses Rosenstock am Pult. Den derben Impulsen' Verdis, der leidenschaftlichen Verve von Borodins „Polowetzer Tänzen" blieb er nichts schuldig. Hier triumphierte das Dröhnen von Pauke und Trommel.. Es war eine schöne Geste der Dankbarkeit, daß das Orchester — entgegen dem Wink des Dirigenten — sich am Schluß nicht von den Plätzen erhob, um seinem Erzieher Rosenstock den Beifall allein zu lassen, der sicherlich auch der Freude Ausdruck geben sollte, Rosenstock nach seiner Amerikareise wiederzusehen. L. A. Die Programme der Hauskonzerte sollten sich möglichst, wie es schon zum Teil und mit künstlerischem Gewinn emgesührt ist, den räumlichen Grenzen änzupassen und eine Imitation des Konzertsaals zu vermeiden suchen. Eine Veranstaltung in Wannsee erwies trotz schöner, wertvoller' Einzelleistungen erneut, daß eine solche Grenzverletzung leicht zu einer Bagatellisierung führen kann. Der mächtige, bühnenersahrene Baß von Alfred Glaß mußte in Balladen und Arien hier ebenso einbüßen wie die mit überschwänglicher Empfindung gespielte Beethoven-Sonate dp. 109, mit der der hochbegabte junge Pianist Gustav Sabel wieder zeigte, daß er Zunächst für romantische Klaviermusik prädestiniert erscheint. Der Zierliche . Sopran von Elsa Glaß kam mit variablen Pianoabstufungen am wirkungsvollsten zur Geltung. Die Lösung der Schwierigkeiten wäre' einfach gewesen, wenn man die. musikalischen Darbietungen sinngemäß um das Referat von Rabbiner Dr. Samuel gruppiert hätte, der liebevoll die drei ernsthaften, mit dem Judentum in Beziehung stehenden Novellen aus dem Decamerone des Boccaccio deutete. Hai. Leo G o l l a n i n bereitete den Kulturbundmitgliedern in Beuchen, Gleiwiß, Ratibor und Oppeln. genußreiche Abende. Er brachte mit im Forte unverbrauchter Stimmkraft shnagogale Ge- - sänge und Arien von Gluck und Händel zu Gehör. Den jiddischen Volksliedern wußte er durch die richtige Beimengung schauspielerischer Elemente und mit seinem Scharm das Letzte abzugewinnen. Er wurde mit Beifall überschüttet. H. M—r. Neue jüdische Musik Nachdem vor einigen Wochen zwei jüdische Volksliederbücher angezeigt wurden, sei heute ein kurzer -Querschnitt . durch das s r e i k ü n st I e - rische Schassten jüdischer Kompon i st e n gegeben. Es ist bezeichnend, daß die vor zwei Jahren so sehr beliebten und langwierigen Erörterungen über das spezifisch Jüdische in der Tonkunst verstummt sind, aus dem richtigen Gefühl heraus, daß wir nicht ebenso kompromißlose wie publikumsfremde Diskussionen brauchen, sondern eine. volkstümliche Musik, die zur Stunde spricht und dem Alltag ein bißchen Wärme gibt, ohne natürlich zu den Niederungen musikalischer Gemeinplätze abzugleiten. So sei ein Liederhest von Julius. K-rae m e r zuerst genannt: „Fünf Lieder aus der Zeit" (Verlag I. Kauffmann, Frankfurt a. M.). Kraemer hat sich wunderschöne Texte gewählt, von Paul Mühsam, Halevi, Salomo ibn Gabirol, Buber, und er gibt den Versen leichtfaßliche, symmetrisch angelegte Melodien, einfache Gebilde, denen er durch reichere harmonische Fülle auch Tiefenwirkungen verleiht. Kraemer strebt trotz seiner jüdischen Texte nicht nach „traditionellen" Weisen, er schreibt vielmehr unbekümmert eine Musik ausgesprochen westeuropäischer Prägung, trotz gelegentlich freier Rezitation und des bekannten „Ziehens" im „Dudele". Auf die Schwächen dieses Opus hinzuweisen, ist leicht: gewiß, es findet sich manche allzuleicht gewogene melodische und harmonische Wendung, manche Plattheit, und ein gewisser Mangel an gestaltender Kraft zeigt sich u. a. in dem langweiligen Versanden der Zwischenspiele des zweiten Liedes. Aber jedenfalls liegt-, hier eine sang- und dankbare Musik vor, von einem Juden geschrieben und durch den Text voller Beziehung zu uns; der praktische Wert ist ganz eindeutig, weil sich diese Lieder sehr gut als festliche „Umrahmungsmusik eignen, und danach wird ja wahrhaftig gesucht. Die Lieder sind für Sopran- und Tenorlage gesetzt. Erwartungsvoll nehmen wir die „Zehn Lieder" (verlegt bei Georg Sender, Mannheim) von Hugo Adler zur Hand, von dem wir bisher nur umfangreichere Werke sahen. Wie immer stellt Adler hohe Ansprüche an die Ausführenden, die den Virtuosen ganz verleugnen müssen, und auch an die ernste Sammlung eines musikalischen Publikums. Wir kennen Adlers melodisch und rhythmisch eng verzahnten Satz, dem eine herbe und glasklare Akkordik gegenübersteht. Diese Stilmerkmale .zeigen sich; auch hier. Trotz des Volksliedes und des koloraturgesegneten „Bitte" geht eine düstere, dunkle Stimmung durch das Werk, von dem ich die aparte, melancholische Weise des „Wiegenliedes" am stärksten empfinde. lieber diesem Liede liegt schon der Reiz des neuen palästinensischen Volkslieds. Daneben packt die Realistik, mit der Adler die trostlose Verlorenheit des „Heimatlos" gestaltet. Eine fahle, selten zu befreiendem Aufschwung gelangende Musik, die aus die Schwere und das Leid weist, nicht von ihm sortführt und erlöst. .lieber den gänzlichen Mangel an von Juden geschriebenen neuen Orgelwerken ist kein Wort zu verlieren. Einen Porstoß hatte Adler mit seiner „Toccata und Fuge'über ein hebräisches Thema" gemacht. Nun hat der mit ihm an der Synagoge Mannheim wirkende Organist Joses Levi eine „Passacaglia über ein Thema von Rosst, Adaun aulom" geschrieben, die leider noch Manuskrikt ist.

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