Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 9 (27.2.1936)
- Date
- 1936-02-27
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gutachter im Rohling / Bloch-Prozess Ein Gedenkblatt für Theodor Nöldeke Theodor Nöldeke wäre am 2. März ttOO Jahre alt geworden. Zwei Monate vor Vollendung des 95. Lebensjahres hatte er sein irdisches Leben beschlossen. Dankbarkeit und Pflicht gebietet uns die Erinnerung festzuhalten an einen überragenden christlichen Gelehrten, der durch seine philologischen und geschichtlichen Forschungen über die Sprachen und Probleme des alten Orients der jüdischen Wissenschaft aus den verschiedensten Gebieten unschätzbare Dienste geleistet hat. Im Jahre 1872 würde Nöldeke an die neugegründete deutsche Universität Straßburg berufen, und mit dem Namen dieser Universität ist der Name Nöldeke untrennbar verbunden. Straßburg wurde durch ihn zum Mittelpunkt der orientalistischen Studien für die ganze Welt. Die meisten Vertreter der orientalischen Sprachwissenschaft an deutschen und nicht weniger an ausländischen Hochschulen haben in Straßburg durch ihn ihre Ausbildung erfahren, und wer nicht zu seinen Füßen sitzen konnte, ist doch durch seine Werke sein Schüler geworden. — Im Vorwort der „Orientalischen Studien", einer Theodor Nöldeke zum 7 0, Geburtstage von Schülern und Freunden gewidmeten Jubelschrift, schrieb der berühmte holländische Orientalist M. I. de Goeje: „Auf dem großen Gebiete der semitischen Philologie, von welchem die meisten von uns nur einen Bruchteil beherrschen, sind Sie unumschränkter Meister; ja Sie haben die Grenzen dieses Wissensreichs nach verschiedenen Seiten überschritten . . . Wenngleich aber die Ueberlegenheit Ihres wissenschaftlichen Urteils Sie uns unbedingt als Meister anerkennen heißt. Sie selbst wollen uns nur der freundliche Führer sein, der weise und bedachtsame Ratgeber . . . Hand in Hand mit unserer Verehrung für Sie als Gelehrten geht darum auch unsere herzliche Zuneigung und unsere hohe Achtung vor Ihrer Persönlichkeit und auch diese soll Ihnen hier aufs neue bestätigt werden." Es darf nicht meine Aufgabe sein, in eine Würdigung der Lebensarbeit Nöldekes einzutreten oder auch nur die Titel seiner größeren Werke hier anzugeben; mehr als 7 0 0 Arbeiten sind aus seiner Feder hervorgegangen. — An äußeren Ehren hat es diesem Gelehrtenleben nicht gefehlt. Nöldeke war Mitglied oder Ehrenmitglied aller Akademien und gelehrten Gesellschaften Deutschlands und anderer Länder. Auch Orden unb Ehrenzeichen wurden ihm zuteil. Nur auf zwei seiner Orden legte er Wert; das waren der Orden Pour 1 e m e r it e für Wissenschaft und Kunst sowie die Rettungsmedaille, die er sich verdiente, als er einen Knaben vor dem Ertrinken in der reißenden Jll rettete. — Seine Vaterstadt Harburg hat sein Andenken dadurch geehrt, daß sie ihn an seinem 90. Geburtstage zum Ehrenbürger ernannte und eine Straße nach ihm bezeichnete. Seit 1906 lebte er im Ruhestände. Als die Franzosen nach dem unglücklichen Ausgang des Weltkrieges wieder in das Elsaß einrückten, wagten sie es nicht, den weltberühmten, ehrwürdigen Gelehrten auszuweisen. Aber er konnte das Leben dort nicht lange ertragen und im Frühjahr 1920 verließ er freiwillig die Stadt und fand im Hause seines Sohne in Karlsruhe eine zweite Heimat. Theodor Nöldeke lebte nur seiner Wissenschaft, aber er setzte auch mutig Zeit und Kraft ein, wenn es das Allgemeininteresse erforderte. Das war im Prozeß Bloch kontra Rohling der Fall. Letzterer versuchte in seiner Schrift „Der Talmudjude" nachzuweisen, daß der Talmud den Ritualmord empfehle und bot dem Gericht einen Eid an, daß die Juden Christenblut für die Osterbrote gebrauchen. Als Bloch ihn öffentlich des Meineids beschuldigte, mußte er die Ehrenbeleidigungsklage einreichen. Auf das Ersuchen des Gerichts erklärte sich Nöldeke zu einem Gutachten bereit. Der überragende Gelehrte, der die gesamte jüdische Literatur umfassend beherrschte und auch den Talmud im Urtext zu lesen und zu interpretieren vermochte, widerlegte in seinem 90 Bogen starken, ei-dlich erhärteten Gutachten, in welchem 400 hebräische Texte übersetzt und erläutert waren, die Behauptungen Rohlings. Aus dem Beweismaterial sei hier einiges wiedergegeben: Sohar 1, 38b. „Ein Blick auf den Zusammenhang zeigt, daß der Verfasser des Sohar hier „Ermordete" meint; völlig klar ist das namentlich aus der Stelle, welche Professor Rohling ausläßt. Daß Rohling gerade diese Stelle ausläßt, ist auffallend. — Es mußte von vornherein fast unmöglich erscheinen, daß irgend eine Ausgabe des Sohar das böte, was Herr Rohling gibt. Um jedoch jeden Zweifel in einer so wichtigen Sache abzuschneiden, haben wir uns durch Vermittlung des hohen Gerichtshofes die von Herrn Rohling nach seiner eigenen Aussage benutzte Ausgabe Przemysl 1880 kommen lassen und müssen nun mit absoluter Bestimmtheit konstatieren, daß Herr Rohling hier eigenmächtig geändert hat. In Wirklichkeit handelt die Stelle von der himmlischen Belohnung der Leidenden und „Märtyrer" Israels, „welche von den übrigen Völkern getötet worden sind". Schon die Erwähnung der zehn Großen, der gefeierten zehn Märtyrer, unter denen A k i b a als der allergeseiertste ausdrücklich genannt wird, genügte, das klarzustellen. Den wahren Sinn der Stelle zu finden, bedurfte man also nicht des Nachweises, daß der Midrasch, den der Verfasser des Sohar hier benützt, von jüdischen Märtyrern spricht. — Aus nicht verstandenen Stellen so gravierende Schlüsse zu ziehen, wäre auch dann eine bedenkliche Sache, wenn der wirkliche Gesamts.inn weniger klar wäre und wenn dabei nicht so eigentümlich unphilologisch verfahren würde, wie es von Professor Rohling geschieht." Sohar II 182a: „In seiner allegorisierenden Weise identifiziert hier der Sohar den Sauerteig mit dem Götzendienst und dem bösen Triebe überhaupt, indem er davon ausgeht, daß im Pentateuch aus das Verbot des Götzendienstes unmittelbar das Gebot der Pessahbrote folgt; darin findet er im Anschluß an den Talmud einen tieferen Sinn. Davon, daß man die Akum entfernen müsse, ist durchaus nicht die Rede, abgesehen davon, daß der Sohar das Wort Akum hier wahrscheinlich gar nicht gebraucht hat, sondern, daß die Ausgaben rechthaben werden, welche „Aboda zara", fremder Götzendienst lesen, daß eben dieser Ausdruck hrer doppelt variiert wird. — Hier etwas wie Menschenmord oder Menschenopfer zu finden, ist ohne die ärgste Selbstverblendung nicht möglich." Sohar II 43a: „Auch an dieser Stelle ist keine Spur von Blutvergießen und dergleichen. Der böse Trieb soll aufgehoben werden, und die gesetzentfremdeten Israeliten werden A. Möbel fr ans p o r t e, U m z ü g e, Lage r Häuser, S p e z i a I i t ä t: Au sfa n d Vom Palästinp - Amt; empfohlen ü bersee nebenbei andeutungsweise unter Ausrottung durch göttliche Strafen bedroht. Professor Roh-- ling hat „Am haarez" hier wieder fälschlich als „Nichtisraelit" verstanden und dann durch ober-: flächliche Deutung einiger Sätze in dieser Stelle den blutigen Sinn gefunden, ohne zu berücksichtigen, daß der ganze Zusammenhang dagegen streitet." Als-1883 in der T i s z a—E szlar-Affäre die Nitualmordlegende austauchte, hatte Nöldeke öffentlich gegen diesen Verdacht Stellung genommen: „Wer behauptet, die Juden verwendeten zu einer Feierlichkeit Menschenblut, der stellt sich auf den Standpunkt des rohesten, orientalischen Religionshasses und Aberglaubens." Es sei mir gestattet, den Ausführungen persön-r liche Erinnerungen anzuschließen. Meine Beziehungen zu Nöldeke sind begründet in der nie getrübten Freundschaft, die ihn mit meinem Bruder, seinem Schüler Siegmund Fraenkel verband. Seit dem frühzeitigen Tode meines Bruders hat der große Gelehrte mic eine gütige Gesinnung bleibend bekundet in Briefen, aus denen unendliche Herzensgüte und rührende Bescheidenheit spricht. Aus den Briefen — Dokumente edelster Gesinnung — dürfte einzelnes allgemeines Interesse beanspruchen. Nach Erhalt meiner Schrift, „Der Anteil der jüdischen Freiwilligen am Befreiungskriege 1813/1814: „Ihre treffliche Schrift habe ich mit dem größten Interesse gelesen sowohl wegen der Angaben über die Tatsachen, die mir begreiflicherweise im ganzen neu waren, als auch wegen des Geistes, in dem sie geschrieben sind. Daß Ihre Glaubensgenossen 1813, kurz nachdem sie, wenigstens gesetzlich, von den mittelalterlichen Fesseln erlöst waren, in solchem Umfange als Preußen und Deutsche freiwillig ins Feld zogen, das verdient die höchste Anerkennung. . .". Nach Erhalt meines Feuilletons zu seinem 80. Geburtstage: „... Mein Hauptverdienst ist aber doch, daß ich mein Leben lang ziemlich fleißig gewesen bin (ohne mich je durch lleberarbeiten für eine Zeit zu ruinieren) und daß ich eben 8 0 Jahre alt bin ..." Das letzte Zeichen ungewöhnlicher Geistessrische empfing ich am 15. Dezember 1930 nach Uebersendung einer kurzen Biographie über Ludwig Traube: „.Ich sehne mich nach dem Ende, zumal ich nicht mehr wissenschaftlich forschen kann." Zehn Tage später ging der große Gelehrte zur ewigen Ruhe ein. Michael Fraenkel, Breslau. Berlin-Wilmersdorf Wi I h e I msa u e 3 6 Tel.; H 6 7236. Gegr 1851 ERZIEHUNG UND UNTERRICHT Praktische Arbeit im Lehrhaushalt Pro Kursus Mk. 25 — monatlich. 1. Hauswirtschaft, 2. Kochen, 3. Backen, 4. Plätten, 5. Schneidern u. ausbessern, 6. Chem. Reinigung, 7. Lederhandschuhe-, 8. Korsettanfertigung. MANNA LOPWFBerlin-Holen,,#' ITMININM GVEWEschweidnitzerStr.7Grths. Privatschule Pelteson Berlin W 15, Pariser Strasse 4. J 2, 6770 Grundschule für Knaben und Mädchen VI.—U. II. lyceal für Mädchen Sprechzeit täglich 10 bis 11 Uhr Internat Prediger Hirsch, Coburg gegr. 1917 Ideales Schulheim in prachtvoller Höhenlage. 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