Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 15 (9.11.1946)
- Date
- 1946-11-09
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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ö&us aMex Düsseldorf. Währungsreform nicht akut. Die Währungsreform wird in diesem Jahr nicht mehr vorgenommen werden. Bis zu ihrer Inangriffnahme werden noch eine ganze Reihe von Monaten vergehen müssen. Diese Erklärung machte Finanzminister Blücher im Verlauf eines Gesprächs mit einem Vertreter der Presse. Er fügte hinzu: „Eine Währungsreform ist erst sinnvoll, wenn vorher die Wirtschaft in Gang gesetzt wird.” Ohne dieses könnte es kein normales Steueraufkommen geben, ohne ein normales Steueraufkommen gibt es keinen geordneten Staatshaushalt, und dieser wieder ist die Voraussetzung für eine dauerhafte Lösung der Währungsfrage. Berlin. Ein sowjetisches Militärgericht in Berlin verurteilte den Magistratsbeamten Hermann Löwenthal zu zehn Jahren Arbeitslager und Beschlagnahme seines Vermögens. Im Laufe der Verhandlung wurde festgestellt,, daß Löwenthal, der in einem Lager für jüdische Häftlinge ih Berlin- Wedding vom Dezember 1944 bis April 1945 untergebracht war, von einem Gestapoleiter als Agent übernommen wurde, einen Sonderausweis der Gestapo besaß und im Lager eine Ordnerbinde trug. Löwenthal berichtete während seiner Anwesenheit im Lager laufend der Gestapo über -die politische Einstellung der Häftlinge und meldete Personen^ die einen Fluchtversuch beabsichtigten. Mit anderen Gestapot genten identifizierte er aus dem Lager geflüchtete Häftlinge, und nahm bei Massenverhaftungen von Juden an der Bewachung teil. Durch die Mithilfe Löwenthals wurden zahlreiche Juden verhaftet und in das Lager eingeliefert. Weiter nutzte er seine Beziehungen zur Gestapo-Lagerleitung dazu aus, Angehörige von Häftlingen zu erpressen und verschaffte sich von diesen Wertsachen und Lebensmittel. ■ Berlin. Ueber 10000 polnische Waisenkinder, die nach Ermordung ihrer Eltern nach Deutschland geschleppt worden waren, um „germanisiert” zu werden, wurden bis jetzt in Deutschland auf gefunden, wie von der UNRRA mitgeteilt wurde. Die Kinder werden in Kürze in ihre Heimsrt zurückkehren. München. Massengrab jüdischer Leichen gefunden. 29 Leichen jüdischer KZ-Häftlinge wurden jetzt aus einem Massengrab in einem Wald in der Nähe von Neunburg-vorm-Wald in Nordbayern exhumiert und nach jüdischem Ritus auf einem eigenen Friedhof in Neunburg bestattet. Die Entdeckung des Grabes wurde der örtlichen Militärregierung von einem Angehörigen der jüdischen Verschlepptengemeinde Neunburg mitgeteilt. Daraufhin machten Mitglieder der Verschlepptengemeinde darauf aufmerksam, daß 29 Juden während des Todesmarsches von SS- Truppen erschossen wurden. Die sterblichen Ueberreste wurdenauf Befehl des Leiters der örtlichen Militärregierung in Anwesenheit von jüdischen Zeugen und Truppen der Besatzungspolizei ausgegraben. Manche Leichen trugen noch Reste der KZ-KleidUng. Nürnberg. Der Hitler-Photograph verhaftet. Heinrich Hoffmann, der Photograph des Dritten Reiches, ist in Nürnberg festgenommen und in das Untersuchungsgefängnis eingeliefert worden. Der Haftbefehl gegen Hoffmann wurde auf Grund des Artikels 40 des Gesetzes zur Befreiuung vqn Nationalsozialismus und Militarismus erlassen. Hoffmann wird, sich vor der Nürnberger Spruchkammer I zu verantworten haben. Nürnberg. Ehemalige Minister im Nürnberger Gerichtsgefängnis. Aus dem Internierungslager Dachau wurden Otto Meißner, Hans Heinrich Lammers, Walter Darree, Herbert Backe und der frühere Generalfeldmaschall Ehrhardt Milch in das Nürnberger Gerichtsgefängnis übergeführt. Der ehemalige Reichsfinanzminister Graf Schwerin von Krosigk und der frühere Reichspostminister Ohnesorge sind von Dachau nach Ludwigsburg bei Stuttgart gebracht worden. Nürnberg. Papen verließ J u s t i zg> a 1 a s t. Franz von Papen verließ am Mittwoch den Nürnberger Justizpalast und begab sich unter amerikanischem Schutz in die Wohnung des Direktors der Kriminalpolizei, Karl Adam- Wie gemeldet wird, beabsichtigt Papen bis zum Beginn seines J3enazifizierungsprozesses auf Schloß Stauffenberg Wohnung zu nehmen. Der Besitzer des Schlosses, Schenk von Stauffenburg, ist ein Verwandter des Generals. Friedrich von Stauffenburg, der in Verbindung mit dem Anschlag auf Hitler 1944 hingerichtet worden ist. Stuttgart. S y na gog-en-Br and Stifter-Prozeß. -Das Landgericht Stuttgart verurteilte den ehemaligen SA.- . Hauptsturmführer Jürgen Ott wegen Landfriedensbruch zu sechs Monaten Gefängnis. Der ehemalige Oberstleutnant der Feuerschutzpolizei, Reutjjnger, erhielt ein Jahr Zuchthaus. Der ehemalige Branddirektor von Stuttgart, August Bender und der Feuerwehrmann Wilh. Veith wurden freigesprochen. Bender, Reutlinger, Ott und Veith standen unter der Anklage, in der Nacht zum 9. November 1938 an der Brandstiftung in den Synagogen Stuttgart und Bad Cannstatt beteiligt gewesen zu sein. Darmstadt. Das Landgericht Darmstadt verürteilte den ehemaligen SA-Standartenführer Mahla und den ehemaligen SA-Hauptsturmführer Heinrich Kissinger wegen schweren Landfriedensbruches und vorsätzlicher -Brandstiftung zu je sieben Jahren Zuchthaus. Der Mitangeklagte Johann Berlieb erhielt -vier Jahre Zuchthaus, zwei weitere Angeklagte kamen mit je zehn Monaten Gefängnis und ein Angeklagter mit fünf Monaten Gefängnis davon. Alle waren maßgeblich an den Synagogenbrandstiftungen in Darmstadt und Umgebung im November 1938 beteiligt. Mahla und Kissinger hatten sich als Hauptanführer hervorgetan. Freiburg. Von 10 000 Badener Juden leben zwei. Am 17. Oktober 1940 wurden 10 000 Juden aus Baden in das KZ-Lager Guers in Südfrankreich verschleppt. Von diesen Verschleppten blieben nur zwei am Leben, die bei Kriegsende aus dem KZ-Lager Buchenwald befreit wurden. Tübingen. Mahnmale f ür KZ-O p f e r. In der Nähe vön Schömburg im Kreise Balingen wurde ein Mahnmal für die in dieser Gegend ermordeten. 1755 KZ-Häftlinge errichtet. Bei den Feierlichkeiten hielt der Oberkommandierende der französischen Zone, General König, eine. Ansprache. — Gleichzeitig wurde für die im KZ. Flossenburg ermordeten 73 696 ehemaligen politischen Häftlinge ein Denkmal aus den Steinen errichtet, die die früheren Lagerinsassen selbst gebrochen und gehauen hatten. Hamburg. Denazifizierung in der Zone. 1 277630 Fragebogen wurden seit Beginn der Besatzung in der britischen Zone überprüft. Von 991 325 Einstellungsgesuchen wurden 92193 Anträge abgelehnt. 163 621 Personen wurden aus politischen Gründen aus ihren Aemtem entfernt und 1718 gerichtliche Verfolgungen wegen falscher Fragebogenangaben wurden durchgeführt. Allein im September wurden in der britischen Zone 10 965 Personen auf Grund ihrer früheren Parteizugehörigkeit aus ihren Stellungen entfernt. Von 46 758 Einstellungsgesuchen mußten in dem genannten Monat 6087 abgelehnt werden.* 75' Fäile von Fragebogenfälschung wurden gerichtlichT verfolgt. Aurich. Synagogenbrenner verurteilt. Der 38jährige Malermeister Johann Böhmer, Emden, ein ehemaliger SA-Obertruppführer, wurde in dem ersten Prozeß, der im Zusammenhang mit den Judenpogromen steht, vom Landgericht Aurich zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Böhmer hatte in der Nacht zum 9. November 1938 bei den Emdener Ausschreitungen cten Juden Daniel Beer mit auf die Wache genommen, wobei er auf der Straße erschossen wurde. Das Gericht war nicht zur vollen Ueberzeugung gekommen, daß der Angeklagte den Schuß abgegeben hat, und verurteilte Böhmer lediglich wegen Freiheitsberaubung mit tödlichem Erfolg. Prag. Dalu£ge gehängt. Der ehemalige „Reichsprotektor von Böhmen und Mähren”, Kurt Daluege, wurde am Mittwoch vom Prager Vohlksgericht zum Tode durch Erhängen verurteilt. Das Urteil ist bereits völlstreckt. Er hatte Vorher versucht, Selbstmord zu verüben. Daluege ist für schuldig befunden worden, Massenexekutionen an tschechoslowakischen Staatsbürgern als Repressalien für die Ermordung seines Vorgängers Reinhard Heydfich im Jahre 1942 und die Zerstörung der tschechoslowakischen Orte Lidice und Lezanky befohlen zu haben. Außerdem habe er, wie es in der Urteilsbegründung heißt, die Deportationen von Juden und Beschlagnahme ihres Eigentums für seinen persönlichen Gebrauch angeordnet.