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Central-Verein-Zeitung · 1936-01-09 · 2 (9.1.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
2 (9.1.1936)
Date
1936-01-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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XV. Jahrgang / Nr. 2 Berlin, 9. Januar 1936 Preis 10 Pfennig entralere n- ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitang, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilang): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 30472. Die „C.-V.-Zeitung“ erscheint wöchentlich am Donnerstag; Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Austeilung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. — Bezugsgebühren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf. (Ausland 2,30 RM, umgerechnet in die Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höherer Gewalt bestehtkein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene Millimeter-Zeile 20 Rpf-, für Stellengesuche 10! Rpf.. für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz- und Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Ausschnitte Das Memorandum James Mac Donalds Das„Deutsche Nachrichtenbüro" meldet aus Genf: . „Der' Flüchtlingskommifsar des Völkerbundes, der Amerikaner James MacDonald Hat am ,31\ Dezember * vorigen Jahres sein Amt niedergelegt. In. einem sangen Schreiben an das. Völkerbundssekretariat, legt Herr MacDonald die Gründedar> die ihn zu diesem Entschluß gebracht haben- und für die er die deutsche Rassegesetzgebung verantwortlich macht. MacDonald regt eine neue Prüfung des gesamten Emigrantenproblems durch den Völkerbund an. MacDonald spricht dabei von der ständigen Loyalität der deutschen Juden Während der-Kaiserzeit und während des Krieges. Die jüdischen Wirtschaftler und Geschäftsleute hätten in hohem > Maße dazu beigetragen, daß Deutschland den Kampf fortsetzen konnte. Der Völkerbundsbeamte verstergt sich weiter zu der Behauptung, "daß unter der Republik die jüdischen Führer einige der -.schlimmsten Wirkungen der Niederlage von Deutschland hätten abwenden helfen (!) Itun sei es Zeit, daß das moralische Ansehen ' des Völkerbundes und der ihm angehörenden Staaten zum. Ausdruck komme in einem Appell an dre deutsche, Regierung, im Namen der Menschheit und der Grundsätze des internationalen Rechts zu handeln. Wo die Wirkung innerpolitischer Maßnahmen Hünderttausettde von Menschen zu - demoralisieren drohe, da müßten die Erwägungen diplomatischer Maßnahmen verschwinden, um der einfachen Menschlichkeit Platz zu machen." * Dazu wird ferner das Folgende mitgeteilt: „17 Jahre nach dem Abschluß, des Weltkrieges besinnt sich eine maßgebende Stelle im Völkerbundssekretariat aus die Pflichten der Menschlichkeit. Die Hunderttausende von Angehörigen der im Weltkrieg unterlegenen Staaten,, die nach Kriegsende teilweise unterbrutalen Umständen heimatlos oder existenzlos gemacht worden sind, haben — trotz des Bekenntnisses aller Völker zu den Wilsonschen Grundsätzen —kein Mitleid in der Welt zu erregen vermocht; Weil Deutschland endlich einen inneren Ausgleich gegenüber Mißbrauch und Uebersremdung zu schassen sucht, glaubt man mancherorts in der Welt, deswegen.zu einer abfälligen Kritik und entsprechenden Ratschlägen Deutschland gegenüber befugt zu sein, während die gleiche Welt geschwiegen hat und noch schweigt zu all jenen mit ausdrücklichen internationalen Verpflichtungen nicht zu vereinbarenden Verfolgungen; deutscher Menschen von Versailles an bis zu der kürzlichen Ausweisung und Ausbürgerung von Eupen-Malmedyern aus ihrer angestammten Heimat. In Deutschland ist man überdies der Auffassung, daß der Völkerbund zunächst einmal allen Anlaß Diese Nummer umfasst 22 Seiten Sie enthält u. a.: 1. Beiblatt:, Flug über das Land. Don *Max Samter, mit Zeichnungen von Horst Moratz. — „Der Untergang der russischen Judenheit.** Von Grigori Landau 2. Beiblatt: Bibliographie jüdischer Werke — Interview mit Ludwig Hardt. Von Kurt Pinthus — China in Europa. Von Dt. Olga Bloch 3. Beiblatt: Das neue Buch 4. Beiblatt: Sportblatt — Wirtschaft der Woche 5. Beiblatt? Palästina-Umschau hätte, sich darum zu kümmern, wie innerhalb der Völkerbundsstaaten selbst die Minderheiten und Konfessionen behandelt werden, bevor er eine Aktivlegitimation für sich in. Anspruch nehmen kann, sich darum zu kümmern, wie Deutschland aus den materiellen und moralischen Erfahrungen seines Zusammenbruches heraus den inneren Ausbau seines Volkes vollzieht." * Der' „Völkische Beobachter" kommentiert die DNB-Nachricht unter der Ueberschrift „Ein durchsichtiges Manöver". Wir zitieren daraus: „Die Begründung, die der Flüchtlingskommissar des Völkerbundes, MacDonald, für seinen Rücktritt gibt, ist natürlich in keiner Weise stichhaltig. Denn wäre es wirklich so, daß die' Einstellung des nationalsozialistischen Deutschlands zu den Rassesragen der Hauptgrund 'der Schwierigkeiten ist, dann wäre es ja-die doppelte Pflicht eines Flüchtlingskommissars des Völkerbundes, den angeblichen Opfern dieser deutschen Haltung zur Seite zu stehen; Die ungezählte Zähl der Klagen aus allen Ländern Europas in den . letzten Jahren über das Auftreten deutscher Emigranten scheint uns ein viel besserer Hinweis dafür zu-sein, weshalb MacDonald den Geschmack an seinem Posten trotz seiner hohen Bezüge verloren hat . . . , Angesichts der Erfahrungen, die das Ausland selbst 1933 hat machen können, halten wir es nicht für notwendig, uns mit den Redensarten von der Loyalität der Juden in Deutschland unter dem Kaiserreich und während des Krieges lange zu beschäftigen, oder noch einmal wieder darzustellen, welcher Art die. „Verdienste jüdischer Führer" während der Nachkriegszeit wirklich waren. Was uns bei den Ausführungen Mac- Donalds, in viel stärkerem Maße berührt, ist die Tatsache, in welch herausfordernder Weise sich hier ein Organ des Völkerbundes mir den inneren Zuständen Deutschlanos zu beschäftigen wagt. Wenn man schon in Genf angesichts seiner anderen Mißerfolge glaubt, es nötig zu haben, wenigstens in Fällen,, die nicht gefährlich erscheinen, den Menschheitsbeglücker zu spielen, dann empfehlen wir dafür doch andere Objekte als die deutsche Gesetzgebung zum Schutze des deutschen Blutes . . ." - Di« griechischen Wahlen Der frühere Regent und Ministerpräsident Kondylis hat, bevor er aus Saloniki, wo er die Wahlkampagne eröfsnete, nach Athen zurückkehrte, Vertretern der jüdischen Presse erklärt: „Ich hatte in der Vergangenheit wiederholt Gelegenheit, meine Sympathie für die Juden zu .betonen. Ich werde stets ein Verteidiger ihrer Interessen sein. Bei der bevorstehenden Wahl werde ich zwei jüdische Kandidaten in die Liste meiner Partei aufnehmen und hoffe, daß viele jüdische Freunde unserer Partei ihre Stimmen zuwenden werden." In einer der Salonikier jüdischen Tageszeitung „Action-Prenza" übergebenen Erklärungrichtet der frühere Ministerpräsident Tsaldaris an die Juden. Griechenlands eine Warnung vor selbständigem Vorgehen bei den bevorstehenden Parlamentswahlen. Ich höre — schreibt Tsaldaris — daß einige Juden versuchen wollen, bei den kommenden Wahlen eine eigene jüdische Kandidatenliste aufzustellen. Dies wäre gleichbedeutend mit der Wiederherstellung der so sehr verhaßten besonderen jüdischen Wahlkurie. Selbstverständlich haben die Juden das Recht, zu tun, was ihnen beliebt. Aber als Freund warne ich sie vor einem Mißgriff. Wenn die Juden sich aus freiem Willen von den übrigen Bürgern absondern, dann werden sie selbst die Schuld für eine Minderung ihrer politischen Rechte zu tragen haben und die besondere Wahlkurie wird ihnen bei der erstbesten Gelegenheit aufgenötigt werden; auch ich wäre dann nicht in der Lage, dagegen zu protestieren, denn der Präzedenzsal? einer jüdischen Kandidatenliste würde alle meine Bemühungen zuschanden machen. Eine jüdische Wahlkurie ist meiner Meinung nach nicht nur eine antijüdische, sondern auch eine antinationale Maßnahme. Alle Juden wollen Griechenland, Griechenland will alle Juden. Ich wäre wirklich traurig darüber, wenn die Juden eine eigene jüdische Liste unterstützten, die sie im politischen Leben isoliert, ihnen ihre-Rechte raubt und ein „politisches Ghetto" schafft. Jüdisches Pioniertnm In Argentinien Vor wenigen Wochen haben die ersten jüdischen Neusiedler aus Deutschland den Weg nach Argentinier^ angetreten. Die ICÄ (Jewish Colonisation Association) hat dort von dem großen Areal, das ihr gehört, die Kolonie Avigdor in dem Bezirk Enterios, etwa zehn Kilometer von der Stadt' Bovril und 700 Kilometer von Buenos Aires entfernt, zur Verfügung gestellt. Jeder Siedler erhält 50 bis 75 Hektar eingezäuntes Land, ein Siedlungshaus mit zwei Stuben, einer Küche und der sogenannten Galerie^ die meistens zum Schlafen benutzt wird, eine primitive Einrichtung rmd lebendes und totes Inventar zur Bewirtschaftung. 20 Pferde, 10 Kühe, ein Hühnerhof, Ackergerät und Wagen. Das Land ist zum größten Teil schon gerodet, also gleich anbaufähig, so daß es sich nicht um eine Kolonisation, sondern um eine echte Siedlung handelt. Der Siedler ist die ersten acht Jahre Pächter, dann wird er Eigentümer des Grundstücks, aber die IGA beläßt ihm auf weitere neun Jahre eine Hypothek, die jährlich zu amortisieren ist. Die Pachtrate ist nicht ein für allemal festgesetzt, sondern wird jährlich nach den Erträgnissen der Ernte bestimmt. In den siebzehn Jahren, die der Siedler zunächst einmal * A. H. Die Hand, die aus der Fülle des Materials heraussucht, was zur Anschauung unseres Seins und unserer Möglichkeiten in dieser Welt nützlich sein könnte, empfindet mitunter eine leise Hemmung, wie unter ihren Fingern das Ganze in Teile zerfällt und die Teile sich zum Ganzen fügen. Drei Meldungen sind neben diesen Zeilen abgedruckt. Sie betreffen das Memorandum des Flüchtlingskommissars James Mac¬ Donald, die Juden und die griechischen Wahlen und den Auszug einer kleinen Gruppe von Juden aus Deutschland nach Argentinien. Es scheint säst so, als ob der Zufall beabsichtigt habe, uns damit ein kleines Kolleg über Juden in der Politik und jüdisches Schicksal zu lesen. Die Meldung über James MacDonald und die Kommentare, die daran geknüpft werden, lesen wir, so positiv auch die Gesinnung ist, aus der das Dokument erwachsen ist, mjt einer gewissen Distanz. Das Memorandum beschäftigt sich zwar unmittelbar mit dem, was uns angeht, aber es nimmt keine Rücksicht aus das, was wir sind. Es steht uns nicht an, eine Denkschrift zu kritisieren/ deren Inhalt wir nur aus knappen Andeutungen der Nachrichtenbüros. kennen. Wir setzen zwar voraus, daß der Oberkommissar mit subjektiv bestem Willen die jüdischen Probleme geschildert hat. Als die Betroffenen müssen wir aber nach dem deutschen Echo vermuten, daß, soweit die Stimmung der deutschen Kreise zu den Genfer Projekten wichtig wäre, Herr MacDonald sie nicht gebessert hat. der IGA verpflichtet ist, hat er auch die Grundkosten für das tote und lebende Inventar abzuzahlen, und erst nach diesen siebzehn Jahren ist er frei verfügungsberechtigt über das Land, aber auch dann noch Muß die IGA bei einer Veräußerung mitgehört werden. Wenn die Bedingungen für die Siedlung durch die Bereitschaft der IGA auch zweifellos äußerst günstig. sind, so ist die Aufgabe, die der Siedlerfamilien in dem völlig veränderten Klima und der ganz neuen Lebensform drüben harrt, doch äußerst schwer. Deshalb mußte auch die Auswahl der Familien ganz besonders sorgsam getroffen werden. Denn von der Tatsache, wie sich diese ersten jüdischen Siedler aus Deutschland drüben einstigen und bewähren werden, wird zweifellos für die vielen, die den gleichen Weg gehen möchten, die Hilfsbereitschaft der IGA abhängen. Die IGA suchte hier in Deutschland jüdische Familien, die aus fünf arbeitsfähigen Mitgliedern, in der Regel also aus Eltern und drei Kindern über vierzehn Jahren (möglichst drei Männern und zwei Frauen) bestanden. Tatsächlich konnte man eine Liste von 200 solchen Familien ausstellen, von denen die IGA neunzehn ausgewählt hat, nachdem sieärztlich untersucht wurden und je ein bis zwei Familienmitglieder in einer vierwöchigen schweren Lernzeit auf dem Gut Neuendorf ihre Eignung bewiesen hätten. Der langjährige Leiter der IGA-Siedlung Avigdor in Argentinien, Saphir, ist selbst durch Deutschland gereist und hat den Familien, die sich gemeldet hatten, die Zukunft, die sie drüben erwartet, eindrücklichst^ geschildert. Die IGA besorgte auch die Einwanderungspapieve, und so konnten am 14. und 27. Dezember vier Familien aus Berlin, fünf aus Hessen-Nassau, eine aus Baden, zwei aus der Pfalz, drei aus dem Bezirk Hannover, drei aus dem Bezirk Kassel und eine Familie aus der Stadt Hannover die Reise über das Meer antreten. Jetzt werden weitere 65 Familien von der IGA ausgesucht, die aber eine längere Vorschulung durchmachen sollen: es soll immer ein männliches Mitglied der Familie für ein Jahr zur landwirtschaftlichen Ausbildung nach Argentinien gehen, und erst wenn dieses sich drüben einordnet und für die Arbeit als tüchtig erweist, soll die Familie Nachkommen. Unsere Gedanken begleiten diese jüdischen Fa-, milien über das Meer in das neue Land, das ihnen zur Heimat werden möge. M. E. Wir möchten nun im Spiel der großen Mächte nicht wie eine Karte sein, die selten oder niemals sticht. Wir möchten vielmehr, daß die politischen Kräfte, die sich um unser Schicksal bemühen, dort eingesetzt werden, wo sie auf ein positives Echo stoßen, also in den Ländern, deren Regierungen das Unternehmen des Völkerbundskommissars mit ausgebaut haben, und die sich an der Januarbesprechung über das Flüchtlingsproblem beteiligen werden. - Die griechischen Äteldungen wecken nicht nur in ihrer innerpolitischen Problemstellung für die älteren Juden Deutschlands, die den Parteienbetrieb und die parlamentarische Demokratie noch kennen, Reminiszenzen, sondern sie sind zugleich ein sehr interessanter Lehrfall dafür, daß es für Juden innerhalb eines Staatswesens sehr schwer ist, eine politische Haltung einzunehmen, die aus allen Seiten mit Befriedigung ausgenommen wird. Ist völlige Eingliederung in die politische Gestaltung des Heimatlandes oder bewußte Distanzierung von dieser unter Betonung einer spezifischen Vorstellung für die Gestaltung jüdischen Schicksals in diesem Lande das richtige? Wenn man die Meldungen daraufhin noch einmal durchlieft, so sieht man, daß die jüdische Entscheidung nur dann richtig gefällt ist, wenn sie aus dem Jdeenkreis und dem politischen Aufbau des Staates erfolgt, in dem sie gefordert wird. Die Konstituierung einer jüdischen Minderheitengruppe innerhalb eines Staatswesens, das Gleichberechtigung und Emanzipation zusagt und auch durchzuführen gewillt ist, bedeutet im

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