Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 5 (30.1.1936)
- Date
- 1936-01-30
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Blatt der jüdischen Brau Nummer 5 3. Beiblatt der C.-V.-Zeitung 30. Januar 1936 Lasst das Fähnlein stehen Manchmal kommt es. daß verschwommene Stimmungen, JugeniXeindrücke und Erinnerungen eines Tages eine Zusammenfassung erfahren, eine Form und einen Sinn erhalten. Meistens geschieht das durch Zufall und meistens findet man das in einem guten Buch, wo auf einmal in wenigen klaren und knappen Worten so eine Erklärung steht, einfach und einleuchtend. Beschämend einfach, eigentlich hätte man selbst daraus kommen müssen; das kränkt einen immer wieder. Ich lese in den „Hebungen im Styl" von Mathias Claudius: „Wir wissen alle, daß in dem Aeußeren nichts liege; aber Zeremonien können gute Rührungen veranstalten und auf gute Gedanken bringen. Auch sind sie bisweilen ein Fähnlein über dem Wasser, das uns anzeigt, wo der Schatz gewesen und versunken ist. Lassen Sie das Fähnlein stehen!" Ich lese und ich lese wieder, viele, viele Fähnlein fallen mir ein, die ich über so manche mir unverständliche Stimmung hätte hissen müssen, um ihren Ursprung zu erkennen. Das war einmal bei dem Konzert der Neunten Symphonie, die Frauen des Chors trugen weiße Kleider. Ich hörte zum erstenmal die Neunte und ich hörte nachher, daß auf der ganzen Welt, wo sie auch immer gespielt werde, die Frauen des Chors weiße Kleider tragen. Ich Hütte mich damals gescheut, einzugestehen, daß das Gebot der weißen Kleider mich mit einer eigenartigen Rührung erfülle, ich hätte es auch schwer zu schildern vermocht, daß ich dadurch eine Ahnung bekam, wie gewaltig das Lied an die Freude sein müsse, wenn es die Frauen auf der ganzen Welt nur in weißen Kleidern fingen dürften, und ich wage erst jetzt, dieses Aeußere als Grund für die Andacht anzugeben, die ich vor der Stärke des Symbols empfinde. Alle Menschen auf der ganzen Welt verbindet das Lied an die Freude, sie besiegeln diesen Bund, indem sie widerspruchslos gemeinsam ein ungeschriebenes Gesetz befolgen. Die Frauen im Chor tragen weiße Kleider, das ist eine Zeremonie, ihr Fähnlein soll stehen bleiben. Dann war es, als vor vielen Jahren mich zum erstenmal die Gewalt einer anderen Zeremonie anpackte, bedeutungsvoller als die der neunten, mir aber damals noch geheimnisvoller, noch unbewußter. In dem sonnigsten Kurort Italiens, in der beschwingtesten Stimmung einer nach einer schweren Krankheit wieder ganz Erholten und Gesundgewordenen, lernte ich auf einer Palmenpromenade an einem Sonnabendmittag einen Herrn kennen, der keine Uhr bei sich trug. Nun, ein Herr ohne Uhr ist noch weiter keine Absonderlichkeit, er war ein Doktor der Medizin, er stammte, seiner Aussprache nach, aus Berlin, dem Aeußeren nach hätte er ebensogut aus London oder Wien kommen können, er hatte das gütige Gesicht eines europäischen Arztes, weiter nichts. Die fehlende Uhr? — Du mein Gott, niemals mehr, hat mich die Zeit weniger interessiert als gerade damals, wo jeder Palmenschast eine deutliche Sonnenuhr war, und wo sich mir gerade erst wieder die Ewigkeit des Lebens selbst geschenkt hatte, als Zeichen der Gesundung. Was konnte man besseres tun mit Ewigkeit und Zeit, als sie verschwenden und verschwenden. Da mußte ich mich aber doch einer Verabredung erinnern, in diesem Sinne hatte ich die Ewigkeit eingeteilt, und fragte nach der Zeit. Der Doktor hatte keine Uhr, er hatte sie nicht vergessen, er hatte sie nicht versetzt, der Doktor trug keine Uhr bei sich, weil Schabbat war. Und er sagte zu mir leichtsinnigem, bisher kicherndem und schwatzendem Geschöpf mit einem Ton, der mir ganz seltsam schien und mich aufhorchen ließ: Heute tragen auf der ganzen Welt die Frommen unter uns keine Uhr. heute verbindet uns Fromme auf der Welt nicht der Stundenschlag, sondern der Schlag unserer Herzen — unserer Schabbatherzen. Der Schatten der Palmen war etwas länger und ich war still geworden. Wie groß ist der Schatz des Judentums, dessen Fähnlein durch die Jahrtausende ihre Farbe behalten .haben. Der ganze Tag einer jüdischen Familie unterliegt dem Rhythmus ihrer Schwingungen, der Tag des Judentums, der schon am Abend beginnt, wenn die Sterne am Himmel erscheinen. Endlos wäre die Reihe der Fähnlein, wollte man sie einzeln erwähnen, wollte man ihr gerecht werden. So wollen wir uns nur darauf beschränken, auf ihre Bedeutung hinzuweisen, die unfaßbar groß ist, so groß, daß ohne sie das Judentum schlechthin nicht denkbar wäre. 6.8. Mehr Gastlichkeit Manchmal muß man einige Schritte zurückgehen, um vorwärts zu kommen. Manchmal müssen wir Juden von heute Zurückdenken an die Wege, die einst unsere Ahnen gingen und die — so dornenvoll sie waren —. doch in die Höhe führten. Kindheitserinnerungen werden lebendig:' Die jüdische Gastlichkeit bei uns zu Hause! Sie hatte mit Gesellschaftlichkeit oder Revanche absolut nichts zu tun. Es war keine Parade der Meißner Teller oder geschlissener Gläser oder des Silbers. Es war eine so selbstverständliche Gastlichkeit ohne jeden Prunk. Eine blütenweiße Decke aus seinem Linnen deckte den Eßtisch, und wer just um die Essenszeit in unserem Hause weilte, war herzlich eingeladen zu der Mahlzeit, die es eben gab. Ein Gedeck mehr wurde für den Gast aufgelegt; nie hatte er das bedrückende Gefühl, zu stören oder Arbeit zu verursachen. Wir Kinder durften unsere zahlreichen Freundinnen jederzeit zu Tische mitbringen, wenn sie gerade mit uns spielten oder arbeiteten. Und Freitag abend! Feierlich geputzt saßen wir an der schön gedeckten Säbbattafel; sechs Kerzen flammten in den Silberleuchtern, die, von Sohn zu Sohn vererbt, die Verbindung mit den Ahnen symbolisieren. Da kam der Vater aus der Synagoge. Strahlenden Antlitzes brachte er Sabbatgäste mit: Armselige galizische oder russische Schnorrer — denn wir wohnten in Oberschlesien nahe der Grenze. Mit ihren langen Bärten, und dem Kaftan angetan, wirkten sie seltsam auf uns Kinder. Wehe uns, wenn wir verächtlich auf diese Gestalten herabsahen oder unfern Stuhl von ihnen abrückten! „Es sind eure Brüder." Man ehrte sie, indem man ihnen zuerst die Schüsseln reichte; man unterhielt sich, d. h. man ließ sich von ihren Leiden berichten, denn Not und Sorge sprachen schon deutlich aus ihren Zügen. Wir Kinder, was wußten wir damals vor: jüdischer Not! Manchmal lächelten wir über die Ungepflegtheit der Gäste oder über ihre Manieren. Aber die Eltern waren beglückt mit den Sabbatgüsten, und wenn die Gäste sich nach dem Tischgebet empfahlen, durften wir Kinder ihnen ein Abschiedspaket in die Hand drücken. Die Gastlichkeit unserer Generation hatte nicht mehr den Stempel wahrer Herzensgüte. Ein unerwarteter Gast machte „Umstände", weil die Repräsentation allerlei Gedecke usw. erforderte. Die Einladung befreundeter Familien machte wochenlanges Kopfzerbrechen und große Kosten, Fanny L e w a l d, die ihren Zeitgenossen als große Schriftstellerin galt, lebt unter uns höchstens in der Erinnerung an viele und lange Romane fort, die meist in der „Gartenlaube" erschienen und für uns heute ganz unlesbar sind. Eines ihrer Werke ist aber jetzt noch für uns interessant — vielleicht sogar noch interessanter, als es ihren Zeitgenossinnen sein konnte: ihre 1861 erschienenen Lebenserinnerungen. Vor allem ist für uns die Schilderung ihrer Kinder- und Jugendzeit von Bedeutung. Der klare Stil verrät lange ernste Schulung; in der psychologischen Durchleuchtung mancher Untergründe ihrer Charakterentwicklung erklärt sie — scheinbar ohne es zu beabsichtigen —, warum aus ihrer Generation so viele Frauen dem Judentum verloren gingen und ihre Energien und Kräfte in den Dienst anderer Ausgaben stellten. Fanny Lewald wurde 1811 in Königsberg als ältestes Kind eines für die jüdischen Menschen Oppenheim Das bekannte Spezialhaus für Kleiderstoffe Charlottenhurg, Wilmersdorf er Str. 115-116 Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe und ZU einer anregenden Unterhaltung kam es selten. Und nun gar ein Schnorrer! Aus hygienischen Gründen konnte man ihn schon gar nicht bei Tisch essen lassen, höchstens in der Küche oder Gesindestube, aber noch viel lieber gab man Geld und nahm ihn gar nicht ins Haus. Und heute! Es sind viele von uns „Schnorrer^ geworden, die einst an der großen Tafel saßen. Ich weiß nicht, ob sie am Sabbat einen liebevollen Gastgeber haben und ob man sie mit offenen Armen empfängt und so ehrt, wie der Gast schon in der Bibel geehrt wurde. Freilich, es ist knapp geworden in unfern Häusern, und wir müssen — bis aus wenige Ausnahmen — mit dem Groschen rechnen. Und so schränkt man sich ein mit dem offenen Haus. Aber gleichgültig, was auch immer auf dem Tische steht, die Wärme und Herzlichkeit macht's, mit der wir den Gast empfangen. Und er soll keine heitere Maske tragen müssen, wenn tiefer Kummer sein Herz bedrückt. Er soll uns sein Herz öffnen — viel-« leicht haben wir doch eine Möglichkeit, zu helfen. Bon einem andern in seinem Leid verstanden zu werden, ist schon eine Wohltat. Eine gute Unterhaltung bedarf nicht großer Aufmachung, und „die Güte von Mensch zu Mensch ist mehr als die Güte zu allen Menschen". Clara Sacks. der Emanzipationszeit sehr charakteristisches Elternpaares geboren: der Vater war Kaufmann, ernst und mit eisernem Pflichtgefühl bemüht, sich und den Kindern die deutschen Kulturgüter anzueignen. Die Mutter, körperlich zart und durch viele Geburten früh erschöpft — sie starb noch jung an Tuberkulose — war gänzlich ungebildet und überschätzte leidenschaftlich alle geistige Tätigkeit. Sie fühlte bald, daß zwischen dem Vatep und der frühreifen ältesten Tochter ein unaus-r gesprochenes, aber inniges Einverständnis bestand^ und wurde darauf sehr eifersüchtig. Während fii vorher ihr intellektuell begabtes Mädchen bewundert hatte, verlangte sie plötzlich von ihr nur noch Interesse für den Haushalt; Fanny mußte der Mutter stets zur Hand gehen und stand immer unter ihrer Aussicht. Die Kleine durchschaute nach Kinderart die Zusammenhänge intuitiv — klarer als die Eltern — und reagierte begreiflicherweise mit äußerster Abneigung gegen jede „weibliche" Fanny Lewald / z“ "Siläp“8 Junges Mädchen sucht Stellung im Haushalt Von Karl David Personen: Die Hausfrau — Litt, ein „umgeschichtetes" Mädchen. L i l i: Entschuldigen die Störung, gnädige Frau, Ich annoncierte in der „C.-V." Sie hatten die Güte, mir zu schreiben. Ach wär' ich glücklich, dürft' ich bleiben. Ich sage eL offen — ohne Genieren —, Es will mich niemand engagieren. Ich habe vom Haushalt keinen Schimmer, Wie schmort man Braten? Wie fegt man Zimmer? Ich war im Büro, zuvor Referendar, Doch wie besorg' ich die Kinderschar? Ich habe bestimmt den besten Willen, Gnädige Frau, st«ts meine Pflicht zu erfüllen. H a u s f r a u 7 Sie müssen nicht „gnädige Frau" zu mir sagen. Das kann ich heut nicht mehr vertragen! Lili: Darüber brauchen Sie nicht zu stöhnen. Gnädige — ach — ich werd' es mir abgewöhnen. Hausfrau: Wir haben fünf Zimmer mit allem Komfort, Wir zögen 'ne kleinere Wohnung vor. Doch haben wir leider noch Vertrag. Lili: Gestatten, Gnädige, daß ich was frag'? Hausfrau: Soviel Sie wollen, ganz nach Belieben — Lili: Haben Sie sechs Kinder oder sieben? Hausfrau: Wie kommen Sie draus? Wir haben nur drei. Lili: Wie schade! Dann gibt's ja so wenig Geschrei. Ich darf doch wohl bei den Kindern schlafen? Hausfrau: D'a hätten Sie selbst des Nachts zu schaffen. Sie haben Ihr eigenes Zimmerlein. Lili: Wie werd' ich verwöhnt! Das ist zu sein! Als Umschichtler auf Hachschara, Macht man mit uns nicht solch Trara. Drum heißt's bei uns auch stets im Bund Sich fügen ohne großen Mund, Erst käm' die Herrschaft, dann erst wir. Hausfrau: Na, diesen Bund, den lob' ich mir! Wie steht's mit dem Ausgang und mit dem Gehalt? Lili: Bekomme ich denn etwas bezahlt? Als Volontär, der nichts versteht, Und hier doch in die Lehre geht! Hausfrau: Sie kriegen 15 Mark Taschengeld, Mehr — wenn die Leistung mir gefällt! Sie müssen mit Ausgehn nach uns sich richten. Lili: Mir ist es Recht, denn umzuschichten Bedeutet verzichten aus mancherlei. Ich tue es gern! Was es auch sei! Hausfrau: Natürlich! Sie müssen ohne Faxen Die Fenster putzen, die Böden wachsen. Sie müssen sich dazu bequemen. Und Kinderwäsche übernehmen. Sind Sie zu alledem bereit? Lili: Ja gern, sonst wär' ich nicht gescheit. Hausfrau: Dann will ich Ja zu Ihnen sagen! Lili: Sie wollen's also wirklich wagen? Ich könnte schrei'n vor lauter Freuden, Wie würd' man mich im Bund beneiden! Am Ersten tret' den Dienst ich an, Ich stehe sicher meinen Mann! Hausfrau (reibt sich noch ganz verschlafen die Augen, todmüde zu sich selbst): Am hellen Tage geschlafen, geträumt! Ach! wieviel Zeit Hab' ich versäumt. Die Milch brennt an! Fertig kein Raum, Ade, du schöner Haussrauentraum! Machen Sie sich doch selber mal eine kleine Freude! Ja, das sollten Sie wirklich hin und wieder tun. — Sie wissen, in welch aufopfernder Weise für die Allgemeinheit unserer Menschen gesorgt wird. Niemand wird hungern! — Aber um sich so um Ihre kleinen Privatliebhabereien zu kümmern . . . sehen Sie, dazu hat heute wirklich niemand Zeit. Jeder hat so entsetzlich viel mit sich selber zu tun. Also: Denken Sie auch mal an sich selbst! Das braucht durchaus nicht in Egoismus auszuarten. Nur: Wenn Sie mal frühmorgens Lust auf eine besonders gute, starke Tasse Kaffee haben . . . kochen Sie sich ihn, ohne immerfort ans Sparen zu denken. Wenn Sie gern mal wieder ins Kino gehen wollen und dafür lieber kein Geld fürs Mittagsbrot ausgeben möchten . . . wer kann Sie eigentlich daran hindern, mittags belegte Brote zu essen und dafür am Abend beglückt wie ein Kind in das große Bilderbuch hineinzugucken, das wir „Film" nennen? — Was es auch sei: Eine besonders feine Zigarette, ein Stück Kuchen mit Schlagsahne, eine Flasche Lau de Cologne, ein Spaziergang, der sozusagen „außerdienstlich" unternommen wird, oder auch nur das Schreiben eines allzu gefühlvollen Briefes, der vielleicht nicht gerade dringend notwendig ist . . . tun Sie doch mal nicht das, was Sie müssen, sondern das, was Sie von sich aus gern wollen! Aus solchen kleinen, seelischen Seitensprüngen — und wenn es weiter nichts ist, als der Erwerb eines Zweiges goldgelber Mimosen, die Ihr ganzes, kleines Zimmer mit dem Atem des Südens erfüllen! — erwächst Ihnen neue Lebenskraft und neue Lebensfreude! Für sich selbst und auch schließlich für Ihre Umgebung! — Also, haben Sie den Mut dazu: Machen S i^e sich s e l b st manche mal eine kleine Freude! Läse Lewinneck (Königsberg i. Pr.). SiewhenMicll perfekt Sie meldete sich auf unser Inserat in der weit verbreiteten vielgelesenen C.-V.-Zeitung SchuiieK Sit ah. die lAu^eigen -UUeNuHg, dex C.-V.-ZtäuHQ' SviOk U/.1S, iuuvi ShM