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Central-Verein-Zeitung · 1936-02-27 · 9 (27.2.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
9 (27.2.1936)
Date
1936-02-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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XV. Jahrgang 7 Nr. 9 Berlin, 27. Februar 1936 Preis 10 Pfennig entralerein ALLGENEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344.;?ie ••C.-V.-Zeitung“ erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt uad die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. — Bezugsgebühren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf. (Ausland 2,30 RM, umgerechnet in die Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20. Rpf.). ln r, ,e j?^eLer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene Millimeter-Zeile 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz- und Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Judendebatte im Sejm Eine Regierungserklärung Im polnischen Sejm hielt Ministerpräsident Kascialkowski eine Rede, in der er sich schars gegen den Antisemitismus in Polen aussprach. Der Antisemitismus, erklärte^ der Ministerpräsident, verletze die Autorität der Regierung und untergrabe die Grundlagen des Staates. Die Regierung werde nicht zögern, die antisemitische Kampagne ebenso zu unterdrücken wie die Tätigkeit der Kommunisten. Sie werde dafür sorgen, daß die Sicherheit der Bürger ohne Unterschied der Nationaliät und des Bekenntnisses gewahrt bleibe. Der Vorsitzende des Jüdischen Parlamentsklubs, Abg. Dr. Emil Sommerstein, richtete eine bittere Anklage gegen die Duldung der judenseindlichen Kampagne und wies aus die zahlreichen judenfeindlichen Ausschreitungen der letzten Zeit hin. Er übte scharfe Kritik an der Regierung, die es verabsäume, der judenseindlichen Presse Schranken auszuerlegen. Dieser von der Regierung geduldete Pressefeldzug sei es, durch den die Ausschreitungen hervorgerusen werden. Der Abgeordnete sprach sodann über den Wirtschastsantisemitismus in Polen und die damit verbundenen Boykottbestrebungen, die sich immer mehr verstärken. „Die Juden", erklärte Abg. Sommerstein zum Schluß, „haben in Polen das Recht auf Arbeit und Brot. Wir werden auf dieses Recht nicht verzichten; wir werden es nicht dulden, daß wir unterdrückt werden, und werden allen Angriffen standhalten." Verelendung der jüdischen Massen Ueber die „Pauperisierung der jüdischen Massen in Polen" hatte kürzlich Jakob Leszczinski in Warschau einen statistischen Bericht veröffentlicht, den die Blätter des Jüdischen Wissenschaftlichen Instituts auch als Separatdruck publizierten. Aus Grund der Steuerveranlagungen kommt Leszczinski zu folgendem Resultat: Die jüdische Bevölkerung in Polen besteht zu drei Vierteln oder vier Fünfteln aus Armen, die nicht imstande sind, auch nur 5 Zloty jährlich, oder höchstens imstande sind, 5 bis 10 Zloty jährlich. Steuern zu zahlen. Die wirklich finanzkräftige Spitze der jüdischen sozialen Pyramide besteht aus kaum einem Prozent der Bevölkerung und, zusammen mit den mittleren, gesicherten Existenzen, aus kaum fünf Prozent. Zwischen der gewaltig breiten armen Basis und der schmalen Oberschicht liegt eine Mittelschicht, die knapp das Nötigste zum Lebensunterhalt verdient und annähernd 15 Prozent der jüdischen Bevölkerung ausmacht. Der Abgrund zwischen ganz Reich und ganz Arm ist sogar in der Provinz unheimlich tief. Die Pauperisierung der jüdischen Massen hat in den letzten Jahren der Krise dazu geführt, daß die schmale Mittelschicht noch schmaler geworden ist (die zugrunde gelegten Steuerangaben stammen meist ans den Jahren bis 1933); die Basis der Allerärmsten ist noch breiter geworden, die schmale, dünne Oberschicht ist noch mehr eingeschrumpft. Die allgemeine Besserung der Weltwirtschastslage, die sich auch in der Wirtschaft Polens auswirkt, macht sich leider bei den Juden kaum bemerkbar. Die Gründe für diese Ausschaltung des jüdischen Wirtschastssaktors aus der allgemeinen Wirtschastsentwicklung liegen zu einem Teil in dem antijüdischen Boykott, zum anderen Teil in dem Prozeß zunehmender Organisierung der Gesamtwirtschaft, durch den die Juden aus den einzelnen sich organisierenden Wirtschaftszweigen ausgestoßen werden. Mehr und mehr sehen sich vor allem die jüngeren Menschen, aber auch die aus der Wirtschaft ansgeschalteten mittleren und älteren zur Auswanderung gezwungen. Vermehrte Zertifikate für die polnischen Juden Dieser katastrophalen Situation konnte in den letzten Jahren die Verteilung der Palästinazertisikate insofern nur ungenügend Rechnung tragen, als die Situation der Juden in Deutschland die Aufmerksamkeit der zuständigen Stellen in erster Linie aus sich zog. So wurde von der Einwanderungsschedule für das laufende Halbjahr von vornherein ein Drittel für Inden aus Deutschland reserviert und nur der gleiche Teil etwa entfiel auf Polen. Auch bei der Zuweisung zusätzlicher Verwandtenzertisikate soll beispielsweise Polen im Unterschied zu Deutschland in Zukunst überhaupt nicht mehr bedacht werden. Das aus diesen und ähnlichen Symptomen hervorgehende Mißverhältnis zwischen dem unter den Juden Polens herrschenden Elend und der öffentlichen Meinung der Welt fand seinen Ausdruck in einer Sitzung der Budgetkommission des polnischen Senats, die im 20. Februar stattfand. In ihr trugen die Senatoren Gras R o st w o r o w s k i und Fürst R a d z i w i l l aufsehenerregende Vorschläge für eine konstruktive Lösung der Judensrage in Polen vor. Die beiden Redner wiesen darauf hin, daß die wirtschaftliche Entwicklung eine verstärkte Abwanderung von Juden aus Polen notwendig gemacht habe. Die polnische Regierung müsse daher diplomatische Schritte unternehmen, um England als Mandatarmacht für Palästina zu veranlassen, eine verstärkte jüdische Einwanderung aus Polen nach Palästina zu ermöglichen. Auch im Zusammenhang mit der Aktion der Samuel-Gruppe solle die Regierung der Frage der Auswanderung von Juden' aus Polen ihr Augenmerk Zuwenden. Graf Rostworowski schlug vor, daß die, polnische Regierung England aus diplomatischem Wege veranlassen solle, eine größere Zahl von Palästina-Zertifikaten für Juden in Polen auszugeben. Die Judensrage in Polen, erklärte der Redner, verschärfe sich von Tag zu Tag, und es bestehe keine Aussich auf eine Entspannung. Die Zahl der Juden in Polen sei zu groß. Die wirtschaftliche Entwicklung in Polen verlause so, daß immer mehr Juden die Erwerbsmöglichkeit verlieren und die Reihen der Erwerbslosen anschwellen lassen. Im weiteren Verlauf seiner Rede griff Gras Rostworowski die Rationaldemokraten wegen der von ihnen verübten antisemitischen Exzesse an. Eine solche Politik, erklärte er, könne keinesfalls eine Lösung der Judenfrage herbeiführen. Das Problem müsse vielmehr so formuliert werden, wie dies seinerzeit der frühere Abgeordnete Grünbaum getan habe, der erklärte, es gebe in Polen eine Million Juden zu viel. Darum sei es Pflicht der polnischen Regierung, die jüdische Auswanderung zu fördern. Im vergangenen Jahr sei die Auswanderung nach Palästina groß genug gewesen; aber in diesem Jahr sinke sie infolge der Politik der Mandatarmacht, die die Tendenz verrate, mit Rücksicht auf die internationale Lage die jüdische Einwanderung nach Palästina zu drosseln. Die polnische Regierung müßte deshalb alle möglichen Schritte unternehmen, um durch diplomatische Aktionen mehr Zertifikate zu bekommen. Nach Polen kämen heute weit, weniger Zertifikate als nach Deutschland, obgleich in Polen etwa sechsmal so viel Juden lebten als in Deutschland. Die polnische Regierung, fuhr der Redner fort, müsse auch mit den jüdischen Organisationen Fühlung nehmen, die zurzeit in England und Amerika eine große Kampagne für die Juden aus Deutschland durchstzhren und zu diesem Zweck 15 Millionen Dollar sammeln. Vielleicht wäre es auch möglich, ein anderes Territorium außerhalb Palästinas zu finden, das von den Schwankungen der englischen Politik, die von verschiedenen Erwägungen diktiert sei, weniger abhängig wäre. Aehnliche Gedankengänge entwickelte Fürst Radziwill. Er stellte eingangs fest, daß er sich von den antisemitischen Methoden abgestoßen fühle; man müsse sich aber vor Augen halten, daß der Antisemitismus überall in Europa anwachse; dies könne auch auf Polen nicht ohne Rückwirkung bleiben. Wenn in Deutschland der Antisemitismus in einer diesem Lqnde eigenen Art seiner Anwendung dazu geführt habe, eine verhältnismäßig hohe Palästina-Einwanderungsquote zu erzielen, dann könnte die Meinung Verbreitung finden, daß nur der deutsche Weg zu guten Ergebnissen führen könne, und daß man ihn auch in Polen einschlagen müsse. Darin bestehe eine wirkliche Gefahr. Darum sei es Pflicht der polnischen Regierung, die Initiative zur Erhöhung der Palästina - Einwanderungsquote zu ergreifen. Drei Tage später erteilte im Namen der Regierung Innenminister Naczkiewicz die Antwort auf die von den Senatoren Gras Rostworowski und Fürst Radziwill erhobenen Forderungen. Innenminister Raczkiewicz erklärtes die polnische Regierung stehe grundsätzlich einer Verstärkung der jüdischen Auswanderung aus Polen freundlich gegenüber. Diese Frage erfordere jedoch eine internationale Aktion und liege nicht in der Kompetenz der polnischen Regierung. Im weiteren Verlaus der Aussprache wurde die Judenfrage noch von Senator Kleszczinski berührt, der erklärte, die antisemitische Propaganda in Polen werde von nichtpolnischen Faktoren gefördert. Er verlangte, daß eine derartige Beeinflussung der inneren Verhältnisse Polens verhindert werde. Die in vielfacher Beziehung bedeutungsvolle Debatte im polnischen Senat wird hoffentlich die für die Palästina-Einwanderung maßgebenden Instanzen aushorchen lassen. Sie beweist erneut die Notwendigkeit einer alle wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes erschöpfenden Ausweitung der Einwanderung; sie beweist aber auch, daß die Situation der Juden in Deutschland und alle Folgerungen, die aus ihr zu ziehen sind, in jedem Stadium die allgemeine Situation in Betracht ziehen müssen. Manche überhitzte, lediglich propagandistischen Zwecken entspringende Forderung wird sich bei solcher Gegenüberstellung auf den Gehalt zurückschrauben müssen, der vor der Judennot anderer Länder und ganz besonders Polens noch berantwortbar erscheint. Die Hochsehulexzesse Der polnische Unterrichtsminister Professor Szwientoslawski befaßte sich im Sejm während der Debatte über das Budget des Unterrichtsministeriums u. a. auch mit dem Schulwesen der Minderheiten in Polen uüd bemerkte dabei zu den Hochschulexzeffen: „Nicht durch lärmende demagogische Losungen oder Exzesse, sondern nur durch ernste, bis zum äußersten angestrengte großzügige Arbeit werden Staaten und Völker sich in dem Wettkampf der Welt den Sieg sichern. Dies zu verstehen, ist für uns eine Notwendigkeit. Gerade darum empfinde ich die schmerzlichen und für gewisse Teile der Jugend schmachvollen Vorfälle, die sich an den Hochschulen ereignet haben, als besonders peinlich. Die Ausschreitungen, die si chansangs gegen die jüdischen Studenten richteten,^'stnd wie gewöhnlich durch andere Elemente zu demagogischen Kundgebungen ausgenutzt worden. Ich werde es aber nicht zulassen, daß eine kleine Gruppe politisierender Jugend die ruhige'Arbeit der ungeheuren Mehrheit der Studenten, die lernen wollen, um möglichst schnell an ihre Arbeitsstätte zu gelangen, unmöglich mache. Wege sum Ich Von Dr, Arno Herzberg Am Morgen schiebe ich den Vorhang am Fenster meines Hotelzimmers hoch. Es ist, als ob der Vorhang vor einer Bühne sich hebt. Vor mir liegt die dem Großstädter so entfremdete Winterlandschaft in all ihrer markanten Wirklichkeit, in ihrer zarten. Unberührtheit. Das Tal breitet sich hin, eingekeffelt von den weißen massigen Höhen, abgeschlossen von der Welt, deren Strom da draußen vorübersließt. Es tut gut, ihn, wenn auch für wenige Tage nur, vorübersließen zu lassen, sich nicht um ihn zu kümmern, sondern sich nur mit sich selbst zu beschäftigen und mit dem, was die unerschöpfliche Fülle der Natur und Umgebung bietet. Erst wenn man hier, ganz von allem Lärm des Tages entfernt, in der Stille lebt, wenn man seine Augen wieder gebraucht, um zu schauen (nicht, um nur zu sechen) — dann merkt man erst und wieder, was doch Natur bedeutet. Und wan merkt, wie schwer sich unsere Menschen von dem loslösen können, was sie heute in ihrem Alltag bewegt. Spricht man mit ihnen, dann kommt das immer wieder zum Ausdruck: es ist nicht leicht, zu vergessen. Die Zeit wirft ihre Schatten auch in die Zurückgezogenheit der Ferien. Das Bewußtsein des Judeseins umfaßt alle Lebensbezirke; es ist total. Die Juden in Deutschland, Großstädter, die sie sind, und die sie im Zuge der Gegenwart immer mehr werden, werden in der Zukunft eine andere Beziehung zur Natur bekommen. So seltsam es auch klingen mag: aber wir haben andere Augen bekommen für so vieles. Die Blickrichtung auf die Umwelt hat sich verschoben, das Verhältnis zu vielen elementaren Dingen des Lebens geändert. Der Natur werden wir mehr und mehr entfremdet. Wem die unmittelbarsten Fragen des Daseins problematisch geworden sind, für den haben die Schönheiten des Lebens eine andere Bedeutung. In der Sorge um den Alltag geht nur zu viel verloren. - Und dabei handelt es sich um etwas, für jeden Menschen Entscheidendes. Es handelt sich darum, ob und wie man Erholung und Ausspannung findet, die nun einmal jeder braucht, ob und wie die Loslösung vom Alltag erfolgt, die jeder notwendig hat, wenn er sich selber finden will. Um dieses Sichselbersinden, um diesen „Weg zum Ich" geht es. Viele haben es heute schon verlernt, allein zu sein, um Abstand von der Zeit und zu sich selbst zu gewinnen. Es lastet etwas Unnennbares aus so manchem, daß ihn zum Nebenmenschen hintreibt, dem er durch das gleiche Schicksal verbunden ist, und von dem er eine Ausrichtung und Stärkung durch Aussprache, durch Rede und Reden erhofft. Heute beruht der Besuch jüdischer Veranstaltungen, beruhen viele menschliche und organisatorische Beziehungen nicht zuletzt aus dieser Tat- Diese Nummer umfasst 22 Seiten Sie enthält u. a.: 1. Beiblatt: Meyerbeers „Hugenotten“ 100 Jahre alt, von Ludwig Altmann. — Schach-Ecke. 2. Beiblatt: Josel von Rosheim, von Kurt Pinthus. — Vaters Buch, Novelle von Carry van Brüggen. 3. Beiblatt: Das Blatt der jüdischen Frau. 4. Beiblatt: Buch und Kunst. — Wirtschaft der Woche. 5. Beiblatt: Sportblatt. — Palästina- Umschau. — Die Niederlande, von Dr. E. R-z.

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