Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-02-21 · 22 (21.2.1947) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
22 (21.2.1947)
Date
1947-02-21
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9498581-9366319-9386244--263-9366259
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

KULTUR Leo Ment er: JÜDISCHER ANTEIL AN DER DEUTSCHEN KULTUR HENRIETTE HERZ UeToer Rahel Vamhagen, die durch ihr leidenschaftliches Bekenntnis zu Goethe bekannt ist und in deren Salon sich die bedeutendsten Männer jener Zeit trafen, wird besonders berichtet werden. Doch vielleicht steht uns Henriette Herz näher, wenn-sie sich auch vom Judentum entfernte. Nicht, weil, sie für die Aufgabe, die sie übernommen hatte, eine gediegenere Grundlage mitbrachte (Rahel .klagt selbst oft genug, daß sie sich in ihrer Unsicherheit der Orthographie gegenüber bedrückt fühlte), nein weil sie im Grunde ihres Wesens immer für andere da war. Sie, diö vom Leben Begünstigte, fühlte sich in späteren Jahren nicht mehr ganz glücklich, weil da ihrer Wohltätigkeit Schranken gesetzt waren.. ' Geboren wurde sie am 5. 9. 1764 in Berlin als Tochter eines portugiesischen Arztes Benjamin, de Lemos, der sie selbst unterrichtete und sie schön mit .13 Jahren mit dem beliebten, aber bedeutend älteren Arzte Marcus Herz verljbte. Er war ein Lieblings Schüler Kants und vervolL kommnete ihre Ausbildung. Für ihn blieb sie aber das „Kind”, wie er sie zu ihrem Leidwesen auch nannte. Ihr blieben Kinder versagt, und vielleicht wuchs' daraus der Drang, sich immer, weiterzubilden. Wenn sie auch keine schöpferische Natur war, so strahlte sie doch viel Geist und Offenheit aus. Dazu kam ihre imponierende Schönheit, so daß es kein Wunder , war, wenn ihr Haus bald der Sammelplatz von Gelehrten und Künstlern wurde. Wir wollen nicht all die Namen-derer nennen, die sieh dort trafen. Die Brüder von Humboldt, Schadow, Zöllner gehörten zu ihrem. Kreis, Graf Bernstorff und Mirabeau, als er sich in geheimer Mission 1786 in Berlin befand, zählten zu ihren Gästen, Es wäre falsch, sich diese Salons als Stätten oberflächlicher Unterhaltung vorzustellen. Henriette Herz führte Alexander v. Humboldt in die hebräische Sprache ein und lehrte Schleierrnaeher, der eine tiefe Verehrung zu ihr gefaßt hatte, italienisch. Eine jahrelange Freundschaft voll tiefen Vertrauens, verband die beiden. Nachdem Marcus Herz 1803 gestorben war, nahm sie den jungen Börne gegen Pension auf, aber sie entfernte ihn'wieder aus dem Hause, als er sich in die achtunddreißig jährige Frau verliebte. Die Briefe Börnes, der sich bald wieder beruhigt hatte, gehören zu dem wenigen literarischen Nachlaß, den wir über Henriette Herz besitzen, da sie fast alle Schriftstücke vernichten ließ, um nicht etwa später jemand bloßzustellen. Als sie verarmt war und nicht mehr in gewohnter Weiste helfen konnte, unterrichtete sie junge Mädchen, damit sie ihnen Stellungen als Erzieherinnen verschaffen könnte. Einen ernst gemeinten Antrag des Grafen Dohna-Schlobitten lehnte sie ab, weil ihre fest im Judentum wurzelnde Mutter noch lebte. 1845 war sie schließlich aller äußeren Sorgen enthoben, als ihr durch Alexander v. Humboldts Vermittlung eine königliche Pension bewilligt wurde. ' * Im Alter von 83 Jahren starb Henriette Herz. Nach dem Tode ihrer Mutter war Sie mit 53 Jahren zum Christentum übergetreten. Man hat damals viel von der Gleichberechtigung der Juden gesprochen. Fühlten die Vielen, die sie durch die Taufe zu erlangen glaubten, daß es noch lange Weile haben würde bis dahin? Ein wehmütiger Akkord klingt durch das äußerlich befreite Leben, dieser Frauen. DORpTHEA SCHLEGEL Sie war die Tochter Moses Mendelssohns, der das deutsche Geistesleben in sich aufgenommen und doch die Psalmen, übersetzt hatte, der sie nicht nur übersetzt,' sondern sich nie von ihnen getrennt hat. Seine Kinder hatten ihn noch gefragt, warum sie beim Spazierengehen von den anderen Kindern mit Steinen beworfen würden. Dorothea, am 24. 10. 1763 geboren, wechselte zweimal ihren Glauben. Sie hatte 1783 den Kaufmann und Bankier Simon Veit geheiratet, aber die Ehe wurde nicht glücklich. Ihre Gedanken gehörten mehr dem verlockenden Kreis, den die Freundin Henriette Herz um sich scharen konnte, als dem Mann, dem sie;zWar eine gute Hausfrau war, dem aber die Geschäftsbücher näher standen als die Bücher, nach denen sie sich sehnte. Und als sie den dreißigjährigen Friedrich ochlegel kennenlernte, entschied sich ihr Schicksal. Schlegel war gerade nach Berlin gekommen und beschäftigte sich mit der romantischen Dichtung. Er erhob die Freiheit des Dichters zum obersten. Gesetz, um später allerdings jeden Gedanken dem alles umfassenden Schoß der Kirche unterzuordnen. Er war ein mitreißender Geist, den alles bewegte, der aber doch alles seiner starken Persönlichkeit untertan machte. Von Dorothea fühlte er sich tief beeindruckt und angeregt. Sie selbst war von ihm nicht weniger gefesselt. Al,s sie nach einer eigenen Erkrankung hörte, nun sei Schlegel krank,. eilte sie sofort zu ihm, um ihn zu pflegen. Henriette Herz geriet in Gewissenskonflikte, als Dorothea darauf ihren Mann und ihre beiden Kinder verließ. Sie selbst hatte die Freundschaft unterstützt, aber der ihr nahestehende .Schleiermacher, der damals mit Schlegel. zusammenwohnte und auch unter Schlegels Einfluß stand, trat für die beiden ein. In dieser Zeit erschien in dem von den Brüdern Schlegel herausgegebenen „Athenäum” die „Idee zu einem Katechismus für edle Frauen”, dessen Tendenz das gekränxte Sittlichkeitsgefühl beruhigen sollte. Dorothea begann damals ebenfalls zu schreiben und ließ ein Jahr darauf den unvollendeten 'Roman „Florentin” erscheinen. 1804 folgte eine Sammlung romantischer Dichtungen des Mittelalters und später eine Nachdichtung des französischen Romans „Loher und Maller” der. Gräfin Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, def auf .«die Schlacht von Fonteiioy (1841) zurückgreift. All diese Bücher wurden unter Schlegels Namen veröffentlicht. 1802 war Dorothea protestantisch geworden, und zwei Jahre später heirateten die beiden. Aber den immer ruhelosen Schlegel duldete es nicht auf einem; Fleck, äußerlich und innerlich. War er schon vorher in Jena und Dresden gewesen, zog es ihn jetzt nach-Köln. Hier wandte sich .seine romantische Seele immer stärker der katholischen Glaubenslehre zu, und mj.t Dorothea, trat er im Jahre 1808 zum Katholizismus über. Dorothea Schlegel starb am 3. 8. 1839 als Witwe bei ihren, beiden Söhnen aus ferster Ehe. Es waren die Maler Philipp und Johann Veit. Bilder von Philipp Veit sind oder waren im Besitz der Berliner Nationalgalerie. ZEITGENÖSSISCHES KULTURLEBEN Martin Bubers Essays aufdem Gebiete der Religion, und zwar Betrachtungen und Vorträge, die in Deutschland in den Jahren 1933 und 1935 veröffentlicht wurden, sowie der Hauptinhalt von Vorlesungen, diö er im Jahre 1940 an der Hebräischen Universität Jerusalem gehalten hat, sind nunmehr in einem ins Englische übersetzten Bande unterdem Titel „Mamre: Essays in Religion” in der Melbourne University Press und im Londoner Verlag Cumberlege erschienen. ‘ * Eindrücke von seiner jüngsten Reise durch Deutschland hat Victor Gollancz in einem soeben erschienenen Buche „In Darkest. Germany” niedergelegt. Es ist in seinem eigenen Verlag in London erschienen und mit über 100 Photographien ausgestattet. ■; ■ , Auf einer von einer Reihe jüdischer Organisationen in London kürzlich veranstalteten Ausstellung wurde ein Ueberblick vom wiedererwachten jüdisch-journalistischen Schaffen in Europa gegeben. 31 jüdische Zeitschriften, in jiddischer, hebräischer oder deutscher Sprache, erscheinen gegenwärtig in Deutschland, meist in D.P.-Lägern, 18 in Polen, 17 in. Frankreich, je sechs in Belgien und Italien, fünf in der Tschechoslowakei, vier in Oesterreich und drei in Dänemark. , In Schanghai werden zwep jüdische Blätter herausgegeben, $on denen das „Schänghaier Echo”, eine Tageszeitung, in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.