Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 11 (9.9.1946)
- Date
- 1946-09-09
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
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i Seife, für die Schokolade und Süßigkeiten, die wir spenden durften. Wir waren erstaunt über die mustergültige Disziplin dieser Kleinen, über ihre Dankbarkeit und ihre Begeisterung, und wir haben in diesen Stunden viel gelernt. Wir haben gelernt, daß in manchen Siegerstaaten es unseren Glaubensgenossen, z. T. noch schlechter geht als uns hier. Und wenn wir heute unser freudloses Leben voll Entbehrung fortsetzen müssen, wir haben Opfer zu bringen gelernt, und wir teilen mit denen gerne, die das gemeinsame Los erduldet. Wir wären aber dankbar, wenn. die französischen Organisationen sich ihrer Pflicht bewußt, wären, bei künftigen Transporten, die da kommen sollen, die Kinder so auszustatten, daß sie das Vertrauen zu sich wiedergewinnen, und daß sie sich nicht weiter als Parier der Menschheit fühlen. - An alle jüdischen Gemeindemitglieder in der britischen "Zone Liebe Freunde! In öinem Jahre haben wir uns sehr zusammengeschlossen in einer jüdischen Gemeinschaft, getragen von dem Geist unserer alten Tradition und bauend auf die Hilfe und Unterstützung unserer Brüder im Ausland. Vor einem Jahre sah es finster aus mit unseren jüdischen Organisationen. Heute dürfen wir von. uns sagen, daß wir viel geleistet haben. Wir haben unsere Gemeinden gebildet, unsere Gottesdienste eingerichtet und die körperliche und mora- 'lische Betreuung unserer Menschen in die Wege geleitet. Euer Vertrauen hat mich auf den Posten des 1. Vorsitzenden des Zonenausschusses gestellt und zwar ausgehend vonMem Landesverband der jüd. Gemeinden der Nord-Rheinprovinz, in dem ich seit seiner Gründung als Vorsitzender wirken durfte. Große Aufgaben stehen mir bevor. Unsere Glaubensgenossen in Bayern und in der amerikanischen Zone brauchen meine Hilfe. Man hat mich gerufen, um al§ Staatslfommissar zur Betreuung der Juden, den Mittler zu spielen zwischen Staatsgewalt und den jüdischen Organisationen, und ich durfte diesen Ruf nicht an mir vorübergehen lassen. In der amerikanischen Zone leben heute mehr als 125 000 Juden. Der Berater für jüdische Angelegenheiten beim hohen Generalstab der amerikanischen Armee, Herr Rabbiner Philip S. Bernstein, der Tag Und Nacht besorgt ist, das Schicksal unserer Glaubensgenossen zu bessern und zu lindern, hat erreicht, daß weitere Ströme von Ostflüchtiingen jüdischen Glaubens in der amerikanischen Zffne Aufnahme finden. . , .Wir haben für die Menschen zu sorgen, wir haben ihnen, solange sie in Deutschland weilen müssen, Arbq(t und Brot zu verschaffen. Wir haben nicht zuletzt die große Aufgabe, das Wiödergutmachungsgesetz so durchzuführen, wie es uns* vorschwebh Es sind gewaltige Aufgaben,' die sich vor mir auftürmen. _ Möge Gott mir die Kraft geben, das Meinige zu tun, daß ‘diese gelöst werden. Wenn* ich heute aus der britischen Zone scheide, so bewegten Herzens, mit innigen Worten des Dankes in erster Linie an meine treuen Gemeindemitglieder in Düsseldorf, an die Mitarbeiter im Landesverband der Nord-Rheinprovinz, an meine Kollegen im Zonenäüsschuß der jüd. Gemeinden der britischeh Zone und nicht zuletzt an die Kameraden des Central Jewish Committees in Bergen-Belsen,' / die in vorbildlicher Weise von* Anfang an alles unternommen haben, um jeden Gegensatz zwischen Ost und West zu überbrücken und nur von dem einen Gedanken beseelt waren, den jüdischen Interessen zu dienen. Mein Dank gilt der englischen Militär-Regierung, init der ich die Ehre hatte, im Zonenwohlfahrtsausschuß in mustergültiger Weise Zusammenarbeiten zu dürfen. Lt. Col. Wolffe- Murrey und Major Watkins, waren die /Offiziere, die stets in vorbildlicher Weise unsere berechtigten Wünsche anerkannten. , Mein Dank geht ah alle, die mich-in meiner Arbeit unterstützten. * Ich möchte aber allen mitteilen, daß ich meinen Posten in der bayr. Hauptstadt übernehme in dem Gedanken der engsten Zusammen- und Aufbauarbeit für die jüdischen Interessen in allen drei Zonen und wenn das Vertrauen unserer Mitglieder es wünscht, werde ich den Vorsitz des Zonenausschusses und des Landesverbandes beibehalten, nächdem ich ausdrücklich mit dem Herrn Innenminister von Bayern vereinbart, daß ich monatlich mehrere Male in meine Wahlheimat Düsseldorf zurückkehren darf. Die Aufgaben^ die wir zu lösen haben, werden wir gemeinsam' lösen, den Kampf, den wir zu kämpfen haben, werden wir gemeinsam kämpfen, beseelt vom einem Ziel, die Lage der Juden zu bessern, ihnen ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen und sie in die Rechte einzusetzen, die man ihnen geraubt hat. D r. P h i 1 i p p Auerbach. Jüdisches Flüchtlingselend! * Es ist kaum ein Jahr her, als'wir selbst den furchtbaren Baracken der deutschen Konzentrationsläger* entkommen sind, als wir im Flüchtlingstreck der Heimat oder dem Ungewissen zuströmten. Inzwischen konnten wir. ins zivilisierte Leben zurückfinden. Wir haben zwar nicht unseren Staridart von früher erreicht. Wir haben ein Dach über dem Kopf, ein Bett zum schlafen und unser Brot zu essen. Und wir haben Dank der Hilfe unserer Brüder im Ausland die Möglichkeit gefunden, unsere materiellen Sorgen etwas zu überwinden, Und heute ergeht an uns der Ruf: Jüdische Menschen in Not! Helft, Opfert! Erweist Euch so, wie Ihr noch vor einem Jahr von anderen erwartet. Und ich kann mit Stolz und Genugtuung feststellen, daß die jüdischen- Menschen in Nordrhein-Westfalen sofort bereit ihren Mann stehen, und daß innerhalb weniger Stunden, nachdem ’wir^yon den Massentransporten aus dem Osten hörten, alle Hilfsmaßnahmen ergriffen werden konnten, um das Los dieser armen Mepschen zu lindern. — Ueber 1000 Flüchtlinge brachte uns der erste Transport. Die britische Militär-Regierung hatte in großzügigster Weise alles organisiert, damit die deutschen Behörden diese Menschen in menschlicher Form empfangen. Sie kamen in das Sammellager Wipperfürth. Das Wort Lager hat bei uns einen bitteren Klang, und leider müssen wir sagen, daß die Not in Deutschland und der dauernde Zustrom von Flüchtlingen auch dieses Lager trotz aller menschlicher Fürsorge' reich-- lieh primitiv gestaltet hat. Wir haben sofort helfend eingreif en können mit den Gaben, die wir für unsere Gemeindemitglieder vom Joint erhalten, mit den Kleidern, die uns Joint und Relief lieferten. Wir opferten es gerne, um denen zu helfen, die in den letzten Wochen und Monaten noch .mehr leiden mußten ^ls wir. Besonders .lobend sei hervorzuheben, daß die Jewish Relief Unit sofort Hilfe nach Wipperfürth sandte, und unter der Führung von Milly Rosenstein mit größter Sorgfalt und Umsicht, mit Brüderlichkeit und jüdischer Nächstenliebe die Angekommenen betreute. - Als wir in das Lager kamen, haben sich die Wogen der ersten Erregung schon geglättet. Die Menschen waren eingereiht in ihre Baracken. Sie hatten ihre Schlafstellen, ihre regulären Mahlzeiten, und das was sie dringlich zum Leben brauchten. Aber das furchtbare Erleben, jüdische Menschen, verschüchtert, verängstigt und in einer Kleidung zu sehen,"die uns an die Tage von Auschwitz zurückerinnerte, machen uns das Herz schwer. Aus ihrem Antlitz sprach die Furcht, daß sie wieder zurück mußten^ von wo sie herkamen, in das Land, das auch heute noch Progrome kennt, und wo jüdisches Blut fließt. — Wir sahen eine große Zahl jüdischer Kinder, die ohne Eltern herüberkamen, da ihre Eltern im Lager verblieben. Wir sahen den größten Teil dieser alten, abgemergelten Menschen, die seit mehr als 6 Jahren nichts anderes kannten, als Ghetto, Zwangsarbeitslager und Konzentrationslager. Und trotzdem war es für. uns ein erfreuliches Erlebnis, als wir mit diesen Leuten sprachen, von innen zu hören, wann können wir arbeiten? Können Sie uns zu unserem Beruf »bringen? Wd besteht eine jüdische Gemeinde, in der wir nach unseren Relegionsgesetzen leben können? — -Und wir sehen viele Mütter mit ihren Kleinkindern auf dem Arm. Und es erfüllte uns mit Stolz und Genugtuung, daß wir als Vermittler unserer Brüder und Schwester in Amerika und England auftreten durften, um dort zu helfen mit ihren Gaben',' die sie un& zur Verfügung stellten. Jüdisches Schicksal! — Herumgestoßen, heimatlos, ins Ungewisse getrieben! — Mögen sie ihren Wunsch erfüllen können, recht bald in das Land ihrer Väter zu kommen. 70