Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 5 (30.1.1936)
- Date
- 1936-01-30
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5*5. Beiblatt 30. Januar 1936 Scherenschnitte Hier ist die Gattin des Scherenschneiders! Sie fragen mich, wie so ein kleiner, bescheidener - Scherenschnitt entsteht, und ich plaudere gern darüber. Denn es ist merkwürdig, wenn die Dinge fix und fertig angezogen, das heißt gerahmt unter Glas an der Wand hängen, dann ist alles so selbstverständlich. Man bewundert, ist begeistert, und der arme Scherenfchneider steht daneben und denkt sich: Habt ihr eine Ahnung! Eine Ahnung von all der Mühe, der Geduld, der Liebe zu diesen kleinen Sachen, die nötig ist, um dann mit der angeborenen Geschicklichkeit aus einem Bogen Papier herauszuschneiden, was man gerne möchte. . Möchte! Denn das geht nicht immer, wie man will. Nicht immer sind die Finger geduldig und die kleine Schere, die sonst in den Händen der Manikeuse klappert, will oft ihre eigenen Wege gehen. Scherenschnitte! Wer denkt da nicht an die Silhouetten unserer Großväter, die in den einfachen Zeiten des Biedermeier von allen Wänden grüßten? Sie waren das beliebte Mittel, ohne große Kosten Porträts herzustellen, und damit der Ausdruck der bescheidenen Mittel jener besinnlichen Zeit. Seitdem ist der Scherenschnitt nie wieder ganz verschwunden, wenn er auch meist nur ein wenig beachtetes Schattendasein in den bunten Gefilden der Kunst führte. Mein Mann, der Scherenschneider Bergmann fn Fürth, ist von Beruf Ingenieur. Er schneidet nicht erst seit heute und gestern diese feinen Dinger. Da er aber augenblicklich keine technischen Zeichnungen und Berechnungen zu machen hat, keine Maschinen und Brücken bauen kann, so schlägt neben vielen anderen auch er der Silhouette von gestern eine Brücke zum Scherenschnitt von heute, und macht aus der früheren Liebhaberei heute den Broterwerb. Unsere Zeit ist laut und farbig geworden. Die Silhouette unserer Großväter ist überholt. An allen Ecken, von allen Wänden flammt heute die Lichtreklame, schreien grellfarbige Plakate in die hastende Welt. Wir wollen Farbe. Der Scherenschnitt für Reklame, für das Bilderbuch, auch er muß bunt sein, und vielleicht ist es kein Zufall, daß gerade ein Techniker diese Technik des bunten Scherenschnitts macht. Seidenpapier und Tusche tun das ihrige, und schon glauben wir in die duftende Ferne, in tiefe Berge und Täler hineinzusehen. So hat sich auch der Scherenschnitt eingefügt in diesen bunten Reigen und damit seine Möglichkeiten erweitert, seinen Ausdruck bereichert und sich über das Porträt hinaus weite Gebiete der Kunst und der Reklame erschlossen. Wir sehen ihn aus der Leinwand, im Film und als eindringlich redendes Werbebild. Die Scherenschnitte sind fein und zierlich, und wir haben sie deshalb sehr lieb — und noch viel lieber, wenn sie in die Welt hinausgehen, wenn sie als Bilderbuch oder als Fries im Kinderzimmer den Jubel der Kinder erwecken und andere V I!,MW Menschen erfreuen, und uns, wenn auch nicht goldene Berge, so doch bescheidene Schätze bringen. Rosymarie Bergmann. Vorträge über Kunst Dr. Irmgard Schüler: Sabbat im Spiegel der jüdischen Kunst In einem gutang-e legten Referat sprach Dr. Irmgard Schüler an Hand von Lichtbildern und Originalen des Jüdischen Museums sowie der Ausstellung „Altes Kultgerät aus Privatbesitz" im Jüdischen Museumsverein über „Sabbat im Spiegel der Jüdischen Kunst". Nicht nur, -daß Leuchter und Kidduschbecher, Hawdologerät undPsomimbüchse das Zeremoniell des Sabbats kennzeichnen, wurde hervorgehoben und bewiesen, es ging auch, um die Idee, die nicht zuletzt in der bildenden Kunst,, im Werke Strucks oder Budkos, in.Darstellungen der Rahel Szalit und vieler ayderer Künstler der Moderne ihren Niederschlag'smdet. Mit am interessantesten waren die neuesten Forschungen, die die Rednerin des Abends Mitteilen konnte, ins- ■ besondere die Erkenntnisse Sukeniks. Dr. Max Osbom: Peter Paul Rubens Das vielseitige Werk des Rubens, der der erste eigentliche Barockmaler gewesen, machte Dr. Ma^ Osborn im Berliner Kulturbund zum Thema eines Vortrages. Unter dem Patronat des kunstsinnigen Herzogs von Mantua, dem Geschlecht jener Gonzaga entstammend, schuf der junge Flame seine frühesten Bilder, aus Impressionen aller Art entständen später die Zyklen für Brüsseler und Antwerpener Kirchen und Paläste. Der Glanz und der Aufstieg dieses Meisters, der damit in so trennendem Gegensatz zu Rembrandt steht, spiegelt sich auch in den lebensfrohen Bildern der Helene Fourmmt, dem Gemälde der Lichtenstein-Galerie und all den anderen Rubens-Schöpfungen, oft dem antiken Stoffkreis thematisch entnommen. In den Paradiesbildern entsteht die Traumwelt des Alten Testaments, auch in der „Opferung Jsaacs", der „Vertreibung der Hagar", der „Gefangennahme Simsons" und dem „Urteil Salomons". Im Grunde , aber war gerade Peter Paul Rubens ein Mensch seines Zeitalters, voll humanistischer Bildung und Gesinnung, dem sich, wie Dr. Osborn betonte, das Fenster des Lebens nach allen Richtungen aufgetan. Dr. Hans Sachs: Die Kunst des Plakats Mit wertvollen Beständen aus seiner einzigartigen Privatsammlung von 12 000 Blättern machte Dr. Hans Sachs in einem Külturbundvortrag bekannt, in dem er einem zahlreich erschienenen Publikum Originaldrucke von Plakaten zeigte, so daß koloristischer Reiz, Stil und Format von künstlerischen Plakaten einmal deutlich bewundert werden konnten. Es ging nicht um öffentliches Werbewesen oder einfache Mausranschläge, sondern um das eigentliche Künstlerplakat, dessen Blüteperiode 1860 in Frankreich begann, in Paris, jenem Großstadtbetrieb, in dem sich ein eigener Stil entwickelte. Vom Bilderbogen zum Wandplatt — mit diesen Worten umriß der Redner des Abends die Entwicklungslinie der Jahre 1860 bis 1890. Jules Cheret, der das Plakat der Pariser Uraufführung von Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt" schuf, und seine Nachfahren drückten dieser Kunst den Stempel auf. Lautrer und Steinlen hielten in ihren besten Arbeiten die Gestalten der Bühne und des Varietes fest. Unter den 800 französischen Blättern der Sammlung Sachs konnte man gerade entzückende Beispiele bewundern, auch von Steinlen, der der Freund der Kinder und Katzen gewesen, v. Grün, Jossot, Leandre und anderen Meistern des Montmartre. In aller Herren Ländern aber erlebte jenes Grenzgebiet künstlerischen Schaffens, die Plakatkunst, ihren Aufschwung. Auch in Deutschland, WWW- Konzerte und Vorträge im Reich In Hamburg. spielte das Frankfurter Kulturbundorchester unter H. W. S t e i n b e r g. Es : zeugt von einer beachtlichen Steigerung der Ouali- . täten seines Orchesters, daß er es mit Erfolg vor die Aufbabe stellen konnte, neben Schuberts 8-Dur-Sinfonie und Mozarts Kleine Nachtmusik die Eroika in das Programm aufzunehmen, deren Wiedergabe auf einer bemerkenswerten Höhe stand. Kleine Unebenheiten bei den Bläsern in Partien des Werkes, die für jedes Orchester Klippen darstellen, vermochten nicht den vorzüglichen .Gesamteindruck der Ausführung zu trüben. Der Beifall gestaltete sich zu einer begeisterten Kundgebung für Steinberg und sein Orchester. A. Der Kulturbund Kassel vermittelte die Bekanntschaft mit Nicolai G r a u d a n, dem lang- ■ jährigen Solocellisten der Berliner Philharmonie. In der Kammersonate von Henry Eccles bewies er eine hohe Musikalität, verbunden mit gediegener Technik und vornehmer Spielkultur. Den Höhepunkt des Abends bildete der Vortrag der Sonate E-moll op. 38 von Brahms, in der Graudan in Generalmusikdirektor Joses R o s e n st o ck einen hervorragenden Partner am Klavier fand. Rosenstvck, gewohnt zu führen, brachte in Gemeinschaft mit Graudan eine leidenschaftliche, schwungvolle Wiedergabe. Man hörte von beiden außerdem noch Werke von Schubert und Schumann, die gleichfalls viel Beifall ernteten. F. Ein Liederabend des Tenors Max P o d e - roll) sk y in Königsberg i. Pr. lvar deshalb bemerkenswert, weil er in der östlichsten Großstadt Deutschlands jene Jargonlieder aufklingen ließ, in denen sich das Ostjudentum mit größter naivster Lebendigkeit offenbart. Die Melodik dieser Lieder und ihre einfachen Worte fanden hier das .dankbarste Publikum. Die Lieder wurden mit seinem Verständnis für ihre Eigenart von Hans L e v i n s o h n begleitet. Im ersten Teil des Abends sang Poderowsky einige synagogale Litder, von denen "bte von dem Königsberger Chordiriqenten Badrian bearbeiteten die schönsten waren. 1. Ick. In Karlsruhe begeisterte Alexander K i p n i s ein großes Publikum mit der Vielseitigkeit seiner hohen Gesangskunst in Arien und Liedern von Mozart, Schumann, Hugo Mols und Richard Fuchs. Für den Karlsruher Komponisten Richard Fuchs freute man sich, seine klangschön und einfühlsam komponierte „Nachtigall" in der Interpretation dieses großen Sängers zu hören, die denn auch für beide zu einem besonderen Eriolg tvurde. In einer ganzen Anzahl Zugaben brachte Kipnis den Abend zu einem noch gesteigerten Abschluß. Kapellmeister Rudolf S ch w.a r z erwies sich wiederum als ein in jeder Hinsicht kongenialer Begleiter. 8tg. In der Mannheimer Hauptsynagoge begegnete die Aufführung der biblischen Szene „König Salomons Urteil" für Soli, Orchester und Orgel in der Vertonung» von Giacomo Carissimi, ausgeführt vom „Liederkranz", besonderem Interesse. Dabei wurde das Werk überhaupt zum ersten Male auf einem Podium als Laienspiel pantomimisch von Kindern dargestellt. Farbig, teils dramatisch, ist die Musik, um die sich, unter Leitung von Kapellmeister Sinzheim er, solistisch Hilde G r ü n st e i n - M a t t a u ch, Kaiserslautern, mit tragendem, gut geschultem Sopran, Lisbet Dührenheimer mit warmem Mezzo, der Tenor Max L i p m a n n als ein- , drucksvoller Erzähler und der Bassist Norbert ' N a d e l m a n n verdient machten. Die kindlichen Darsteller, von denen der köstliche junge König und die Vertreterinnen der guten und bösen Mutter hervorgehoben seien, ließen die Einstudierung durch Regisseur Franz Oppenheimer erkennen. 80. In der Bruchsaler Synagoge konzertierte die Mannheimer Jnstrnmentalgemeins ch a f t unter Leitung von Kapellmeister Max Sinzheimer. Die Solistin Lene Sinzheimer (Violine), Mannheim, bewies hervorragendes Können in Klang und Technik; den Orgelpart hatte Kapellmeister Curt Stern, Karlsruhe, übernommen. Ein erlesenes Programm (Lully, Locatelli, Bach, Mozart und Händel), der meisterhafte Dirigent und die Einheit des Orchesters gestalteten das Konzert zu einem bleibenden Erlebnis. R—r. Die jüdische Kusturgemeinde Schivarztvald ververanstaltete unter der bewährten Leitung von Heinrich L ev i, Horb a. N.. in Haigerloch ein gut besuchtes Konzert. In Opernarien, Duetten und Terzetten sowie Liedern zeitgenössischer jüdischer Komponisten hörte man Else Rypinski, Heilbronn, die auch mit heiteren Liedern zur Laute die Zuhörerschaft ergötzte, ferner Trude Strauß» Seewald, Frankfurt a. M., mit ausgezeichnetem, gut geschultem Koloratursopran sowie Kammersänger Benno Z i e g l e r durch seine vortreffliche Vortragskunst das Publikum entzückte. Max F i r n b e r g, Frankfurt a. M., war ein zuverlässiger Begleiter. A. R. Die erste Veranstaltung des in Freiburg .i. Br. neugegründeten Kulturbundes war ein Rezitationsabend von Edith H e r r n st a d t - Oettingen. Es war ein Aufrütteln der Gemüter. „Klänge jüdischer Seele": unter diesem Motto war das Programm zusammengestellt, das neben einem Bibelstück Gedichte und . Prosa bekannter jüdischer Autoren brachte. Edith Herrn» stadt-Oettingen sprach frei und ruhig, ohne jedes unechte Pathos, dabei. aber stets von lebendiger Spannung erfüllt, die sich auf alle Hörer übertrug. Der Kulturbund Halle a. S. veranstaltete einen Kammermusikabend, ausgeführt vom Mendels- ,sohn - Trio, Leipzig. Man hörte Mendelssohn, Mozart und Tschajkowsky. Das präzise, seine Zusammenspiel rief bei den Zuhörern eine andachts- und weihevolle Stimmung hervor. Die Winterveranstaltungen des Jüdischen Kulturbundes Erfurt eröffneten Edit Maerker und Wilhelm Guttmann mit einem Arien- und Duettenabend. Erna Klein hatte als sichere Begleiterin an dem starken Erfolg der Sänger berechtigten Anteil. In einer anderen Veranstaltung zeichnete Dr. Anneliese Landau, Berlin, das Berlin vor 100 Jahren. Ludwig H a r d t s Sprech- und Vortragskunst zog alle Zuhörer. in seinen Bann. Emil Fischer, Weimar, gab mit Hildegard L i P P st a d t (Lind) einen erfolgreichen Opernabend. Alexander Weinbaum, Berlin begleitete sorgfältig. „Reubeni, Fürst der Juden", die mit großem Erfolg vom Jüdischen Kulturbund Rhein-Ruhr, Köln, aufgesührte Chronik von Max B r o d. dramatisiert von Gerhard Walter-Rosenbaum, ist in den Bühnenvertrieb Max Pfeffer, Wien, übergegangen. Die Neue Madrigalvereinigung Berlin (Dirigent Dr. Ludwig. M i s ch) gibt am 4. Februar im Bechsteinsaal ihr erstes diesjähriges Konzert. Das Programm enthält Werke von Mendelssohn, Schubert und Ur- und Erstaufführungen von Kompositionen lebender jüdischer Tonsetzer. Als Solisten wirken Thea Bieber und — zum erstenmal im Konzertsaal — Hans R o s b a s ch. wo viele Namen von Klang gearbeitet haben. Jüdische Künstler wie Edel, Klinger, Lindensiedt, Leni, vor allem aber Lucian Bernhard dürfen den Ruhm für sich beanspruchen, einen eigenartigen Berliner Plakatstil geschaffen und volkstümlich gemacht zu haben. Man braucht sie nichts alle aufzuzählen, die auch jüdische Themen in ihren Arbeiten angeschlagen haben. Fragen. kulturgeschichtlicher, reklametechnischer und wirtschaftlicher Natur fanden hier ihren künstlerischen Niederschlag und vermochten vielleicht gerade in der Vorführung dieser wunderschönen Bestünde im Logenhause den jungen Werbegraphikern mannigfache Anregungen zu geben. Dr. Sachs trug seine Ausführungen, die im Kunstbetrieb des Kulturbundes etwas völlig Neues brachten, mit jenem großen Maß von lebendiger Klarheit und Wissen um die Dinge vor, die ihn als den kenntnisreichsten Sammler dieser Materie kennzeichnen. Dr. 0. B. Künstlerausstellung. Das Sekretariat für bildende Kunst veranstaltet im Klubheim des Jüdischen Frauenbundes, Berlin W 50, Marburger Straße 5, eine Ausstellung von den Arbeiten des Malers Ludwig Schwerin, der Malerin Adele Reissenberg-Rosenbaum und der Bildhauerin Viola B o e h m. Eröffnung Sonntag, den 2. Februar 1936. Besichtigung täglich von 11 bis 2 Uhr, Sonnabend von 5 bis 7 Uhr. Eintritt frei, mit Ausweis des Kulturbundes bezw. der R-Karte. — Eine Kollekt i v - A u s st e l l u n g des Malers Fred Goldberg wird Sonntag, den 2. Februar, 11 Uhr vormittags im BZV-Heim, Kantstraße 54, eröffnet. Gibt es einen jüdischen Stil? Professor Franz Landsberger legt Wert auf die Feststellung, daß er in seinem Vortrag im Berliner Kulturbund (der Bericht darüber in der vorigen Nummer mußte aus Raummangel stark gekürzt werden) eingehend die Merkmale einer jüdischen Eigenart in der Kunst dargelegt hat. Blick in die Zeitschriften Der Jude in der Operettenkunst In einem Beitrag „Die leichte Muse und der Rassegedanke" („Nationalsozialistische Monatshefte", 7. Jahrgang, Nr. 70) unterzieht Dr. Herbert Gerigk die Tätigkeit, die jüdische bzw. nichtarische Musiker und Textdichter auf dem Gebiet der Operette bisher ausgeübt haben, einer sehr scharfen Kritik. In jener Unterhaltungskunst erblickt er ein Seitenstück „zu einem, anderen ebenfalls ausschließlich von Juden betriebe--! nen Gewerbe, nämlich der Herstellung von Porno-- graphischer Literatur". An die Stelle des Humors sei die mehr oder weniger eindeutige erotische Anzüglichkeit, an die Stelle des Witzes die überspitzte jüdische Klügelei getreten. In den Spielplänen der deutschen Bühnen habe man zwar selten nichtarische Musiker, dafür aber um so häufiger jüdische Textverfasser angetrofsen. Die Operetten des Ariers Franz Lehar seien ausnahmslos von Juden textiert worden. Zweifellos gebe es auch Werke, die allein auf Grund des schöpferischen Anteils ihrer Komponisten wertvoll genug seien, um sie weiterhin in den Spielplänen zu lassen. Man werde eine Operette von Johann Strauß auch dann unbeanstandet Passieren lassen, wenn ein Nichtarier an dem Text beteiligt sei. Dieser Fall liege vor bei der „Fledermaus", deren Text nach einem Buch von Halevy bearbeitet worden sei. Als Richtlinie könnte man seststellen, daß eine gewisse Großzügigkeit bei solchen Schöpfungen bewiesen werden könne, die zu einer Zeit entstanden seien, als der Rassegedanke noch nicht Allgemeingut des deutschen Volkes gewesen sei. Von dieser Ausnahme abgesehen fordert Dr. Gerigk eine rein deutsche Operetten- und Unterhaltungskunst. . Eine Deutung Shylocks In einem Beitrag „Shylock oder die Parodie der Rechtssicherheit" („Deutsches Volkstum, 18. Jahrg., Nr. 1) unternimmt Wilhelm Grewe den interessanten Versuch, die" Figur des Shylock unter Zuhilfenahme wirtschaststheoretischer Kate- .gyrien Max Webers zu deuten. Weber hat die Stellung der Juden während des Mittelalters als die Stellung eines Pariavolkes oder Gastvolkes bezeichnet, das durch seinen monopolartigen Geldhandel zur Ausbildung eines eigentümlichen Pariakapitalismus (im Gegensatz zu dem modernen rationalen Kapitalismus) gelangte. Der soziologische Hintergrund dieses jüdischen Pariakapitalismus — meint nun Grewe — ist in Shakespeares „Kaufmann von Venedig" mit bewunderungswürdiger Präzision gezeichnet. Das Drama spielt in den Anfängen der früh- . kapitalistischen Entwicklung in den großen italienischen Handelsstädten. Wir befinden uns in einer Welt, deren Rechtsanschauung durch die Vorstellung der Rechtssicherheit bereits entscheidend bestimmt wird. Shylock beruft sich auf die Rechtssicherheit, und die Venezianer können sich diesem Argument nicht verschließen. Shylocks formalistische Rechtsverfolgung ist jener spezifische Formalismus, mit dem sich das Pariavolk eine garantierte Schutzsphäre schafft und ausbaut. Es ist (nach Grewes Ansicht) jene Argumentation, die am Anfang jeder .Judenemanzipation steht. Für Shylock ist die Rechtssicherheit die Grundlage seines Geldhandels sowohl wie seiner rechtlichen Existenzbehauptung in der Welt der Artfremden überhaupt. Nach Grewes Interpretation soll Shakespeares parodistische Absicht jener Rechtssicherheitsideologie gelten, die die formale Logik Her Rechtssicherheit über das natürliche Rechtsbewußtsein stellt.