Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 1 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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C.-V.-Zeitung * 2. Beiblatt Nr. T * 3. Januar 1936 PHAlUTSSN äfM WALL VON JkVil-LÄt»J, IM oBkUNBk. KilLTU*&VM& . Welch seltsamer Gegensatz zwischen dem Publikum des Jahres 1875, das die Uraufführung von Bizets Meisterwerk und Schwanengesang durch laues, gleichgültiges Beifallsklatschen, ernüchternden „Achtungserfolg" zu Grabe trug, und den Hörern später, die den unendlichen Siegeszug des Werkes bejubelten, einen Triumph, der sich heute im Kulturbundtheater erneut. Diese Inszenierung findet eine ungewöhnliche Begeisterung, und wir dürfen mit freudigem Dank seststellen, daß diese Aufführung an Großartigkeit des Gesamteindrucks die letzten Opernerfolge noch übertrisst. Es ist ein eigener Stil gesunden worden, eine Vereinigung, ja Versöhnung zwischen dem Idealreich der Töne und dem stark ausgespielten Realismus des Theaters, zwischen Opernhastem und Dramatischem. So wirkt eine Oper sonst vermeintlich „unnatürlich", weil von singenden Menschen dargeboten, auf einer neuen Ebene „wahr" und damit lebensnah und unmittelbar Packend. Das liegt einmal an Rosen st o ck s musikalischer Leitung. Ihm liegt diese Musik mit ihrer nach außen geschleuderten Leidenschaft, ihrem dramatischen Nerv, der sich mit seiner eigenen Neigung zu spannunggeladenen, belebten Tempi deckt. Rosenstock, der sonst bei aller Intensität des Musizierens doch stets Beherrschte und Ueberlegtc, erzielt an diesem Abend ein Höchstes an schimmerndem Glanz des Klanges, an glutvollem Kolorit und vor allem an elementarer Kraft der Steigerungen. Dieser furiose Zug wurde niemals unterbrochen, vor allem auch nicht durch die konventionelleren Lyrismen der „bürgerlichen" Welt, durch Micaelas Arie, ihr Duett mit Jose; diesen gibt Rosenstock im Gegenteil — sehr bemerkenswert — erhöhte Ausdrucksstärke, fast eine impulsive Geste. Das Orchester hat eine Höhe erstiegen, für die die restlose Bewältigung der Partitur technisch kein Problem mehr ist. Zum andern liegt das ungewöhnliche künstlerische Gelingen an dem Wunder dieses Zusammengehens von Orchester und Bühne. Die Bewegungen in ihren mannigfachen Uebergängen und Kontrasten folgen der Musik besser, dem Geist ihrer geheimen oder offensichtlichen Regungen, ohne sich an eine Ausdeutung einzelner Tonphrasen zu verlieren. Welche Freiheit des Spiels, Prägnanz des Ausdrucks bei Solisten und Masse! Wie bezwingend dieses Hochlodern, ^agen, Weiterpeitschen der Leidenschaften zu den Höhepunkten hin, die sich einige Male mit eruptiver Gewalt entladen! In dieser Oper war einem Musiker eine besonders dankbare und umfassende Aufgabe gestellt, der sonst oft still und unbeachtet hinter der Kulisse arbeitet: dem vorzüglichen Chorleiter Berthold Sander. Er bewährt wieder seinen ausgeprägten Sinn für einen glanzvollen, lockeren Klang (besonders bei den Tenören) und eine reiche Verteilung der Farbwirkungen. Wacker marschierend und singend zieht die Kindermiliz aus, von einem Teil der Sängerknaben Erwin Jospes gestellt. Auch Heinz C o n d e l l vollbringt sein Meisterstück. Besonnen nutzt er seine Mittel und schasst namentlich durch einen geschickten Treppenaufbau Raum für die vielgegliederten Bewegungen und Auszüge eines größeren Ensembles. Der Plakathasten Grelle der umschließenden Akte stellt er das malerische, pittoreske Durcheinander der Szene in der Schenke wirksam gegenüber. Susanne L ö w e n st e i n (Stein) als Carmen kann zum ersten Male in einer tragenden Rolle ihr ganzes künstlerisches Sein und Können entfalten. Ihre Carmen ist nicht auf dämonische Größe in Stimme und Erscheinung gestellt, sie wirkte durch die Glätte und Pikanterie, durch die knappe Geste der Herrschsüchtigen und durch schlangenhafte Koketterie. Darstellerisch ausgezeichnet (vor allem im ersten Akt), gelingt einer großen, natürlichen und instinktsicheren Begabung eine in ihrer Eigenart geschlossene und überzeugende Leistung. Susanne Löwenstein hat die Gabe und Kunst, im Singen zu charakterisieren, ohne die Schönheit des melodischen Flusses zu zerstören, was wiederum nur durch die bewundernswerte Beherrschung ihres großen Stimmumfangs gelingen kann. Jose ist Bert Meyer (Dago Mehbert). Prognose und sehr hohe Erwartungen nach seinem Debüt als Almaviva werden nicht getäuscht, denn diesmal kann seine schwere (klanglich nicht schwerfällige), ausladende, tragende Stimme die große Liebesmelodie Bizets weit ausspinnen, wenn er auch sein lyrisches Glanzftück, die Blumenarie, an anderen Abenden noch besser singen mag als bei der Premiere. Ueber die sonst vorzügliche gesangliche Leistung hinaus besitzt Meyer Willen und Fähigkeit, sich in die wandelbaren Phasen seiner Partie einzuleben und innerlich Erfühltes in starker Potenzierung in der Gestaltung deutlich zu machen. Und einmal, in der Schlußszene, wurde gerade durch seinen menschlich ergreifenden Laut der Klage der Nahmen des „Spiels" gesprengt und die Tragik fühlbar, die LÖWENSreiN QTBtN) yBaer) '.V 9J y; C,\ v,. '/'//// M // pE CkN ££> 2 AKT s OL'TiKl /ZM/zh'X SruCKENSCHMlPT K(jrhA.\j atlmz Gc cfl. i.\ CONPEÜL RAOO FoTctO (AN'S E LAA) 6*'« 7*0 C**Y> p 4-tT IN Q£-N KAMPF.. hinter der wirbelnden Buntheit der Handlung lauerte. Ruth Wolfsreim gibt ihrer Micaela einen treuherzigen Tonfall, einen hellen, glockenreinen Klang, eine demütige, scheue Gebärde, ganz im Sinne der Partie. Fritz L e ch - ner stattet sein Escamillolied mit der ganzen Pracht seiner schönen Stimme aus und strebt nach einer energischen Darstellung, freilich ohne die von der Rolle gewollte Härte und Brutalität des Ausdrucks betonen zu können. Gutes Spiel vor allem zeichnet Walter O l i tz k i s Zuniga aus. Kleinere Partien fanden in Rita A t l a s z, Thea Stuckens ch m i d t, Julius K u t h a n, Gerhard Pech ner, Heinrich Korn sichere Vertreter. Nelly Hirsch (Hirth) und Rolf R a d o (Ray) in einem vehementen, jähen, rassigen Tanz, Ruth Condell (Anselm) in einem schwingenden Gleittanz zeigen mit dem Ballett technisch gemeistertes Gliederspiel. Das Beglückende dieser Ausführung ist, daß es zwar hervorragende Einzelleistungen, aber keinen „Star" gab, sondern nur das von einem Geist getragene und selbst fortgerissene Ensemble. Ludwie Altmann. w „Komödie der Irrungen“ im Jüdischen Kulturbund zu Hamburg Nachdem * der Kulturbund Rhein-Ruhr bereits im November die „Komödie der Irrungen" zur Aufführung gebracht hat, hat jetzt der Hamburger Kulturbund dieses Shakespearesche Lustspiel herausgebracht. Er wählte dazu die neue Uebertragung und . Bearbeitung von Hans Rothe, die von der alten Tieckschen Uebersetzung wesentlich abweicht. Da fehlt eine erhebliche Anzahl Personen, andererseits findet man Namen, die man vergeblich im Original sucht. Damit fallen auch ganze Szenen fort. Was bei Shakespeare am Anfang steht, findet sich bei Rothe am Ende des Stückes wieder. Kurzum Rothe schaltet mit einer Kühnheit, wie sie wohl kaum von einem der zahlreichen Uebersetzer Shakespeares bisher, gewagt worden ist. Sein Uebersetzungs- und Erneuerungswerk stößt daher auf viel Widerstand. Wenn man aber das vorliegende Lustspiel betrachtet, so wird man zugeben müssen, daß das Wesentliche des Stückes — eben die Komödie der Irrungen — reiner in Erscheinung tritt als bisher. Zugleich ist die Zeichnung einiger Figuren — z. B. der Luciana — von Rothe schärfer Umrissen, die Späße der beiden Diener Dromio mehr dem Empfinden des heutigen Zuhörers angepaßt, ohne daß darum der Charakter dieser Figuren ein anderer geworden wäre. Mag vielleicht vom philologischen Standpunkte Vieles einzuwenden sein; dramaturgisch hat . Rothes Leistung eine außerordentlich belebende Wirkung. Der Erfolg der Aufführung war außer auf die I ’r A »k T0( amüsante und witzige Uebertragung auf die vom gleichen Geiste getragene Regie von Hans Buxbaum zurückzuführen, die eine ununterbrochene Folge geistreicher Einfälle war, und nicht allein den Tanz und die Musik in den Dienst ihres Wirkens stellte, sondern auch den Szenenumbau, der ständig bei offenem Vorhang stattfand und die Stimmung des Publikums steigern half. Bewundernswert, wie aus dem äußerst beschränkten Bühnenraum durch die Kunst A n n y G o w a s irr Erfindung und Farbwirkung gleich abwechslungsvolle Bühnenbilder erstanden und die Zuschauer zu spontanem Beifall hinrissen. Eine Wirkung, luie sie der Bühnenbildner selten für sich buchen kann. Auch die Kostüme taten das ihrige an Geschmack, Farbe und Komik zum Erfolg. Leicht einzusehen, daß bei solchem Ideenreichtum der Regie das Spiel der Schauspieler von guter Laune beflügelt war und ein einheitliches Ganze ergab. Die beiden Antipholus von Hans Schindler (Breslau) und Berthold S e g a l l (Berlin), die beiden — auch vom Zuschauer kaum unterscheidbaren — Dromios Earl Heinz I a s f e und Fritz Melchior, welche letzteren durch ihre starke komische Begabung überraschten, waren so dargestellt, wie man sich diese Zwillingspaare wohl vorgestellt hatte. Die Rollen der Adriana, Luziana und Julia waren durch Lotte Müller- Oppenheimer, Annelise Töpfer (Berlin), die sich noch etwas mehr sreispielen muß, und Liselotte Rosen (Berlin) anmutig besetzt und boten einen jugendlich schönen Anblick. Edith H e r ß l i k gab. eine appetitliche und komische Köchin Emmelina. Von den Herren Kruszynski, Kurt Schindler, Kurt Appel und Georg Sellnitz sei Zusammenfassend gesagt, daß jeder von ihnen seine an sich farblose Rolle mit einer besonderen, witzigen Note auszustatten wußte. Die Musik wurde mit Schmiß von Kurt Behrens geleitet, die Tänze, die in fast jeder Szene charmant das gesprochene Wort illustrierten, waren von Erika M i I e e getanzt und einstudiert. Als zum Schluß die bunten Papierschlangen von der Bühne ins Publikum flogen, belohnte jubelnder Beifall, der schon mehrfach bei offener Szene eingesetzt hatte, die Leistung der Regie und ihrer Mitarbeiter, ein Beifall, wie er bei der sprichwörtlichen Zurückhaltung des Publikums in Hamburg besonders hoch zu werten ist. 8. 8. Brods „Reubeni“ im Kulturbund Rhein-Ruhr In den ersten Januartagen geht am Theater des Kulturbundes Rhein-Ruhr „Reubeni, Fürst der Juden" in Szene, die von dem Dramaturgen der Kölner Bühne geschaffene Bühnenbearbeitung des Romans von Max Brod. Gerhard Walter-Rosenbaum, der mit dieser Arbeit zum erstenmal als Autor hervortritt, hat unserer L. 8.-Mitarbeiterin in einer Unterhaltung einige Aufschlüsse über Grundidee und Arbeitsmethode gegeben, die die Uraufführung mit Spannung erwarten lasten. Der Mangel an guten jüdischen Stücken, zugleich der reizvolle, farbige Stoff gaben den Anlaß, an Max Brod einer Bearbeitung seines Buches wegen heranzutreten. Dem Leiter des Kulturbundes Rhein-Ruhr, Dr. Levinger, war es gelungen, den Autor für die Idee zu gewinnen, nicht jedoch für die Mitarbeit, diese Uebersetzung schuf Gerhard Walter-Rosenbaum. Das Werk will nicht Schauspiel sein, sondern Chronik. Der Stoff ist in vier Teile gegliedert, die man, im Ablauf eines breit angelegten Lebens, Stationen nennen möchte. Aus dem ersten Teil des Romans wurde lediglich das Motiv in das Stück übernommen, das durch Person und Tat Reubenis immer wieder zum Durchbruch kommt: Du sollst Gott dienen — mit dem guten und dem bösen Trieb. Man hat versucht, nur da zu ändern, wo man aus technischen Gründen gezwungen war, von dem Roman abzuweichen, zum Beispiel treten einige Personen auf, die im erzählenden Werk nur als handelnd erwähnt waren. Und andererseits hat man auf Szenen verzichtet, die den Aufbau nicht verdeutlicht und vorwärtsgetrieben, sondern nur erläuternd begleitet hätten. Max Brod selbst, der zu der Arbeit inzwischen Stellung genommen und in wenigen Punkten beratend eingegriffen hat, drang sehr aus die Zusammenfassung und Konzentrierung der Handlung. Dem Roman gegenüber neu ist die starke Herausarbeitung des Berufungsmotivs, die die immer umstrittene Persönlichkeit Röubenis mit festeren Konturen hervortreten läßt. Die Uraufführung findet am 4. Januar in Wuppertal, die erste Kölner Ausführung am 7. Januar statt. nz