Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 9 (27.2.1936)
- Date
- 1936-02-27
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 9 2. Beiblatt 27. Februar 1936 Josel von Rosheim 1478—1554' Von lait Plntlras Mit der Gestalt des Josef ben Gerschon, auch Joselmann, Joselin, meist aber Josel von Rosheim genannt, tritt uns ein ganz anderer Typus Jude entgegen als die bisher in der Reihe „Jüdische Gestalten" dargestellten Großen in Israel aus den Jahrhunderten der Diaspora. Er ist in der von Politischen, geistigen, religiösen Wehen wild durchschütterten llebergangsepoche vom christlich-europäischen Mittelalter zur Neuzeit der jüdische Politiker, der säst fünfzig Jahre lang im nntteleuropäischen Raum für die Juden mit unablässiger Aktivität wirkte. Josel war als „Oberster und Befehlshaber der gesamten Judenheit des heiligen römischen Reiches deutscher Nation" einerseits von Kaisern, Landessürsten, Städten und Behörden, andererseits von den Juden, den jüdischen Gemeinden, der „gemeinen teutschen Jüdischheit" anerkannt. Schon vor ihm sind gelegentlich Juden von deutschen Kaisern zu jüdischen Hochmeistern und obersten Rabbis eingesetzt worden; ihre Aufgabe jedoch bestand vor allem darin, von den Juden im weiten Reich Steuern für den Kaiser einzutreiben, als dessen >,Kammerknechte", das heißt der Kammer des Kaisers, des „obersten Schirmherrn der Juden", unmittelbar unterstehend, sie staatsrechtlich galten. Josel aber war der „große Schtadlan": der Sachwalter, Fürsprech, wie man damals sagte, der „Vorgänger der Judenheit im Reich". Er hatte sich die freiwillige Aufgabe gestellt, die später zu einer amtlichen wurde, Anwalt und Sprecher der Juden zu sein. In dieser rastlos und klug geübten Tätigkeit, so sagt er selbst, sei es ihm gelungen, Privilegien für die Judenheit zu erhalten, wie sie „seit den Tagen der Vorzeit uns nicht gegeben wurden von irgendwelchen Kaisern und Königen", und immer wieder und wieder die Ausweisung in einzelnen Städten und Ländern sowie im ganzen Reiche von den Juden abzuwenden ... zu einer Zeit, da die Juden bereits aus England (1290), Frankreich (1394), Spanien (1492) und nun auch, im Riesenreich Kaiser Karls V., ausgetrieben waren von den Niederlanden bis nach Neapel und Tunis. Ueberall, wo es in Mitteleuropa nötig und möglich, ja unmöglich erschien, war mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit, wie von einem Zaubermantel herbeigetragen, dieser merkwürdige, körperlich und geistig gleichermaßen regsame, unermüdbare, kleine Jude zur Stelle, in Süddeutschlnd wie in Schlesien und Böhmen, von Flandern bis nach Griechenland. Und auf seinem langen, harten und schweren Weg, kreuz und quer durch Mitteleuropa, kreuzt er die großen, historischen Persönlichkeiten dieser Epoche, kreuzt er die großen Ereignisse und Bewegungen der geschehensreichen ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts — nur mit dem Wort aufrecht und unantastbar wirkend unter allen Mächten eines in Aufruhr und Umschichtung befindlichen Europa. Josel lebte von etwa 1478 bis 1554. Er wurde geboren in einem Lande, das im Schnittpunkt der internationalen wie der innerdeutschen, der politischen wie der geistig-religiösen Kämpfe jener Epoche lag: im Elsaß.' Die Juden des Elsaß, meist aus Frankreich gekommen, sind elastischer und weltoffener gewesen als die nach dem Osten abgewanderten, sich dort verkapselnden Juden. Josels Vater war 1471 einer Judenverfolgung in Endingen entronnen, während welcher drei Oheime dieses Gerschon umkamen. 1477 mußte er wieder aus Oberehnheim vor brandschatzenden Schweizer Söldnern flüchten; kurz darauf kam Josel zur Welt. Wiewohl er mit sechs Jahren den Vater verlor, hat er sich frühzeitig außerordentliche Kenntnisse des jüdischen .Schrifttums,' fremder Sprachen, der Rechtsliteratur erworben, die es ihm ermöglichten, nicht nur einige erbauliche, gelegentlich die Juden scharf Zurechtweifende Schriften abzufassen, sondern zahllose rechtsuchende und rechtsverbindliche Schriftstücke aufzusetzen sowie in Prozessen, vor Fürsten und Behörden, vor Reichstagen und in öffentlichen Disputationen aufzutreten. Mit 26 Jahren ist er verheiratet; er hatte Kinder und Schwiegersöhne, wohnte erst in Mittelbergheim, dann, nach einem Prozeß und Gefangensetzung wegen angeblicher Hostienfchändung, bis zu seinem Tode in dem elsäfsischen Städtchen Rosheim. Das ist alles, was wir von seinem Leben wissen. Josel hat zwar, in einigen ruhigeren Stunden seines gehetzten Lebens, Memoiren geschrieben. In ihnen hat er aber nichts über sein Privatleben oder die Geschäfte, von denen er lebte, ausgezeichnet, sondern nur, in einem etwas verwahrlosten Hebräisch, was er in der Folge der Jahre für feine Glaubensbrüder getan hat: ein aufschlußreiches, imponierendes, erschütterndes Register. Niemals hat er für feine Bemühungen irgendein Entgelt genommen oder bekommen; er erhielt nur seine Spesen zurück, die er sehr gering berechnete und hat manchmal in feinen eigenen Geldbeutel gegriffen, große Summen hingegeben oder vorgestreckt, wenn es galt, rasch der jüdischen Sache zu helfen. Die Berichte von der Vertreibung der Juden aus Spanien und den Erlebnissen seiner Verwandten, die seine Kindheit überschatteten, sowie seine eigenen Erfahrungen weckten frühzeitig in ihm unauslöschlichen Eifer, in einer rechtsunsicheren Zeit ein Recht für die Juden und diesem Recht Geltung zu schaffen. So ist er bereits 1510 als Parnoß für das ganze Unter-Elsaß, die Landvogtei Hagenau, tätig, und fein Ruf als Derhändler wächst rasch, namentlich feit er 1515 zum ersten Male das tat, was die Juden bisher nicht gewagt hatten: er wandte sich persönlich an ihrem obersten Schirmherrn, den keineswegs judensreundlichen Kaiser Maximilian, der ihm daraufhin ein weitgehendes Privileg für die elsäfsischen Juden gab. Die damaligen Rechtsverhältnisse im Reich waren äußerst verwirrt, da die drei herrschenden Gewalten: die immer selbständiger sich gebärdenden Landesherren, die freien Städte und die Macht des Kaisers nebeneinander, durcheinander regierten. Zwischen diesen Gewalten standen die Juden. Nur Das Haus des Josel in Rosheim Jüdisches Museum, Berlin in einigen großen Städten, zwischen Frankfurt und Prag, durften sie sich zu großen Gemeinden zusammenschließen; S waren sie überall aus den Städten vertrieben, Hegern, sofern ihnen nicht die Länder überhaupt verschlossen waren, auf dem Lande oder lebten in kleineren Ortschaften, im Umkreis der Städte, immer bestrebt, dort wieder stättig oder wenigstens zu den Markttagen eingelassen zu werden. Von Steuern durch Land, Stadt und Kaiser geschwächt, aus den handwerklichen, kaufmännischen und landwirtschaftlichen Berufen ausgeschlossen, bot ihnen im allgemeinen Geldausleihen auf Zins und Handel mit Kleinware und verfallenen Pfändern die einzige Lebensmöglichkeit. Josel kämpfte lebenslang für die geringe Rechtsame der Juden. Prozesse, die Jahre und Jahrzehnte hindurch währten, führte er mit südwestdeutschen Städten um die Zulassung oder auch nur um die Erlaubnis, gegen Entrichtung eines Zolls zu Markte gehen zu dürfen. Seine Aufgabe war schließlich eine doppelte. Er hatte erstens den Geschäftsverkehr der Juden mit den Christen zu überwachen. Und er hatte zweitens Schwierigkeiten von den Juden abzuwenden durch private Schlichtung, durch schriftliches oder mündliches Vorbringen bei den zuständigen Behörden» durch offizielle Prozesse oder gar durch Intervention bei Kaiser und Reichstag. Und so trat er auch überall im Reich aus, wo Juden wegen Ritualmord, Hostienfchändung, Christenbefchimpfung angeschuldigt waren. Auch in solchen Prozessen erreichte er Außerordentliches, oftmals durch direkte Anrufung der Fürsten, auch des Kaisers. Aber diese Tätigkeit im einzelnen mündet in große Aktionen, die er für die Juden ganzer Länder und des Reichs, für die Judenschast als Gesamtheit durchführte. Es lag ihm daran, angesichts der unklaren allgemeinen Rechtsverhältnisse, prinzipielle Entscheidungen, möglichst von höchster Stelle, also vom Kaiser selbst, zu erhalten. Und dies Wirken im großen fällt zusammen mit der Regierungszeit Kaiser Karls V., während der, feit 1520, Josel bis zu seinem Tode tatsächlich eine Art Reichsvertretung der Juden in Deutschland darstellte. Karl V., Enkel des Kaisers Maximilian und zugleich Enkel jenes Königs von Spanien, der 1492 die Juden, 300 000 Menschen, vertrieben hatte, war Erbe des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation und zugleich Spaniens, der Niederlande, Süditaliens, Böhmens und Ungarns, also Herr des größten Teiles von Europa und wer gesamten, von Columbus und seinen Nachfolgern entdeckten neuen Welt. Und dieser mächtigste Herscher, der je auf Erden regiert hat, in dessen Reich die Sonne nicht unter-, in dessen Gemüt sie freilich niemals aufging, dieser von seinen weltbedeutenden Aufgaben erfüllte und zugleich niedergedrückte, frühzeitig verdüsterte, im spanischen Hoszeremoniell befangene und gefangene, fanatisch gläubige, von Gicht und Mißtrauen geplagte, kühl sich verschließende Kaiser ließ den Juden -^osel jederzeit vor sich treten. Josel durfte, gleichviel ob rmperfönlicher Zwiesprache oder aus den Reichstagen, seiner Mernung frei Ausdruck geben und wußte diese Meinung oft durchzusetzen; es läßt sich beweisen, daß manche der aus ^uden bezüglichen Edikte des Kaisers von Josel selbst entworfen oder zumindest unter feiner Mitarbeit entstanden sind. Josel besaß einen persönlichen Geleitbrief vom Kaiser, auf Grund dessen er unmittelbar dem Schutze Karls V. unterstand und überall im Reiche frei , reifen durfte. Wenn man aber fragt, wie denn Josel so schnell durch Europa hm und her zu reisen vermochte, so ist die merkwürdige Antwort zu geben: meist ritt er zu Roß, und er hat manchmal, wie er m seinen Erinnerungen gesteht, ein Pferd zuschanden rerten müssen, um zur rechten Zeit am Ziel zu sein. Niemals ist eine Regierung vielfältiger bedroht gewesen als die des scheinbar mächtigsten Kaisers der Welt; immer wurde er im Westen vom eifersüchtigen König von Frankreich angegriffen, während im Osten die Türken gegen Wien heranrückten, im Süden gab es dauernde Kämpfe mit der päpstlichen Herrschaft, im Innern brach 1525 die Revolution der Bauern in Süddeutschland aus, und seit der Augsburger Konfession 1530 waren nicht nur die Bewohner Deutschlands, sondern ebenso seine Fürsten in reformierte und katholische gespalten, so daß es, neben den geistig-religiösen, auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen innerhalb des Reiches kam. So grotesk es klingt: manchmal waren die Gegner des Kaisers auch die Gegner Josels. Sicherlich hat Josel dem Kaiser gelegentlich, wie Karl es fordern durfte, Geld von den Juden und Kriegslieferungen gebracht. Aktenmäßig Nachweisen läßt sich dieser Fall aber nur einmal, Mitte der vierziger Jahre in den Kriegen gegen Frankreich und gegen die im Schmalkaldischen Bund vereinigten Fürsten. Und in diesem Falle bedankte sich der Kaiser 1548 auf-dem Augsburger Reichstag, seine Untertanen auffordernd, die den Juden gegebenen Rechte zu achten, ausdrücklich für Josels Dienste „mit Geld und Proviant, das unserem Kriegsvolk zugeführt wurde". Diese Beträge waren verhältnismäßig gering. 1544/45 mußten 3000 Gulden, dazu 1400 Gulden für den Kaiser selbst, von den Juden in einer fast einprozentigen Sonder- Vermögensabgabe aufgebracht werden. Aber wie dem auch sei, von dem energischen, beweglichen, persönlich unantastbaren und diplomatisch geschickten Juden muß eine starke persönliche Ueberzeugungskraft ausgegangen sein. Als der zwanzigjährige Karl zur Königskrönung in Aachen 1520 einzog, erhielt Josel sogleich ein Privileg, nicht nur, wie er es eigentlich erstrebt hatte, für die Juden im Elsaß, sondern für die Juden im ganzen Reich. Als die große Baüernrevolution 1525 über den Rhein ins Elsaß hinüberschlug, da scheint die Gestalt Josels bereits sehr volkstümlich gewesen zu sein, denn die Bauernführer schickten einen Boten nach Rosheim zu Josel, der es durch geschickte Verhandlung und eine aus Eigenem vorgestreckte Summe erreichte, daß sowohl die Juden des Elsaß wie auch seine Heimatstadt Rosheim von den Ausrührern verschont wurden. Das damals vom Bürgermeister von Rosheim gegebene Versprechen: „Dein und Deiner Kinder sollen dessen enießen", wurde leider nicht gehalten, wie es das letzte eraltene Schreiben des Greises in ergreifender Weise bezeugt. Wie rasch und energisch Josel handelte, sei an dem Beispiel des Jahres 1530 gezeigt, sicherlich das erfolgreichste Jahr seines Lebens. Als der immer gut unterrichtete Josel hörte, daß aus dem bevorstehenden großen Augsburger Reichstag gegen die Juden der Vorwurf der Spionage für die Türken erhoben und Ausweisung aus den ostdeutschen Ländern sowie weitere Einschränkung ihrer Erwerbsmöglichkeiten angestrebt werden sollte, da reiste Josel dem von der Kaiserkrönung zu Bologna heimkehrenden Karl V. entgegen. Er erreichte ihn in Innsbruck, wo der Kaiser mit seinem Bruder Ferdinand, König von Böhmen und Ungarn, zusammentraf. Dort entkräftete Josel die gegen die Juden erhobenen Anschuldigungen und erhielt eine Bestätigung des vor zehn Jahren in Aachen gegebenen Privilegs für die „Jüdischheit allenthalben im Reich und unseren erblichen Fürstentümern und Landen gesessen". Wer sich gegen dies Privileg verging, sollte „50 Mark lötigen Goldes" zahlen, davon die Hälfte an die kaiserliche Kammer, die andere Hälfte an die Judenschaft. Der Reichstag von Augsburg 1530, der größte, Prunkhafteste und wichtigste Reichstag, der je stattgefunden hat, war bedeutsam für ganz Europa, weil hier der letzte vergebliche Versuch gemacht wurde, Katholiken und Reformierte zu einigen, und weil hier schließlich der Protestantismus in der Augsburger Konfession seine feste Formung fand. Aber auch das Schicksal der Juden sollte auf diesem Reichstag entschieden werden; Handhabe sollte die Beschuldigung der Spionage für die Türken sowie die Klage von neunzehn Reichsstädten .gegen die Juden wegen Wuchers geben. Der Kaiser stellte deshalb den in Augsburg erschienenen Sachwalter der Judenschast, um eine Stütze gegen die Aktion der Fürsten und Städte zu gewinnen, zunächst vor eine besondere persönliche Ausgabe. Ein übergetretener Jude, Antonius Margarita, Sohn des berühmten Rabbiners Margolis, hatte zu Beginn des Reichstags eine scharfe judengegnerische Schrift „Der gantz jüdisch Glaub" erscheinen lassen, die £5 Zukunft Ihrer Kinder Sit Landschulheim Florenz Höhere Schule und Internat 1. Schulbildung bis zum Abiturium 2. Für Knaben und Mädchen von 6—18 Jahren 3. Unter Leitung bewährter Pädagogen 4. Studienberechtigung in fast allen Staaten — Sprachen pflege 5. Werkunterricht, Landarbeit, Haus* haltkunde 6. Vorbereitung für Palästina 7. Aerztliche Ueberwachung, individuelle Förderung 8. Schönste Umgebung, gutes Klima, Sport 9. Erstklassige Verpflegung 10. Zeitgemässe Preise —> keine T ransferschwierigkeiten Neuaufnahmen zum 1.3. und 1.4.36. Auskünfte und Prospekte durch dieLeitung: Oberreg.-Rat a.o. Dr. Werner Peiser Dr. M. Goldstein Florenz, Villa Pazzi, Plan dei Guillarl