Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 8 (20.2.1936)
- Date
- 1936-02-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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« sv ' vjtti ßE^WWWWEZMWMAD *U^ Wav^J^ VX-»_»_^ iAa^ ^-A>M H4a" «VM-JUÜ \ 'I VJLM»-v> iu ^vsa äJ esA> Porträts und Handschriften wurden mit Erlaubnis von Frau Erna Kochmann von Crete Karplus photographiert. V »vAJL. allem Briefe : und Manuskriptseiten von Heine selber, an Freunde, die darum baten, verschenkt. So sind in der immerhin Noch reichen Autographensammlung — eine wahre Fundgrube für jeden Literarhistoriker '— nur noch zwei Stücke des Dichters selber. Eine Seite aus dem „Atta Troll" und eine Unterschrift: „Harrh Heine", aus der Zeit also, als Heine sich noch nicht Heinrich .nannte. Während ich in dem Album blättere, zieht eine bunte Galerie großer Persönlichkeiten: Dichter und Musiker, Architekten und Politiker an mir vorbei. Da sind Briese von Berthold Auerbach und Karl Emil Franzos, von Fontane und Spielhagen, von Liszt und von Flotow, von. Schinkel und Alexander v. Humboldtvon Lamartine und dem General Wellington und vielen anderen. 1856 -schreibt M e y e r b e e r an Erna Kochmanns Urgroßmutter: „Hamburg hat stets einen angenehmen Eindruck aus mich gemacht, je -mehr ich aber die liebenswürdigen Bewohnerinnen kennenlerne, desto angenehmere Erinnerungen bleiben mir." .. Am reizvollsten in der Sammlung ist vielleicht der Brief, den Heines junge Verehrerin Camilla Selben an seine Schwester als Beileid zum Tode des Urgroßvaters von Erna Kochmann schickte. In diesen wenigen Zeilen — der Brief beginnt mit dem prachtvollen Satz: „C’est la mouche qui vous ecrit! . — ist der ganze unendliche Scharm dieser Person enthalten, deren Erscheinung wie ein Lichtstrahl in das Dunkel der letzten qualvollen, Lebensjahre des Dichters hineinleuchtete. Aus einer der letzten Seiten des Albums hat der große gütige Humorist Julius Stettenheim im Mai 1912 einen Vers eingetragen, vielleicht ein bißchen überschwenglich im Gefühl — wir würden das gleiche heute etwas zurückhaltender ausdrücken — und doch über die Haltung Stettenheims der Großmutter Erna Kochmanns gegenüber hinaus bezeichnend für die Atmosphäre, die jeden unwillkürlich umfängt, der dieses Haus betritt, von dessen Wänden die Geschwister Heinrich Heines ernst und anmutig zu uns herniederblicken und auf dessen Anrichten das nun mehr als hundertjährige edle Silber der Heines mit zarten Filigrangliederungen und verblaßten Formen blinkt: Ich verehr' Dich, edle Frau, Deren Lob ich oft gesungen; Wenn ich Dich im Kreise schau teiliger Erinnerungen üß' ich Dir die Hand, die hold Du gelegt hast in die meine. Ist es mir, als wenn ich sollt Niederknien vor Heinrich Heine. Viele Stunden sind verstrichen, seit ich das Haus der nächsten in Deutschland lebenden Blutsverwandten Heinrich Heines betrat. Dankbar und voller Anregungen, di« ich empfangen habe, will ich mich verabschieden, da zeigt mir Erna Kochmann zum Schluß noch em großes Bündel Familienpapiere: Geburts-, Trau- und Sterbeurkunden ihrer Vorfahren. Aus diesen Papieren ergibt sich einwandfrei — und das ist die interessanteste Feststellung, die man an ihnen machen kann — daß im Gegensatz zu der immer wieder ausgestellten Behauptung die Verwandten Heines nicht „das Entrsebillett in die europäische Kultur" lösten, sondern durch Generationen hindurch als bewußte Juden in der jüdischen Gemeinschaft gelebt haben. Jene denkwürdige Bemerkung Heines im Gespräch mit Ludwig Kalisch fällt mir dabei ein, die in der vieltönigen und dissonanzreichen Sinfonie der eigenen Stimmen zum Judesein wie ein klärender und läuternder Grundakkord durch die Jahre schwingt: „Ich mache kein Hehl aus meinem Judentume, zu dem ich nicht zurückgekehrt bin, weil ich es nämlich niemals verlassen habe." Heinz Berggrün. Berliner jüdische Winterhilfe Sammlerinnen für die Pfundspende fehlen besonders im Bezirk Schöneberg. Helferinnen werden gebeten, sich direkt an Fräulein Dienstfertig, Schöneberg, Landshuter Straße 9 (L 6 2213) wenden zu wollen. Haussammlung: Sonntag;, 23. Februar Die nächste Haussammlung der jüdischen Winterhilfe findet am Sonntag, den 23. Februar, statt. Die Sammler der Jüdischen Winterhilfe nehmen diesmal auf Quittungsblocks, deren Farbe dunkellila ist, die Spenden entgegen. Leelische Winterhilfe Die 14. Veranstaltung im Fridenstempel ist vom 8. Februar auf den 29. Februar, 20 Uhr, am gleichen Ort verlegt worden. Die Einlaßkarten behalten ihre Gültigkeit. Mitwirkende: Lili Ellreich (Klavier), Paul G e r g e l y (Klavier), Boris K r e h t (Violine), Edvard Moritz (Klavier), Walter O l i tz k i (Gesang), Hermann Schwarz (Orgel), Hede (Türk) Börnstein (Gesang). Es spricht Intendant Dr. Kurt Singer. Karten für Hilfsbedürftige unentgeltlich im Winterhilssbezirk und Wohlfahrtsbezirk Südwest, Münchener Straße 37, Winterhilfsbezirk Charlottenburg, Pestalozzistr. 14/15, Wohlfahrtsbezirk Bleibtreustraße 2. 18. Veranstaltung: Konzert in der Neuen Synagoge Oranienburger Straße 30, 22. Februar, 20 Uhr. Mitwirkende: Ludwig Altmann (Orgel), Erich Länderer (Klavier), Johanna Meyer (Rezitation), Susanne Loewenstein (Gesang), Leo Taubmann (Klavier), Neue Madrigal- Vereinigung (Leitung Dr. Ludwig Misch). Es spricht Rabbinatskandidat Curt E. Kessel. Karten für Hilfsbedürftige unentgeltlich im Winterhilfsbezirk^ Mitte, Auguststraße 16, Wohlfahrtsbezirk Mitte, Auguststraße 17, Winterhilfsbezirk Osten, Alcranderstraßd 53, Wohlfahrtsbezirk Osten, Blumenstraße 97, Winterhilfsbezirk Norden, Schönhauser Allee 6/7; Wohlfahrtsbeztrk Norden, Schönhauser Allee 23. 19. und 20. V e r a n st a l t u n g in den Passage- Festsälen, Neukölln, Bergstraße 150—152, 2. März. Kindernachmittag, 15.30 Uhr; Bunter Abend 20 Uhr. Mitwirkende am Kindernachmittag: Edith Jacob, Ernst (Ludwig) N u ß b a u m, Jonny Schwerfen z, Vera S p r i n z, Erwin Suttner. Mitwirkende am Bunten Abend: Fritz T a ch a u e r sagt an: Erich Fuchs, Gerhard G o t t s ch a l k , Helga Hertz, Annemarie Hirsch (Hase), Lotte Hirsch selb (Holms), Ernst (Ludwig) N u ß b a u m , Jonny Schwersenz, Erwin Suttner. Am Klavier: Dr. Willi Aron, Greta Gundersheim (Friedgeniessen seit 75 Jahren Weltruf Niederlagen auf allen Plätzen mann). Karten für Hilfsbedürftige unentgeltlrch rm Winterhilfsbezirk Süden, Kottbuser User 48—50, Winterhilfsbezirk Westen, Steglitzer Straße 9. Einlaß nur mit Eintrittskarte. Einlaß zum Bunten Abend 19.30 Uhr. Samuel Ochs 50 Jahre alt Am 16. Februar vollendete Rabbiner Dr. Samuel Ochs (Gleiwitz) sein 50. Lebensjahr. Es war nicht nur eine formelle, sondern vrelmehr eine Herzenssache, wenn die Gemeinde in allen ihren Teilen diesen Tag zum Anlaß nahm,, um ihrem geistigen Führer für all das zu danken, was er ihr in den zwanzig Jahren seines Werkens an geistigen und seelischen Werten gegeben hat. Sein umfassendest Wissen und sein unermüdliches, die eigene Person völlig zurückstellendes Eifern für die Idee des Judentums — das sind wohl die beiden charakteristischsten Eigenschaften, mit denen er sich die Achtung und Liebe der Gemeinde erworben.hat. Seine zahlreichen Vorträge und Kurse haben nicht nur eine Fülle von Kenntnissen vermittelt, sondern auch, in gleicher Weise auf jung und alt einen erzieherischen Einfluß ausgeübt. Als Gelehrter ist Dr. Ochs durch eine Reihe von halachischen und bibelwissenschaftlichen Abhandlungen, fowre durch eine Preisarbeit dev jüdisch-theologischen Lehränstalt in Breslau über „Jbn Esras Leben und feine Werke" in Fachkreisen bekanntgeworden; an letztere wurde er kürzlich an Stelle von Dr. Nabin als kommissarischer Seminarrabbiner berufen. Trotz feiner orthodoxen Grundhaltung hat Dr. Ochs jeder jüdischen Richtung in ihrer historischen Bedingtheit Verständnis entgegengebracht und damit den Frieden und sachliche Arbeit in der Gemeinde bedeutend gefördert; als führendes Mitglied des oberfchlesischen C. V. ist er * mit innerster Ueberzeugung für eine sinnvolle Einordnung des jüdischen Menschen in seine Umwelt eingetreten, für einen möglichst weiten Horizont durch die Orientierung auch an nichtjüdischem Kulturgut. Erwähnt seien hier noch die durch Dr. Ochs erfolgreiche Reorganisierung des hebräischen Unterrichts und die Heranziehung der Frauen zu jüdisch-kultureller Tätigkeit. — Möge der unermüdliche Streiter für die jüdische Sache noch ungezählte Jahre feine reichen Gaben zum Segen und Erfolg einfetzen und uns im Glauben und im Wissen stark machen! — Das ist der heiße Wunsch, von dem die Gemeinde erfüllt ist. H. B. Dr. Ernst Margoninski, der langjährige erste Vorsteher der Shnagogengemeinde und des C.-B. Swinemünhe, verlegte seinen Wirkungskreis nach Berlin. Im Rahmen einer Gemeindeveranstaltung gedachte der derzeitige erste Vorsteher, Th. L i p - schitz in anerkennenden Worten seiner Verdienste um das Wohl der Gemeinde. Monatliches Inhaltsverzeichnis der C.-V.-Zeitung Der Herausgeber der von der C.-V.-Zeitung jüngst, besprochenen „Bibliographie des jüdischen Buches" gibt ein monatlich erscheinendes — nach Wissensgebieten geordnetes — Inhaltsverzeichnis der C.-V.-Zeitung heraus. Für jeden Leser, der die Zeitung sammelt, stellt diese, Arbeit ein unentbehrliches Hilfsmittel dar. Bestellungen unter Beifügung von 50 Pfennig für Januar sind zu richten an Joe! Sänger, Frankfurt am Main, Herderstraße 30. (Postscheckkonto: Bibliograpohie des jüdischen Buches, Konto Rr. 15 682.) Persönlichkeitsbildung durch das Ohr Kürzlich beendete K a r l Adler, Stuttgart, sein erstmalig in Berlin durchgeführtes musikpädagogisches Sem i n a r für Jugendführer, das, vom Jugend- Pflegedezernat der Berliner Jüdischen Gemeinde gemeinsam mit der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung veranstaltet, im Sommer 1935 begann. „Wenn euch dieser Kurs nicht gezeigt hat, daß die Musik kein bloßer Zeitvertreib, sondern in höchstem Maße persönlichkeitsbildend ist, — dann ist's umsonst gewesen . . ." Diesen Gedanken legte Karl Adler seinen den Kurs beschließenden Worten zugrunde. Nur aus dieser Grundhaltung und aus dem menschlichen Kontakt, der Adler mit allen Kursteilnehmern verband, ist es zu verstehen, daß sich etwa 50 junge Menschen aus allen jüdischen Lagern mit stets wachem Interesse die handwerklichen Grundlagen des guten Gruppenmustzierens zu eigen zu machen versuchten. Persönlichkeitsbildung: da muß bei jungen Menschen zunächst viel gelockert werden. Der Kurs hat gezeigt, wie unendlich wichtig gerade diese Arbeit ist, wie vieles kritiklos hingenommen wird, weil es aus dem oder jenem Liederbuch oder Kreis stammt, wie oft wirkliche Werte verkannt werden. Alles musikalische Geschehen darf vom Ohr und nur vom Ohr allein beurteilt werden; die Notenkenntnis ist völlig wertlos,, wenn sich damit keine gehörsmäßige Vorstellung verbindet. Es muß die Fähigkeit, freie oder nach bestimmten Forderungen zu gestaltende Improvisationen zu singen, geweckt und gefördert, und die Beherrschung des Körpers muß erzielt werden; denn der Mensch, der andere zu einer Gemeinschaftsleistung führen will, muß seine' Auffassung in unmißverständlichen, klaren Bewegungen ausdrücken können. Der Weg zu diesem Ziel kann nur in großen Zügen aufgezeigt werden. Ausgehend vom vur- Tonbereich, erarbeiteten wir zunächst die funktionelle Bedeutung der einzelnen Töne innerhalb der Tonleiter mit Hilfe der bekannten Vonika-vo-Handzeichen und konnten allmählich schwierige tonartliche Gebilde, wie Kirchentonarten, ungewöhnliche Intervalle u. a. bestimmen und durch singende Improvisation realisieren. Daneben wurden die Grundbegriffe Melodie, Metrik, Takt, Rhythmus klar umrifsen und, worauf Adler immer wieder besonderen Wert legt, durch Schreitübungen, Taktbewegungen, Improvisation auf Schlaginstrumenten gefestigt. Später kamen die Grundlagen der Harmonie und Modulation hinzu; der Uebergang zur Kenntnis der Note und der verschiedenen Tonarten erfolgte dabei ganz allmählich und organisch. Wohl niemand verläßt den Kurs, ohne gelernt zu haben, ein Lied in der richtigen Tonart nur mit Hilfe der Stimmgabel zu intonieren. Ueberhaupt verband Adler mit allem Gelernten unmittelbar die pädagogische Forderung: die Teilnehmer mußten immer wieder gleichsam als Lehrende vor die Gruppe treten und so den Beweis erbringen, daß sich der Stoff auch wirklich umgesetzt hat. Dies war gleichzeitig ein wesentlicher Teil der „Persönlichkeitsbildenden" oder „-befreienden" Arbeit. Und dann das chorische Singen: Wie Adler schon an den ersten Abenden des Kurses aus einer bunt zusammengewürfelten Gruppe einen einheitlichen Klangkörper machte, indem er uns die einfachste Atemtechnik beibrachte und uns zwang, uns mit jedem Nerv aus den Dirigenten zu konzentrieren, das gehört zu seinen erstaunlichsten Leistungen. Man muß da seine Wirkung unmittelbar gespürt haben. Es war viel und vielfältig, was an den einzelnen Abenden geleistet wurde. Nur ein Pädagoge wie Karl Adler konnte innerhalb der kurzen Zeit, die zur Verfügung stand, Laien einen solchen Einblick in die Vielfalt des musikalischen Geschehens geben und alle Fähigkeiten der Teilnehmer zur Entwicklung bringen. Uns bleibt nur übrig, ihm zu danken' und in seinem Sinne an uns weitevzuarbeiten. 1.2. Feier der Münchener Jugendbünde Die Jüdischen Jugendbünde Münchens hatten am 2. Februar zu einer gemeinsamen Feier zugunsten der Wohlfahrts- und Jugendarbeit der Israelitischen Kultusgemeinde eingeladen. Die Feier sollte einen Ueberblick über das jüdische geistige Schaffen aller Zeiten geben. Man hörte also in Einzelrezitation und im Sprechchor, in hebräischer und in deutscher Sprache das Lied am Schilfmeer, das Kap. 8 des ersten Samuelbuches, „Wach auf" aus dem Buch Jesaia, „Wir ziehn", von Wolsshehl und einige Lieder. Der Gemeinde- Vorsitzende^. Oberstlandesgerichtsrat. Dr. Neu» m e h e r, hielt die einleitende Ansprache. Besonders gefiel eine lustig dramatisierte Agada über „Abraham und dre Götzen". Das Mittelalter war mit Süßkind von Trimberg und mit der wunderschönen Geschichte „Vom Hirten, der nicht beten konnte" aus dem Seser Chassidim vertreten, die neuere Zeit mit Jakob Wassermann, Bialik, einem Brief aus der Sammlung „Arbeiterinnen erzählen" und einer Szene aus Moritz Heimanns Schauspiel „Das Weib des Akiba". Die Auswahl des Programms war mit besonderem Geschmack vorgenommen, unter den Leistungen ragten die der fast durchweg vorzüglichen Einzelsprecher hervor; die Chöre waren noch nicht ganz ausgefeilt. Ein wenig mehr Disziplin bei den Akteuren wie beim Publikum hätte nicht geschadet. Doch sieht man so Dielen frischen jungen Menschen gerne manches nach und freut sich an dem gemeinschaftlichen Streben nach geistiger Höhe. 0a. Vorträge Dr. Lutz Weltmann: Rilke und die Bibel 8 Heber Rainer Maria Rilke sprach Dr. Lutz Weltmann im Berliner Kulturbund. In kluger Selbstbeschränkung hatte der Vortragende sein Thema auf Rilkes Verhältnis zu Religion und Bibel abgegrenzt: den jugendlich-naiven Dichter der böhmischen Volksweise und der traumgekrönten Gedichte ließ er ganz im Hintergrund. So gab er in einer eindringlichen stofflichen Analyse und, ohne seine Ausführungen mit biographischen Details zu beschweren, aus dem Werk heraus ein Bild der gereisten menschlichen und dichterischen Persönlichkeit, des tiefgläubigen Mystikers, der zum großen Mahner und Tröster seiner Zeit wurde, des demütigen Gottsuchers, dem sich Gott als höchste Einheit im Bilde der biblischen Propheten offenbarte und dem das soziale Problem, ähnlich wie seinem weithin wirksamen Anreger Tolstoi, nur im Göttlichen zugänglich wurde. Aus dieser Seelenhaltung gestaltete der Dichter wiederholt biblische Motive, wie das Esther-Motiv, den Mythos von Adam und Eva, den Tod Moses; als gebürtiger Prager ging er aber auch zeitnäheren jüdischen Legenden und Volksgeschichten nicht aus dem Wege. Engere Fühlung mit dem Judentum gewann Rilke, wie der Redner hervorhob, durch persönliche oder literarische Beziehungen zu Lou Andreas-Salome, zu dem französischen Romancier Marcel Proust, zu Richard Beer-Hofmann, vor .allem aber zu feinem Landsmann Franz Werfel, den er als den eigentlichen Fortsetzer seines Lebenswerkes betrachtete. Eine höchst lebendige Umrahmung erfuhr der gehaltvolle Vortrag dubch Rezitationen von Edith H errn sta d t - O et ti n ge n. In ihrer beseelten, voll Inbrunst der Dichtung hingegebenen, durchsichtig klaren Kunst der LÜiedergabe, die das Wort, im Faustischen Sinne, weit über seinen substanziellen Begriffswert hinaushob, enthüllte die Rilkesche Poesie ihr Wesentlichstes: religiöse Andacht, innige Versunkenheit, stillen oder jubelnden Feierklang. Würdig und mit der reinen Gläubigkeit des aufgeschlossenen terzens sprach Edith Herrnstadt-Oettingen zum chluß noch aus der Bibel das 54. Kapitel Jesaja und das 37. Kapitel Ezechiel (in einer Versbearbeitung von Israel Auerbach). 8. lll. Dr. Franz Kaelter: Jüdisch leben... aber wie? Der Leiter der ersten und einzigen jüdischem Schule in Königsberg (Pr.), Franz Kaelter, sprach über die wichtige Frage: „Jüdisch leben . . . aber wie?" Kaelter wollte kein allgemein gültiges Rezept geben. Aber er riet ihnen, sich wieder mit ganzer Seele und von ganzem Herzen dem jüdischen Brauchtum zuzuwenden, die Seligkeit des Schabbat wieder kennenzulernen und in der Vertiefung in die Geschichte des jüdischen Volkes zu erkennen, wie unerhört stark sein -Glaube' und seine Lebenskraft zu allen Zeiten war. Endlich aber muß jeder von uns heute sein persönliches Leben dem der Gemeinschaft unterordnen und mit den Juden in aller Welt Fühlung suchen. „Nicht diskutieren!" rief Kaelter feinen Hörern zu, „Anfängen!" Und er schloß mit den Worten Hillels: „Wenn nicht jetzt, wann dann?" Der Vortrag von Dr. Kaelter wurde anläßlich des 15jährigen Bestehens des Jüdischen Ruderklubs Königsberg, Pr., gehalten. Sein 1. Vorsitzender, Dr. Max A n g e r t h a l, sagte in einer kurzen humorvollen Rede, daß dieser Ruderklub in seiner Art einzigartig sei: Er habe nämlich von Anfang an üb er parteilich Juden aller Parteien und Richtungen in sich vereinigt! I. lek.