Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 6 (25.6.1946)
- Date
- 1946-06-25
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nürnberg. Ein jüdisches Orchester, dessen Mitglieder KZ.-Insassen waren und von Nazis gezwungen wurden, bei der Ermordung ihrer Verwandten und Freunde zu spielen, gab im Nürnberger Opernhaus ein Konzert. Die Musiker zeigten ein überraschend hohes künstlerisches Niveau, das besonders in der Darbietung jüdischer Musik und von Ghettoliedern zum Ausdruck kam. Posen. Der Prozeß gegen den 49jährigen ehemaligen Reichsstatthalter und Gauleiter des Warthegaues, Artur Karl Greiser, wird am 25. Juni vor dem Posener Gericht beginnen, wie der Warschauer Rundfunk meldet. Hamburg. Die Gemeindewahlen in der britischen Zone sind für den 15. September, die Kreiswahlen für den 13. Oktober festgelegt worden. London. Die Kriegsverbrecher-Kommission der vereinten Nationen billigte die 32. Kriegsverbrecherliste, auf der sich Namen von 569 Deutschen befinden. Mit dieser Liste steigert sich die Gesamtzahl der von der Kriegsverbrecher-Kommission erfaßten Kriegsverbrecher auf 15 500. 75 000 Juden in den westlichen Zonen. Aus Berlin wird gemeldet: Das jüdische Zentralkomitee hat gemeinsam mit dem amerikanischen „Joint Distribution Comitee“ eine alphabetische Liste der Juden herausgegeben, die aus den Konzentrationslagern entlassen worden sind. Die Liste soll die Wiedervereinigung getrennter Familien ermöglichen. 75 000 Namen von Juden, die ih den westlichen Besatzungszonen leben, sind aufgeführt. Eine Ergänzungsliste über die Juden in der russischen Zone soll ebenfalls zusammengestellt werden. (F.) KEHLHEIM Der Landrat des Kreises Kehlheim hat einen Aufruf an die Bevölkerung erlassen, durch Geld-und Sachspenden zur Wiedergutmachung an den Juden beizutragen. Die Bürgermeister der Gemeinden wurden angewiesen, Spenden entgegenzunehmen und an den Landrat weiterzuleiten, der zusammen mit dem bayerischen Staatskommissariat zur Betreuung der Juden die Verteilung vornehmen wird. MÜNCHEN Der bayrische Innenminister Seyfried hat ein Gesetz erlassen, das die nachträgliche Bestrafung aller Teilnehmer an Judenverfolgungen vorsieht. Nach den Paragraphen des neuen Gesetzes werden alle Personen, die Juden überfallen, jüdisches Eigentum beschädigt oder Synagogen verbrannt haben und dafür nur eine geringfügige Scheinstrafe erhielten, erneut vor Gericht gestellt werden. Aus der französischen Zone. Die unserem Landesverband angeschlossene Gemeinde Koblenz übersandte uns folgendes Schreiben, das wir unsern Lesern zur Kenntnis bringen wollen: Abschrift meines Schreibens an den Landrat Sieben des Kreises Kreuznach v. 1. 5. 46 I. Intern. Fond zur Unterst, der Hinterbliebenen d. d. Naziterror im KZ. gemordeten Juden. An das Landratsamt, Herrn Landr. Sieben. Am 10. Juli 1945 wurde Ihnen von dem damaligen Militärgouverneur der Amerikanischen Armee, Kapitain Brown, ein Betrag von RM 3043.50 (Dreitausenddreiundvierzig RM) nebst den dazugehörigen Unterlagen übergeben gegen Quittungsleistung. Es handelte sich um den Betrag, der durch mich ins Leben gerufenen Stiftung für die Unterstützung der Hinterbliebenen der durch die Nazis in den KZ.-Lagern hingemordeten Juden. Diese Stiftung wurde durch alle Stellungen bisheran totgeschwiegen und die Fortsetzung dieser ersten aller, von irgendeinem Deutschen ins Leben gerufenen Sammlung, sabotiert. Der Gründungstag der Stiftung war der 22. März 1945, eine Zeit also, in der man in Deutsch land von den KZ.-Greueln noch nichts wissen wollte. Der in zwei Tagen in einem kleinen Ort von 1000 Einwohnern (Staudernheim a. d. Nahe) gesammelte Betrag beweist jedoch mit aller Deutlichkeit, daß das Wissen um die KZ.-Greueltaten allgemein bekannt war. Ich erhebe nun Anspruch auf die Priorität dieser Sammlung und möchte wissen, ob und wie, respektive an wen der obige Betrag ausgezahlt worden ist. Gleichzeitig bitte ich um Überlassung der vorhandenen Unterlagen, für die ich das Eigentumsrecht beanspruche, um dieselben dem hiesigen Verein der Konzentrationäre, bei dem ich registriert bin, zur Errichtung eines Archives zur Verfügung zu stellen. Auch soll die Sammlung weitergeführt werden. Sollten Sie nicht gewillt sein, mir die Unterlagen auszuhändigen, bitte ich um Angabe der Gründe, weshalb die Unterlagen* nicht ausgehändigt werden, damit ich durch Gerichtsbeschluß mein Eigentumsrecht festlegen lassen kann. Hochachtungsvoll! Peter Jos. Delzepich Industrie- und Handelsmakler Düsseldorf, Oststraße 35/37 Abschrift der Originalquittung über die Übernahme des ersten jüd. Unterstützungsfonds. (Übergeber Kpt. Brown) ehern. Govern. Bad Kreuznach. Datum der Übergabe 10. 7. 45. Gründungstag: 20. März 1945. Ort: Staudernheim a. d. Nahe. Stifter: Peter Josef Delzepich, z. Z. Std. jetzt Ddrf. Ich bescheinige hiermit den Empfang von RM 3043.50 (dreitausend und drei und vierzig Mark und fünfzig Pfennig) samt zugehörenden Unterlagen. Ich bin davon unterrichtet, daß dieser Betrag gesammelt wurde in Staudernheim zwecks Unterstützung der Juden, welche zurückkehren aus Konzentrationslägern oder auf andere Weise gelitten haben unter dem Naziterror, und deswegen Unterstützung brauchen. Ich stelle mich dafür verantwortlich, daß dieser Betrag ausschließlich für diesen Zweck verwendet werden soll. Bad Kreuznach, den 10. Juli 1945. gez. Fritz Sieben Fritz Sieben Landrat Kreis Kreuznach Diese Quittung wurde mir nur auf besonderes Verlangen ausgestellt. Der Fonds wurde über das Governm. Bad Kreuznach, Kpt. Brown, dem Oberrabbiner der U. S. A. Armee Anfang April zur Verfügung gestellt, jedoch nie seiner Bestimmung zugeführt. Über die Umstände, die zur Sabotage dieses ersten in Deutschland eingerichteten Unterstützungsfonds für jüd. Konzentrationäre führten, liegen Unterlagen vor. Zum Teil sind dieselben bei der C. I. C. der 3tn U. S. A. Armee. Düsseldorf, den 10. 5. 1945. Peter Jos. Delzepich Der 1. Vorsitzende des Landesverbandes hat folgende» Schreiben an den Landrat des Kreises Kreuznach gerichtet. An den Herrn Landrat des Kreises Kreuznach Herrn Fritz Sieben Bad Kreuznach Herr Landrat! Laut mir vorliegender Abschrift haben Sie am 10. Juli 1945 bescheinigt RM 3 043.50 (Dreitausenddreiundvierzig, 50/100 Mark) Sammelgelder zur Unterstützung der Juden, die aus den Konzentrationslägern zurückgekehrt sind, erhalten zu haben. Sie haben sich dafür verantwortlich gestellt, daß dieser Betrag ausschließlich für diesen Zweck verwendet wird. Es ist die Behauptung aufgestellt worden, daß bis heute diese Stiftung nicht seinem Bestimmungszweck zugekommen ist. Als Präsident des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden des Rheinlandes, dem auch die französische Zone angeschlossen ist, bitte ich Sie, unter bezug auf das Schreiben des Stifters Herrn Peter Jos. Delzepich, Düsseldorf, an Sie, um eine umgehende Aufklärung, anderenfalls ich mich zu meinem Bedauern genötigt sehen würde, der hohen Militärregierung die Angelegenheit zur weiteren Nachforschung zu übergeben. Hochachtungsvoll Landesverband der. jüd. Gemeinden der Nord-Rheinprovinz A. 1. Vorsitzender Sobald die Antwort des Landrats eingegangen ist, werden wir auch diese unseren Lesern zur Kenntnis bringen.