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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-09-09 · 11 (9.9.1946) · p. Seite 75

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
11 (9.9.1946)
Date
1946-09-09
Page
Seite 75 (sequence 7)
Language
German
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Und «heute? Mehr als 1 Jahr nach der sogenannten Befreiung stehen die Menschen, die ein Jahrzehnt gelitten, fast alle ohne Vermögen, fast alle ohne Möbel und nur wenige mit einem eigenen Heim. Kaum einer hat den Platz gefunden, der ihm zukam aufgrund seiner im politischen Kampf erworbenen Rechte. . , Das ist die Wirklichkeit! Und nun hört man von Nürnberg, wo die größten Verbrecher aller Jahrhunderte Verteidiger gefunden haben, die sogar das rot fließende Blut mit weißer Unschuldsfarbe übertünschen. Und hier auf einer Anklagebank in Düsseldorf sitzt ein Mann, dem man nichts weiteres vorzuwerfen hatte, als .daß er „organisierte”. Im Lager nannten wir es „organisieren.” . Im bürgerlichen Stehkragenleben heißt es Diebstahl. Aber Diebstahl heißt nicht, was man den Juden geraubt; Hausfriedensbruch heißt, nicht, wenn man ihre Wohnungen zertrümmerte und ihre Möbel zum Fenster hinaus^ warf; Brandstiftung heißt nicht; wenn man die Synagogen auf brannte. ' Und diese Herren sitzen nicht auf der Anklagebank. Dieser, kleine Prozeß in Düsseldorf ist ein Symptom. Ein Symptom dafür, daß man es wagte, einen Buchenwälder Häftling auf die Anklagebank zu setzen, weil er einem alten Parteigenossen von' 1926, dem unter Artikel 52 seine Möbel beschlagnahmt wurden, die inzwischen dem Angeklagten rechtsmäßig zugewiesen wurden im Juni 1945 unter Auslassung der Formalien, die jetzt wieder Rechtsbegriff wurden, fortnahm. Man sieht heute mit-Achselzucken darüber hinweg, wie man Millionen unserer Brüder und Schvrestern in 5 Minuten die auf gebauten Familienexistenzen von Jahrhundertenzertrümmerte. Man sieht nur das Retht, wenn man es sehen will, ' Und aus den Gräbern der ermordeten 6 Millionen Juden ertönt uns ein Ruf entgegen: - Wie lange noch wollt Ihr Unrecht dulden, spricht der Herr! Urteilsspruch in Nürnberg am 23. Sept. einer ehrenvollen Berufung in Staatsdienste in Anerkennung treuer Mordleistung während der tausend Jahre des Dritten Reichs. WIR HABEN UNS VERMÄHLT WERNER GOLDSCHMIDT U. FRAU CHARLOTTE GEB. PERL GELSENKIRCHEN, DEN 9. AUGUST 1946 Aus aller Welt Jerusalem. Der britische Hohe Kommissar für Palästina, Sir Alan Cunningham, gab am Donnerstag Einzelheiten über die legaie Einwanderung nach Palästina bekannt, Danach dürfen bis zum JL 4. September 100 Einwanderungsgenehmigungen an Araber und 1500 an Juden erteilt werden. - Jerusalem. Der Weltzionisten-Kongreß soll nach einem am Mittwoch erfolgten Beschluß des Zionistischen Rates in Palästina für November ds. J. naclj einer europäischen Stadt einberufen werden. Budapest. Im ungarischen Parlament kam es zu heftigen Auseinandersetzungen wegen der Judenverfolgungen in Miskolc, die in den letzten Tagen eme Massenauswanderung von Juden zur Folge hatten. Die I%rtei der kleinen Landwirte fordert den Rücktritt des kommunistischen Innenministers und des ebenfalls kommunistischen Landrates von Miskolc, die für die Unruhe unter der Arbeiterschaft verantwortlich gemacht werden. In Miskolc sind acht Personen unter dem Verdacht verhaftet worden, an den Lynchmorden an Juden teilgenommen zu haben. Sie wurden von einer Arbeitermenge wieder befreit, wobei ein Gefängnisbeamter getötet wurde. Nürnberg. Die- Urteilsverkündung im Nürnberger Prozeß ist auf den 23. September festgesetzt worden. Dies wurde am letzten Tag des Verfahrens, am Samstag, dem 31. Aug., um 15,30 Uhr, vom Präsidenten des internationalen Militärgerichtshofs Lord Justice Lawrence bekanntgegeben. Falls die Beratungen des Gerichtes über das Urteil länger dauern sollten, wird das Gericht eine notwendige Verschiebung des Tages ‘der Urteilsverkündung rechtzeitig bekanntgeben. „Befehlsverweigerung“ Man sagt häufig, zwischen Erde und Himmel geschähen viel seltsame Dinge. Man kann jruhig dazusetzen, daß zwischen Main und Alpen die seltsamsten Dinge geschehen. Und das deswegen, Weil es ein neues, „demokratisches” bayrisches Justizministerium gibt? Unter der Ueberschrift „Verwirrung der Begriffe” bringt die „Schwäbische Landeszeitung” folgende Mitteilung eines früheren bayrischen Behördenangestellten: Der Mann bewarb sich bei einer' Arbeitsbehörde um einen Posten. In seinem Lebenslauf gab er an, daß er während des Krieges von der Gestapo den Befehl erhalten habe, einmit jüdischeh Flüchtlingen aus Rumänien abfahrendes Schiff durch eine Höllenmaschine in die Luft zu sprengen. Der Mann weigerte sieh, diesen Befehl auszuführen, worauf er eine hohe Zuchthausstrafewegen * „Befehlsverweigerung” bekam. In dem Gütachten, das nun vom Justizministerium ausgestellt wurde, wird, festgestellt, daß der ehemalige Angestellte zwar-Anrecht auf Entschädigung habe und politisch Verfolgten gleichzusetzen sei, aber — eine Anstellung bei einer Behörde komme heute nicht in Frage, weil er sich seinerzeit geweigerthabe,' den Befehl einer Vorgesetzten Dienststelle zü befolgen. « *; Wenn das die ausgedienten Häuptlinge in Nürnberg lesen, Werden sie es zutiefst bedauern, daß sie vor einem internationalen Tribunal und nicht vor einem solchen des bayrischen Justizministeriums stehen. Denn als die- „einfachen Befehlsempfänger Hitlers”, als welche sie sich so gerne hinstellen, hätten sie vor einem .bayrischen Gericht offensichtlich nicht vör die Chance des, Freispruchs, sondern auch die London. Der erste jüdisch-christliche Weltkongreß zur Festigung der Freundschaftsbande zwischen Christen und Juden in der ganzen Welt w;rd in Gegenwart von 110 Vertretern aus vielen Ländern in Oxford beginnen. Berlin Jewish Club gegründet. Um die Verbindung ^zwischen den amerikanischen und den in Berlin lebenden Juden zu festigen, wurde der Berlin Jewish Club gegründet. „Rabbiner Dr. Bernstein, der Berater General McNarneys in jüdischen Fragen, hielt bei der Gründungsfeier eine Ansprache. Warschau. Der frühere Gauleiter und Präsident des Danziger Senats, Förster, wurde .nach Warschau gebracht. Förster ist von den britischen Besatzungsbehörden in Deutschland an Polen ausgeliefert worden. Preßburg. Der frühere Ministerpräsident der Slowakei, Tuka, wurde vom tschechischen Nationalgericht zum Tode durch Erhängen verurteilt. Paris-, Die Hinrichtung des früheren Gauleiters Rohert Wagner und seiner drei Mitverurteilten erfolgte am Mittwochvormittag im Hof des Forts Ney bei Straßburg. Wagner war zusammen mit den anderen für diC Ermordung von 30 00Ö Gegnern des Nationalsozialismus in dem elsässischen „Todeslager” Struth verantwortlich gemacht und am 3. Mai von einem französischen Militärgericht in Straßburg zum Tode verurteilt worden. London. Seit Anfang August treffen täglich 15Q0 bis 2000 Juden aus dem Osten in Wien ein. Im Juli,belief sich die Gesamtzahl der jüdischen Flüchtlinge, wie. der Wiener Korrespondent. der „Times” berichtet, auf 15 000. Sie kämen zu Füß bis zur tschechoslowakischen Grenze und reisten von dort_ mit der Eisenbahn nach Wien, von wo „sie in die amerikanischen Zonen Oesterreichs und Deutschlands weiterfahren. Die meisten rechnen damit, nach den Vereinigten Staaten und -Palästina einwandern zu können. Baden-Baden. Theodor Wolff, der frühere langjährige Chefredakteur des Berliner Tageblattes, ist 1943 in einem KZ. in der Näjie von'Berlin gestorben, wie jetzt aus einer Veröffentlichung seiner Tochter hervorgeht. Einige Monate zuvor ^yar er von der Gestapo in Nizza verhaftet worden. 75

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