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Central-Verein-Zeitung · 1936-03-19 · 12 (19.3.1936) · p. [Seite]

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Bibliographie idi/cher Werks IX. Philosophie, Wesen des Judentums A. Gesamtdarstellungen und Geschichte der jüdischen Philosophie J. Julius Guttmann: Die Philosophie des Judentums. München, Reinhardt, 1933. Die erste Gesamtdarstellung der jüdischen Philosophie, in welcher der bekannte Gelehrte alle Probleme in kurzer und klarer Art behandelt. 2. David Neumark: Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters. Drei Bände (unvollendet). Berlin, de Gruyter, 1907, 10, 28. Das für das Mittelalter wichtigste Werk. 3. Isaak Heinemann: Griechische Weltanschauungslehre bei Juden und Römern. Berlin, Philo-Verlag, 1932. 4. Albert Lewkowitz: Das Judentum und die geistigen Strömungen der Neuzeit. I. Teil: Die Renaissance, II. Teil: Die Aufklärung. Breslau, Schatzky, 1928/29. 5. M. J. Grozinger: Geschichte der jüdischen Philosophie und der jüdischen Philosophen von Moses Mendelssohn bis zur Gegenwart. Bd. 1: Von Moses Mendelssohn bis Solomon Maimon. Berlin, Philo-V erlag, 1930. 6. Hans Joachim Schoeps: Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie in der Neuzeit. Bd. 1. Berlin, Vortrupp-Verlag, 1935. 7. Max Wiener: Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation. Berlin, Philo-Verlag, 1933. 8. Albert Lewkowitz: Das Judentum und die geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts. S. unter II, 82. 9. Entwicklungsstufen der jüdischen Religion, mit Beiträgen von Leo Baeck, Juda Bergmann, Ismar Elbogen, Hugo Gressmann, Julius Guttmann und Michael Guttmann. Giessen, Töpelmann, 1927. (Vorträge des Institutum Judaicum an der Universität Berlin, 1. Jahrgang, 1925—26.) Eine Reihe von Vorträgen überblickt die Entwicklung des Judentums in den verschiedenen Städten. 10. Moritz Lazarus: Die Ethik des Judentums. Bd. 1—2. Frankfurt, Kauffmann, 1901, 1911. 11. Die Lehren des Judentums nach den Quellen. Bearbeitet von S. Bernfeld und F. Bamberger. 5 Teile in 3 Bänden. Leizig, Engel. B. Jüdische Philosophen 12. Maimonides: Das Leben des Rabbi Mosche ben Maimon. Aus seinen Briefen und Quellen ausgewählt und eingel. v. Ismar Elbogen (Jüd. Lesehefte, Nr. 5). Berlin, Schocken, 1935. 13. Abraham Heschel: Maimonides. Eine Biographie. Berlin, Reiss, 1935 14. Fritz Bamberger: Das System des Moses Maimonides. Berlin, Schocken, 1935. 15. Berthold Auerbach: Spinoza, ein Denkerleben. Stuttgart, Cotta, 1903 (und in Ausg. von Auerbachs Werken). 16. Jakob Freudenthal: Spinoza. Leben und Lehre, Hg. v. Carl Gebhardt. Bde. 1—2. Heidelberg, 1927. 17. Leo Strauss: Philosophie und Gesetz. Beiträge zum Verständnis Maimunis und seiner Vorgänger. Berlin, Schocken, 1935. 18. Fritz Bamberger: Die geistige Gestalt Moses Mendelssohn. S. unter II, 28. 19. David Baumgardt: Spinoza und Mendelssohn. Reden und Aufsätze zu ihren Gedenktagen. Berlin, Philo-V erlag, 1932. 20. Jakob Klatzkin: Hermann Cohen. Berlin, Jüdischer Verlag, 1921. 21. Hans Kohn: Martin Buber, sein Werk und seine Zeit. S. unter V, 47. 22. Ludwig Stein: Die Juden in der neueren Philosophie. S. unter V, 64. G. Jüdische Philosophien 23. Maimonides: Des Rabbi Mosche ben Maimon More Newuchim („Führer der Verirrten“) im Grundriss. Auswahl und Uebertragung von A. Altmann. (Schocken-Bücherei Nr. 26). Berlin, Schocken, 1935. 24. Derselbe: Rabbi Mosche ben Maimon. Ein systematischer Querschnitt durch sein Werk. Ausgewählt, übertr. und eingel. von N. N. Glatzer (Schocken-Bücherei Nr. 27). Berlin, Schocken, 1935. 25. Moses Mendelssohn: Jerusalem oder Ueber religiöse Macht und Judentum. Berlin, Welt-Verlag, 1919. 26. Samson Raphael Hirsch: Neunzehn Briefe über Judentum. Frankfurt a. M., Kauffmann, versch. Aufl. Die grundlegende Schrift des Begründers der modernen Orthodoxie. 27. Claude Montefiore: Liberales Judentum. Leipzig, 1906. 28. Hermann Cohen: Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums. 2. Aufl. Hg. v. Br. Strauss. Frankfurt, Kauffmann, 1929. 29. Ds.: Jüdische Schriften. Hg. V. Br. Strauss, Einl. von Franz Rosenzweig. Bde. 1—3. ' Berlin, Schocken, 1924. 30. Ds.: Der Nächste. Vier Abhandlungen über das Verhalten von Mensch zu Mensch nach der Lehre des Judentums (Schocken-Bücherei Nr 20). Berlin, Schocken, 1935. 31. Franz Rosenzweig: Der Stern der Erlösung. Frankfurt, Kauffmann, 1921. 32. Ds.: Zweistromland. Kleine Schriften zur Religion und Philosophie. Berlin, Philo- Verlag, 1926. 33. Ds.: Die Bauleute. Ueber das Gesetz. Berlin, Philo-Verlag, 1925 (enthalten in „Zweistromland“). 34. Leo Baeck: Das Wesen des Judentums. Frankfurt, Kauffmann, 1929. 35. Ds.: Wege im Judentum. Aufsätze und Reden. Berlin, Schocken, 1933. 36. Martin Buber: Reden über das Judentum. Gesamtausgabe. Berlin, Schocken. 37. Ds.: Kampf um Israel. Reden und Schriften 1921—32. Berlin, Schocken, 1934. 38. Ds.: Ich und Du. Berlin, Schocken, 1923. 39. Ds.: Zwiesprache, ein Traktat vom dialogischen Leben (Schocken-Bücherei). Berlin, Schocken, 1934. 40. Achad Haam: Am Scheidewege. Bde. 1—2. Berlin, Jüdischer Verlag. 41. David Koigen: Das Herz Israel (Schocken- Bücherei Nr. 8), Berlin, Schocken, 1934. 42. MaxBrod: Heidentum, Christentum, Judentum. Ein Bekenntnisbuch. Bde. 1—2. München, Wolff, 1922. 43. Hugo Bergmann: Jawne und Jerusalem. Gesammelte Aufsätze. Berlin, Jüdischer Verlag, 1929. 44. Juda Bergmann: Das Judentum. Gedanke und Gestaltung. Berlin, Mass, 1933. 45. Hans Joachim Schoeps: Jüdischer Glaube in dieser Zeit. Prolegomena zur Grundlegung einer systematischen Theologie des Judentums. Berlin, Philo-V erlag, 1932. — und unser Schlusswort „Um das Gute zu lesen, ist eine Bedingung, dass man das Schlechte nicht lese: denn das Leben ist kurz, Zeit und Kräfte beschränkt.“ Dieser Satz Schopenhauers war ein Leitwort für die Zusammenstellung unserer Bibliographie. Die Kräfte, die heute für eigenes Studium, zur Fortführung unserer Gedanken und unseres Wissens bleiben, sind oft nur sehr beschränkt, und wer dann ohne Anweisung und Leitung sich auf das unendliche Meer der Bücher und Schriften hinauswagt, wer sieht, wie „die Bretter der Bibliotheken reihenweise die vergangenen Irrtümer“ bewahren, — der wird bald wieder aufhören, von dem unklaren Wust gelehrten Wissens zurückgestossen. Die Bibliographie jüdischer Werke, die nach fast fünf Monaten Erscheinens in der C.-V.- Zeitung abgeschlossen vorliegt, soll diese Leitung geben. Alle Gebiete jüdischen Wissens sind in ihr enthalten. „Nachschlagewerke, Anthologien und Zeitschriften“ (Nr. 43/1935) gaben die erste Einführung: grosse Lexika, Nachschlagewerke, Sammelbücher jüdischer Literatur, die nach verschiedenen Gesichtspunkten zusammengestellt sind, und Zeitschriften. Ein Ueberblick über die „Geschichte (Allgemeines)“ (Nr. 43, 44, 46 und 48/1935) beginnt mit den umfangreichen Darstellungen jüdischer Geschichte in der ganzen Welt, um sich dann Einzelforschungen zu widmen, die die Geschichte der Juden in allen Ländern von ihrem Beginn bis zur Neuzeit verfolgen. Ein besonderes Kapitel spricht von der „Geschichte der Juden in .Deutschland“ (Nr. 48, 50 und 52/1935); hier werden die einzelnen deutschen Länder und Städte genannt, so weit die Geschichte der Juden in ihnen von Interesse und auch schon bearbeitet ist. Der Abschnitt „Bibel, Talmud und Literaturgeschichte“ (Nr. 52/1935 und Nr. 2/1936) führt in das Studium des jüdischen Schrifttums ein, erwähnt die deutschen Bibel- und Talmudausgaben, nennt Kommentare und Erklärungen und weist über das Mittelalter hinaus bis zur Neuzeit. „Kulturgeschichte“ (Nr. 2, 4 und 5/1936) . bringt Darstellungen des Lebens der Juden, pädagogische Werke, Erklärungen jüdischer Formen und Gebräuche, Memoiren und Biographien jüdischer Männer und Frauen und schliesslich Bücher über jüdische Künstler und jüdische Kunst. „Gegenwartsurkunde“ (Nr.7/1936) berichtet über soziologische Fragen, und „Juden und Deutschland“ (Nr. 7/1936) führt in die grossen Fragestellungen der jüdischen Gegenwart ein. Dies wird im nächsten Abschnitt „Zionismus und Palästina-Aufbau“ (Nr. 10/1936) fortgeführt; hier finden sich auch Biographien führender Zionisten und Schriften über das neue Palästina. Der letzte Abschnitt „Religiöse Fragen und Wesen des Judentums“ (Nr. 12/1936) nennt Werke über jüdische Philosophie und über Fragen des religiösen und geistigen Lebens, und so beschliesst dieser Teil der Bibliographie die Auseinandersetzung mit den Problemen des lebendigen Judentums. — In der ursprünglich gegebenen Disposition war noch als 10. Abschnitt „Bellestristik“ vorgesehen. Trotz der Vorankündigung mussten wir uns entschliessen, diesen Punkt unausgeführt zu lassen. Waren wir schon in den vergangenen Teilen mehr oder weniger subjektiv, so hätte eine Auswahl aus der ungeheuren Anzahl der unsystematischen schöngeistigen Bücher, die an und für sich nur sehr klein hätte sein dürfen, noch subjektiver ausfallen müssen. Schliesslich findet auch jeder, der sich nach schöngeistigen Werken umsieht, schnell das für ihn Geeignete. Denn „de gustibus non est disputandum“ — und bei der schönen Literatur kommt es nur auf den Geschmack an. Bei dem Gebrauch der Bibliographie wird am besten von einem umfassenderen Werk ausgegangen, um von diesem auf die Einzelliteratur zu kommen. Deshalb haben wir in unserer Auswahl, die schon aus räumlichen Gründen sehr beschränkt sein musste, viele stärker auf Einzelheiten eingehende Werke fortgelassen, da jeder, der sich für diese interessiert, sie in den grösseren Darstellungen angeführt finden wird. — Eine Bibliographie kann nur eine allgemeine Anleitung sein. Den Weg eigener Arbeit muss sich jeder selbst bahnen. — Wir haben dieses Nachwort mit einem Worte Schopenhauers begonnen, und wir wollen es auch mit einem solchen schliessen: „Zu diesem allen kommt, dass zu Papier gebrachte Gedanken überhaupt nichts weiter sind, als die Spur eines Fussgängers im Sande: man sieht wohl den Weg, welchen er genommen hat; aber um zu wissen, was er auf dem Wege gesehn, muss man seine eigenen Augen gebrauchen.“ Heinz Warschauer Fritz Aronstein Die „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland" (Frankfurt a. M„ Fuchshohl 67) versandte in diesen Tagen einen „Rundbrief", der in vielem eine wertvolle Ergänzung zu der von uns gebrachten „Bibliographie jüdifcher Werke" darstellt. Dr. Ernst Simon gibt einen bibliographischen Arbeitsplan „Jüdische Geschichte in 30 Abenden", der eine große Reihe von Büchern kritisch nennt; weitere Zusammenstellungen sprechen von Maimonides und von Manasse ben Israel und der Rückkehr der Juden nach England. Der Anleitung für Kursleiter dienen außer diesen mehr bibliographischen Hinweisen zwei Aufsätze von Dr. Erich R o s e n b l ü t h „Die Rückführung Israels: Esra und Nehemja" und „Der jüdische - Krieg und R. Jochanan b. Sakkai". Martin Bub er spricht über Bibelkurse, und andere Beiträge handeln von Pädagogischen Fragen, die sich im Lause der jüdischen Bildungsarbeit ergeben haben. F. Ar. Erste Liehe ■ Eine Erzählung aus dem ukrainischen Ghetto der Jahrhundertwende Von Micha Josef bin Gorion ( Berdyczewski) Geschichten wollt ihr von uns hören. Ihr wünscht, daß wir vor euch das Leben ausbreiten mit seinen mannigfachen ttnd verwickelten Vorgängen und Zuständen. Aber was ist aufwühlender als das Leid der Seele, die um ihren -Schmerz nicht einmal weiß? Keine noch so sein ausgedachte Erzählung kann uns irgendwie nützen, wentr sie nicht von dem Weh berichtet, das die Kreatur erduldet. Aber nun. Paßt aus und laßt euch von meiner Jugendliebe erzählen. Das Mädchen, dem die Neigung meines Herzens galt, hat von meiner Liebe nichts gewußt. Ich habe mit ihr darüber nicht gesprochen, wie denn überhaupt kein Wort in dieser Sache über meine Lippen gekommen ist, bis aus den heutigen Tag, da ich vor euch, meine Leser, stehe. Mittlerweile bin ich ein alter Mann geworden; ich habe vieles werden und vieles zusammenbrechen sehen, und das Mädchen, uteine Jugendgeliebte, ist nicht mehr am Leben — sie ist mir vorangegangen und weilt im Eden unter den Gerechten. * Es gab einen Mann in nteiner Heimatstadt, der hieß Jona. Das war einer, der durch seine Bildung und seine Kenntnisse, durch die seine Art zu sprechen und durch die Sauberkeit und Ordentlichkeit in der Kleidung sich von den übrigen Juden unterschied und kaum mit einem der dreihundert Mitbürger Gemeinschaft pflog. Er gehörte nicht zu den Neichen, doch war seine Lebenshaltung nicht dürftig. Er besaß kein eigenes Haus, aber der von ihm gemietete Teil trug ein gefälliges Gepräge: vor dem Eingang war Kies gestreut, die Fensterläden waren grün gestrichen, schon von außen atmete alles Ruhe und Ordnung. Und innen erst blitzte es vor Sauberkeit und freundlicher Reinlichkeit: Sofa und Sessel hell überzogen, ein Bücherschrank mit Glastüren, durch die die bttnten Bücherreihen zu sehen waren. Eine altertümliche Uhr mit glänzenden Messinggewichten hiitg an der Wand, und leinene Läufer liefen aus dem Fußboden von Tür zu Tür; die Fenster hatten gehäkelte Vorhänge, die bis zur Erde reichten, und an den Fensterbrettern standen blühende Blumentöpfe, sorgsam gepflegt. ' Einen Freigeist Hütte man Jona nicht nennen können, aber er war kein Sklave von abergläubischen Vorstellungen, von veralteten Sitten und unnötiger Gesetzesstrenge. Er liebte den reinen geläuterten Glauben, wie er in dem Buche „Pflichten des Herzens"*) beschrieben ist, das er in der Jugend gelesen hatte, als er sich mit diesen Fragen beschäftigte. Danach, wo es hieß, eine Familie ernähren, nahm er eine Stelle als Buchsührer in einem Handelshause an; und von der Zeit an guckte er nur am Schabbat in eines der leichteren Bücher hinein ... Beim Verlesen der Thora im Bethaus hatte er auf seinem Pult keinen gewöhnlichen Pentateuch mit den üblichen rabbinischen Auslegern zu liegen, sondern einen mit dem neuzeitlichen Kommentar „Lehre und Gebot"**). Die blumigen Redewendungen dieses Bibelauslegers behagten ihm besonders; sie waren Früchte der Bildung und Mittel zur Erlangung derselben, und Bildung, das war eine schöne und nützliche Sache... Von dem Streit der Meinungen sowie von allem, was geeignet war, Unfrieden unter den Menschen zu säen, oder auch nur den Frieden seines Herzens zu *) „Herzenspflichten" (Chowot Ha-Lewawot) des Bachja ibn Pakuda (um 1085). **) Die Lektüre des Kommentars „ha-Thora weha-Mizwa" des Rabbiners Meir Löw ben Jechiel Michel (Malbim; 1809/79) war, trotz der traditionellen Einstellung auch dieses Autors, ein Zeichen des Fortschrittes'und der Aufgeklärtheit. untergraben, hielt er sich fern. Ihm genügte das Bewußtsein, den rechten Weg zu gehen und von der Stimme der Zeit etwas vernommen zu haben. Jona hatte eine Frau, die hieß Mirjam; sie war groß gewachsen und fünf Jahre älter als er. Die mittleren Vorderzähne oben und unten fehlten ihr, und wenn sie lachte, wurde ihr Gesicht schief. Doch war sie eine gute Frau und in ihrer Jugend-wohl auch hübsch gewesen. Den ganzen Tag verrichtete sie Hausarbeit und hielt sich, wenn sie sich hinsetzte, in der Schlafstube auf; das große Vorderzimmer gehörte dem Mann, und den störte sie nicht gern. Kam ein Gast, so begrüßte sie ihn und reichte ihm Tee, danach verschwand sie. Eine seltsame Ausgeglichenheit zeichnete die Frau aus; ihr Gemüt war ohne eine Furche, und die Geruhsamkeit ihres Wesens teilte sich den andern mit. Mirjam war im Grunde ihres Herzens gottesfürchtig und gläubig nach der alten Art; doch suchte sie sich auch dem Gotte Jonas zu nähern, natürlich nicht um ihrem Manne zu schmeicheln, sondern aus ihrem mütterlichen Gefühle heraus. Die Bücher ihres Mannes hielt sie in Ehren, obwohl sie wußte, daß sie nicht alle im Sinne des Gesetzes heilig waren; aber sie waren ihrem Eheherrn teuer, und das war ausschlaggebend. Eigentlich wünschte sie ihren Gatten nicht anders, als er war; ein altmodischer Mann wäre ihr wohl gar nicht recht gewesen. - Es freute sie auch, daß ihre einzige Tochter eher noch neuzeitlicher war als der Vater, und Bildung zu gewinnen bestrebt war. Nun ich aber von der Tochter spreche, von diesem Wesen, das das Dunkel meiner Jugend erhellt hat, stehe ich schon mitten drin in der Erzählung. Ein Menschenalter ist vergangen, ein langes und hartes Leben, und immer noch steht sie vor mir, sobald ich sie nenne, im Reiz ihrer Schönheit, jung und schlank, mit zwei langen blonden Zöpfen. Nechama, die Tochter Jonas und Mirjams,. war ihr einziges Kind. Weder vor noch nach ihr wurden ihnen Kinder geboren. Die guten Eigenschaften der beiden Eltern waren in ihr vereinigt: von der Mutter hatte sie die Geradheit des Herzens, von dem Vater die Liebe zu den Dingen des Geistes, und das verlieh ihrem Gesicht eine besondere Verträumtheit und Lieblichkeit. Wo sie nur auftrat, verbreitete sie Licht; es war, als bahnte sich der Frühling einen Weg, als gäbe es im Leben keine Trübsal und keinen Haß, nur eitel Wärme und Sonnenschein. — Wohl wußte ich von der Bibel her, daß Sara ein schönes Weib gewesen ist, nach der alle große Sehnsucht getragen haben; ebenso wußte ich von der Anmut Rebekkas und von der Nahels, die mit den Schafen daherkam. Doch ahnte ich nicht, daß eine solche Schönheit in unserer Zeit unter uns leibhaftig umherwandeln kann, daß in der Stadt, in der ich geboren und ausgewachsen bin, ja in der unweit der Wohnung meines Vaters gelegenen Straße, im Hause eines mir bekannten Mannes eine solche Blume gedeiht. Durch diese Straße war ich einmal'gegangen und hatte sie an der Schwelle ihrer Tür erblickt... Oh, ich wußte diesen ganzen Tag nicht mehr, wie mir war, ich fühlte mich in eine andere, höhere Region versetzt; ich hatte sie vom ersten Augenblick an heiß geliebt, ihr Bild drang in mein Herz und setzte sich da fest. — Einen Monat lang währte diese erste Zeit meiner jungen Liebe. Ich getraute mich nicht, meinen Eltern und Geschwistern in die Augen zu schauen; ich hatte Angst, sie würden erkennen, was in meinem Innern vorging, mir deuchte, man könnte mir meine Gefühle vom Gesicht ablesen. Als einmal Jona, ihr Vater, sich im Bethaus mit.einer Frage an mich wandte, wußte ich ihm keine Antwort zu geben, so verlegen war ich. Doch bald nahm ich allen meinen Mut zusammen und suchte die Straße aus, in der das Mädchen wohnte, mit der stillen Hoffnung im Herzen, ihr zu begegnen. Ich hatte aber kaum die Straße betreten, als mich die Angst schon zurücktrieb; ich ging nur um ein paar Häuser herum und kehrte zurück. Auch fürchtete ich mich damals.

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