Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 18 (19.12.1946)
- Date
- 1946-12-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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CHANUKAH Rundfunkansprache, gehalten von Dr. med. Herbert Levin, 1. Vorsitzender der jüdischen. Gemeinde Köln (Nordw.-deutschen Rundfunk, 18. Dezember 1946). Heute abend beginnt das Chanukah-Fest der Juden, im Deutschen unter dem Namen „Lichterfest” oder „Weihefest” bekannt. Es fällt immer in die Nahe der christlichen Weihnachten und dauert 8 Tage, d. h. vom Vorabend des 25. Tages im 9. bis zum 3. Tage im 10. Monat der jüdischen Zeitrechnung. Die 'Juden, die einstmals ein Volk mit eigenem Land und mit eigener Sprache waren, und es hoffentlich in allernächster Zeit wieder sein werden, haben auch eine eigene Zeitrechnung. Diese weicht von der allgemein üblichen dadurch ab, daß sie im Schaltjahr, das 7-mal in 19 Jahren stattfindet, einen ganzen Monat einschalten muß, weil 6 der Monate nur 29 Tage und die übrigen 6 Monate 30 Tage zäh- -len. Der .Grund dafür, daß das Fest gerade 8 Tage währt, hängt mit einer Erzählung des Talmud zusammen: Danach sollen die in den von den Heiden entweihten Tempel eingedrungenen jüdischen Helden nirgendwo Licht gefunden haben. Nur im Allerheiligsten sei ein Oellämpchen gewesen, das merkwürdigerweise 8 Tage läng reichte, und dadurch solange Licht spendete, bis es möglich war, neues Oel heranzuschaffen. Am Chanukah-Fest ist jegliche Arbeit gestattet — es ist kein Hauptfeiertag. Aber beim Brennen der Kerzen, die an jedem Abend entzündet werden, soll der jüdische Mensch eine Arbeitspause einschalten, um sich zu erinnern an eine ganz bestimmte Geschichtsepoche seines Volkes. Und' so betet er: Boruch ato Adonoj Elau henu melech Ho au lom ' Sehe heche jonu We ki je monu We hi gionu Las man ha .se. Gepriesen seist Du ewiger unser Gott — König der Welt, der uns am leben ließ— uns erhalten hat und uns diese Zeit wieder hat erreichen lässen — wir danken Dir für die wunderbare Befreiung — für die Allmachttaten Deiner Hilfe, die Du unsern Vätern in der Vergangenheit um diese Zeit erwiesen hast. In den Tagen Matatias — des Sohnes Johanaur des Priesters aus dem Geschlecht der Hasomonäer und seiner Söhne, hatte sich das Syrisch- Griechische Reich gewalttätig gegen Dein Volk Israel erhoben, um es zum Abfall von Deiner Ehre und Deinen Geboten zu verführen. Du aber, in Deiner großen Barmherrzigkeit, standest ihnen bei in schwerer Zeit. Du nahmst Dich ihrer ■ Kämpfe an, führtest ihre Sache, Gabst Starke in die Hand Schwacher ■ Viele in die Hand Weniger, Ruchlose in die Hand Frömmer. Da wurde Dein Name unter den Völkern groß und geheiligt. Deinem Volk Israel aber hast Du die große Hilfe und Befreiung werden lassen, die wir in diesen Tagen feiern. Damals zogen Deine Kinder wieder in Dein entweihtes Haus ein, weihten Tempel und Altar wieder Deinem Dienst;— zündeten Lichter in den Vorhöfen Deines Heiligtums an und setzten dieses Chanuka-Fest ein, 8 Tage lang, Deinen großen Namen zu danken und zu lobsingen. Aus diesem Gebet geht bereits deutlich hervor, daß Israel wieder einmal um Recht und um Religion, oder besser gesagt: um sein- Recht auf seine Religion hat kämpfen müssen. In den Jahren 168 bis 165 vor Christi tobten die Makkabäer-Kämpfe. Der kleine jüdische Staat strebte seit dem Auftreten des Propheten Esra der Theokratie, d. h. dem Gottesstaate, zu. Zu seinem verantwortlichen Leiter wurde bewußt kein König, kein Kapitalist, kein Handelsmann, sondern der Hohepriester berufen, weil nur er in der Lage sein konnte, die Verfassung des Gottesstaates — die „heilige Lehre” zu schützen. Und um diese „heilige Lehre” ging es. Der Syrer-König Antiochus Epiphanes entweihte das Heiligtum durch das Aufstellen eines Zeus-Bildes, und brachte es fertig, einen Teil des jüdischen Volkes zum Abfall von seiner Religion zu zwingen. Er hatte es bei diesem Zwange keineswegs so schwer, denn viele, hauptsächlich gebildete Juden liebäugelten schon seit langem mit der syrisch-griechischen Kultur, weil ihnen die griechische Lebensart erstrebenswert erschien und sie Gefallen fanden — und das ist durchaus zu begreifen — an griechischer Kunst und griechischer Philosophie. Diese Hellenisten, wie man sie' auch nannte, begriffen offenbar nicht, daß sie eine große Gefahr für einen Staat bedeuteten, dessen Kultur auf der Einheit von Volkstum und Religion auf gebaut war und dessen Religion keine Vielgötterei zuließ, sondern den Monotheismus, den Glauben an einen einzigen und zwar unsichtbaren Gott verkörperte. Die Theokratie, — der Gottesstäat, —- den das jüdische Volk eben aufgerichtet, befand sich also in höchster Not. Wenn der Bestand eines Staates in Gefahr ist — noch dazu ohne eigenes Verschulden — dann ist der verantwortliche Leiter verpflichtet* unter Hintansetzung seiner Person den Kampf aufzunehmen. Diese Aufgabe fiel dem Hohepriester Matatias zu, der durch seine 5 .Söhne unterstützt wurde, von denen der eine, namens Juda, als tapferster voranging. Sein Beiname war „Makkabi”, d. h. der Hammerschwinger, und Juda-Makkabi errang trotz der kleinen Zahl seiner Mitkämpfer den Sieg über die Uebermacht. Damit zerstörte er gleichzeitig, den Glauben an die „Masse Mensch” und bewies, daß auch die Kraft von wenigen, wenn sie von einer großen Idee geleitet wird, einen Sieg davontragen kann. Es wird aber dadurch noch gezeigt, daß es ein Irrtum ist, zu denken, daß Gott immer nur bei den starken Bataillonen sei. Sicherlich ist es den meisten nicht bewußt, welche Bedeutung dem Siege der Makkabäer für die Entwicklung der Menschheit zukommt. Wie ganz anders hätte die Weltgeschichte ausgesehen, wenn das „Volk der Religion” geführt von den heldenhaften Makkabäern in diesem Kampfe unterlegen wäre: die Vielgötterei wäre wieder eingeführt — der Monotheismus beseitigt worden, und das Christentum wäre nie entstanden. . Der Kampf der Makkabäer war nicht nur gegen den äußeren, sondern auch gegen den inneren Feind gerichtet. Ihr Sieg hat den Hellenismus, jene damals auftretende Form der Assimilation, zwar nicht beseitigt, aber doch in jene Bahnen gelenkt, die der großen Idee des Judentums nicht zuwiderlief. Assimilation — d. h. Angleichung an die Umwelt — wird und muß erfolgen, sobald di.e Juden in engere Berührung mit der Umwelt kommen. Diese Angleichung kann aufbauend wirken und für beide Teile von Vorteil sein. In denLändern und Gegenden, wo echtes Christentum anzutreffen war, da hatte der Antisemitismus keinen Boden — dort machte dann die Assimilation raschere Fortschritte. Und bei der religiösen Widerstandskraft der Juden brauchte kaum befürchtet zu werden, daß die Angleichung an die Sitten und Gebräuche des jeweiligen Landes etwa zu einer Auflösung des Judentums führen könnte. Der Jude darf bekanntlich nicht für seine Religion werben — sie soll von sich aus wirken. Der Eintritt in die jüdische Religion wird jedem Nicht-Israeliten recht schwer gemacht Wäre diese Forderung nicht eingehalten worden, dann hätte das Christentum in Europa keineswegs die große Verbreitung erfahren: So Ist ihm über die Lehre Christi die Aufgabe zugefallen, die 10 Geböte und die soziale Ethik .des Judentums den heidnischen Völkern zu vermitteln. Da wir Juden uns aber dieser schweren Aufgabe entzogen haben (ob mit Recht öder *mit Unrecht bleibt dahingestellt), sind wir nicht befugt, uns heute darüber zu wundem, daß die Erfolge des Christentums noch viel zu wünschen übrig lassen, zumal auch wir nicht frei von Mißerfolgen sind. Unsere Aufgabe muß es sein, Menschen heranzuziehen, die nach dem schwersten aller Erlebnisse Haltung bewahren und treu zum Glauben ihrer Väter stehen können, auf daß sie würdig werden, in das ihnen von Gott versprochene Land — Palästina — wieder zurückzukehren. Der Kampf der tapferen Makkabäer richtete sich, wie ich schon sagte, auch gegen den inneren Feind, und zwar gegen die Juden, die Mangel an Haltung zeigten, und würdelos genug waren, vom Glauben der Väter abzufallen, aus Feigheit oder um äußerer Vorteile willen. , Wie berechtigt ein Kampf gegen Würdelosigkeit und Feigheit — gegen einen Abfall von den' Gesetzen der Moral und des Rechts immer sein wird, das haben uns die 12 Jah^e Hitlerzeit gezeigt. Und wie Juda-Makkabi mit seiner kleinen Schar den Sieg davongetragen, so sollte der anständige Teil der Menschen keine Furcht haben,-«Haß er an Zahl zu gering wäre, sondern sollte trotzdem ruhig den Kampf gegen das Verbrechertum an der Nfenschheit äufnehmen, damit nicht nur das „Weihefest”, sondern auch das Weihnachtsfest seinen Sinn behalte und damit nach einem solchen Kampfe Endlich Friede werde auf Erden.