Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 25 (5.4.1947)
- Date
- 1947-04-05
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/9498581-9366319-9386251--314-9366311- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3 KULTUR II I I ■ ■gl»—I ■■ ■«■■■! .. Vor kurzem hörte ich. im Berliner Rundfunk eine Jugendsendung, die, mich tief beeindruckt hat. Sie führte uns zurück in die jüngstvergangene Zeit, in der mittelalterlicher Rassenwahn das „Volk der Dichter und Denker“ ergriffen hatte. Im Mittelpunkt des Hörbildes' stand das herrliche e-moll Violinkonzert von Mendelssohn, eine Tonschöpfung, der man in ihrer kristallklaren Schönheit von jeher' einen Platz neben Beethovens und Bruchs Konzerten eingeräumt hat. Ein Viölinlehrer gibt dem Drängen seines begabten Schülers nach, den einige wenige Takte dieser Sphärenmusik, denen er durch Zufall hinter der Tür lauschen konnte, in einen seligen Rausch versetzt haben. Heimlich, ohne das Wissen des amusischen, von der Naziideologie verdorbenen Vaters, dem alles, was jüdischen Hirnen und Herzen entstammt, als zersetzendes Gift erscheint, übt der kunstbegeisterte Lehrer das verpönte Meisterwerk mit seinem beglückten Schüler ein, dem dabei die Ahnung einer besseren Welt aufgeht, in der Terror und Unterdrückung keinen , Raum haben. Bis eines Tages - der Vater, von dem „verbrecherischen Treiben“ der beiden WiAd bekommt, seinen Sohn mit dem lakonischen Verbot jeglicher „Musikbetätigung“ von seinem Lebensquell abschneidet und der Verzweiflung überantwortet. Der Lehrer, als gefährlicher, verantwortungsloser „Judenknecht“ und „Jugend Verführer“, wird kurzerhand in ein KZ. gesteckt. Es ist nun wohl auch dem letzten Deutschen, dem einst die Massenpsychose des Rassenwahns die gesunde Urteilskraft verwirrte, klar geworden, welche Kulturschande das Verbot, „jüdischer Kunst“ und die Verfolgung und'■Austreibung jüdischer Künstler in den Augen der Welt bedeutete. Als vor etwa 10 Jahren der „Sommernachtstraum“ auf einem großen märkischen Freilichttheater gegeben werden sollte, wurde ein keineswegs bedeutender Musiksetzer damit beauftragt, die Musikeinlagen: Ouvertüre, Romanze, Rüpeltanz usw. zu liefern; wir jungen Deutschen, die wir kürzlich auf der Zehlendorfer Waldbühne die bezaubernde Musik des jungen Mendelssohn (die einzigartigstimmungsvolle Ouvertüre schuf er mit 17 Jahren!) auf uns wirken lassen konnten,- vielleicht zum erstenmal in unserem freudlosen Leben, stehen fassungslos vor der abgrundtiefen Intoleranz der letzten zwölf Jahre, die uns diese erhabenen Kunstschöpfungen als „artfremd“ vorenthielt, Schallplatten einstampfte, Noten verbrannte unddafür den Büchermarkt mit „Juden-ABC‘s“ und obskuren Broschüren, wie „Men-' delssohn, Meyerbeer, Mahler, drei Kapitel- Judentum in der Musik“ und ähnlichen tendenziösen „Aufklärungsschriften“ überschwemmte. Bei Erwähnung des letzteren Buches fällt uns Richard Wagners Schrift „Das Judentum in der Musik“ ein, die einen gehässigen Ausfall gegen Meyerbeer darstellt, der . dem undankbaren Künstler in jungen Jahren, als er noch gänzlich unbekannt in Paris um eine Existenz rang, durch tatkräftige Unterstützung den Weg zum, Ruhm gebahnt hatte. Daß zwei Seelen auch in der Brust des völkisch-heroischen Musikdramatikers wohnten, bezeugt eine interessante Episode, die Siegfried Ochs in seinen Lebenserinnerungen erzählt. Einstmals, als £ast in Rom weilend, saß der sonst so redselige und quecksilbrige Meister still und in sich versunken da. Auf Fragen der Gastgeber und Freunde gab er zerstreute Antworten, so daß man ihn schließlich dringend um Aufdeckung der Ursache seines Zustandes bat. Nach langem Zögern rückte der Meister endlich damit heraus, daß er am Vorabend in einer „Hugenotten“-Aufführung gewesen sei, die sein Innerstes derartig, aufgewühlt habe, daß er noch*'völlig uhter dem Eindruck dieses gewaltigen Werkes stände. „Aber erzählen Sie die Geschichte nur nicht den Wagnerianern*, setzte der Meister ängstlich hinzu, „sonst werde ich unfehlbar von meinen eigenen Jüngern gesteinigt!“ — Gleich nach dem Zusammenbruch hörten wir im Berliner Rundfunk die zündenden Rhythmen-der verfemten Meister der Operette: Leo Fall, Oscar Strauß, Leon Jessel, Offenbach, Kalman» und wie sie alle heißen, die Freude am Dasein in unsere trübe Zeit hineintrugen. Dann folgten bald «die Theater und Konzertsäle. Unvergeßlich bleibt die stärkste Leistung des vergangenen Sommers: die Wiederaufführung der phantastischen Oper „Hoff.manns Erzählungen“ des großen Magiers Offenbach in der Berliner Staatsoper. Die Sommernachtstraum-Idylle am Zehlendorfer Waldsee -wurde schon erwähnt. Es ist zu hoffen, daß, trotz der Kostüm- und Inszenierungsschwierigkeiten bald auch eine Meyerbeer'sche Oper ihre Auferstehung erleben wird. Wir jungen Menschen sind jedenfalls für jede künstlerische Bereicherung, .die aus bisher versperrten Quellen kommt, aus tiefstem Herzen dankbar. Hans Lesser (Melodie, Berlin). Jüdisches Theater in Berlin. In einer Schul-Aula von Schlachtensee spielt das „Idiszer Theater Baderech“ in jiddischer Sprache für die Insassen der von der UNRRA versorgten Durchgangslager in Zehlendorf. Es ist natürlich, daß die »furchtbaren Eindrücke der letzten zehn Jahre hier ein Echo finden. Die emsteil Szenen knüpfen an Erlebnisse der jüngsten Vergangenheit an. , Die Darsteller „spielten“ nicht, sie sprachen aus, was ihr und der mitgerissenen Zuschauer Innerstes bewegt: ewige Wanderschaft, Palästinablockade, Ghettowiderstand. Leo» Hecht, der Ansager des Abends, schrieb (nach einem Leitgedanken von Karl Schnog) eine sehr bezeichnende, von Haß- und Vergeltungsgefühlen erfüllte Höllenszene, um die Wachsamkeit gegen Ueberbleibsel der nationalsozialistischen Ideologie lebendig zu erhalten. Neben der turbulenten Burleske „Hotel Terkal je“ von Scholem Aleichem (in der Hauptrolle: David Minster) vertrat die coupletartige Nummer „Cyp- Capeki“ (David Hepner und Abraham Sperling) das kasperlhafte, der aktuelle Sketch „Noch di Bod“ (M. Abelman und David Wampanj das kabarettistische Element. Ein ländliches Liebesidyll „Di Mil“ erinnerte an den Stil von Jushnys ..Blauem Vogel“, während die Szene „König-Narr“ etwas von einem orientalischen Märchen hatte. Zwischen den Szenen spielte " Franka Ridhter Violinsoli, sang Stella Markus-Martini Lieder der Trauer über die verlorene Heimat, tanzte Hilda Preikszat einen akrobatischen Walzer. Der Regisseur Mordcha Abelman faßte die so verschiedenartigen Kräfte geschickt zusammen. (Tagesspiegel Berlin). ifmiiiiimifimmmiuiHiiiiiiimimtiJiMiHiimiiimiiiitiimmiiimiiimtimimifttmimimiiiiiiiimniminmimiimiimumui KURZNACHRICHTEN .Der Außenminister von Argentinien teilte der Zentralen Jüdischen Organisation Argentiniens mit, daß die Regierung die Einwanderung von 1000 jüdischen Waisen aus Europa genehmigte. Nähere Einzelheiten werden noch bekanntgegeben. Der „Henker des polnischen Judentums“ und.Liquidator des Warschauer Ghettos, Ludwig Fischer, wurde vom polnischen Gericht zum Tode verurteilt. Das Urteil ist bereits vollstreckt. Im Laufe »der Gerichtsverhandlung konnte ihm die "Verantwortung für den Tod von mehr als einer Million polnischer Juden nachgewiesen werden. Das Amerikanische Militärgericht verurteilte den früheren Rapportführer des KZ-Lagers Dachau-Kaufering Martin Schreier und den dortigen Capo Willi Fischer zum Tode durch Erhängen. Der frühere Generaldirektor der UNRRA Herbert Lehmann verlangte auf einer öffentlichen Versammlung sofoi-tige Schritte zur Einordnung von 100 000 heimatloser Juden in Palästina und weiterer' 100 000 in Amerika. Der Chef der US-Armee General Eisenhower wandte sich in einer Ansprache an das amerikanische Volk mit der Bitte, der Aktion zur Sammlung von 170 Millionen Dollar zur Unterstützung der europäischen Juden starke Hilfe zu leisten. * . * Laut Mitteilung des Rabbiners Df. Josef Glatzer wurde ein in Bayern lebender Jude aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen, "weil er eine Deutsche heiratete. In Wroclaw (Breslau) wurde' Abrahajn Hatman in seiner Wohnung ermordet. Es gelang der. Polizei nicht, die Täter festzunehmen. — 9 —