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Central-Verein-Zeitung · 1936-01-03 · 1 (3.1.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
1 (3.1.1936)
Date
1936-01-03
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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G'kW'B^ .•^J«;*^K«a ,‘A't >.L» AtgUrf^MP r':,-/-,r. ■.,. V.^'Ä3;.SfflkÄi«l»-itt3ÄH SSLS»8^LV^N Konzerte und Vorträge in Berlin und im Reich / / In einem Dahlemer Hause in Berlin war einem Komponisten und einem Dichter Gelegenheit gegeben worden, ein kleines Auditorium mit neuen Werken bekannt zu machen. Die vielseitige .musikalische Begabung von Edvard Moritz, dessen Einfühlungsgabe in fremdes Kolorit sich mit feiner Stilisierungskunst paart, zeigte sich mit Klavierstücken nach Motiven aus dem'Jemen, m denen Stimmungen und Poesie mit der Farbenkunst der Impressionisten eingesangen sind und die so die Schwere der Landschaft wiederzuspiegelu scheinen. Auch die jeminitischen Tänze sind durch den zarten Schleier Debnssys gesehen, die Stücke, reizvoll , durch eine gewisse Exotik und für den Pianisten durch Wahl der Klangfarben, werden nach dem Druck wohl noch manchmal zu hören sein. Der Dichter Rudolf F rank las aus seinem Buch „Ahnen und Enkel", das unlängst schon an anderer Stelle gewürdigt wurde, und dazu ein „Tierlegeudchen", eine im liebenswürdigen Plandsrton geschriebene Satire/ die den Eindruck vom bedeutenden Erzählertalent bestärkte. Durch den Programmtitel „Tönende Schattenspiele" war der Musikreferent irregeleitet worden, da es in dieser Veranstaltung des Damenkomitees der K ü n st l e r h i l s e reichlich bunt zuging, ohne daß von „Tönen", aber auch nicht von „Schattenspielen", viel zu merken war. Es wurde getanzt (Ruth M a n d u s),. und es wurde rezitiert (Lotte H i r s ch s e l d und Heinz H a l - ban), und Sylvia Jassö-Lavalle brachte mit guter Sprechtechnik Chansons, die dem Publikum sehr zusagten. Jedenfalls sah es hier noch böser aus als in manchen unserer Konzertabende, was Idee oder einheitliche Gestaltung anbelangt. Nicht etwa, daß das Gebiet der „Kleinkunst" gekränkt werden sollte — auch bei guten, wertvollen Einzelleistungen kann ein Sammelsurium den Abend wertlos oder gar schädlich machen. Im Friedenstempel wiederholte Chemja W i - na wer mit seinen Sängern sein letztes Konzert. Obwohl die Feinheiten der nach berühmten Mustern geschulten Chorartistik weit besser zur Wirkung kamen — die mannigfaltigen Abstufungen des textlosen Nigun vor allem mußten Bewunderung erregen —, möchte man die Sänger lieber im Konzertsaal hören; denn dort ließe sich zunächst eine Auflockerung des Programms durchführen, die die Gefahr der Monotonie vollkommen beseitigen könnte. Der Nahmen des Gotteshauses birgt dieses Hemmnis für den Chor stets in sich, da der Dirigent bemüht ist. die Auswahl der Darbietungen mit dem Raum in Einklang zu bringen und so seinem universal geschulten Instrument Grenzen auszuerlegen gezwungen ist. Lai. An drei Abenden war Dela Lipinskaja Gast des Münchener Kulturbundes. Das Programm, Volkslieder, Ghettolieder. Chansons, die berühmten „Figurinen aus meinem Album" — all das braucht nicht mehr im einzelnen beschrieben , zu werden. Alles, was ste singt und sagt, begleitet 1 von ihrem taktvollen Begleiter Max Lamm, v" klettert mit einer unbeschreiblichen Grazie die - . «Skala vom sublimsten Geist bis zum leichtesten Spott hinab und hinauf, ist erfüllt von einer schalkhaften Anmut, die nur bei einer slawischen Jüdin so wie bei ihr zugleich von tiefer Schwermut überschattet sein kann. Ca. s Ein abwechslungsreiches Programm vereinigte die Mitglieder des Jüdischen Kulturbundes Düsj seldorf zu einem Konzert. Hilde Aronsteins 1 klangvoller Alt fesselte in Liedern von Schiwert i und Brahms, vor allem aber in Opernarien von \, Saint Saöns und Verdi. Eine etwas bessere Dik- \ tion würde die kultivierte Vortragsart nicht un- ' wesentlich unterstützen. Eine pianistische Begabung! ist die jugendliche Hilde K l e st a d t. In Werken von Bach, Mozart und Schumann, mit sein modulier- ) tem Anschlag technisch einwandfrei gespielt, osfe.nbarte sie natürliche Musikalität und feinstes Stilgefühl. Wenn auch der anspruchsvolle Schumann noch nicht restlos erschöpft wurde, so berechtigt das junge Talent, dessen schlichtes Auftreten sympathisch berührte, doch zu den schönsten Hoffmmgen, Erwin Palm, der als bewährter Liedbegleiter fungierte, konnte mit seinem Frauen- und Gemischten Chor wieder wohlverdiente Lorbeeren ernten. Die Chöre sangen heitere Lieder von Bartok, Dvorak und Haydn. Reine Intonation und präzises Eingehen auf die fein nuancierte Direktion des Leiters zeichneten die Leistungen der Sängerschar aus. -Hilde Klestadt unterstützte die zu begleitenden Chöre straff und sicher. Das begeistert mitgehende, vollbesetzte Haus spendete allen Mitwirkenden wohlverdienten Beifall, 3. C. In einer Veranstaltung der Frankfurter Gesellschaft für Jüdische Volksbildung las Ilse Goldner-Ziegellaub Werke von Brod, Zuckermann, Wolfskehl, Perez. Durch ihre kultivierte Vortragsart gelang es der Künstlerin, vor einem aufmerksamen Publikum die Dichtungen jüdischer Schicksale eindrucksvoll und lebendig zu gestalten. w. 8. M. Der Klavierabend, den Rose E t k i n (Berlin) in Mainz mit Werken von Bach-Liszt, Beethoven, Schumann und Chopin bestritt, gestaltete sich zu einem musikalischen Ereignis ersten Ranges. Die junge, begnadete Künstlerin eroberte iny ourch ihr bezaubernd schönes und sauberes Spiel die Herzen der Zuhörer. Sie weiß sowohl Seele in ihre Darbietungen zu legen als auch Kraft und Energie zum Ausdruck zu bringen. Beifallsstürme errangen Zugabe auf Zugabe. Der Abend hätte einen weit stärkeren Besuch verdient. in—1. , Zwei einander völlig ebenbürtige Meister des gesprochenen Wortes spendeten tnt Jüdischen Kulturbund Hannover aus der reichen Fülle ihrer künstlerischen Begnadung wertvolle Gaben. Bei Edith Herrn st adt-Oettiu gen offenbart sich diese wunderbare Begnadung in der vollkommenen Beherrschung eines klingenden, jeden Ausdrucks fähigen Organs, der geistigen Durchdringung der Dichtung und der sich unmittelbar auf den Zuhörer übertragenden Herzenswärme der glaubensstarken jüdischen Frau. Otto B e r n - stein beschenkte seine Hörer aus dem Reichtum seiner Eingebungen und Gesichte, die er mit seiner plastischen Sprackrkunst neu zu gestalten weiß. Diese edelgebildete Stimme vergißt nicht wieder, wen sie einmal mitriß in bebender.Leidenschaft oder tief rührte in zartester Innigkeit echten Gefühls. 0.8. Das Konzert des Collegium liiusicum und Psalterion-Chors im Rahmen des Jüdischen Kulturbundes Leipzig zeigte die fleißige, saubere Arbeit dieser Musikliebhaber. Werke von Bach, Händel und Pergolesi sowie Chor- und Sologesänge aus dem „Judas Maccabäus" gelangten zur Aufführung. Mirjarn Z u n s e r und Dora Lepski-Stisson fanden mit dem Bach-Konzert großen Beifall. Als Soloflötistin war Lola C r o n e r (Berlin) gewonnen, die mit weichem Ton und sicherer Technik spielte. Der Sänger Walter Levinsohn (Walter Lewen) und Sam. Sonnabend (Santo Sonnini) zeigten gutes Können; von den Damen sind Else Markise (Alt) und Helly Stark (Sopran) zu nennen, am Klavier als anpassungsfähiger Begleiter Leo Schönbach, Aenne Hofsmann als Cellistin. Dem Dirigenten Barnet Licht gebührt für seine unermüdliche Arbeit größte Anerkennung. Die Darbietungen fanden gute Aufnahme. Im Leipziger Kulturbund sah mau das gut eingespielte Hamburber Ensemble in Bernhard Shaws Komödie „Die Häuser des Herrn Sartorius". Unter der verständnisvollen Regie von Hans B u x b a u m konnte besonders der Hauptdarsteller Julius K o b l e r sein großes Talent zeigen. Karl Heinz I a f f e gab den Dr. Trench recht treffend. Gleiches gilt für Fritz Melchior als Cokane. Erika P r a e t o r i u s ' verkörperte ihre Rolle nicht ganz so gut. Kurt Appel spielte den Lrckcheefe ausgezeichnet. Die Bühnenbilder von Anny W i l d b e r g zeigten viel Geschmack. Der Leitung des Kulturbundes Oberschlesien gebührt Anerkennung, daß sie Alexander Kipn i s vor seiner endgültigen Abreise aus Deutschland für die Gemeinden Oppeln, Ratibor, Veuthen und Gleiwitz gewonnen hatte. Ueberall begleitete Alexander Kipnis tosender Jubel. Das Programm enthielt Mozartarien, Schumann-, Wvlf- und russische Volkslieder. Professor Julius Prüwer erwies sich als kongenialer Begleiter. HL By. Die musikalischen Veranstaltungen des Konstanzer Synagogenrats begannen mit einem Konzert der Hamburger Violinistin Hertha Kahn, die eine auserlesene Reihe alter und neuer Meister zum Vortrag brachte. Den tiefsten Eindruck hinterließen das Violinkonzert von Max Bruch und der Baal Schem von Ernest Bloch. Am Flügel begleitete Else H a y m a n n, Konstanz. In einem Konzert der Konstanzer Gemeinde sang der S y n a g o g e n ch o r unter Leitung von Kantor Bravmann Werks von Sulzer, Lewandowsky und Kirschner mit schönen, ausgeglichenen Stimmen. Suse L ö b, Pforzheim, spielte Schumann, Mendelssohn und jüdische Tanzstücke von Stutschewsky in vollendeter Form. Die Konstanzer Sopranistin Klara Simon trug das Arioso von Händel, Richard Schatz eine Arie aus der „Schöpfung" wirkungsvoll vor. Es war eine Stunde der Freude und der Erbaimng. Hertha Kahn, Hamburg, wiederum von Else H a y m a n n, Konstanz, begleitet, begeisterte auch in Offenburg i. SB. eine zahlreiche Zuhörerschaft. Im Jüdischen Kulturbimd Königsberg i. Pr. musizierten Leo R o st a l (Cello) und Elsa Koch- Stabinski. Das Konzert fand diesmal nicht in der Synagoge, sondern in der Aula der Hindenburg-Oberrealschule statt. So wollte der Beifallsjubel für die beiden Künstler kein Ende nehmen. Rostal mußte viele Zugaben gewähren. Elsa Koch-Stabinski hatte ihren größten Erfolg u. a. mit der Gnadenarie von Meyerbeer und einigen Schubertschen Liedern. In den überaus herzlichen Beifall war die verständnisvolle Begleiterin beider Künstler, Gertrud Marcus, eingeschlossen. L. Lek. Theater und Musik Am 2. Januar wurde der in Wien geborene jüdische Komponist Heinrich S ch a l i t 50 Jahre alt. Schalit, ein Schüler von Josef Labor und Robert Fuchs, gehört zu den wenigen wirklich hervorragenden Komponisten, die sich vor allem um die Neugestaltung der jüdischen Musik bemühen. 1906 erhielt er für ein Klavierquartett den österreichischen Staatskomponistenpreis, einige Kammermusikstücke wurden aus den englischen Eistedfods-Festivals preisgekrönt. Unter seinen Tonschöpfungen jüdischen Charakters waren neben seiner 1930 bis 1932 geschaffenen Freitagabend- Liturgie vor allem die Seelenlieder nach Worten von Jehuda Halevi und der Hymne „In Ewigkeit" erfolgreich. Heinrich Schalit, der bis 1933 als Organist an der Münchener Hauptsynagoge wirkte, folgte vor zwei Jahren einem Ruf nach Rom, wo er Dirigent des Synagogenchors und Organist ist. * Der bekannte Pianist Bruno Eisner, der im Musikleben Berlins und Deutschlands eine große Rolle gespielt hat und sich auch im internationalen Musikleben großen Ansehens erfreut — zuletzt spielte er im Rahmen der jüdischen Kulturbünde —, hat sich, wie wir erfahren, in London niedergelassen. * Ernst Deutsch wird Anfang Januar in der Uranfführung von Charles Bennets neuestem Bühneuwerk als englischer Darsteller in London debütieren. II Plissee- Busch & Co. II | Berlin SW 19, Kommandantenstr.72 || © Expedition nach auswärts am gleichen Tage & | In Oxford starb kürzlich einer der bedeutendsten. Gelehrten jüdischer Abstammung, Professor Erich M. v. Hornboste l. Anregungen seines Lehrers Stumpf hat Hornbostel in neuer und selbständiger Weise zu naturwissenschaftlich fundierter Musikpsychologie und vergleichender Musikwissenschaft ausgebaut. Bon epochaler Bedeutung für die Forschung wurde seine Hypothese des Blasquinte nzrrkels, die eine restlose Deutung zahlreicher, bis dahin unverständlicher, exotischer Tonsysteme erlaubt. Die Ergebnisse seiner zahlreichen Reisen zur Erforschung fremder Kulturen bearbeitete Hornbostel anfänglich mit dem Berliner Arzt und Musiker Dr. Otto A b r a h a m; so erschien 1903: Studien über das Tonsystem und die Musik der Japaner (Sammelb. d. I. M. G.). Aus den vielen in wissenschaftlichen Zeitschriften verstreuten Arbeiten seien noch genannt: „Musikalische Tonsysteine" (Handbuch d. Physik), „Formanalyseu in siamesischen Orchesterstücken", „Die Maßnorm als kulturgeschichtliches Forschungsmittel", usw. Hornbostel hat das umfangreiche Phonog r a m m a r ch i v des psychologischen Instituts in Berlin eingerichtet, das jetzt dem Museum für Völkerkunde angegliedert ist, und war Mitbegründer der Gesellschaft zur Erforschung der Musik des Orients, deren Organ später, in Erweiterung des Stoffkreises, als „Zeitschrift für vergleichende Musikwissenschaft" erschien. Als Dozent stellte Horirbostel hohe Anforderungen an die Mitarbeit seiner Hörer; um so gütiger und nachsichtiger förderte er jede ernsthafte Arbeit. Er verließ Berlin 1933 mW nahm die Studien nordamerikanischer Jndianermusik wieder auf. Seine stets zarte Gesundheit war den Strapazen eines Klimawechsels nicht gewachsen. Der Kreis seiner Freunde, Mitarbeiter und Schüler betrauert die Schätze an feinstem Menschentum und wissenschaftlichen Möglichkeiten, die mit ihm zu Grabe getragen wurden. Antonie Lilienfeld-Lewenz. Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland. In dem am 5. Januar im Bechstein- Saal, Berlin W 9, Linkstraße 42, stattfindenden Konzert kommen durch das Boris-Kroyt-Quart e 11 Werke von Debussy, Tschaikowsky und Beethoven zur Aufführung. Der Jüdische Kulturbund Hamburg beginnt das Jahr 1936 mit einem Heiteren Abend (Sketches, Parodien, Chansons) am 4. Januar. Mitwirkende: Max Ehrlich, Lieselotte C o h n (Rosen), Fritz Melchior und Herrmann Ludwig Schlesinger Am 13., 14, und 16. Januar wird Schnitzlers Schauspiel „L i e b e l e i" gegeben. Regie: Dr. Hans B u x b a u m. — Am 22. Januar gibt das Orchester des Kulturbundes Rhein-Main unter Leitung von Hans Wilhelm Steinberg in Hamburg ein Konzert mit Werken von Schubert, Mozart und Beethoven. — Am 29. Januar veranstaltet der Kulturbund einen Heine-Abend, bei dem Mela K r v h n (Kennedys Prosa und Lyrik zum Vortrag bringen wird. Ilse U r i a s (Pola) und Wilhelm Guttmann (Berlin) singen Lieder von Heine in Vertonungen von Mendelssohn, Schumann, Hugo Wolf, Robert Franz, Brahms und Liszt. — Für Ende Januar ist der Dritte Bunte Abend mit Hamburger Künstlern vorgesehen. Hebräisches Studio im Berliner Kulturbund. Bei der Etatsberatung der Berliner Gemeinde gab Landgexrchtsrat i. R. Ran davon Kenntnis, daß dem Kulturbund in zwei Jahren gelungen sei, ohne Defizit aber auch ohne pleberschuß zu arbeiten. Er teilte mit, daß im nächsten Jahre die sachliche Arbeit durch Einrichtung eines hebräischen Studios erweitert werden soll. Hamburg. Zn dem in Nr. 52 der ,,C.-V.-Zeitung vom 24. Dezember veröffentlichten Bericht über das Konzert des T e m p e l ch o r s unter Georg de Haas wird bemerkt, daß Hermann Cerini bei seiner Begleitung gewisse Mängel der Orgel geschickt zu verdecken vermochte. Die erwähnte „Mangelhastrgkeit" bezieht sich nur auf die Orgel.! V\ \ Rachel Eine biographische Erzählung Von Martin Gumpert 2. Fortsetzung u. Schluss Alle Rechte Vorbehalten Die bisherigen Fortsetzungen enthielten: Am 28. Februar 1821 wird Elisa Rachel in dem kleinen Schweizer Städtchen Mumpf im Gasthaus „Zur goldenen Sonne“ als Tochter des Trödlers Felix und seiner Frau Esther gebqren. Wenige Tage später schon ziehen die Eltern weiter von Ort zu Ort. Dreizehn Jahre ist Rachel alt, als eie mit Eltern und fünf Geschwistern nach Paris kommt und an den Strassenecken zur Gitarre Lieder ihrer neuen Heimat singt. So findet sie der alte Komponist Choron, er nimmt sich ihrer an, bildet sie aus, verschafft ihr ein Stipendium. Mit 16 Jahren erhält sie ihr erstes Engagement am „Gymnase“. Am 12. Juni 1838 steht sie siebenzehnjährig als Camilla im „Horatius“ des Corneille zum erstenmal auf der Bühne der Comedie Franfaise. Dort entdeckt sie Louis Verön, Direktor der Oper, Herausgeber der „Revue de Paris“. Einer Einladung, zu seinen berühmten und berüchtigten Schlemmereien leistet sie am 18. August widerwillig Folge. Nach der Tafel fährt eie mit ihm zum Theater. Wieder spielt ste die Camilla. In der Loge sitzen Vdron und der Sonderling Custine, im Parkett, soeben von einer Italienreise zurückgekehrt, Jules Janin, Frankreichs mächtigster Kritiker. Und am 20. August erscheint aus seiner Feder im „Journal des ' Debats“ jene Kritik, die ihren Weltruhm begründet „Hört aufmerksam zu“, so beginnt jener Aufsatz, „in diesem Augenblick feiert das Tbeatre Francaise _ einen unerwarteten Sieg, einen der glücklichen Triumphe, auf die eine Nation wie die unsere stolz sein darf. Jetzt besitzen wir endlich das erstaunlichste und wunderbarste kleine Mädchen, das unsere Generation jemals auf einer Bühne gesehen hat . . Und weiter heisst es in jenem Artikel: .. .„Ihr dürft sie nicht fragen, wer Tancred ist, Horaz, Hermione, nicht nach dem Krieg von Tr-oja, nach Pyrrhus oder Helena. Nichts weiß sie davon. Sie weiß überhaupt nichts. Aber sie hat mehr als Wissen: sie hat dieses plötzliche Leuchten, das alles um sie her erhellt. Kaum aus dem Theater, wächst sie riesengroß empor: sie hat das Maß der Homerischen Helden; ihr Haupt erhebt sich, ihre Brust weitet sich, ihr Auge belebt sich, ihr Fuß schreitet königlich; ihre Geste ist wie ein Laut, der aus der Seele dringt; ihr Wort hallt lange nach, ganz erfüllt von den Leidenschaften ihres Herzens. So schreitet sie im Drama Corneilles dahin und säet um sich Schrecken und Entsetzen! ... Leidenschaft, Majestät, Größe, nichts ist ihr fremd!... Sie ist inmitten der Gefilde der Poesie geboren, sie kennt alle ihre Geheimnisse, enthüllt alle ihre Mysterien. Die Schauspieler, die mit ihr sprechen, erschrecken über ihre Kühnheit. Die alte Tragödie atmet auf und hofft. . . . Laßt es nur groß werden, dieses kleine Mädchen, das, ohne es zu wissen, eine Revolution vollbringt, und die wahren Götter der poetischen Welt werden wiederkehren, wir werden die erloschene Fackel Racines und Corneilles und der anderen Götter wieder aufleuchten sehen!.. Des dicken, spöttischen Janin stürmischer Ausbruch der Begeisterung verfehlte nicht seine Wirkung. Die trockenen statistischen Auszeichnungen über die Einnahmen des Theaters aus den Vorstellungen, an denen Rachel mitwirkte, gleichen in den nächsten Wochen einer Fieberkurve. An dem denkwürdigen Abend des 18. August wurden 694 Franken erzielt, eine der höchsten Kassen seit Rachels Gastspielen, genau zwei Monate später, am 19. Oktober, brachte die „Andromache" dem Theater 6130 Franken ein. Paris war bon einem wahren Rachel- Taumel ergriffen. Die Stadt hatte keinen anderen Gedanken, kannte kein anderes Gespräch als die Entdeckung Rachels. Ein beispielloser Ansturm des Publikums auf die „Comedie" setzte ein. Alle Eingänge waren fest verriegelt. Zahlreiche Wächter versuchten mit Mühe, Ordnung in die wartende Menge zu bringen. Vor den beiden Kassen bildeten sich bis in die Rue Saint Honore hinein lange Menschenschlangen, die oft von der Ungeduld der Wartenden durchbrochen wurden. Stundenlang harrte man aus die Oeffnung der Schalter, die oft nach wenigen Minuten wieder geschlossen werden mußten, weil alle Karten ausverkaust waren. Wer enttäuscht davonzog, kam am anderen Tag wieder. Der König, der seit drei Jahren das Theater nicht besucht hatte, erschien eines Abends mit der Königin und dem belgischen Königspaar in seiner Loge zu einer Vorstellung des „Cinna" und überhäufte Rachel mit Lob und Schmeichelei. Am 1. November erschien in der „Revue des deux Mondes" ein Artikel Alfred de Mussets, der sie als „das Genie der Tragödie" feierte. Dies alles war ein Signal für die Gesellschaft. Die Schranken der Salons gingen in die Höhe. Rachel war der Stern von Paris. Rachel ist niemals glücklich geworden. Es waren harte Zeiten, diese Jahre der Romantik, in denen der Ruhm seinen Preis hatte und Seelenschmerz wie eine Aktie gehandelt wurde. Rachels rauhe, aufwühlende Stimme wurde das Kapital eines Unternehmens, dessen Teilhaber der alte, geldgierige Felix und der feiste Veron wurden. Den Händen dieser Fachleute war sie wehrlos ausgeliefert. Custine, von Sehnsucht und Eifersucht gequält, machte ihr bald einen Heiratsantrag. Sie beantwortet ihn mit der doppelten Arroganz eines Backfisches und eines Stars: „Mein Herr, Ihr Brief hat mich sehr überrascht, das muß ich zugeben. Mir scheint, wenn man ein junges Mädchen heiraten will, sollte man nicht mit Vorwürfen beginnen. Was sage ich, mit Vorwürfen, fast mit Beleidigungen. Ich konnte die Besuche des Herrn Jgnace nicht verhindern. Ich glaubte, er käme als Freund und empfing ihn danach. Das ist wohl der einzige Vorwurf, den man mir machen kann. Alle anderen kann ich nicht annehmen. Verzeihen Sie, mein Herr, wenn mein Brief ein wenig erbost ist, aber es war meine Pflicht, ihn zu schreiben. Rachel." Sie unterwarf sich in einem unaufhaltsamen Eroberungszug Paris, ganz Frankreich, Europa. Sie errichtete ihr Imperium der dramatischen Kunst über alle Grenzen hinweg und war umworben, verehrt, bewundert wie kaum eine Frau dieses der Frau ergebenen 19. Jahrhunderts. Aber die geniale Darstellerin tragischen Schicksals blieb immer eine unbegabte Debütantin des kleinen Glückes. Sie spielte ihre Rolle mit vielen Männern: Müsset, Dumas, der Herzog von Joinville, der Graf Walewski, Nachkomme Napoleons, voll dem sie zwei Kinder hat, ein Unbekannter, den sie in Briefen, die gesunden wurden, flehentlich um ein Lebenszeichen bittet. Nur der Schmerz flog ihr zu und fraß ihr aus der Hand. Nie ließ ein Lächeln sich von ihr sangen. Ihr Auge warf zu schwere Schatten. Sie blieb ein Kind ohne Lachen, mit schmerzenden sohlen die Tochter des wandernden Hausierers Felix, der das Wunder im Sack trug. Sie stürmte vortvärts in einen hektischen, atemraubenden Wirbel von Ruhm, Reichtum, Verwöhnung, aber sie sehnte sich rückwärts nach dem harten Brot der Landstraße. Janin berichtet, daß sie an einem stürmischen Winterabend, krank und schon eingesangen von dem Leiden, das ihr bevorstand, m ihrem kleinen Zimmer in der Chausseed'Antin lag. Es war fast dunkel, und kaum fiel ein Wort. Da begann sie plötzlich mit ihrer schrillen und doch ganz tiefen Stimme die alte Marseillaise ihres Schicksals zu singen, die Verse aus der „Vendeenne": „Paris, die Stimme zieht mich fort, i i f

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