Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 11 (12.3.1936)
- Date
- 1936-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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be§ wirklich jüdischen Witzes, aus dem Wesen des jüdischen Menschen. Martin Bub er beendet seine Arbeit „Die Bibel als Erzähler" mit einer Betrachtung über den „Leitwortstil in der Pentateuch-Erzählung": über jene leitmotivischen seltenen Worte, die wichtige Motive wiederaufnehmen und tiefer führen, als eine Art rationaler Struktur des epischen Gesamtgefüges. Jakob Picard beschließt die Erzählung „D e r Gezeichnet e", den unerbittlich geschilderten Schicksalsweg eines sich vergeblich empörenden Mißachteten in einer ländlichen jüdischen Gemeinde Westdeutschlands. Werner Cahnmann nutzt eine kleine Untersuchung über das Purim-Thema „Königin E st h e r sastet" zu Bemerkungen „zu dem befangenen Zögern und zur Demut einer jüdischem Tapferkeit". — Die Presseschau des Heftes knüpft an den Artikel Ludwig Landaus über jüdisches Geschichtsbewußtsein an, indem sie auf die „Wandlungen des Geschichtsbewußtseins der Umwelt, die auf dem Hintergrund einer von Grund auf veränderten Zeit sichtbar werden", hinweist und davon ausgeht, daß das Volk von seinen Uranfängen und Wesen her als Träger der Geschichte zu gelten hat. In kritischen Referaten werden sodann das Modell von Alfred Nossigs Riesendenkmal „Der Heilige Berg" und. verschiedene Bücher besprochen. K.P. „Abendgebete“ Diesen Titel führt das geschmackvoll ausgestattete neue „Gebetbuch der Liberalen Synagoge Berlin". Diese zweite und vermehrte Auflage des in der Sammlung „Die Gemeinschaft" (Hefte für die religiöse Erstarkung des Judentums) 1927 erschienenen „Freitagabend - Gebetbuchs" ist in mehrfacher Beziehung beachtenswert. Als vor zwölf Jahren die „Liberale Synagoge Norden" gegründet wurde, hatte sie, wie Hermann Falkenberg in seiner Vorrede zu dem neuen Gebetbuch ausführt, sich zur Aufgabe genracht, Freiheit und Wandelbarkeit des Gottesdienstes wiederzugewinnen, dabei gehorsam dem Gesetz zu sein, das unsere Geschichte uns gibt. Es ging nicht um mechanische Kürzung und Zufallsgestaltung, sondern um planvolle Konzentration und Zusammenballung aller Elemente des Kultus. Man darf wohl sagen, daß diese Absicht in jahrelanger Erprobung und Bewährung erreicht worden ist. Von unseren schönen Gebeten sind die schönsten ausgewählt und unverkürzt ausgenommen oder in einigen Fällen auf ihre leitenden Gedanken zurückgeführt worden. Die Liberale Synagoge trägt dem Rechnung, daß ein großer Teil ihrer Getreuen, die sie für Gottesdienstliches überhaupt erst gewonnen hat, nur am Abend dafür Muße findet. Darum hat sie den Abendgottesdienst, insbesondere für das Zusammentreffen von Sabbat und Festtag, so weit ausgestaltet, daß er das Wesentliche des Morgengottesdienstes mit umschließt. So erklärt es sich, daß wir in diesen „Abendgebeten" auch solche finden, die nach der traditionellen Weise da nicht rhren Platz haben. An dem Abschnitt, welcher der häuslichen Feier dm Sabbat-Ein- und -Ausgang und an Festtagabenden gewidmet ist, bezeugt sich in hohem Maße die feinfühlig sichtende und ordnende Hand des Herausgebers. Dem Gebetbuch schickt Hermann Falkenberg eine „Kurze Einführung in die Entwicklung und den Inhalt des Abendgebetes" voraus und später leitet er dann durch eine knappe, Stimmung schaffende Betrachtung zur häuslichen Feier über. Ganz hervorragend ist fast in allen Teilen die deutsche Ilebertragung. Sie ist nicht immer eine wortgetreue Uebersetzung und sie lehnt sich an einigen Stellen an Franz. Rosenzweigs Vorbild und Arbeit an. Ungewöhnlich für ein Gebetbuch Der Autor des „Uriel Acosta“ Zum 125. Geburtstag Karl Gutzkows am 17. März Im Salon der Rahel wurde der junge Gutzkow von den letzten Ausstrahlungen des Goethe-Kults erreicht. Von Hegels Schüler Eduard Gans wurde er in gemeinsamen Gesprächen mit dem französischen Journalisten Girardin, der bei Gutzkow deutsche Sprachstunden nahm (es war jener Gegenspieler Armand Carrels, des Helden eines Schauspiels von Moritz Heimann), zunächst widerstrebend mit den Ideen der französischen Juli- Revolution bekannt gemacht. Zwischen Goethe und Politik bewegte sich sein Schaffen. Mit Heinrich Stieglitz, dem Vetter von E. T. A. Hoffmanns Julia Marc(us), gehörte Gutzkow jener Generation an, die durch Goethe alle Kraft im Reiche der Dichtung verbraucht fand. Aber hätte Stieglitz und die „Epigonen" mit Hjalmar Ekdal ausrufen können: „Was soll ich denn noch erfinden? Die anderen haben ja schon alles erfunden!", so eroberten das „Junge Deutschland" und Gutzkow, der in seinem Roman „Wally, die Zweiflerin" außer Gedanken Rahels und Bettinens „Reimarus" und David Friedrich Strauß' den Selbstmord der Charlotte Stieglitz verwertet hatte, sür das Schrifttum die Politik. Freilich teilte er, da er kein „Dichter" war, mit den übrigen Vertretern dieser Bewegung das Schicksal, daß von ihnen, wie es in einem unveröffentlichten Prolog Frank Wedekinds hieß, lebendig geblieben ^.nur der eine: Heinrich Heine!" Seine literarischen Sporen verdiente sich Gutzkow bei Wolsgang Menzel, der seit Heines Polemik den Beinamen „Der Franzosenfresser" führt. Wie es heute noch geschieht, wurde der Anfänger mit Buchbesprechungen beschäftigt. Der junge Mann kam mit seinem Meister auseinander, als ALLE BÜCHER können bezogen werden durch die Buchhandlung Martin Salomon, Berlin NO 55 Heinrich Roilerstrasse 21, E 3 2635 tfHbte Sorgfalt und der Formensinn, die auf das Satzbilds verwendet worden sind, um dem Beter und . Leser den _ Bau und den Rhythmus des hebräischen Originals näher zu bringen. Schade, daß ihm nicht auch sür den hebräischen Text selbst allgemeiner, als es geschehen ist, durch reichere Anwendung von Interpunktionszeichen mehr Anhalt zum rechten Verständnis gewährt worden ist. Kleine Einzelheiten, die vielleicht anders gedacht werden können, sollen nicht weiter berührt werden, aber das Folgende wag nicht übergangen 'werden: In dieser Ausgabe hat das wundervolle 'Gebet „Haschkiwenu" wieder die vollständige überlieferte Fassung des Schluffes, d. h. auch.die Worte .„wchl-JPuschalajim"-; in der Ilebertragung bleiben sie aber unübersetzt oder unerwähnt. Ganz abgesehen davon, welche reale und seelische Bedeutung der Begriff „Jerusalem" in unseren Tagen für uns erlangt hat, gibt es wohl kaum einen Juden, der bei aller Unkenntnis des Hebräischen nicht wüßte, was J'ruschalajim heißt. Kann man glauben, daß er nicht die Inkonsequenz fühlen sollte, die hier zutage tritt oder daß er sie gutheißen und mitmachen werde? Es ist schön, wenn in der Uebertragung der Schutz Gottes auf die ganze Menschheit ausgedehnt wird, aber Jerusalem braucht deswegen nicht verschwiegen zu werden, wenn es der hebräische Text auch nicht tut. Das neue Gebetbuch ist durch eine 45 Seiten umfassende Notenbeigabe (mit lateinisch geschriebenem Text) ausgezeichnet, welche das Mitfingen aller Gemeindegesänge und die selbständige gesangliche Ausführung der häuslichen Feier ermöglichen und erleichtern soll. Auch Nichtmitgliedern der Liberalen Synagoge dürfte die Gelegenheit willkommen fein, durch das Gebetbuch die Melodien des Kiddusch, der Hawdala, des Schir hammaaloth, der Lieder Jom se l'jisrael und Hammawdil sich zu eigen machen zu können. Hermann Falkenberg hat mit dresem Buch die gesamte Gebetliteratur um eine wertvolle Erscheinung bereichert. M. Abraham. Aus Rabbiner Dr. Salomon Breuers nachgelassenen Schriften. Belehrung und Mahnung, vierter Teil. Verlag der Rabbiner Hirsch-Gesellschaft, Frankfurt am Main. Wie die vorangehenden drei Teile der Sammlung legt auch dieser Zeugnis ab von der dem Verfasser eigenen Kunst architektonischen Aufbaues. . Die Problematik eines zuerst überraschenden, ja Widerspruch herausfordernden Ausspruchs unserer Weisen reift langsam ihrer Lösung entgegen. Während die Erkennung der Idee anfangs durch Heranziehung anderer Aussprüche nur erschwert zu werden scheint, fällt alsbald durch begriffliche Klärung Licht über bas Ganze. Der Gedankenaufbau wird auf diese Weise zu einem ästhetischen Genuß. Vor allem aber gewinnt der Leser eine Bereicherung seiner jüdischen Welt- und Lebensanschauung, wenn er den tiefen Gehalt dieser warmen und tiefgehenden Worte auf sich wirken läßt. Die Bestimmung der Predigt wird hier erzählt: Belehrung, Mahnung, Aufrichtung. Der Ausblick auf dre Werte der Ewigkeit verbürgt dem Werk eine Bedeutung, die den Wechsel der Zeiten und Geschicke überdauert. —k. 1 Die zehn Märtyrer. Ein Legendenkreis. Aus den Sammlungen von Micha Josef bin Gorion. Schocken-Verlag, Berlin 1935. In der Jom-Kippur-Liturgie ist von zehn Märtyrern die Rede, in der volkstümlichen Ueberlieferung unserer Geschichte treten sie mehrfach auf, im Talmud und im Midrasch werden sie in verschiedenen Versionen erwähnt. Es sind zehn Männer, die während des letzten nationalen Aufstandes der Juden im. Altertum von den Römern zu Märtyrern gemacht wurden, weil sie dem Judentum treu blieben, Tora taten und lehrten. In allen Versionen ist, während manche andern Namen wechseln, Rabbi Akiba der Anna Pawlowas geze Zum fünften Todestag der Vor fünf Jahren starb die Tänzerin Anna Pawlowa im Haag. Wie wir erfahren, gelangt jetzt ihrer .Tanzkunst zUm Gedächtnis in- Paris und New-Pork der soeben vollendete Pawlowa- Film zur Uraufführung, dessen Einkünfte der Errichtung eines Gedenkbrunnens gewidmet sind, der im Londoner Regents-Park Aufstellung finden soll. Man muß einmal die „Erinnerungen" Anna Pawlowas in der Hand gehabt haben, um ihr Leben zu verstehen und ihre vielfältigen Beziehungen zu den Menschen ihrer Zeit. Mit Interesse wird man aus diesem Buch ersehen, wie ernst sie ihre Kunst nahm, wie sehr sie von frühester Jugend an sich auf den Beruf als Tänzerin innerlich einstellte. Als sie im Jahre 1907 zum erstenmal auf einer ausländischen Bühne stand, in der Berliner Staatsoper, lernte sie auch Ernst O p p l e r kennen, der im Laufe der Jahre immer und immer wieder die Pawlowa gezeichnet hat, wenn sie im Nahmen der Veranstaltungen des russischen Balletts austrat. Ein kleines Mädchen, dem in der Schule die Aufgabe erteilt wurde, ein selbsterdachtes Märchen niederzuschreiben, begann seine Erzählung mit den Worten: „Es war einmal eine Feder, die hieß Anna Pawlowa." „Dies", erklärte die Tänzerin, als man ihr darüber berichtete, „ist das schönste Lob, das mir je im Leben dargebracht wurde." Uns aber wollen die vielen Radierungen von Ernst Opplers Meisterhand fast ebenso wertvolle Dokumente bedeuten. In mehreren „Zuständen" sind Blätter wie „Die Pawlowa im .Schmetterling" oder „Die Pawlowa im .Sterbenden Schwan" erhalten. Ihre diskrete Nadelfühung, bei Bildnissen so selten zu finden, kennzeichnet Ernst Opplers künstlerischen Takt, jener selbe Takt, der im tiefsten Grunde auch die gehaltene und würdevolle Auffassung der Pawlowa leitete und der mehr auf die Haltung der ganzen Erscheinung als aus die besonderen hervorstechenden Ausdruckswerte ausgeht. Gerade hierin erkennt man die ganze Intimität der Charakteristik, die der Radiernadel Opplers eigen gewesen ist. Viele Meister der Lithographie hätten hier mehr die sogenannte ausdrucksvolle Maske betont; dem malerischen Geschmack Ernst Opplers aber lag dies nicht. Im Blatt „Die Pawlowa im .Schmetterling" sieht man, wie in rasendem - Tempo die Kurve dem Tänzerpaar nachsliegt, die Linien fliehen förmlich, und die beiden schwarzen Flecken von Haar und Mühe eilen, hinterdrein. Und dann die Darstellung ihres großen Erfolges: „Der Sterbende Schwan"! Die großen Tänze ihres Erfolges, jenen „Sterbenden Schwan", die „Gavotte", „Amarilla" und „Gifelle", hatte die Pawlowa während des Weltkrieges für die Hinterbliebenen und die Heimatlosen der Kriegsschauplätze namhafteste dieser Märtyrer, und die großartige Legende seines Aufstiegs aus dem Hirtenstande zum begehrtesten und gelehrtesten Meister der Lehre bis zu jener Tragödie seines Untergangs, da er in dem Krieger Bar Kochba den Messias sah und den Römern zum Opfer fiel, bildet den grellbunten und ergreifenden Hintergrund des Kreises dieser Erzählungen. Deren Sinn ist nicht nur, das Leiden der Gerechten zu verherrlichen, sondern auch, es zu motivieren. Auch sie sind nicht frei von Schuld und Fehle, wenn auch in unfern Augen ihre Schuld kaum zählen mag: Akiba hat einmal unwillentlich die Ehre seines Lehrers verletzt, außerdem aber büßen die Märgrossen russischen Tänzerin getanzt, nicht ahnend, daß sie wenige Jahre später auch ohne Heimat sein würde. In das verwandelte russische Vaterland kehrte sie nie mehr zurück. England wurde ihr eine zweite Heimat. In jenem Londoner Vorort, in Hampstcad, wo heute so viele Frankfurter Juden wohnen, dib seit Jahrzehnten dort leben, ist Ivy House heute zum Museum geworden, der Platz, an dem sie ihre Schwans fütterte, in dem ihr Gatte, W. d'Andrö, das Vermächtnis der Verstorbenen hütet. Ihr Bild aber leuchtet unvergänglich aus dem Blatt des,,Sterbenden Schwans"; der Maler, der es nicht oft genug wieder neuschasfen konnte, war kurz vor der Tänzerin gestorben. Das Reifen einer Idee kann irgenüs besser und eindrucksvoller beobachtet werden als in diesen Opplerschen Radierungen. Während der erste Zustand das Moment gibt, da der Meister die Form der Bewegung gefunden und festgelegt zu haben glaubte, erscheint ihm im zweiten Zustand das Ganze noch zu aktiv; er findet, daß der im Kreiswirbel noch fliegende Ballettrock der Pawloiva sich nicht mit dein weichen Zurücksinken des Sterbenden Schwans decke, der in das aufnehmende Dunkel der Kulisse verschwindet. Und im letzten Blatt sehen wir daher, daß der Wallettrock zu einem nur schillernden Rund geworden, daß-der Krampf der Bewegung aufgehört hat. Alles sollte träumerisch werden, seliger in das Dunkel hineingleiten. Der Künstler empfand lange Zeit die Figur dieser Radierung als noch zu materiell in den Proportionen. Im ersten Zustand der in allen Ländern berühmt gewordenen Pawlowa-Radierung zeigt die große Tänzerin jene kurzen Arme, die Proportionen richtiger sind; schon im zweiten Zustand erscheinen diese Arme bedeutend verlängert. Ernst Oppler ging es nicht um die Nichtigkeit, sondern um die Äusdrucksfähigkeit der Kunst! Jene längeren Arme, die er der großen Tänzerin schließlich in seiner Meisterradierung gegeben hat, sehnen sich in das weite Dunkel hinein, vor dem die Gestalt der Anna Pawlowa wie ein langsam ermattender Lichtschimmer schwebt. Dr. Olga Bloch. In dem Londoner Stadtsiß von Sir Philip Sassoon wurde eine Gemäldeausstellung, die ausschließlich aus Werken von Gainsborough, dem Meister des 18. Jahrhunderts besteht, eröffnet. Verschiedene Gemälde sind noch nie gezeigt worden u. a. „The Masham Children“, dessen Wert auf zwei Millionen RM geschätzt wird. Die Einnahmen der Ausstellung, die u.' a. von I. P. Morgan, den Rothschilds und den Herzogen von Northumberland, Westminster und Buccleuch beschickt wurde und 150 Gemälde zeigt, fließen dem Royal-Northern-Krankenhaus zu. V tyrer fremdes Unrecht. Aber die eigentliche. Bedeutung des Legendenkreises und seine tiefste Wirkung bleibt'die Beispielhaftigkeit der Seelengröße und Standhaftigkeit, mit der die Zehn Marter und Tod auf sich nehmen, und die Wurzeln solcher Erhabenheit werden mystisch bis in die Anfänge des jüdischen Geistes zurückerlebt, während ihre Frucht immer weiter wächst und noch die spätesten Geschlechter stärkt. Am Ende sind die Märtyrer nicht nur im Paradies, sondern auch in uns. — Für die Klarheit der Komposition dieser vielen und verschiedenartigen Texte durch Rahel und Emanuel bis Gorion dürfen wir besonders dankbar sein. L. H. er dessen Goethe-Gegnerschaft nicht mehr mitmachte und die schwäbische Dichterschule im Sinne Goethes aburteilte. Ursprünglich bewunderte Menzel Börne und Heine, in der württembergischen Kammer setzte er sich für die Emanzipation der Juden ein. Aber als Gutzkow des toten Schleiermachers „Vertraute Briefe über die Lucinde" neu herausgab — mit einem freilich unreifen Vorwort, das die taktische Geschicklichkeit aufbot, dem anerkannten Theologen , als Kronzeugen gegen die Sittenschnüffler der Reaktion anzurufen, als er gar ein Konkurrenzunternehmen zu Menzels Zeitschrift vorbereitete, da bekämpfte Menzel Gutzkows Roman. „Wally", in dem übrigens eine jüdische Jrauengestalt, die reiche Adolfine vorkommt, und die „ganze Richtung". Menzel prägte in seinen wiederholten Polemiken den' Ausdruck „La jeune Allemagne“, das eigentlich „ein junges Palästina" wäre. Gutzkow, Laube, Wienbarg, Mündt, Kühne waren keine Juden, die Gruppe wurde auch keineswegs von Heine oder Börne, die unter sich uneins waren, geführt. Aber Menzel erreichte ein Generalverbot der Schriften des „Jungen Deutschland" durch den Bundestag. Gutzkow, der es mit Börne gegen Heine hielt, der ihn seinerseits dahin charakterisierte, daß die Natur „sehr bescheiden war, als sie ihn schuf, den Unbescheidensten", stand mit Heine und Wienbarg für seine Ideen gerade. Die andern duckten sich und fielen um. Gutzkow fand' ohne Konzessionen den Anschluß an die Zeit, als Dramaturg in Dresden ein Talentefinder, der Entdecker Büchners, „offizieller" Dramatiker mit dem „Königsleutnant", in dem der junge Goethe auftritt (zu Goethes 100. Geburtstag),' in „Zopf und Schwert" Scribes Jntriguen-Historiettcn auf preußische Verhältnisse übertragend, im „Urbild des Tartüsfe" ein Kämpfer gegen Heuchelei konnte er an den wechselnden Verboten und Aufführungsgenehmigungen des „Uriel Acosta" nach eigenen Worten, „eine Art Barometer für die öffentlichen Zustände" erkennen. Statt „Priester" mußte in den ersten Aufführungen des Stückes das Wort „Rabbiner" eingesetzt werden. Das Drama, ein Ausläufer der klassischen Jambendramatik, wurde ins Englische, Ungarische, Schwedische, Dänische, in alle slawischen und romanischen Sprachen übersetzt, zuletzt ins Hebräische; in Granowskys Inszenierung wurde „Uriel Acosta" Repertoirestück der Habima. „Uriel Acosta" ist die bessere Dramatisierung einer seiner ersten Veröffentlichungen, der Novelle „Der Sadduzäer von Amsterdam". Acostas Selbstbiographie war seine Quelle, von der Herder sagte: „So möchte ein jeder, der, von den Menschen aus der Welt gedrängt, zuletzt noch einige Worte für Menschen zu schreiben guten Willen und Kraft hat, sein Exemplardes menschlichen Lebens dem des Acosta hinzusügen." „Die Sadduzäer von Amsterdam" und „Uriel Acosta" stellen den Treffpunkt dar, an dem der klassische Humanismus in den politischen Liberalismus einmündet. In diesem Schauspiel lebt Schillers. Forderung nach Gedankenfreiheit fort und es ist zugleich die Tragödie des Widerrufs, die Gutzkow an seinen Zeitgenossen erfahren hatte. Mit Recht weist Georg Brandes darauf hin, wie sehr es an männlichem Ernst Heines „Almansor" übertrifft. Von Gutzkow lebendig — und auch das wohl nur unter Juden — ist allein sein „Uriel Acosta" geblieben. Und durch Gutzkow lebendig hat sich unter den Juden die Gestalt Ben Akibas gehalten, mit seinem geflügelten Wort „Alles schon dagewesen", das Man unwillkürlich fälschlich fast mit dem historischen Akiba der Bar Kochba-Zeit verbindet. Wird jedoch „Uriel Acosta" wenn nicht mehr gelesen, so doch gelobt, so ist bei seinen dickleibigen Romanen „Die Ritter vom Geiste" und „Der Zauberer von Rom" heute weder das eine noch das andere der Fall. Und doch: auch in ihnen sind Reste der goethischen Bildungswelt, denen der Bewunderer Bettinens stets Treue wahrte, in ihnen kündigen sich die Ideale der Arbeit an — von Lenaus „Faust" heißt es bei Gutzkow, dieser müsse verzweifeln, weil er nichts gelernt habe —, und er schuf jene neue Technik des Nebeneinander, auf welcher der europäische Zeitroman beruht. Es ist die größere Dichtungsnühe und die Verfeinerung der deutschen Stilmittel, wenn Anhängern der Romankunst Jakob Wassermanns der Vergleich mit Gutzkows Romanen vom Geiste, der über der Epoche unsicherer zittere als das Sonnenlicht, und von dem deutschen Priester, der nach seiner Wahl zum Papste die Gedankenfreiheit verkündet, ketzerisch vorkommt. Aber die Art, Zeitgemälde wiederzugeben, ist bei beiden die gleiche, ' und Wassermann droht mit den Vorzügen und , Gefahren Gutzkows auch das Schicksal des schnellen Veraltens. Ein kenntlicher Weg führt von- Schlegels „Lucinde" über Gutzkows „Wally" zu Wassermanns „Renate Fuchs" und vor Wassermann griff Gutzkow in den „Söhnen Pestalozzis" zum Kaspar-Hauser-Stoff. Mit einem „Hamlet itr Wittenberg" ging er der jüngsten Schöpfung Gerhart Hauptmanns voran. Das sind immerhin Verbindungslinien, die einen.nicht mehr gelesenen Autor in der Geistesgeschichte vor dem Vevgessenwerden bewahren sollten, wenn auch Berthvld Auerbach mit. seinem Nachruf Unrecht behalten hat, daß nach seinem Tode das Unleidliche und Unnatürliche abfallen und Gutzkow in die Reihe der wirkenden Geister deutscher Nation eintrcten werde. Seiner Frühzeit gehört ein Jambendrama „König Saul" an, in dem Saul das Alter, David die Jugend symbolisiert und den König verrät. Das Motiv der Philister-Prinzessin Zeruja, die in der Brautnacht ihren Gemahl Astaroth erschlägt, war eine der Anregungen zu Hebbels „Judith". Dr. Lutz Weltmann. Autoren gesucht. Die Jüdische Buch-Vereinigung macht in Ergänzung ihres Aufrufs an jüdische Autoren, Manuskripte zur Prüfung zur Verfügung zu stellen, darauf aufmerksam, daß sie satzungsgemäß lediglich jüdische Stoffe annehmen darf. Der Bortrupp Verlag, Berlin SW 29, Hasenhcide 54, gibt soeben in einem neuen Katalog über sein bisheriges literarisches Schaffen ' einen Ueberbt ick zur Rechenschaftsablegung vor der jüdischen Leffentlichkeit. Der Katalog wird allen Interessenten aus Wunsch kostenfrei zugesandt.