Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 24 (19.3.1947)
- Date
- 1947-03-19
- Page
- Seite 17 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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KULTUR Leo Menter:- JÜDISCHER A.NTEIL AN D ARTHUR SCHNITZLER Arthur Schnitzler, der in Wien beheimatete Oesterreicher, "gehörte zu Anfang unseres Jahrhunderts zu den beliebtesten Bühnendichtern, Es war die Zeit, in der das naturalistische Drama seinen Höhepunkt erreichte. Schnitzler fing mehr die Gedanken der Menschen ein, als ihre Tatern Wenn, er auch gelegentlich die Vergangenheit lebendig werden ließ, so waren es doch im wesentlichen Gedanken seiner Zeit, die er festbielt, und zwar die einer gehobenen, bürgerlichen Gesellschaftsschicht, wie man damals sagte. Doch ein Kämpfer für ein(? Idee war er ebenso wenig wie seine Gestalten. Er war ein Schilderer, aber einer -mit seltenen Gaben. Er sah sehr deutlich, was um ihn vorging, er sah tief, zu tief vielleicht, denn er sah immer zugleich die Kehrseite der Dinge. So blieb es ihm versagt, begeistert für oder gegen einen neuen Gedanken Stellung zu nehmen. Von Schnitzler führt kein Weg zu der leidenschaftlich verstoßenden Dichtung, die nach dem ersten Weltkrieg zu neuen Zielen hinstrebte. Er ’steht zwischen zwei starken Literaturströmungeh und vertritt die Romantik jener Tage. Bei Schnitzler sehen wir nicht nur eine Gesellschaftsschicht, die zum ^Untergang verurteilt war, wir merken bei ihm, daß sie trotz ihrer Ahnungslosigkeit etwas von dem Schleier spürte, der ihr Leben umgab. Wahrscheinlich nahmen die Gestalten, die Schnitzler geschildert hat, all das in Wirklichkeit weniger wichtig, als der Dichter. Jedoch Schnitzler will hinter'das Unbewußte kommen. Er will alles verstehen, und er lernt auch die Unzulänglichkeiten begreifen. Damit wird er Schließlich zum Skeptiker, in dem nur noch eine leise Ironie durchbricht. Er kann nicht zornig werden, und es gelingt ihm ebensowenig, ganz im Glück aufzugehen. Das bunte Mosaikbild des Lebens-vermag er nicht zu umreißeh, dafür offenbart sich ihm die Folgerichtigkeit, mit der jedes farbige Steinchen an dem anderen hängt. Das ist seine Stärke. Mit dem Blick des Psychoanalytikers sieht er.die Zusammenhänge. ■ Man hat Schnitzler gelegentlich als Dichter der Erotik beiseite schieben wollen: Die einst so viel gespielte Szenenfolge „Reigen”, die -nicht zu seinen stärksten Stücken zählt, hat dazu beigetragen. Gewiß,-viele mögen sich dies Stück nur wegen der sexuellen Beziehungen, die da schnell geknüpft werden, angesehen haben, aber es wäre lächerlich, von Schnitzler, der allen Trieben und.allem Sehnen nachging, zu fordern, er splle vor dem wahrhaftig nicht an letzter Stelle stehenden Verlangen der Geschlechter "clie Augen verschließen. Wie ernst es ihm auch mit diesem Thema war, zeigen seine Novellen, in denen das Verständnis für -die Liebesbeziehungen in genau so behutsamer Art vermittelt wird, wie die anderen tiefen Sehnsüchte der menschlichen Geschöpfe. ER DEUTSCHEN KULTUR Es ist viel vom Literaten Schnitzler, vom guten Literaten seiner Zeit, jener Figur, die er so gern in seine Werke auf genommen hat. Urid dann, ist auch sehr-viel „Jüdisches“ in ihm. Vielleicht gehören beide Begriffe hier zusammen. Der Literat ^and immer ein bißchen außerhalb der Sache, und genau so mußte der Jude immer ein Stückchen von seiner Umwelt entfernt bleiben,* auch wenn er sich noch so eman-. zipiert fühlte. In deinem Roman „Der Weg ins Freie” sehen wir den Literaten, der zugleich Jude ist. Der Jude in der deutschen Kulturwelf. Auch Schnitzler hat sich damit auseinandergesetzt. Welch furchtbares Drama, die Geschichte hierzu einmal schreiben würde, ahnte niemand. Auch Schnitzler nicht, der als Dichter zwar Seelenarzt war, aber nicht mehr tun konnte, als die Symptome zu beobachten. Er war auch von Beruf Arzt, und er schrieb ein Arztstack „Professor Bernhardi”. Unwillkülich denken wir heute, beim Lesen an Friedrich Wolfs „Professor Mamlock”, der an die Arzttragödie, die ebenfallsv von einem Dichter geschrieben wurde, der Arzt ist Gerade eine Generation später. Hier wie dort steht der nicht orthodoxe aber bewußte Jude im Mittelpunkt ^des Geschehens, der anständige Mensch, der Arzt, der nur seine Pflicht kennt und ihr folgt. In beiden Fällen greift die nichtjüdische Umwelt (zum wievielten Male in der' jüdischen Geschichte?) ein. Aber welch ein Unterschied! Damals der ausgestreckte Zeigefinger politisch gelenkter Gegenspieler, jetzt der niederschmetternde Faustschlag einer zur Politik gelangten Verbrecherwelt. Die Sturmflut der Vernichtung gegen-die Wogen, die einen flachen Strand finden und sich auslaufen. Alles beruhigt sich wieder bei: Schnitzler. Ein gütiges Geschick bewahrte: ihn vor dem Sturm, den er Von seihen Gestalten fernhielt. Er starb am 21. Oktober 1931 in seiner Geburtsstadt Wien, ein halbes Jahr vor seinem 70. Geburtstag. Einein viertel Jahr später begann die grausige Tragödie der Wirklichkeit. Zeitgenössisches Kulturleben Die „Hebräische Universität” in Jerusalem bereitet eine Tagung zum Zwecke der allgemeinen Besprechung jüdischer Erziehungsfragen in der Welt vor. Die Konferenz beginnt am 29. Juli 1947 im Gebäude, der Universität und wird eine Woche dauern. Der in Amerika wirkende jüdisch-hebräische Dichter J. J. Schwarz übersetzte Briefe, Reden und Erzählungen unseres größten Dichters Chaim Nachman J3ialik,f ins jüdische, die als „Schriften” im Verlag des jüdischen Nationalen Arbeiterverbandes in New York erschienen sind. Die «^Zentrale jüdisch-historische Kommission” in Polen begann die Vorarbeiten zur Herausgabe eines großen Werkes „Polen-Tagebuch”. Das Buch wird die Geschichte mehrerer jüdischer Gemeindeh unter der nationalsozialistischen Besetzung schildern. _ ‘ Am 21. Februar 1677 starb der große Philosoph Baruch Spinoza. Sein philosophisches Hauptwerk ist die in lateinischer Sprache abgefaßte „Ethik”. Durch; diese und' sein „Theologisch-politisches Traktat” erschütterte er den primitiven Kirchenglauben in seinem Fundament. , Seine Argumente gelten sowohl der religiösen als auch der politischen Denkfreiheit. Jerusalem. (Our Way), Prof. Mayer von der Hebräischen Universität* in Jerusalem wird in Kürze nach England abreisen, um an der Universität in Oxford mehrere Vorträge über orientalistische Pobleme abzühalten. In Krakow weilt seit einigen Tagen der Rechtsanwalt Polakiewicz aus New York, der als Delegierte!- des Weltkongresses der Juden in Amerika nach Polen kam. — 17 —