Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 4 (23.1.1936)
- Date
- 1936-01-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XV. Jahrgang / Nr. 4 2er!in, 23. Januar 1936 Preis 10 Pfennig entralerein- ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telepammadresse: Centralglauben., Berlin. Die „C.-V.-Zeitung“ erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt uud die Geschäftsstelle^ entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die^ die.Gebühren durch den Postboten erhebt. — Bezugsgebühren: Abonnement vierteljährlich 89 Rpf. (Ausland 2,30 RM, umgerechnet m die Landeswährung einschließlich ZusteUgebdhren. Ejnzebiummer 10 Rpf. (Ausiaud Rpf.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Betrage. — Anzeigengebuhren: Preisliste o gültig. Die 12gespaltene Milhmeter-Zeile 20 Rpf., fu^i Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz- und Datenvorschriften ohne Veibinduchkeifc. In Trauer vereint Zum Tode König Georgs von England An der Bahre des englischen Königs trauern mit allen Bewohnern des British Empire seine jüdischen Bürger; die Fahnen in Palästina wehen aus Halbmast, wie die Farben aller Kulturnationen. Denn die Achtung vor dem Leben und der Leistung des toten Königs ist auch dort, wo die engere Verknüpfung zwischen König und Bürgern fehlt, die aus Tradition und Liebe erwächst. Dankbare Verehrung bindet überall in der Welt die Juden an den Namen des Herrschers, unter dessen Regierung Lord Balsour seinen historischen Brief an Lord Rothschild schrieb, mit dem in der tausendjährigen Geschichte unserer Gemeinschaft eine Wendung eingeleitet worden ist, deren Entwicklung niemand trotz der inzwischen verflossenen 19 Jahre absehen kann, von der aber alle Juden innig wünschen, daß sie für die Dauer zum Segen sein möge. Die B a l s o u r - D e k l ä r a t i o n, diese Magna charta jüdischer Gesamtmöglichkeit im eigenen Bereich, steht neben der anderen Magna Charta der persönlichen Möglichkeiten als Juden innerhalb der Völker des British Empire, dessen Größe und Macht gerade in den internationalen Wirren . der. letzten Monate sichtbar geworden ist: den englischen Berfas sungsgrunds ätzen. Deshalb endet die Trauer unter den Juden nicht an den Grenzen Englands. Unendlich ist die Zahl der Träuerkundgebungen, die von jüdischer Seite ergehen. Die englischen jüdischen Körperschaften Der Vorsitzende des Board of Deputies o! British Jews, Neville Laski, widmet dem verstorbenen König einen Nachruf,. in dem es heißt: Unsere Dankbarkeit für ihn ist unsterblich. Sein Andenken wird von. uns Juden immer hochgehalten werden. Der Vorsitzende der Anglo-Jewish Association, Leonard G. Montefiore, erklärte, in jedem jüdischen Hause herrsche tiefster Schmerz über den Tod des allgemein geliebten und verehrten Königs. Alle Shnagogengemeinden Englands bereiten große Trauerfeierlichkeiten anläßlich des Ablebens des Königs vor. Die aus den Dominions und aus Palästina eintrefsenden Nachrichten sprechen von der tiefen Erschütterung der dort lebenden jüdischen Gemeinschaften über den Tod König Georgs V. Im Namen der Jüdischen Gemeinde des Britischen Weltreichs hat Oberrabbiner Dr. I. H. Herz, an die Königin-Witwe Mary ein Telegramm gerichtet, das dem Beileid der Judenheit des Reiches und ihrer tiefen Trauer um den Tod des Königs Ausdruck gibt. Die Königin-Witwe Mary hat daraufhin dem Oberrabbiner folgendes Danktelegramm gesandt: „Ich weiß Ihre freundliche Bot¬ Diese Nummer umfasst 22 Seiten. Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Die Tätigkeit der HICEM für die Auswanderer aus Deutschland 2. Beiblatt: Adolf• Böhms Buch: „Die Zionistische Bewegung.“ Von Dl. Eva Reichmann- Jungmann. — Die letzten Nächte des Heinrich Heine. Von Walther Victor (Fortsetzung). — Ein Blick in den jüdischen Kalender. Von Professor Ludwig Basnizki (Heidelberg). 3. Beiblatt: Buch und Kunst. 4. Beiblatt: Sportblatt. —— Der Briefmarkensammler. — Wirtschaft der Woche. 5. Beiblatt: Palästina-Umschau. schaft des Mitgefühls bei meinem schweren Verlust tief zu schätzen. Bitte übermitteln Sie meinen aufrichtigen Dank an alle Ihre Gemeinden." Der Dank der Königin-Witwe an die englische Judenheit wurde dem Oberrabbiner unmittelbar nach dem Empfang seines Beileidstelegramms übermittelt und gehört zu den ersten öffentlich bekannt gewordenen Kundgebungen der Königin nach dem Tode König Georgs V. Der Ehrenpräsident der J e w i s h Agency und der Zionistischen Organisation, Nahum S o k o l ow, feiert in einer Erklärung das Andenken des verstorbenen Königs als eines „C y r u s unserer Zeit", dem das jüdische Volk zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet sei. Die Gerechtigkeit, die er den Juden Großbritanniens und den Juden der ganzen Welt durch den Ausbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina angedeihen ließ, werde für immer mit seinem liebevoll verehrten Namen verbunden -bleiben. Die Exekutive der Jewish Agency uftb die Zionistische Exekutive haben an die Königin von England im Buckingham-Palast, ein Beileidstelegramm gerichtet, in welchem der Königin namens der Jewish Agency und der Zionisten der . ganzen West „tiefstes respektvolles Mitgefühl" ausgesprochen wird. Im Namen der Jewish Agency for Palestine l£)at bet Vertreter der Agency beim Völkerbund, Dr.. G o l d m a n n, dem bei der Völkerbnndstagung anwesenden englischen Außenminister Anthony Eden das Beileid anläßlich des Hinscheidens König Georgs V. ausgedrückt. König Georg V. Es war nicht nur die Tradition des englischen Thrones, die in Jahrhunderten . einer ruhmreichen Geschichte zugleich mit der des freien parlamentarischen Staates ausgebaut worden war, nicht nur das Erbe einer unvergleichlich ehrwürdigen Großmutter und eines klugen Vaters, was dem Siebzigjährigen seine einzigartige Stellung gab. Es kam eine eigene persönliche Leistung dazu. Er zeigte, daß die schicksalsvolle Ausgabe des Königs nicht nur eine Sache des Geistes, sondern vielleicht noch mehr des Charakters ist. Wieviel Krisen umfasten nicht die fünfundzwanzig Jahre, die Georg ans dem Thron - Englands gesessen hat! Die ungeheure Katastrophe des Weltkriegs fiel in seine Regierungszeit. Er mußte die Rolle spielen, die die Verfassung ihm auserlegte; aber man wird nicht zweifeln können, daß der Eintritt in den Krieg ihm um so schwerer gefallen ist, als er aus der Feindesseite nahe Verwandte sah. Die vier Jahre des Krieges haben ihn seinem Volke nur näher gebracht. Die verhängnisvollen Fehler des Friedensschlusses wird man ihm am wenigsten zur Last legen können. Seine Gesinnung kam zum Ausdruck in seiner feierlich beschwörenden Rede bei der Wassenstillstandsfeier im Westminfter: „Die Lehre, daß die Gewaltinder Weltherrschen solle, ist gewogen und verworfen. Laßt unsdieHerrschastderGerechtigkeit und des Internationalen Rechts aus den Thron setzen." Die siebzehn Jahre des Friedens, die Georg V. noch zu regieren beschieden war, sind keine Jahre des Ausruhens gewesen. So schnell ließ der Krampf, der die Welt ersaßt hatte, nicht nach. Aber soweit Georg V. herrschte, waren es doch Zeiten des Fortschritts im Selbstbestimmungsrecht der Völker: in Irland, dessen Probleme in geradezu revolutionärer Weise gelöst wurden, in Aegypten und zuletzt — an der verwundbarsten Stelle — in Indien. Der Eintritt der Labour-Partei in die Regierung vollzog sich — dank seiner Vorurteilslosigkeit — reibungslos, und die große, für die ganze spätere Zeit entscheidende Schwenkung zu der nationalen Regierung vom August 1931 konnte nur deshalb so vollständig glücken, weil der König willig mitging und sein großes Ansehen das gewagte Experiment deckte. Wer in diesen Tagen, gleichviel aus welchen Gründen, das Wort ergriff, sprach aus, was alle in Sorge um den todkranken König erfüllte, wie Lord Melchett, der die der Palästinafrage gewidmete Konferenz der englischen Juden mit den Worten eröffnete: „In Gemeinschaft mit den übrigen Bewohners unseres Vaterlandes und des Reiches beten die Juden Englands zu Gott für die Befreiung des Königs von seiner Krankheit. Die persönliche Fühlung, die . der König mit all seinen Untertanen hielt, war einem jeden teuer. Vielleicht gab es nie einen Monarchen, der das Ansehen der Krone und die Ergebenheit vor der Krone mehr gesteigert hat, als er. Das jüdische Volk wird nie vergessen, daß es während seiner Regierung geschah, daß die Balfour-Erklärung erlassen wurde und unser Land, das Mandat für Palästina übernahm." Brich Eyck. Die Gründung der Jüdischen Aus wander nngss chule Am 16. Januar fand in den Räumen der Reichsvertretung der Juden in Deutschland die Gründungsversammlung der Jüdischen Auswanderungsschule statt. Die „Jüdische Auswänderungsschule" setzt sich die Vorbereitung junger jüdischer Menschen für die Auswanderung nach Uebersee zur Aufgabe. Sie tritt damit neben die bisher bestehenden Auswanderungsstellen, deren Arbeit sie ergänzen will. Die aus einem Gut unterzubringende Schule wird der landwirtschaftlichen, gärtnerischenhauswirtschaftlichen,, und handwerklichen Ausbildung von zunächst 125 Schülern und Schülerinnen dienen. Neben der rein beruflichen Ausbildung wird in der Erziehungsarbeit besonderer Wert aus charakterliche, geistige und sprachliche Schulung aus. der Grundlage eines bewußten Judentums gelegt werden. Nach Eröffnung durch Dr. Leo Baeck wurde Dr. Julius L. S e l i g s o h n zum Vorsitzenden des Kuratoriums gewählt, dem die Vorbereitungsarbeiten und später die Verwaltung der Schule obliegt. Zu Stellvertretenden Vorsitzenden wurden bestellt: A. H. In den nüchternen Sätzen dieser Meldung ist ausgedrückt, was an Tatsachen über den Plan mitzuteilen ist, der schon bei seiner Entstehung den Widerstand gewisser jüdischer Kreise erregte. Jeder, der unvoreingenommen liest, was hier beabsichtigt ist, wird sich fragen, was eigentlich nach Lage der Dinge einzuwenden sei. Was liegt vor? Die Möglichkeit für unsere Jugend, sich im freien Einsatz der Kräfte und Fähigkeiten ihr Leben auszubauen, ist hier kaum noch vorhanden. Es ist.also an Auswanderung zu denken. Die Aufnahmefähigkeit Palästinas für Nichtkapitalisten, scheint, nach den erschütternd niedrigen Zertisikatszahlen für das laufende Halbjahr zu urteilen, leider — und hosfent-. lich nur für gewifse Zeit — erschöpft zu sein. Internationale Stellen in Gemeinschaft mit führenden englischen und amerikanischen Juden bemühen sich, neue Länder zu finden, in denen Juden, junge Juden vor allem, die Möglichkeit erhalten, als Siedler und Handwerker zu leben. Innerhalb der Umschichtungsarbeiten der jüdischen Stellen in Deutschland,, die gegenwärtig etwa 4000 Menschen innerhalb und außerhalb der Grenzen betreuen, fehlt bisher eine Gelegenheit, eine qualifizierte Ausbildung für Auswanderung außerhalb Palästinas zu vermitteln, wie eine solche für Palästina reichlich gegeben ist. Denn was bisher für nicht nach Palästina wandernde junge Menschen geschah, war unvollkommen und unzulänglich. Im Grunde war jeder auf sich selbst gestellt. Nun wird der Versuch ge° Justizrat Brodnitz, Dr. Otto Hirsch», Dr. Leo Löwen stein, Moritz Rosentha.l, Frau Ottilie Schön ewald und Max M. Marburg. Das Finanzreferat hat Fritz Schwarzschild übernommen. Das Kuratorium bestellte zur Durchführung der laufenden Arbeiten einen Arbeitsausschuß, dem als ordentliche Mitglieder Dr. Friedrich B r o d n i tz, Dr. Curt Elsbach, Dr. Alfred Hirschberg, Frau Kaufs* mann, Heinz K e Ile rmann, Dr. Werner Rosenberg, Martin Sobotker angehören. Als Sachberater gehören dem Arbeitsausschuß Professor Dr. Kantoro* w i e z, Hanna K a r m i n s k i und Dr. Georg L u b i n s k i an. Die Geschästsstzhrung liegt in den Händen von Dr. Bruno S o m m e> s e l d. Zum Schulleiter wurde Professor Dr, Curt Bo n dh gewählt, der bisher dem Mit-» arbeiterkreis der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung angehörte. Zum Kuratorium hat bereits eine große Anzahl führender Persönlichkeiten aus allen Teilen des Reiches ihren Beitritt erklärt. Die Adresse der Geschäftsstelle ist: Dr. Bruno Sommerfeld, Knobelsdorsfstraße 13, Charlottenburg 5. macht, die Erfahrungen der Palästina-Auswanderung für die Wanderung anderswohin nutzbar zu machen. Für die Verwirklichung dieses Zieles haben sich verantwortungsbewußte Menschen aller jüdischen Lager in erwartet großem Umsange zur Verfügung gestellt. Wir wissen auch, daß aus den Kreisen der in erster Linie Interessierten, der nichtzionistischen Jugend, viele hundert Anfragen und Ausnahmegesuche bereits vorliegen. Wer der Gründungssitzung des Kuratoriums beigewohnt hat, weiß, daß es sich hier um eine illusionsfreie, sachliche Planung handelt, die in jeder Hinsicht positive Ziele verfolgt und nur ablehnt, was unjüdisch, unwürdig und phantastisch wäre. Eine Zielsetzung also, die von jedem begrüßt werden kann, der eine gesunde Zukunft unserer jüdischen auswandernden Jugend an sich wünscht, und sie sich der Lage der Dinge entsprechend auch außerhalb Palästinas vorstellen kann. Die Leitung der ins Leben tretenden Schule will und wird sich gern der Kritik der öffentlichen jüdischen Meinung stellen, soweit es überhaupt angängig ist, ein im wesentlichen auch pädagogisches Unternehmen zum Gegenstand polemischer Auseinandersetzungen zu machen, ehe es nicht Gelegenheit zu sachlicher Leistung — oder zum Versagen! — gesunden hat. Es hat auch in zionistischen Kreisen außerordentlich befremdet, daß die „Jüdische Rundschau" die Indiskretionen ihres ersten Angriffes gegen die, jüdische Auswanderungsschule nicht etwa bedauert und zurückgenommen, sondern fortgesetzt hat. Man sragt