Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 3 (16.1.1936)
- Date
- 1936-01-16
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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16. Januar 1936 Nr. 3 2. Beiblatt 8M Raschi ist einer der bekanntesten und volkstümlichen Namen der jüdischen Vergangenheit, man darf sagen des jüdischen Lebens; noch heute erzählt gar mancher, der dem jüdischen Buche völlig entfremdet ist, mit Stolz, daß er als Knabe „Chomesch mit Raschi" gelernt hat. Wer Raschi gewesen ist, hat er nie gefragt und hat ihm auch niemand gekündet — so ist es Generationen vor ihm gegangen und wird es Generationen nach ihm ergehen, der Mann und seine Persönlichkeit sind ihnen entschwunden, aber die Leistung ist gegenwärtig und von mächtiger Wirkung. Wer da glauben wollte, daß Raschi ausschließlich in der über Raum und Zeit erhabenen Welt der Bibel und des Talmuds lebte, wäre im Irrtum, er stand mit beiden Füßen aus der Erde und war ein seiner Beobachter des Lebens seiner Umgebung. Rabbi Schelomo Jizchaki ist 1040 in Trohes, der alten Bischofsstadt, die später Hauptstadt der Champagne wurde, geboren und ist 1105 dort gestorben. Er lebte vom Ertrag ländlicher Arbeit, Weinbau und Viehzucht trugen zu seinem Unterhalt bei; wir wissen, daß seine Töchter die Kühe gemolken und die Weinlese gehalten habey. Nur für wenige Jahre verließ er seine Heimat, etwa 1060 bis 1064 hat er, als bereits verheirateter Mann, bei seinen Verwandten am Rhein gelebt und dabei die Lehrhäuser in Worms und Mainz besucht, die dank der Lehrweise des Rabbenu Gerschom, den man als die Leuchte der Diaspora pries, einen gewaltigen Aufschwung genommen hatten und sich um die Erforschung von Bibel und Talmud bemühten. Das war keine leichte Ausgabe. Schon die Texte zu beschaffen, war in einer Zeit, wo Schreibstvsf und Schreibkunde gleich kostbar waren, nicht einfach. Noch weit schwieriger war es, die Bücher, die in einer fremden Sprache, in weit entlegenen Ländern, vor fernen Zeiten entstanden waren, zu verstehen. Grammatiken und Wörterbücher, Uebersetzungen und Archäologien, kurz alle Hilfsmittel, mit denen wir heute rechnen, fehlten. Die fünf Bücher Moses freilich, die Haftaras aus den Propheten, die Megillot wurden in der Synagoge vorgelesen und waren daher geläufig, die Psalmen sind zum überwiegenden Teil im Gebetbuch enthalten, sie wurden auch sonst gebetet und waren vertraut. Der Vater vererbte diese Kenntnis aus den Sohn, eine Generation lernte sie von der anderen, das lebendige Gedächtnis her Zeiten hielt sie fest. Der Jude lebte mit den Erzvätern, er begleitete Abraham nach Kanaan und nach Aegypten, er war mit den Engeln bei ihm zu Gaste, er stand mit Jakob vor Laban und Esau, mit Joseph vor Pharao; er zog mit Israel aus Aegpten und durch die Wüste, er vernahm Moses' Mahnungen und Gesetze. Selbst wenn er am Rhein oder an der Seine wohnte, hörte er den Jordan rauschen, sah er an den Strömen Babels die Weiden, an die die Väter ihre Harfen gehängt hatten. Die stets gegenwärtige Tradition war ein Stück seiner selbst; wenn die Torarolle in der Synagoge hochgehoben und das Wort gesprochen wurde „dies ist die Tora, die Moses vor die Kinder Israel gelegt hat", so konnte man die Ueberzeugung gewinnen, daß dieses zufällige Exemplar mit dem der alten Urschrift wirklich identisch war. So stark war der Zusammenhang der Generationen, und so stark ist er bis heute geblieben; von den alten Uebersetzungen der Bibel bis zu Buber-Rosenzweig oder Torczyner herrscht trotz aller Verschiedenheiten eine Kontinuität, die man bewundern muß. Der Talmud war keineswegs so volkstümlich wie die Bibel, es war immer nur eine Minderheit, die sich mit ihm befaßte. Die Schwierigkeiten waren aber auch weit größer. Das Werk war viel umfangreicher, die Sprache weniger zugänglich, der Stil gedrängt, mitunter rätselhaft, der Inhalt reichlich bunt, die Voraussetzungen und Beziehungen überaus mannigfaltig. Wer ihn verstehen wollte, mußte in seine Heimat ziehen, an die alten Stätten der Lehre, in denen er entstanden war. Aber diese Lehrhäuser hatten ihre Tätigkeit eingestellt, es fehlte die lebendige Fortsetzung der alten Denkarbeit. Und dennoch, es ist erstaunlich, wieviel davon in das Abendland gedrungen war, wie reich und stark auch hier die Ueberlieferung floß, die das Verständnis des monumentalen Werkes erleickiterte. In Worms hat Raschi die Kunst der Erforschung und Auslegung von Bibel und Talmud erlernt, in Mainz hat er sie vervollkommnet, ihr hat er dann seine Lebensarbeit gewidmet, ihr dankt er seine Unsterblichkeit; neben seinen Kommentaren zu Bibel und Talmud verschwinden alle seine anderen Schriften an Bedeutung. Er war nicht ein Mann weiter Horizonte oder tiefer Gedanken, seine Bildung ging über das jüdische Gebiet nicht hinaus, es drängte ihn nicht, seine Lehre in ein System zu fassen, seine naive Gläubigkeit kannte keine Probleme und suchte keine Lösung — er begnügte sich 'damit, ein bescheidener Diener am Wort zu sein. Seine Erklärungen behandeln nicht große Zusammenhänge, er beschränkt sich daraus, das vor ihm stehende Wort oder den Satz zu erläutern und den Leser in den Gedankengang einzusühren. Aber er ist ein wirklicher Erklärer, einer, der Die Raschi-Kapelle in Worms Archiv Scnnenfeld, Berlin * selbst unerbittlich klar denkt und anderen Klarheit schafft, der sich tief in seine Texte einfühlt und nicht ruht, ehe er nicht ihren vollen Sinn erfaßt hat. Dazu befähigte ihn außer der natürlichen Gradheit seines Denkens eine weit ausgebreitete Gelehrsamkeit; er beherrscht die von ihm behandelten Gebiete in voller Souveränität, er ist in der gesamten vor ihm entstandenen jüdischen Literatur zu Hause und führt in seiner rechtschaffenen Art die benutzten Quellen getreulich an. Aber er hat sie nicht wahllos übernommen, er hat sie verarbeitet zu einer selbständigen Leistung, die über alles hinausreicht, was vor ihm in diesem Gebiete geschaffen worden war. Was seinen Kommentaren das Gepräge gibt, ist die Schlichtheit, die Natürlichkeit der AuffafsunZ und der Darbietung. So schreibt kein Grübler, sondern ein Nachschaffender, der den Gedanken seines Autors nachgeht bis in ihre letzten Verästelungen und erst Befriedigung findet, wenn sie völlig einleuchtend vor ihm erstehen. Er braucht nicht mit allem übereinzustimmen, was sein Text sagt, er nimmt nur ein Amt und keine Meinung für sich in Anspruch, er ist nicht der Text, sondern nur dessen Erläuterer, er verzichtet auf jede Selbständigkeit und gibt nur in seltenen Fällen fein eigenes Urteil. Er tut seinem Autor nie Gewalt an, preßt nicht die eigenen Gedankengänge in die seinen hinein und scheut sich nicht, es offen zu bekennen, wo er etwas nicht versteht. Er schreibt kein Wort zu viel und keines zu wenig, seine Sprache ist klar und bestimmt, erläutert mit einem Wort oder einem Satz eine ganze verwickelte Diskussion. Höchste Anschaulichkeit der Vorstellung und des Ausdrucks sind sein Ziel. Mit bewundernswertem pädagogischen Geschick erklärt er die vielen Realien, die, wie er weiß, seinem Leser fremd sein müssen; ob ein Bauwerk oder ein Gebrauchsgegenstand, eine Pflanze oder ein Mineral zu erklären ist, er bemüht sich um eine plastische Vorstellung und gibt sie in einer herrlich durchsichtigen Sprache wieder. Seine Vorstellungen entnimmt er dem Leben, er kennt die Geräte und die Arbeiten des Landmanns, er beobachtet den Handwerker bei seinem Schaffen, beobachtet Handel und Verkehr auf den stark besuchten Messen seiner Heimatstadt, er studiert und beobachtet vor allem die Natur und macht sich mit dem Leben in ihr aufs innigste vertraut. Um ganz deutlich zu sein, erläutert er schwierige Begriffe oder Sachen durch die Umgangssprache: mehr als 2000 französische Worte kommen in seinen Kommentaren vor und werden als ein wichtiger Beitrag zur Kenntnis der altfranzösischen Sprache gewürdigt. Ein Dutzend deutsche und einige slavische Worte hat er aus Deutschland mitgebracht und verwertet. Es ist das Schicksal des Erklärers, daß seine Leistung hinter dem Text verschwindet. Raschi war einer der selbstlosesten Erklärer, der seine Person völlig zurücktreten ließ, aber auch einer der größten, dessen Erklärungen für das Verständnis des Textes geradezu unentbehrlich wurden. Für seine Erklärung zum Talmud gilt das in vollem Umfang, sie hat alle Kommentare verdrängt, die vor ihm entstanden waren, kein späterer konnte neben dem seinen aufkommen. Nur an wenigen Stellen, wo man seinen Kommentar unvollendet fand, hat man ihn durch Arbeiten seiner nächsten Angehörigen ergänzt. Aber bis aust den heutigen Tag ist, ungeachtet aller Fortschritte, welche die Forschung inzwischen Theater, Musik, Film Bruno Walter brachte in Wien den seit langem nicht gegebenen „Orpheus" von Gluck heraus. Das alte Werk erwies sich als ein Zugstück, das dauernde Wiederholungen möglich und erforderlich machte. Auch ein Konzert von Walter mit Huber man mußte wegen des besonderen Andranges wiederholt werden. * Ernst Deutsch tritt am 16. Januar zum erstenmal auf einer englischen Sprechbühne aus. Er spielt die Hauptrolle in Charles Bonnetts Drama „Page fromdiary“ im Garrick Theatre in L o n d o n. * Lucie M annheim, seit Monaten als „Nina" auf der Bühne des „Criterion", wurde für die Nolle der Nora in Ibsens gleichnamigem Drama verpflichtet. v Bruno Frank, Verfasser von „Nina", hat ein neues Bühnenstück ,,8torm in a Teacup“ (nach James Bridie's „Sturm im Wasserglas") geschrieben. Uraufführung am 20. Januar in E d i n - bürg h und nach einer kurzen Tournee in einem Londoner West-End-Theater. * Joseph Schmidt wird auf Einladung der Berliner Kvnzertdirektion L. Taube am 29. Januar in der Philharmonie ein Konzert geben. Dieser Veranstaltung, die im Rahmen des Reichsverbandes der Jüdischen Kulturbünde stattfindet, sollen weitere Konzerte Josephs Schmidts in Frankfurt a. Main und Beuthen folgen. * Die von Krenek geleisteten Wiener Studio- Konzerte haben sich den Veranstaltungen der „Internationalen Gesellschaft für neue Musik" angeschlvssen. Eins dieser Konzerte brachte neben anderem die George-Lieder von S ch ö n b e r g, ein anderes war ern Jubiläumskonzert für den 50jährigen Ernst W e l l e s z. Von diesem kam im Wiener Sender eine Kantate zur Aufführung, die Wellesz anläßlich der Verleihung des Ehrendoktorats'von Oxford schrieb. Von Schönbergs frühem, romantisch beeinflußtem Schaffen wurden die „Gurreliedcr" von Bruno Walter dirigiert. Unter den berühmten Mitwirkenden der Solisteukonzerte seien noch der Geiger M i l st e i n und der Klaviervirtuose Wladimir Horowitz genannt. H- Im Theater an der Wien konnte die neue Operette „Dschainah" von Paul Abraham bereits das Jubiläum der 25. Aufführung feiern. * Die Staatsoper Wien brachte soeben in Anwesenheit des Komponisten Wilhelm Kienzl mit Kammersänger Rick)ard Tauber als Gast den „Evangelimann" zur Ausführung. In New-Pork beendete Otto.Klemper e r seine vorjährige Tätigkeit als Dirigent des dortigen Philharmonischen Orchesters mit einem Symphonie-Abend, an dem als Solist Emanuel Feuermann das Violoncell-Konzert A,-moll von Schumann spielte. Das Programm brachte ferner ein älteres Werk von Arnold Schönberg für Streichorchester „Verklärte Nacht". * An der Metropolitain-Oper in New-Port wurde zum erstenmal in der neuen Spielzeit Wagners „Tannhäuser" unter musikalischer Leitung von Artur B o d a n z k y herausgebracht. * Am Dlleatre Porto Lalut-IVlarlin in Paris hat die auch in Deutschland vielgespielte Operette „Das Veilchen von Montmartre" von Emerrch Kälinan mit Lotte Schöne in der Hauptrolle einen großen Erfolg erzielt. » Die 13jährige Wiener Pianistin Ruth Hilde S o m e r gab in M a i l a n d ein Konzert, das außergewöhnlichen Erfolg hatte. Die führenden Zeitungen, wie „Corriere della Sera", „Jl Popolo d'Jtalia", „LJtalia" und „La Sera" heben die Leistungen der jugendlichen Künstlerin mit besonderer Anerkennung hervor und sagen ihr eine glänzende künstlerische Laufbahn voraus. * Der Geiger Boris Schwarz wurde auf Grund eines großen Konzerterfolges in Norwegen zu einer Tournee durch Skandinavien (u. a. in Stockholm und Kopenhagen) mit feinem Vater Joseph Schwarz verpflichtet. * Wilhelm Rettich, früher Kapellmeister am mitteldeutschen Rundfunk, dirigierte in Holland eine Konzertaufführung des „Freischütz" mit 270 Mitwirkenden. Tie Veranstaltung wurde in D-en Haag zum Besten des Königin-Mutter- Gedenksonds mit dem ganzen Ensemble wiederholt. Dieser Vorstellung wohnte die Königin mit ihrem Gefolge bei. Zahlreiche Pressestimmen bestätigen die besonderen Fähigkeiten Rettichs und einen sehr großen Erfolg. » In Warschau wurde unter dem Namen „Kinnor" eine Filmgesellschaft gegründet, die Tonfilme in jiddischer Sprache Herstellen will. Alle Arten des Films, Drama, Komödie, Revue und Kurzfilm sollen gepflegt werden. Die Anregung zu der Gründung ging von den Regisseuren der Gesellschaft „Ararad", S. D z i g a n und I. S ch u macher, und von den Filmprodnzeuten <£>. Goskun d und I. Tenenb a u m aus. Zum literarischen Leiter des neuen Unternehmens wurde I. M. Neumann, zum Regisseur der Schauspieler Alexander Marten, zum musikalischen Leiter der Komponist H. Cohn bestellt. Hervorragende Schauspieler wurden als Darsteller gewonnen. Die Gesellschaft hat bereits mit der Darstellung ihres ersten Films „AI Ched", eines Bildes aus dem jüdischen Leben in Polen nach einem Drehbuch von I. M. Neu mann begonnen. Die Uraufführung soll Anfang April stattfinden. * Oscar H o m o l k a spielt die Nolle des Paul Krüger in dem Gaumont-British-Film „Cecil Rhvdes". P Peter Lorre spielt die Hauptrolle in dem Columbia-Film „Schuld und Sühne" (nach Dostojewski). Im Nahmen des Jüdischen Kulturbundes findet am Sonnabend, dem 18. Januar, ein eigener Abend von Marion Koegel statt. Sie bringt Chansons und Lieder aller Länder in sieben Sprachen. Die Familie Mendelssohn. Eine Hörfolge von Dr. Erich Lichten stein. Mitwirkende: Erna Feld-Leonhard (Rezitation), Susanne Landsberg-Hollaender (Gesang), Werner Fabian (Klavier) 18. Januar, 20.15 Ahr in den Klubräumen des Jüdischen Frauenbundes Berlin, Marburger Straße 5. Einen Jehuda-ben-Halevh-Abend veranstalten die Rczitatorinnen Else und I n g e b o r g Roman am 27. Januar im Trausaal, Fasanenstr. Beginn 8 Uhr 15 Min. Rabbiner D r. M a n f r e d S w a r s e n s k h spricht übr den Dichter und Denker im Spiegel seiner Zeitgenossen und der Gegenwart. WeMHChcHtie CJ mU min. ich bringe Ihnen Erfolg: als „Kleine Anzeige" in der weit verbreiteten vielgelesenen C. - V. - Zeitung ScUüUk fie ak dU UnyjgeH -JUhWiK^ da. CM-leUüHQ, CButüt IV.1S, Suuaai ShM