Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 23 (5.3.1947)
- Date
- 1947-03-05
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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KULTUR Hans Hermann Hirschfeld: jüdischer Anteil an d FRITZ HABER Im allgemeinenist es schwierig, Nichtnaturwissenschaftlern <lie Bedeutung naturwissenschaftlicher Erfindungen nahezubringen. Bei Fritz Habers bedeutendster Erfindung ist es anders. Er hat, wie es bei der Ueberreichung des Nobelpreises im Jahre 1918 an ihn hieß, „ein überaus wichtiges Mittel zur Hebung der Landwirtschaft und des Wohlstandes der Menschheit geschaffen, er hat Brot aus Luft gewonnen und einen Triumph errungen, im Dienste seines Landes und der ganzen Menschheit.” Dieses wichtige Mittel bestand darin, daß es ihm zum ersten Male gelang, Ammoniak aus seinen Elementen Stickstoff und Wasserstoff synthetisch herzustellen. Die ungeheure Bedeutung dieses Ver-, fahrens liegt nun in der Möglichkeit, aus dem Stickstoff _der Luft Düngemittel herzustellen, die für das Wachstum der Pflanze unerläßlich sind, und dadurch die Ertragfähigkeit des Bodens zu stSigern. . Fritz Haber wurde am 9. Dezember 1868 in Breslau als Sohn eines angesehenen jüdischen Kaufmanns geboren. Schon als Schüler hatte er ein ausgesprochenes Interesse für Naturwissenschaften, so daß es dann selbstvertändlichfür ihn. war, daß er Chemie studierte. Nach seiner Promotion entschloß er sich aber nicht sofort zur akademischen Laufbahn, sondern sammelte erst in chemischen Fabriken seines Vaters wertvolle praktische Erfahrungen. Sein erster großer Wirkungskreis war die ^Technische Hochschule Karlsruhe, an der er' siebzehn Jahre lang tätig war, zunächst als Assistent, später als Professor für physikalische Chemie und schließlich als Direktor des Physikalisch-Chemischen Institutes. In dieser Zeit entstanden Arbeiten von größter wissenschaftlicher und praktischer Bedeutung. Er kam zu der Erkenntnis, daß der technische Fortschritt dann am stärksten ist, wenn wissenschaftliche Erkenntnis und praktische Durchführung auf gleicher Höhe stehen. Wenn seine Arbeiten auch viele Gebiete der Chemie berühren, so galt seine besondere Liebe doch den Gasen und ihrer Synthese, die er schon in seiner Habilitationsschrift behandelt. Um das Jahr 1905 fing er an, sich mit der Untersuchung des Gleichgewichts zwischen Bildung und Zerfall des Ammoniaks bei verschiedenen Temperaturen und Drucken zu befassen. Die direkte Vereinigung von Stickstoff und Wasserstoff zu Ammoniak unter hohem Druck war damals höchstens theoretisch bekannt und schien praktisch wenig aussichtsreich. Haber fand jedoch geeignete Beschleuniger, .so daß es ihm schließlich im Jahre 1908 bei einem Demonstrationsversuch vor den damals führenden Wissenschaftlern der Badischen Anilin- und Sodafabrik, Bosch und Mittasch, in einer von ihm konstruierten Apparatur gelang, hundert Kubikzentimeter flüssigen Ammoniaks in der Stunde zu bilden. Carl Bosch entwickelte nun in den nächsten fünf Jahren unter größten Schwierigkeiten die praktische Durchführung des Verfahrens, das daher mit Recht „Haber-Bosch-Verfahren” genannt 'wird. Auf dieser Ammoniaksynthese beruht eine der größten chemischen Industrien, die ,1926 in den beiden Leuna-Werken Oppau \ind Merseburg jährlich 453 030 t Ammoniak produzierte. Das Verfahren gewann während des Weltkrieges gewaltige Bedeutung, da Deutschland dadurch ' von der Einfuhr des Chile-Salpeters unabhängig wurde. 1911 wurde Fritz Haber an das Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem berufen, an dem er bis 1933 als Leiter wirkte ■»und das sich unter seiner Leitung im Laufe d,er Jahre 'zu einem Mittelpunkt wissenschaftlichen Lebens entwickelte. Aus aller Herren Länder kamen Wissenschaftler in sein, Institut, um unter ihm zu lernen. _ ER DEUTSCHEN KULTUR Diese bedeutende Persönlichkeit fielaber auch unter feen berühmten „Arierparagraphen” und wurde 1933 von seinem Posten vertrieben. Einige Monate konnte er dann noch in Cambridge arbeiten, bis er auf einer Erholungsreise in die Schweiz am 29. Januar 1934 an einem Herzleiden starb. Doch noch nach seinem Tode galt er als staatsgefährlich — der Mann, der sein Land im Weltkrieg nicht nur vor dem Hungertode gerettet hat, sondern auch in vielen andern Dingen seine Schaffenskraft und Erfindungsgabe in den Dienst seines Vaterlandes gestellt-hatte. Ein Jahr nach seinem Tode hielt das Kaiser-Wilhelm-Institut eine Gedächtnisfeier für ihn ab. Der „Kultusminister” Rust hielt-allerdings diese Feier für eine „Herausforderung des nationalsozialistischen Staates” und verbot allen seinem Dienstbereich unterstehenden Beamten und Angestellten die Teilnahme an der Feier. Trotz -dieses Verbotes ließen sich bedeutende deutsche Wissenschaftler nicht von der Teilnahme an der Feier äbhalten, und ein Wissenschaftler wie Planck hielt die Begrüßungsansprache, während der spätere Nobelpreisträger Otto Hahn die Gedächtnisrede hielt. Seit diesem Tage allerdings durfte weder der Name noch das Werk des Gelehrten in der' deutschen Oeffentlichkeit genannt werden. - Der Berner „Bund” hatte ein Interview mit dem deutschen Dichter Ernst Wiechert, dem Autor des erschütternden Tatsachenbenrichtes aus Buchenwald „Der Totenwald”. Dieser erklärte, daß er in seinem Vaterland als „Landesverräter” gekennzeichnet sej, daß man ihn bedrohe, daß man die Fenster, seines Hauses am Starnberger See ein warf und daß er gezwungen war, amerikanische Hilfe in Anspruch zu nehmen. - Wiechert sagt wörtlich: „Wenn Hitler morgen wiederkäme, so würden 60 bis 80 Prozent ihn mit qffenen Armen aufnehmen. Es gibt keine Hoffnung für dieses Volk, es ist zutiefst verdorben, es kennt nur Gier, Haß und Neid. Nie wieder will ich zu Deutschland sprechen, auch nicht zur deutschen Jugend. Mein einziger Trost kommt mir vom Ausland, von meinen alten jüdischen Schülern aus, der Zeit, als ich noch Lehrer in Ostpreußen war und die jetzt in Palästina, Ungarn, England, Mexiko und Amerika leben. Hier in Deutschland sehe ich nichts als eine einzige Seelenänarchie; wieder geht die Jugend hier -zu den Mystagogen, Astrologen und Propheten. Ich will dieses Land verlassen. In meinem Alter möchte ich endlich eine Ruhe finden, und ich träume‘von einem Haus am Genfersee ..." . Der bekanne Dirigent Furtwängler gehört zu den Menschen, die heute zu Unrecht angegriffen werden. Wir wissen von ihm und aus dem Bucfti, das seine frühere jüdische Sekretärin während des Krieges in England veröffentlichte, daß er einer von denen war, der sich bis zuletzt einwandfrei gehalten hat und dem es zu verdanken ist, daß wenigstens ein kleiner Rest der kulturellen Ehre Deutschlands erhalten geblieben ist. Im Tagesspiegel (Berlin) lesen wir: Bruno Stenzei, Mitglied des Berliner Philharmonischen Orchesters, Berlin SO 36: Den Ausführungen des Herrn H. Winter im „Demokratischen Forum” des Tagesspiegels Nr. 303/1946 muß ich widersprechen. Als altes Mitglied des Berliner Philharmonischen Orchesters und als rassich Verfolgter kann ich fcit beurteilen, daß Furtwängler immer ein Gegner Hitlers' war, und alle meine Kollegen können es bestätigen. Die politische Situation im . Berliner Philharmonischen- Orchester wurde durch die Persönlichkeit Furtwänglers erträglich, Tausch-Zentrale Bilk Friedrichstr. 109 Düsseldorf Fernruf 16034 tauscht GeDraiichsgegensiände aller Art S. 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