Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 7 (13.2.1936)
- Date
- 1936-02-13
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 * 2. Beiblatt >• w« 13. Februar 1936 Die ersten Tage des Februar haben nach milden Wochen wieder Schnee und Kälte gebracht. Die Temperaturen sind unter Null gesunken, Vergaßen wir Ende Januar, als die ersten Schneeglöckchen . in den Straßen verkauft wurden, fast, daß wir noch mitten im Winter stehen, so spüren wir es jetzt doppelt. Der Winter ist noch nicht vorbei, und auch die große soziale Arbeit unserer Gemeinschaft, die Jüdische Winterhilfe, ist noch nicht vollendet. Zwei Drittel etwa von dem, was zu leisten war, ist geschasst, es bleibt also noch ein großer Rest zu bewältigen. Auf einer Pressekonferenz in der Zentrale der Berliner jüdischen Winterhilfe in der Rosenstraße gab der Leiter Max Gundersheim einen Ueberblick über das, was geleistet wurde und was noch zu leisten ist. Im ganzen werden zurzeit von rund 160 000 Juden in Berlin 27 000 durch die Winterhilfe betreut. Damit ist die Zahl der Unterstützungsbedürftigen im Vergleich zum Dezember um 2000 gestiegen. Es handelt sich bei diesen 2000 vor allem um Angestellte, die mit dem 1. Januar ihre Stellungen verloren. Wichtige Folgerungen in bezug auf den Altersaufbau und den Rückgang der Kinderzahl der jüdischen Bevölkerung Berlins sind aus der Tatsache zu schließen, daß auf jede unterstützte Partei zur- . zeit nur 1,9 Personen kommen, während noch im Vorjahre auf jede betreute Familie im Durchschnitt 2,3 Köpfe entfielen. In den einzelnen Bezirken sind nicht unerhebliche Unterschiede sestzustellen. Im Westen, dem kinderärmsten Bezirk, kommen 1,5 Köpfe pro Familie, im Norden 2 und in Berlin-Mitte 2,3. Insgesamt werden von der Jüdischen Winterhilfe in Berlin betreut: 7000 Einzelpersonen 3700 kinderlose Ehepaare 2000 Familien mit 1 Kind 1000 Familien mit 2 Kindern " 300 Familien mit 3 Kindern 100 Familien mit 4 Kindern 50 Familien mit 5 Kindern 10 Familien mit 6 Kindern 4 Familien mit 8 Kindern (sämtlich in der Grenadierstraße) 1 Familie mit 9 Kindern 2 Familien mit 10 Kindern Ausgegeben werden durch die Winterhilfe regelmäßig in jedem Monat pro Familie 1 bis 2 Zentner Kohlen, pro Kopf eine reichliche Pfundspende, ein halber Zentner Kartoffeln, Brote zu ermäßigtem Preise und Lebensmittelscheine im Werte von 2 RM. Insgesamt sind bisher eine halbe Million Pfund Lebensmittel verteilt worden. 300 000 Brote, 100 000 Zentner Kohlen, 20 000 Zentner Kartoffeln und etwa 150 000 Lebensmittelscheine wurden Unterstützungsbedürftigen zugewiesen. Neben der schematischen Betreuung steht die individuelle. Da gilt es besonders, „verschämten Armen", Menschen also, denen es früherbesser ging und die nach außen hin die Illusion aufrechterhalten wollen, als hätte sich daran nichts Wesentliches geändert, zu helfen. Organisationen und Privatpersonen wurden und werden aufgesordert, solche Menschen der Winterhilfe anzugeben. Bis jetzt sind 600 bis 700 Fälle verschämter Armer festgestellt worden. Die Jüdische Winterhilfe ist bemüht, gerade diese Fälle besonders taktvoll und diskret zu behandeln. Im ganzen stehen 5000 Menschen rat Dienste der Winterhilfe, von denen allerdings nur 80 besoldet werden. Gundersheim betonte die unermüdliche Hilfs- und Arbeitsbereitfchaft dieser 5000 Personen, er wies zugleich auch darauf hin, daß erfreulicherweise — entgegen manchen Gerüchten — keine Gebe Müdigkeit in der jüdischen Bevölkerung festzustellen sei, im Gegenteil, die Gebefreudigkeit unvermindert angehalten habe. Nach der Besprechung fand eine größere Besichtigungsfahrt statt, die quer durch Berlin führte und den Teilnehmern die praktische Betreuungsarbeit veranschaulichen sollte. Die Mitte l sta nds küche in der Holsteinischen Straße im Westen bildete die erste Station. Hier werden täglich 200 bis 250 Hilfsbedürftige gespeist. Für eine zusätzliche Bezahlung von 5 bis 20 Pfennigen pro Mahlzeit — die bei Nachweis großer Bedürftigkeit wegfüllt — wird, wie sich die Besucher selbst überzeugen konnten, eine vorzügliche, aus drei Gängen bestehende Mahlzeit geboten. In der Küche sah man im Vorübergehen ein ganzes Heer gerupfter Hühner, die für den übernächsten Tag bestimmt waren, denn jeden Sonnabend gibt es Geflügel. An die Besichtigung der Küche schloß sich ein kurzer Besuch in einer Lebensmittelausgabe st e l l e im gleichen westlichen Bezirk. Diese Verteilungsstelle ist in einem geräumigen Keller in der Babelsberger Straße untergebracht, den sein Besitzer der Gemeinde gratis zur Verfügung gestellt hat. Zum Unterschied von Verteilungsstellen in anderen Teilen der Stadt ist hier die Ausgabe der Psundspende und der verschiedenen Scheine für Kartoffeln, Kohlen und Lebensmittel kombiniert. Bei der Pfundspende kann man je Die Mittelstandsküche Holsteinische Strasse Fot. Arno Kikoler Betr. Altersversorgung. Wir weisen darauf hin, dass Sie sich in allen Fragen der eigenen oder der Versorgung Ihrer Familienangehörigen zwecks kostenloser und für Sie unverbindlicher Beratung an uns wenden können. Wir machen Ihnen,wennSie uns genaue Altersangaben und Ihre Wünsche mitteilen, sorgfältig ausgearbeitete Vorschläge für Lei brenfenver Sicherungen. Nehmen Sie unsere Beratung durch erste Fachleute in Anspruch. FAMILIENSCHUTZ E. V. Beratu ngsstel le f ü r AI tersverso rg u ng Berlin W 8, Taubenstrasse 35 Fernruf A 2, Flora 4417/4418 nach Bedarf zwischen Paketen für Kocher, Nichtkocher (meist Junggesellen) und Diätbedürftige wählen. Auffällig ist der Gegensatz in der äußeren Erscheinung der Bedürftigen hier im Weste» zu den Armen, die wir kurz danach hoch oben im Norden in der Verteilungsstelle Chorin er Straße trafen. Die Armen des Westens sind äußerlich noch nicht proletarisiert, sie tragen ihre Kleider aus „besseren Tagen" auf, und niemand, der sie auf der Straße trifft, würde meinen, daß sich unter diesen Kleidern Not und Armut verbirgt. Der nördliche Bezirk, in den der letzte Teil der Besichtigungsfahrt führte, ist der größte, hier werden 6- bis 7000 Menschen betreut. In der Choriner Straße werden an manchen Tagen über 1000 Pakete an die Armen ausgegeben. Aber die Menschen, die hierherkommen, brauchen nicht nur Lebensmittel und Kohlen, sie brauchen, um der Härte des Winters standzuhalten, vor allem auch Kleider. In der Choriner Straße befindet sich die nun schon seit Jahren bestehende Kleiderkammer der Berliner jüdischen Gemeinde. In diesem Jahr der Winterhilfe wird sie naturgemäß in besonders hohem Maße in Anspruch genommen. 8000 Anträge auf Kleider sind eingereicht worden, 25 000 Kleidungsstücke werden, soweit es noch nicht geschehen ist, in diesem Winter verteilt. Jrt großen, übersichtlich geordneten, an ein Warenhaus erinnernden Lagerräumen sind Schuhe, Wäsche, Mäntel, Anzüge und Kleider untergebracht. Zum großen Teil werden neue Kleidungsstücke ausgegeben, nur in geringeren Fällen gebrauchte. Jeder getragene Schuh wird, bevor er einem Hilfsbedürftigen gegeben wird, besohlt, jedes schon benutzte Kleidungsstück ausgebessert. Allein zu Chanukka wurden 5000 Kinder von Mittellosen mit Kleidern beschenkt. Wie wir erfahren, hat die ungeheure Arbeit der Klei- Otto Brahm Am 5. Februar 1936 wäre Otto Brahm (der eigentlich Abrahamson hieß) 80 Jahre alt geworden. Sein Name ist mit der Geschichte des Berliner Bühnenwesens aufs engste verknüpft, besonders mit dem Aufkommen jener Stilrichtung des Naturalismus, der Brahm, mitten in einer Zeit dramatischer Stagnation, gemeinsam mit seinem Freunde Paul Schlenther, Förderer und Wegbereiter war. Zwei Namen vor allem haben seine kühne Pionierarbeit bestätigt: Gerhart Hauptmann und Henrik Ibsen; beide bot der von der Konvention zur Wirklichkeit, von der künstlerischen Erstarrung zur Entwicklung aufstrebende Neuerer zuerst in der von ihm geleiteten „Freien Bühne", dann im Deutschen Theater und später noch im Lessing-Theater eine dauernde Heimstätte. Brahm, der aus einer Hamburger Kaufmannsfamilie stammte und ursprünglich auch zum Kaufmannsberuf bestimmt war. kam dann von der Literaturwissenschaft — als Schüler Wilhelm Scherers — zum Theater, und die Sprödigkeit und skeptische Strenge, die völlig unpathetische und scheu zurückhaltende Art seines Wesens ließen in ihm viel mehr den stillen Gelehrten als ein leidenschaftlich besessenes Theaternaturell ahnen. Trotzdem gehörte seine ganze Liebe fast zwanzig Jahre hindurch der Bühne, für die er nicht nur ein ungewöhnliches Organisationstalent, sondern auch den unbeirrbaren Glauben, den Mut und die Ueberzeugung eines konsequenten Verfechters seiner reformatorischen Ideen eingesetzt hat H. L. „Der eingebildete Kranke“ Moliere in der Jüdischen Jugendbühne Die mit Unterstützung des Reichsverbandes der jüdischen Kulturbünde und der Schulverwaltung der Berliner jüdischen Gemeinde neu gegründete Jüdische Jugendbühne lud zur öffentlichen Generalprobe ihrer ersten Vorstellung in der Aula der Schule Große Hamburger Straße. So wenig im allgemeinen bei einer Ausführung der Eindruck, den das Stück auf die Zuschauer macht, für die Beurteilung maßgebend sein soll, so sehr wäre es an diesem Abend interessant und lehrreich gewesen, die unmittelbare Reaktion der jugendlichen Zuschauer auf das Spiel — denn eigens für sie ist ja die neue Bühne geschaffen worden — zu beobachten. Das war leider nicht möglich, denn die Aufführung fand vor geladenem Publikum, Theaterfachleuten, Pädagogen und Pressevertretern, statt. Dennoch wird man nach dieser Aufführung Voraussagen können, daß die neue Jugendbühne mit ihrem ersten Stück bei den Jugendlichen, die es sehen werden — und es werden hoffentlich recht viele sein — große Begeisterung Hervorrufen wird. Alles ist dazu angetan: die Wahl des Stückes sowohl wie die Art, in der es von Regie und Darstellern interpretiert wurde. Kann man jungen Menschen etwas Besseres vorsetzen als ein Stück, das sich durch die Jahrhunderte hindurch als „ewig-jung" bewährt hat? Molisres „Eingebildeter Kranker" ist so ein Stück, und es gehört überdies noch zu den ganz wenigen Dramen der Weltliteratur, in denen die Synthese zwischen Humor und pädagogischer Absicht in unmerklicher und darum doppelt wirksamer Weise geschaffen ist. Wir lachen, und während wir lachen, bestätigen wir zugleich — ohne es zu spüren — die Meinung des Dichters. Dre Formel nach der erzieherischenFormungohneZwang — Moligre hat sie in seinen Stücken gefunden. Deshalb ist es wichtig, ein solches Stück vor jungen Menschen zu spielen, und der Einwand, warum man ihnen denn nichts Jüdisches vorsetze, hat keine Berechtigung. Darin erweist sich ja gerade Molitzres Genie, daß seine Charakterkritik nicht auf den Raum beschränkt ist, den Frankreichs Grenzen bilden, sondern universal, also auch im jüdischen Bereich Geltung hat. Mit Recht hat der Regisseur Ernst Rosenb a u m manche Nuancierung verwischt und dafür einen stark possenhaften Charakter herausgearbeitet. Kinder wollen sehen, wie sich Leute auf der Bühne prügeln, wie Kissen und Stuhlbeine durch die Luft fliegen, wie Gläser und Medizinfläschchen vom Tisch fallen und zerbrechen. Alles Gegensätzliche ist — um es sinnfälliger zu machen — durch Bewegung, Maske und Kleidung unterstrichen, ohne dadurch jedoch zur Karikatur zu werden. Das ist ein Erfolg guter Regie, aber auch guter schauspielerischer Leistung. Die Hauptgestalt, den eingebildeten Kranken, verkörperte Fritz Ritter. Die besondere Schwierigkeit dieser Rolle, nämlich die Komödie in der Komödie zu spielen, gab ihm Gelegenheit, große darstellerische Fähigkeiten zu erweisen. Mit seinem Argan schuf er eine im besten Sinne Molitzresche Gestalt, bald lächerlich, bald tragisch, bald abstoßend, bald Mitleid erweckend, in jeder Phase aber zutiefst menschlich. Einen Sondererfolg hatte Erna Cohn (Lorenz), die Darstellerin des Dienstmädchens Toinette, die viel spitzbübisches Temperament entwickelte. Von den übrigen Mitspielenden seien besonders hervorgehoben: Rose Liechten st ein, Werner H i n z e l m a n n und Herbert M e y e r o w i tz. Der Beifall, der auch in offener Szene einfetzte, wurde zum Schluß stürmisch. Die Jüdische Jugendbühne hat die „Generalprobe" gut bestanden. 8. Z—n. Molieres ,,Eingebildeter Kranker“ MN Cleant: Klaus Brill; Angelique: Franziska Okmiansky; Dr. Diafoirus: Georg Jacobsohn; Fleurant: Herbert Haskel; Argan: Fritz Ritter; Thomas Diafoirus: Werner Hinzelmann; Belinc: Rose Liechtenstein; Toinette: Erna Cohn Zeichnung von Ady Ritter-Lauinger