Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 23 (5.3.1947)
- Date
- 1947-03-05
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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NEUES AUS Regensburg. Im Regensburger Internierungslager* in dem sich zirka 8003 Nazis befinden, die sich noch heute mit Heil'Hitler grüßen, wurde von 900 Polizisten eine Razziä durchgeführt. Es wurden riesige Summen beschlagnahmt, darunter sehr viele falsche Banknoten und Ausweispapiere. Die während der Razzia verhafteten 16 Internierten konnten sofort entkommen! ... Bemerkenswert ist, daß diese Razzia bereits am 5. Februar vom Bayerischen Säuberungsministerium angeordnet wurde, aber erst von dem Chef der , bayerischen Landespolizei am 7. Februar durchgeführt wurde. Es wird angenommen, daß „zuverlässige” Beamte der Landespolizei, die Internierten zuerst von der beabsichtigten Razzia in Kenntnis gesetzt haben. Der Bayerische Innenminister hat eine Nachprüfung der Angelegenheit angeordnet. München. Der frühere Lagerführer des Lagers 11 Kaufering, (Abteilung des KZ. Dachau), Untersturmführer Hermann Tschis, viel tausendfacher Judenmörder, würde vom amerikanischen Militärgericht in Dachau zum Tode verurteilt. Washington. Der- Vorsitzende der amerikanischen Gewerkschaften, William Green, sandte dem britischen Außenminister Bevin ein Telegramm, in dejn er nicht die Einführung des Kriegszustandes in Palästina, sondern die sofortige Oeffnung der Tore Palästinas für die Juden verlangt. Paris.. (Our Way). Unter Beteiligung von Vertretern von 17, Staaten begann hier die große Europa-tKonferenz des „American Joint”. ' In seiner Eröffnungsrede teilte der Joint-Director für Europa, Dr. Joseph Schwartz mit, daß in diesem'Jahre 120 Millionen Dollar für Unterstützung der europäischen Juden vorgesehen sind. . Dieser Betrag ist das Doppelte der im Vergangenen Jahre erteilten Unterstützung. r Uebereinkommen über die Einwanderung verschleppter - Personen. . London. (DENA-Reuter). Britische, französische und amerikanische Fachleute haben sich, wie hier gemeldet wurde,, in d,er vergangenen Woche auf einen gemeinsamen Plari zur Kontrolle der Einwanderung verschleppter Personen' aus den drei Westzonen Deutschlands geeinigt. Die jetzt getroffenen vorläufigen Vereinbarungen .müssen noch von den Regierungen der drei beteiligten Länder bestätigt werden. Die Vereinbarungen zur Erzielung eines derartigen Ueber- ALLER WELT einkommens haben bereits vor mehreren Monaten begonnen, um die illegale jüdische Einwanderung nach Palästina cinzudämmen. Weizmann empfiehlt Aufteilung Lohdon. (Reuter). Vor seiner Abreise nach Jerusalem erklärte Chaim Weizmann auf dem Jahreskongreß des brit. Zionistenverbandes, die jetzt mit der brit. Regierung unterhandelnden Zionistenführer sollten offen erklären, daß sie unter gewissen Bedingungen bereit seien, den Aufteilungsplan anzunehmen. Es habe keinen Zweck, „nach außen hin ganz Palästina zu fordern und sich nach innen hin für eine Aufteilung einzusetzen.’’ Der Zionismus sei kein Pokerspiel. Als Bedingungen für die Wiederauf na ime normaler Beziehungen mit England nannte Weizmann die Befolgung der Mändatsvorschriften, die Briten sollten das Mandat erneut dem Buchstaben und dem Geisce nach an wenden. Wenn die britische Regierung das Mandat nicht mehr zu erfüllen wünsche, müsse sie; eine andere Lösung Vorschlägen. Zunächst sei die Genehmigung einer sofortigen beträchtlichen Einwanderung nötig. Noch solch ein Winter und der letzte Rest des europäischen Judentums könnte dahin sein. Eine geschlossene jüdische Ansiedlung, wenn nicljt in ganz Palästina, so docbr in einem angemessenen Teil des Landes, müsse ermöglicht werden. Schließlich sollte die Hoffnung auf die Gründung eines . jüdischen Staates in naher Zukunft gegeben' werden. \ London. 5003 Juden haben den Wunsch geäußert, aüs Palästina nach Deutschland zurückzukehren; Warschau. 10 000 polnische Juden, die augenblicklich in Deutschland und Oesterreich sind, wollen nach Polen zurückkehren. . - ■ Jerusalem. (Associated Press). Der Oberbefehlshaber der britischen" Streitkräfte in Palästina General Barker verschob auf eine unbestimmte Zeit die Vollstreckung der Todesstrafe für das Mitglied des „Irgun” Dov Grüner. Der Verteidiger des Verurteilten erklärte, daß die ganze Angelegenheit zu Entscheidung dem britischen . Kronrat vorgelegt wird. Das Urteil sollte am 18. Februär vollstreckt werden. Gleichzeitig wurde bekanntgegeben, daß der Nachfolger General Barkers, Generalmajor Mac Moulin, von Kairo kommend in Jer«alem bereits eintraf. ' Drahtgitter — die flinken, rötlichen Augen hingen - erwartungsvoll an Michaels Händen — aber die waren heute leer! Mucki zurücklassen! Dieses warme, zärtlich schnup- . pernde Tierchen t mit der}- weichen Bewegungen, die sein Spiel so reizvoll machten! Mutter Torschmidt würde es ihm bestimmt mitgeben, wenn er sie darum bat. Aber diese Tante- — würde sie es aufnehmen und füttern können? Ohne nachzudenkeh, setzte sich das Kind an den Küchentisch und nahm den Bleistift-zur Hand. Bisher waren seine „Malereien” sehr kindlicher. Art gewesen —'heute diktierte ihm ein verantwortungsvoller Ernst jeden Strich, den er machte. Er wollte Mucki zeichnen — heute getraute er es sich! ' . >Und dann geschah das Rätselhafte, nicht zu Erklärende: auf dem weißen Bogen erschienen die Umrisse von des Vaters Gesicht! Daneben, dicht hingeneigt, erwuchs die hohe Stirn, die Weiche Wange von Mutter — — Wie ein Zuschauer folgte Michael atemlos dem Werk seiner Hände." Er wußte gärnicht, woher ihm plötzlich diese Kraft kam! Er sah jetzt diese beiden, so lange, entbehrten Köpfe in plastischer Deutlichkeit vor sich— der Ausdruck in Vaters Augen war ihm mit. einem Schlage wieder vertraut: dieser -etwas schwermütige Spott, die Fältchen an den Schläfen- — — Und die Mutter? Merkwürdigerweise hielt sie die Augen geschfossen — Michael erschrak bis ins tiefste Herz — was bedeutete das? Weshalb sah er die Mutter als eine Schlafende vor sich? Seine Hand sank herab — er starrte auf die Köpfe hin, und eine grauenvolle Gewißheit dämmerte ihm. ,4 Sie waren ihm also wirklich verloren? Nie wieder würde er Liebe, Trost und Obhut von ihnen empfangen? Sie hatten ihn allein gelassen?! . . Auf stöhnend bettet das Kind den Kopf in die Arme-- der' Raum war bedrückeiid still r— nur das trockene Heu raschelte unter den Bewegungen von Mucki. Plötzlich hob Michael den Blick — ein ganz neuer Gedanke hatte ihn überfallen; er heftete seine Augen auf die Zeichnung: konnte ihm denn jemals dieser Besitz geraubt werden? Besaß er nicht Vater und Mutter unverlierbar in sich? In seiner glühenden Erinnerung? Konnte er sich nicht jederzeit ihr Bild, vorzaubem? Er kann sie ja Wie durch ein Wunder mit-der eignen Hand zum Leben erwecken! , : Nur unklar fliegt ihm das alles durch den Sinn — in ihm ist ein Wirrwarr widersprechender Empfindungen. Nur allmählich löst sich eine aufdämmernde Klarheit aus seiner kindlichen Unbewußtheit: kann man wirklich ein geliebtes Wesen zugleich hergeben und es doch behalten? - Die, blühende, unverbrauchte Fantasie seiner Jugend beflügelt ihn •— die Mutter Torschmidt wird er zeichnen, das Mucki, die kahlen Pappeln. Nichts wird er zurück lassen müssen, alles wird ihn begleiten, und er wird nicht verlassen sein! Weshalb erscheint ihm heute seine Zeichnung nicht mehr als Spielerei? Wieder fällt sein Blick auf die klaren Linien, die ihm das Bild der Eltern geschenkt haben: wenn ich ein Maler werden könnte? „Vielleicht —’’ denkt er tastend, vielleicht muß man solch eine riesengroße Sehnsucht in sich ha, en, damit es , ein gutes Bild wird?” , V Seine kindliche Ahnung hat ihn riicht betrogen: er wird später noch oft erfahren, daß seine Kunst nur durch die letzten Leidenskräfte den bezwingenden Ausdruck findet.