Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 16 (27.11.1946)
- Date
- 1946-11-27
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Jüdischer Anteil an der deutschen Kultur Die Kultur keines Volkes ist eindeutig bestimmt, ihre Grenzen sind niemals mit Sicherheit festzulegen. Etwas Bewegliches, Flüssiges ist darin, das jeder methodischen Beurteilung spottet. Gewiß, Klima und Landschaft, die Eigentümlichkeit der Bewohner, geschichtliche Üeberlieferungen, alles Wirkt schaffend und modelnd auf die Kultur ein und scheint beim ersten Blick eine nationale Bedingtheit zu erzeugen. Bei näherer Betrachtung aber verändert sich das Bild. Dann erkennt man, daß es eine nationale Kultur im letzten und höchsten Sinne überhaupt nicht gibt, weil die Einflüsse von außen mindestens ebenso wirksam sind wie die von innen. Jahrtausende formen an der Menschheitskultur. Das ist ein unaufhörlichem Strom, ' auch wenn bisweilen gewaltige Katastrophen das Erreichte verschütten. Irgendwo wirkt es sich fort. Was die Griechen geleistet haben, ist Gemeingut des Abendlandes . geworden. Sicher nicht unbearbeitet. In jedem Lande wurde es ändert vererbt, anders auf die eigenen Bedürfnisse zurechtgeschliffen. TJnd diese griechische Kultur nahm ihren Ausgang von Kreta. Das ist wenigstens .heute die Ueberzeugung. der Historiker. Wer aber hat diese erstaunlichen und nie übertroff eilen Leistungen auf der Mittelmeerinsel hervorgezaubert? Der Gelehrtenstreit darüber ist unentschieden geblieben, aber die Ansicht überwiegt, das es Kleinasiaten, etwa die Karer* gewesen sind, also Semiten. Ein ewiger Kreislauf. ' Und wie es den Völkern ergeht, so auch den Einzelnen. Goethe und Schiller sind undenkbar ohne den Klassizismus einer fast zweitausend Jahre zurückliegenden Epoche. Spinoza, Leibniz und Descartes gehören zusammen, obwohl sie in drei verschiedenen Ländern lebten. Aus Italien brachten .Rubens und andere die entscheidenden Anregungen mit. Und in der Wissenschaft gilt es als feststehende .Tatsache, daß keine umwälzende Entdeckung, plötzlich von einem* Genie aus der Luft herausgeholt: wird. Immer hat er Vorläufer und Nachfolger. Und weil diese Strömungen keine ^Grenzen kennen, deshalb gibt es auch keine unbedingt nationale Kultur, keine, die nicht die Spuren anderer an sich trägt. Das muß immer wieder betont werden, wenn nationaler Hochmut., auf die übrigen Völker herabsieht oder einer Gemeinschaft1 vorrechnen will, was diese ihr zu "danken hätte. Fast stets läßt sich eine Gegenrechnüng aufstellen, die. beinahe ohne Bruch aufgeht. Die Juden in Deutschland haben, der deutscher! Kultur zweifellos unendlich viel zu danken.- Seit Moses Mendelssohn die Tore zum Ghetto auf stieß, haben sie gebend und' nehmend daran teilgenommen. Ein unbefangener Kritiker wird sogar bewundernd anerkennen müssen, wie rasch sie in der deutschen Kultur beheimatet gewesen sind. Nach dreißig Jahren waren die Salons der Rahel Lewin, der Henriette Herz, der Dorothea Schlegel geb.-> Mendelssohn, in Berlin Mittelpunkt des geistigen Lebens. Wenig später haben sie in Heine und Börne Schriftsteller von Weltruf herausgestellt. Nur in der bildenden Kirnst fanden sie langsamer Anschluß. Man darf, nie vergessen, daß die Juden in Deutschland immer wieder . durch Verfolgungen wurzellos geworden sind, daß eine richtige Eingewöhnung deshalb und nur deshalb nicht möglich gewesen ist. Bis zu dem Dessauer Philosophen taucht hier kein jüdischer ‘Naifte auf, der in der deutschen Kultur Geltung hätte. Ganz einsam steht'Süßkind von Trimberg, ein jüdischer Minnesänger, von dem einige Bruchdichtungen die berühmte „Manessische Lieder-Handschrift” aufbewahrt. Die deutschen Juden waren jedenfalls außerordentlich gelehrige Schüler. Und zwar auf allen Gebieten menschlicher Betätigung. Man hat ihnen ja oft einen Vorwurf daraus gemacht, daß sie ihre Kinder auch bei finanzieller Notlage auf die höheren Schulen geschickt haben, Wo ihr Prozentsatz zu groß gewesen ist. Sozial war das bestimmt ein Fehler. Nicht nur in Deutschland, sondern auch anderswo. Es hat den Neid unnütz herausgefordert, und sie selbst für den schwersten Existenzkampf geschwächt. Das sehen wir heute, wo wieder, eine der großen Wanderungen, unserer Geschichte vor sich geht. Der Hand- und Landarbeiter ist zumeist willkommen, der geistige und der Händler nicht. Daä ändert aber nichts daran, daß^die deutschen Juden die Bildung, die sie empfangen, nutzbringend verwendet haben. Nutzbringend picht nur für sich, sondern auch für die Gesamtheit, in deren Mitte sie lebten. Die meisten Sind vergessen, wie j£ so ziemlich alles sich vergißt, aber von den Unsterblichen, deren Namen die Geschichte verzeichnet, entstammt ein erheb- ' licher Teil ihrer Reihen:. Die Juden jedes Landes spiegeln die Kultur ihrer Umwelt wieder. Map gliedert sich immer ein, uhd wenn man das nicht vermag, verläßt man die Heimat, um dorthin zu pilgern, wohin die Kultur einen zieht. Das ist richtig verstanden, der Sinn des Wortes „Nation”, auch wenn es, genau übersötzt, an die Geburt anknüpft. Die deutschen Juden kann man stets in die. Zeit hineinstellen, in der sie tätig waren. Sie fügen sich restlos e‘in. Sie waren Träger jeder Kulturart, mit der sie groß geworden sind. Man kann vielleicht -sogar1 sagen: das einzige, was sich an ihnen nicht erkennen läßt, ist das spezifisch Jüdische. Selbst Max Liebermann wurde von nicht jüdischer Seite gelegentlich vorgeworfen, daß er in seiner Kunst nicht den Juden klar genug erkennen ließe. Das muß ausgesprochen werden, weil der Antisemitismus von einem zersetzenden Einfluß des Judentums gefaselt hat. Wäre es richtig, dann hätten den antisemitischen Kritikern nicht so viel Fehler unterlaufen können. Nur wo sie um die Abstammung wußten, standen sie auf festem Boden. Adolf Bartels, der von Hitler gekrönte Literaturpapst, ist dafür mustergültig. Wie schnodderig er arbeitete, zeigt seine Bemerkung über Clara Viebig, verheiratete Cohn. Bartels fügte hinzu, das sage alles! In keinem Werk Clara Viebigs, die ja_ „Arierin” ist, wird man das geringste von jüdischem Einfluß erkennen. Eines aber hat bei jeder Betrachtung unterstrichen zu werden; der Einfluß des Judentums auf die Kultur des Abendlandes ist in. seinem ganzen' Umfange niemals hoch genug einzuschätzen. Er beginnt mit der Bibel und den Ausstrahlungen religiöser Art. Man streiche einmal aus der europäischen Kunst, aus der Poesie und selbst der Wissenschaft diese Einwirkungen, und es bleibt Wenig, übrig..-Aber nicht nur: das. Es würde lohnen, einmal der Frage nachzuforschen, was die jüdisch-mährische Kultur in Spanien für den Cikzident bedeutet hat. Namentlich in der Mathematik und in der Medizin. Das ist es ja gerade, was wir . am Anfang unserer" Ausführurigen gemeint haben, als wir die Bestimmbarkeit der nationalen Kultur überhaupt verneinten. Und nun betrachte man einmal die persönlichen Abhängigkeiten. Lessing und Goethe haben sich mit Stolz Schüler Spinozäs genannt. Wieviel Nachfahren Heine in dej: deutschen Lyrik hatte, Börne in der Journalistik, ist gar nicht . abzusehen. Wieviel moderne Theorien beruhen auf Einsteins Relativität. Daneben muß auch erörtert werden, was die Juden fördernd getan haben. -Emil Kuh ist der Wegbereiter' Hebbels* gewesen, Auerbach hat sich für Gottfried Keller so leidenschaftlich eingesetzt, daß der etwas griesgrämige Meister einmal knurrte: er wolle nicht Auerbachs Keller .werden! Hermann Levys Rolle in Bayreuth ist unvergessen. Selbst der Antisemitismus des Hauses Wagner hat das nicht auszulöschen vermocht, »Oder erinnern wir an Ludwig Chronegk, der den Siegeszug der Meininger Schauspielkunst erst ermöglicht hat, und dessen Grabstein von dem Meininger Herzog Georg und seiner -Gattin, Gräfin Heldburg, „Dem Freunde” gestiftet; wurde. Oder denken wir an die vielen jüdischen Dirigenten, die Wegbereiter gewesen sind. Ohne Mendelssohn wäre Bach dem deutschen Volk verlorengegangen.* Während der Hitlerzeit hat der Nationalsozialismus im, Auslande mit der Rekordzahl von dreißig deutschen Nobelpreisträgern Propaganda gemacht.. Ein Schweizer Blatt hat darauf höhnisch angefragt, warum sie denn die Juden plötzlich mitrechneten, die allerdings einen erheblichen Teil dieser dreißig bildeten? Schon bei einer flüchtigen Durchsicht der Namen stößt man auf Ehrlich,» Einstein, Willstätter, Haber, Hertz, Frank, Warburg und den Mischling Paul Heyse. In Wirklichkeit sind es noch mehr. Leider liegen uns keine Register aus den letzten Jahren mehr vor. Wozu wir diese Frage überhaupt aufwerfen?. Weil es nach den zwölf Jahren unbedingt notwendig ist, unsere moralischen Forderungen zu begründen. Wohlgemerkt, die mora-, lischen, nicht die materiellen! Wir haben uns an der deutschen Kultur emporgerankt, aber wir haben auch unseren Dank dafür praktisch abgestattet. Wenn wir nachfolgend in Zukunft die großen jüdischen Kulturträger in Deutschland in kurzen Abrissen schildern, dann handelt es sich eben nur um die ganz großen anerkannten Persönlichkeiten, nicht um die ungezählten „geistigen” Mitläufer, die auf ihrem Platz Lobenswertes geschaffen haben. Gerade dem wiederaufblühenden Antisemitismus gegenüber muß diese Rechnung mit aller Sachlichkeit, aber auch mit aller Entschiedenheit, auf gemacht werden. Richard May.