Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 11 (9.9.1946)
- Date
- 1946-09-09
- Page
- Seite 69 (sequence 1)
- Language
- German
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FÜR DIE NORD-RHEINPROVINZ UND WESTFALEN NUMMER 11; ' 9. SEPTEMBER 1946 1. JAHRGANG Jüdisches Kinderelend! Der Militärgouverneur von Trier, der gemeinsam mit uns! einige Jahre der Haft im Konzentrationslager -Buchenwald! verbfachte, bat mich, mich der französischen jüdischen Kin-! der anzuriehmen, die in dem Erholungsheim der französischen Ferienkolonie an der Mosel uritergebracht sind. : Unser Weg führte uns naeh Bernkastel, wö in einem herr-- lich gelegenen Heim etwa 60 jüdische Waisenkinder unter- I gebracht waren. Von dort näch Morbach, dann nach Wenj gerohr, nach Veldenz und nach Manderscheid; insgesamt I sind zirka 800 Kinder aus allen Teilen Frankreichs dort! untergebracht. Kinder, von-denen einige, trotz ihrer jungen Jahre, keine Kinder mehr sind. Die jahrelange Konzentrationslagerhaft hat sie hart gemacht. Und das Gesicht mancher Zehnjährigen ist das Gesicht einer Frau von 30 Jahren. Und als wir uns beim Verteilen der Liebesgaben des American Joint Distribution Committee, die in dankenswerter Weise uns Schokolade und Seife,, zur Verfügung stellten, etwas erleichterten und' die Aermel hochkrempelten, so daß auch die Kinder unsere Äuschwitzer Nummer - sahen, da kamen die Kleinen angelaufen und erzählten uns auf; französisch■ mit tränenden Äugen: Auch mein Vater und! meine Mutter sind dort geblieben, und meine Geschwister j sind im Gasofen. ' ■ j Und diese Kinder, Angehörigeeiner Siegemation, haben ' kein heiles |Cleid, haben kaum Schuhe, nur. wenige haben Sandalen mit Lederriemen, und viele laufen barfuß oder auf- Socken. Auf meine Frage an den Generalinspektor der französischen, Ferienkolonie, warum sendet Ihr uns die Kinder nach Deutschland, bekam ich die schwermütige Antwort: „Weil die Kinder in Frankreich hungern, weil sie nur 80 Gramm Fleisch die Woche erhalten, kaum Butter und nur entrahmte Milch. Und Dank der Fürsorge der französischen Armee haben die. Kinder jeden Tag' Fleisch, Fett und Vollmilch. Fijr die ^Ernährung ist vorbildlich gesorgt. Aber für die Kleidung können wir nicht sorgen, da auch in Frankreich eine große Textil- und Schuhknappheit herrscht.” Wir waren so beeindruckt, daß meiner Begleiterin, einer Frau, die mehr als 15 Jahre für Wohlfahrtszwecke gearbeitet hat, nichts anderes übrig blieb, als herauszugehen, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen. In meiner Begleitung. befand sich der Feldgeistliche der französischen Armee, Capt. Chatrit, der achselzuckend bedauerte, nichts tun zu können. . Wir, die wir gehärtet durch die Konzentrationsläger, gebunden durch die, gemeinsamen Leiden, als unsere oberste. .Pflicht es betrachten, für das einzige Gut, was wir aus.den Konzentrationslagern retten konnten, „das jüdische Kind”, .'zu sorgeri, wir haben die Initiative ergriffen, und wir danken dem Joint und dem Jewish Relief fftr seine tatkräftige Unterstützung, ' Wir bringen Hilfe, Kleidung, Schuhe und Spielzeug, was keines der Kinder seit ihrem fünfwöchigen Aufenthalt in Deutschland gesehen hat. Und nebenan auf deutschen Bauernhöfen . spielen deutsche Kinder, wohlgenährt, gut ausstäffiert, im Vollbesitz ihrer Kräfte. Sie-haben kein, Konzentrationslager gesehen, sie haben Eltern und Geschwister nicht verloren, und. sie gehören zu einer Nation, die die Welt in Blut getaucht, und die den Krieg verloren. — Und sie, die armen kleinen Waisenkinder der „Siegernation” sehen mit tränenverschleierten Augen, was man für sie nicht hatte.' « Wir haben den Kindern in ihrer Muttersprache ■ auseinandergesetzt, weshalb wir zu ihnen kommen, weil wir in den jüdischen Gemeinden Deutschlands kaum mehr Kinder besitzen, und weil wir wissen, wie hoch wir den Besitz f des jüdischen Kindes einschätzen müssen. Aber trotzdem kommt in uns eine weitere Frage hoch: Was haben die französischen jüdischen Organisationen getan, um dieses Kinderelend, zu verhüten? — In Paris sitzt der World Jewish Congreß und hunderte anderer jüdischer Organisationen mit klangvollen Namen. Von Amerika und England werden Riesensummen gesammelter ~ Gelder dorthin geschickt. Und dennoch müssen jüdische Kinder barfuß ihre Reise antreten, in Hosen, die nicht der Aermste der Armen' in Deutschland trageh würde, in geflickten Hemdchenj die seit fünf Wochen nicht gewaschen werden konnten^ da keine Wäschmittel Vorbanden sind; Wir deutschen Juden sind uns unserer Verantwortung bewußt gewesen, und auch die jüdischen Organisationen, die eigentlich für die französischen jüdischen Kinder nicht zuständig waren, haben ihre Verantwortung übernommen. * Von, England rufen Organisationen unter dem Motto; „Rettet das, deutsche Kind”, zur Hilfe an deutschen Kindern. Wer ruft: ,Rettet das' jüdische Rind?” Wer hat Geld und Mitgefühl für diese Aermsten der Armen, die keine Eltern und Geschwister mehr haben, die auf sich allein angewiesen Jüdische Waisenkinder aus Westfalen fahren, begleitet von Miß Goldschmidt vom Joint, Frau Isaak, Dortmund, Herrn und Frau Heimberg vom Landesverband Westfalen, . ins Kinderheim Blankeneese bei Hamburg sind und .nur Dank der großzügigen Organisation der „Pessistänce” ihren Ferienaufenthalt an der Mosel finden. Wir waren bewegt über die Dankbarkeit für »das Stückchen 69