Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 9 (6.8.1946)
- Date
- 1946-08-06
- Page
- Seite 58 (sequence 6)
- Language
- German
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Tagung des Zonenausschusses in Stuttgart Am Sonntag, dem 14 7. 1945, vormittags 11.30 Uhr, tagte die Interessenvertretung der jüdischen Gemeinden und Kultusvereinigung der amerikanischen, britischen und französischen Zone in Stuttgart. Der Vorsitzende, Dr. Philipp Auerbach, Düsseldorf, Präsident des Zonenausschusses der jüdischen Gemeinde der britischen Zone, eröffnete die Sitzung und begrüßte besonders die anwesenden Vertreter der jüdischen Gemeinde in Berlin, Herrn Dr. Fabian, Dr. Klein, sowie den Vertreter der OMGUS., Herrn Dr. Schulz, Vertreter des Joint der Jewish Agency. Es wurde eingehend über die vorliegenden Probleme gesprochen und mit Dank an die Britische Militär-Regierung darauf hingewiesen, daß für die englische Zone ein Erlaß der Militär-Regierung vorläge, demzufolge sämtliche jüdischen Friedhöfe zu Lasten der Städte und Gemeinden wieder hergestellt werden müssen. Der Vorsitzende wies ferner darauf hin, daß der Legal Adviser, Dr. Weiß, vom Jewish Relief in London, für die Fragen der Todeserklärungen und andere wichtige Fragen erhebliches Verständnis gefunden hat, und daß in den nächsten Tagen mit entsprechenden Verfügungen der Militär-Regierung in der britischen Zone gerechnet werden kann. Alsdann nahm Herr Dr. Ostertag das Wort zu seinen Ausführungen über die Wiedergutmachungsgesetze, die leider inzwischen in der amerikanischen Zone eine Beeinträchtigung erfahren haben, da gewisse Regierungsstellen zu einem Gesetzentwurf sich hingezogen fühlen, der unseren Interessen in keiner Weise gerecht wird. Herr Dr. Ostertag führte aus, daß diese Gesetzesvorschläge eine Begünstigung derjenigen sei, die zu Unrecht das jüdische Gut sich angeeignet und erworben hätten, aber nicht den Namen eines Wiedergutmachungsgesetzes führe. Der Gesetzentwurf, der dem Landrat zugegangen ist, würde den Arisierern, helfen, aber nicht den geschädigten Juden. Wir fühlen uns als Treuhänder nicht nur für die überlebenden Juden in Deutschland, sondern auch für die Tausenden von Juden* die in. die Emigration gegangen sind und mit Recht heute ihr Hab und Gut zurückverlangen. Die Rückgabe der Grundstücke ist eine Selbstverständlichkeit, und wir haben, alles daran zu setzen, den von1 der Interessenvertretung angenommenen Gesetzentwurf zur Annahme zu bringen. Herr Dr. Ostertag teilte der Versammlung mit, daß die Vertreter der politischen Opfer des Faschismus sich geschlossen hinter unseren Gesetzentwurf stellen, und daß auch unsererseits alles darin unternommen wird, um diesen politischen Opfern zu ihrem Recht zu verhelfen. Die Versammlung beschloß ferner, den Namen der Interessenvertretung mit dem Zusatz zu versehen: „der amerikanischen, britischen und französischen Zone“, und wies der Vorsitzende besonders darauf hin, daß es sich keineswegs darum handele, die Glaubensgenossen der russischen Zone irgendwie zu benachteiligen oder auszuschließen, sondern daß wir begrüßen werden, recht bald auch die russische Zone offiziell in der Interessenvertretung begrüßen zu können. Zum Punkt des Chaplain Dicker wurde alsdann noch einmal der Beschluß der Interessenvertretung berührt, der in der vorigen Sitzung herbeigeführt wurde, und der eine klare Stellungnahme zu den Glaubensgenossen, die aus den D.-P.-Lägern in die Gemeinde kommen, aufzeigt. Dr Vorsitzende stellte die Einmütigkeit der Versammlung fest, da keinerlei Benachteiligung und keinerlei Unterschied zwischen den Glaubensgenossen in den Gemeinden und in den D. P. gemacht werden wolle, und daß sie die Initiative des Herrn Chaplain begrüßen, die die beiden Organisationen zusammen in einen Aktionsausschuß vereinigen werde. Der Vorsitzende führte in treffender Weise die gute Zusammenarbeit im Zentralkomitee der britischen Zone in Bergen-Belsen an, wo keinerlei Unterschiede vorhanden sind und die vollste Harmonie in der Zusammenarbeit ge: währleistet ist. Das gemeinsam ertragene Leid dürfte uns die Gewähr geben, daß auch für die Zukunft Gegensätze, falls sie bestehen, überwunden werden. Es war auch diese Tagung der Interessenvertretung wiederum ein Beweis der Aktivität der jüdischen Gemeinde in Deutschland, die hoffentlich von dem notwendigen Erfolg begleitet sein wird. Trier Die jüdische Gemeinde Trier veranstaltete am Sonntag, dem 21. 7. 1946, einen Festgottesdienst in dem Betsaal der Gemeinde in Anwesenheit aller Gemeindemitglieder und unter Beteiligung von Delegationen aus Koblenz und dem Saargebiet. Der Präsident des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden der Nord-Rheinprovinz, Herr Dr. Auerbach, leitete den Gottesdienst und in seiner Predigt streifte er die großen Probleme, die uns heute bewegen. Der Vorstand der Gemeinde, Herr Heinz Cahn, hat in vorbildlicher Weise eine Feier für alle Gemeindemitglieder in einem benachbarten Aufflugsort arrangiert, wo als Gäste der Adjutant des Gouverneurs, der Herr Regierungspräsident von Trier sowie der Herr Oberbürgermeister der Stadt Trier begrüßt wurden. In einer Rede legte, Herr Dr. Auerbach die Ziele klar, die die Juden in Deutschland sich gesetzt haben und verlangte insbesondere mehr Unterstützung der deutschen Behörden. Er wies in seiner französischen Ansprache auf die großen Ziele für die Humanität der französischen Nation hin und dankte für die freundliche Unterstützung der französischen Militär-Regierung. In seiner Antwort erklärte der Vertreter des Gouverneurs seine Freude, an dieser Feier! teilnehmen zu können und seine Bereitwilligkeit, alles zu tun, um das harte Los der Juden zu erleichtern. Er meinte, daß in dem katholischen Rheinland die Nächstenliebe zu Hause sein müßte und daß es wohl eine Selbstverständlichkeit sei, daß man den Juden jede Erleichterung gewährte. Der Herr Oberbürgermeister wies darauf hin, daß Trier bei der seinerzeitigen Wahl „nur mit 29 Prozent Stimmen füj' Hitler“ gestimmt hat und daß man die Juden vor dem Schlimmsten bewahrte. Leider mußte Herr Dr. Auerbach feststellen, daß von 1400 Juden nur 35 aus den Höllen der Kz..s zurückgekehrt sind. Der Herr Regierungspräsident hielt es für nötig, die Forderung des Vorsitzenden des Landesverbandes auf bessere Wohnräume zurückzuweisen mit der Begründung, es würde gegen die Gesetze verstoßen und meinte, daß die Juden ‘zunächst einmal am Wiederaufbau Deutschlands teilnehmen sollten. Alsdann könne man über Wiedergutmachungsfragen sprechen. Herr Dr. . Auerbach wies in scharfen Worten den Herrn Regierungspräsidenten darauf hin, daß er kein Recht hat, an die Juden Forderungen zu stellen und daß es die Pflicht der deutschen Behörden sei, von sich aus alles zu tun, um wenigstens moralisch eine Art Wiedergutmachung auf dem schnellsten Wege herbeizuführenen. Die Veranstaltung in Trier brachte erneut eine schöne Zusammenarbeit aller beteiligten Kreise und hat nach zwölf Jahren, wie Herr Rechtsanwalt Lehmann aus Saarbrücken in bewegten Worten darlegte, wieder eine jüdische Gemeinschaft in Festesstimmung vereinigt. Hias teilt uns mit: Die Canadische Regierung hat eine Anordnung erlassen, um folgenden Emigranten die Möglichkeit zu geben, zu ihren Verwandten nach Canada zu gelangen: 1. Eltern, 2. Ehefrauen und unverheirateten Kindern, 3. unverheirateten Brüdern und Schwestern, 4. Neffen und Nichten unter 16 Jahren, die beide Elternteile verloren haben, 5. Verlobten. Es wird jedoch noch einige Zeit dauern, bis diese Emigrationsfälle von der Canadischen Regierung bearbeitet werden. Sollten irgendwelche Ihrer Gemeindemitglieder Verwandte in Canada haben, wollen Sie bitte die Namen und Adressen dieser Mitglieder sowie der Verwandten in Canada an folgende Adresse senden: Hias, Team 809 Unrra, 102#Mil. Gov., Hannover Region, B. A. 0. R. Düsseldorf. Leihbibliothek eingerichtet. Der Landesverband der jüdischen Gemeinden der Nord- Rheinprovinz hat in dem Kulturdezernat in der Stoffeier Schule eine Leihbibliothek eingerichtet, die allen Gemeindemitgliedem zur Verfügung steht. Eine Bibliothekarin sorgt für die richtige Verteilung der Bücher. Die Gemeindemitglieder werden ersucht, ihre Bücherwünsche beim Kulturdezernat anzumelden, damit für eine regelmäßige Zustellung gesorgt werden kann.