Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 7 (10.7.1946)
- Date
- 1946-07-10
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
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Aus aller Welt Vatikanstadt Die Versammlung der jüdischen Gemeinden Italiens, die in Rom stattfand, sandte eine Dankesbotschaft an den Papst für die Hilfe, die er den Juden während der deutschen Besetzung von Rom erwiesen hatte. Darin heißt es: „Der Kongreß fühlt sich verpflichtet, Ew. Heiligkeit zu huldigen und die Dankbarkeit aller Juden für die vielen Beweise der Brüderlichkeit auszudrücken. Diese erfuhren sie durch die Kirche während jener Zeit, da sie infolge der nationalsozialistischen Verfolgung in Lebensgefahr waren. Die Juden werden sich immer daran erinnern, wieviel die Kirche unter der Anleitung des Papstes für sie während der schrecklichen, gerade vergangenen Periode getan hat.“ „Der Heilige Vater“, so fährt der Brief fort, „ermutigte die Orden, jüdische Flüchtlinge in die Klöster aufzunehmen. In diesen und im Vatikan selbst fanden über 5000 Zuflucht. Im Falle der Not erhielten die Juden die Erlaubnis, religiöse Tracht anzulegen, um sich ihren Verfolgern zu entziehen. Aber diese für Notfälle vorgesehene Maßnahme brauchte nicht angewandt zu werden, weil die Deutschen die Klöster respektierten, auch wenn sie glaubten, daß dort Juden verborgen waren.“ Schutzklauseln für Juden gefordert. Die Außenminister der Großen Vier sollen um Aufnahme von Klauseln zum Schulz der Juden in die Friedensverträge mit Rumänien, Ungarn, Bulgarien und Italien ersucht werden. Dieser Schritt wurde vom jüdischen Weltkongreß beschlossen, weil die Satzung der Vereinten Nationen in ihrer jetzigen Form den Juden keinerlei Schutz gewähre, erklärte der politische Direktor der jüdischen Weltkongresse, Dr. Morris L. Perlzweig. In Rumänien und Ungarn seien die antisemitischen Tendenzen noch immer stark und gefährlich, trotz aller Bemühungen der Regierungen dieser Länder. Von den 1500000 Juden, die die Verfolgung durch die Nazis überstanden, lebten die meisten in den Ländern, mit depen jetzt Friedensverträge abgeschlossen werden sollten, sagte Dr. Perlzweig. Brasilien Der Direktor des Einwanderungs- und Kolonialamtes von Brasilien beabsichtigt, nach Europa zu kommen, um mit den zuständigen Stellen über eine großzügige Einwanderung nach Brasilien zu beraten. Er schätzt, daß noch in diesem Jahre fünfzigtausend Personen nach Brasilien kommen können und ungefähr vierhunderttausend im Laufe des nächsten Jahres. Oslo Die Witwe des hingerichteten norwegischen Verräters Quisling wurde wegen Aneignung von Möbeln, Wertsachen und Staatseigentum vor Gericht gestellt. Erzbischof von York kommentiert Palästinaproblem. Der Erzbischof von York, der kürzlich Palästina besuchte, äußerte sich in einem Kommentar über den Bericht des anglo-amerikanischen Palästinaausschusses. „Ich bin überzeugt, daß der Ausschuß Recht hatte, als er die ausschließlichen Forderungen der Juden und Araber auf Palästina verwarf und auf eine kommende Regelung verwies, in der ein Staat stehen wird, der die Rechte und Interessen der Mohammedaner, Juden und Christen in gleicher Weise wahrnimmt. Es darf nicht vergessen werden, daß Palästina das Heilige Land der Christen ebenso ist wie der Juden und Mohammedaner.“ Palästina Der „Daily Herald“ s'chreibt: Abscheu gegen Terrorismus ist keine Basis für eine Politik. Viele behaupten, daß die Judexi durch die Anwendung von Gewalt ihrer Sache Schaden zugefügt haben. Wenn das eine Abrechnung sein soll, muß dem entgegengehalten werden, daß die Berichte über den arabischen Terrorismus in der Bilanz nicht fehlen dürfen. Es ist schwer zu sagen, auf welchen anderen Prinzipien die Politik aufgebaut werden kann, als auf denen des anglo-amerikanischen Kommissionsberichtes. Aber die Zeit ist knapp. Es muß bald gehandelt werden, wenn wir nicht durch Ströme britischen und jüdischen Blutes von unseren Hoffnungen, in Palästina zu einer Lösung zu kommen, getrennt werden sollen. Braunschweig Betriebsarzt Dr. Körbel und die Schwester Ella Schmidt wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. Arzt und Schwester, verantwortliche Leiter der Kinderheime des Volkswagenwerks, wurden für schuldig befunden, die Verantwortung für den Tod von russischen und polnischen Kindern zu tragen. Der Bruder von Dr. Goebbels wurde verhaftet. Ein „Bewunderer seines Bruders“. Konrad Goebbels, der Bruder des ehemaligen Propagandaministers, konnte dieser Tage nach einer Mitteilung der amerikanischen Sicherheitsbehörden in seinem Versteck in dem abgelegenen Dorf Erlenbach bei Darmstadt verhaftet werden. Konrad Goebbels war längere Zeit Mitarbeiter des ehemaligen Reichspressechefs Dr. Dietrich und Herausgeber der „Rhein-Mainischen Zeitung“, der „Hanauer Zeitung“, „Nassauer Zeitung“ und „Offenbacher Zeitung“. Bei seiner Festnahme erklärte Goebbels, er sei „ein Bewunderer seines Bruders und Nationalsozialist bis zum Ende“. Berlin Zum Todestag Walter Rathenaus veranstaltete die CDU. eine Gedenkfeier an der Stätte des Attentats im Grunewald. Bei dieser Feier erhielt die Oberschule Grunewald den Namen „Walter-Rathenau-Schule“. SS.-Aufseherin von Auschwitz gefaßt. Wie erst jetzt bekannt wird, gelang es Ende Mai, eine der berüchtigten Aufseherinnen aus dem Konzentrationslager Auschwitz, die Arbeitsdienstführerin Herta Do in mann, in Berlin zu entdecken und festzunehmen. Einige ehemalige Häftlinge aus Auschwitz, unter denen sich auch Julius Meyer vom Hauptausschuß „Opfer des Faschismus“ befand, besuchten eine Vorstellung des Metropol- . Theaters in Berlin. Zu ihrer nicht geringen „Freude“ erkannten sie unter all den fröhlichen Menschen eine der brutalsten Aufseherinnen, die es in Auschwitz gab, die Arbeitsdienstführerin Herta Dommann. Kriminalbeamte sorgten sofort dafür, daß die Dommann vom „Walzertraum“ in die für sie nun rauhe Wirklichkeit geführt wurde. Diese Frau, die unter Abänderung ihres Namens in Berlin untergetaucht war, zeichnete sich im Lager durch besondere Grausamkeiten aus. Wo sie auftauchte, gab es Angst und Schrecken. Ständig war sie in Begleitung eines großen schwarzen Hundes zu sehen und eben so ständig trug sie eine Reitpeitsche mit sich herum. Unbarmherzig schlug sie bei den geringsten Anlässen mit der Peitsche auf die weiblichen Häftlinge ein, außerdem beschimpfte sie die Frauen in der unflätigsten Weise. Besonders, wenn die Frauen zum Baden kamen, stand sie mit ihrer Reitpeitsche dabei, um auf sie loszuschlagen. Ein Grund fand sich immer. Nachdem nun die Dommann, die in Auschwitz die Geliebte des ebenso berüchtigten Arbeitseinsatzführers Max Seil war, durch die Aufmerksamkeit einiger ihrer früheren Opfer gefaßt wurde, ist zu erwarten, daß sie baldigst ihrer gerechten Strafe zugeführt wird. Politisch Verfolgte müssen arbeiten. München Auf Grund einer Anordnung der Militärregierung erhalten in München politisch und rassisch Verfolgte, die arbeitsfähig sind, keine Unterstützungen von der öffentlichen Fürsorge mehr. Die Bezirksfürsorgeämter verweisen die politisch und rassisch Verfolgten, die sich dennoch wegen Unterstützungen an sie wenden, an die Arbeitsämter. Wenn die arbeitsfähigen politisch Verfolgten auf den Bezirksfürsorgeämtern erklären, daß sie keine Beschäftigung finden könnten, dann wird ihnen nahegelegt, sich für die Schuttaktion zu melden. Es wird nicht daran gedacht, die Schutträumungskolonnen mit politisch, Verfolgten aufzufüllen. Man weist jedoch darauf hin, daß die politisch und rassisch Verfolgten in München 1 Jahr lang von der öffentlichen Fürsorge betreut wurden. Die beschränkten Geldmittel der Stadt machen eine weitere Unterstützung der arbeitsfähigen Menschen auch dieses Teils der Münchener Bevölkerung in Zukunft nicht mehr möglich. Jeder ehemalige Nationalsozialist muß, ohne Rücksicht auf sein Eintrittsdatum in die Partei, seine Wohnung räumen, wenn ehemalige Verfolgte oder Nichtmitglieder der NSDAP, unterzubringen sind, besagt eine Verordnung des bayrischen Arbeitsministeriums. Erich Brill Erst jetzt wird bekannt, daß auch der ausgezeichnete jüdische Maler Erich Brill aus Hamburg schon vor einigen Jahren von den N^zis ermordet worden ist. Mit 1600 anderen Gefangenen, unter denen sich eine große Schar von Kindern befand, war er in das Lager Jungfernhof bei Riga gebracht worden. Von dort wurde die ganze Belegschaft eines Tages in ein Gehölz geführt, den sogenannten „Kaiserwald“, aus dem niemand, auch keines der Kinder, lebend wieder zum Vorschein gekommen ist. 43