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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-06-07 · 5 (7.6.1946) · p. Seite 21

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
5 (7.6.1946)
Date
1946-06-07
Page
Seite 21 (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE NORD-RHEINPROVINZ UND WESTFALEN NUMMER 5 '! 7. JUNI 1946 1. JAHRGANG Schawuoth 5706 — Wochenfest 1946 Die Gedanken, die uns an diesen Feiertagen bewegen, sind vielfältig. Wir feiern einmal traditionsgemäß das Fest der Erstlingsfrüchte, jenes Fest, welches von Alters her im heiligen Lande mit großen Freuden begangen wurde, als schon das erste Getreide in die Scheune gefahren wurde und als durch das Dankopfer des ersten Getreides der jüdischen Gemeinschaft Gott gegeben wurde, daß wiederum Gott uns für die Ernährung des kommenden Jahres die notwendige Grundlage gegeben hat. Wir leben in Goles und in dieser Zeit empfinden wir die Kette dieses Goles doppelt schwer. Noch ist der Antisemitismus in Deutschland nicht überwunden, noch sind die Wunden nicht vernarbt, die die letzten zwölf Jahre in Tücke und Grausamkeit uns geschlagen haben. Wenn wir, die wir auf diesem blutgetränkten Boden weiterleben müssen, heute vor so großen Ernährungsschwierigkeiten stehen, so bewegen uns die Gedanken, was uns die kommende Ernte und die kommende Lebensmittelzuteilung bringen wird, und trotzdem wir die Schwierigkeiten kennen und für die nächsten Monate und Jahre noch voraussehen, danken wir unserem Schöpfer, daß wir dieses Fest begehen können, und daß auch wir sowohl aus eigener Kraft, wie dank der brüderlichen Hilfe, insbesondere unserer Brüder und Schwestern in Amerika und England, über die schwersten Hungerperioden hinweggekommen sind. Es ist unsere brüderliche Pflicht, den Dank in erster Linie dem American Joint Distrib. Committee auszusprechen, ebenso wie dem Jewish Central Committee und dem Jewish Committee for Relief abroad. Wir wissen, daß dieses Fest der Erstlingsfrüchte für uns im Augenblick noch eine Erinnerung an schöne Zeiten ist, aber auch eine Hoffnung auf kommende. Der Hauptsinn dieses Festes ist das Gedenken an die Gesetzgebung auf Sinai. Als das göttliche Wort vom Sinai erscholl und vor vielen tausend Jahren uns die zehn heiligen Gebote überlieferte und wie alle Unsere Feste in ihrem tiefen religiösen Sinn die Erinnerung an die Vergangenheit, die Mahnung an die Gegenwart und das Versprechen zur Treue an die Zukunft enthalten, so auch dieses Wochenfest. In diesen zehn Geboten, die die Grundlage der ganzen menschlichen Zivilisation geworden sind und in kurzen prägnanten Worten das Sittengesetz der Menschheit enthalten, jenes Sittengesetz was so verachtet, so verschmäht und so mit Füßen getreten wurde und als Preambel über diese Gebote steht das Wort „Neaoi wpnischma“. Wir wollen das Versprechen eines Volkes, das göttliche Gebot zu erfüllen und die Bereitwilligkeit, die Lehre der Zivilisation zu empfangen. Wenn das erste Gebot die Offenbarung Gottes bekundet: „Ich bin der Ewige, Dein Gott, der Dich aus der Knechtschaft befreite“, so nimmt es auch heute wieder die aktuelle Form an, daß wir immer eingedenk sein sollen dieser Worte, daß es unser Gott war, der uns aus dieser Knechtschaft befreite und schon im zweiten Gebot ergeht die Mahnung, keinem anderen Gotte zu dienen, sich nicht verleiten zu lassen durch Reichtum oder Ehren, sondern immer eingedenk zu sein dieser göttlichen Worte. Glaubt an den einzigen Gott und nicht an das was so vorübergeht, Reichtum oder Ehre vorgaukelt. Das dritte Gebot ermahnt uns, den Namen unseres Gottes nicht zu mißbrauchen, das bedeutet auf uns heute angewandt, uns des Namens „Jude“ sein, ehrwürdig zu erweisen und diesen Namen, der uns als Schandfleck angeheftet wurde, und den wir mit Stolz getragen haben, auch als den alten Adel der Menschheit in diesen schweren Zeiten mit Stolz und Würde zu tragen. Das vierte Gebot bringt uns die Pflicht des Ruhetages für uns, unsere Familie, unsere Angestellten und alle die, die mit uns zusammen leben, denn schon damals erkannte man die soziale Verpflichtung, die in diesem Gebot verankert ist, die menschenwürdige Behandlung aller, und dieses Gebot alleine straft alle die Lügen, die im Judentum die Ausbeutung und Ausnutzung der Untergebenen erblicken wollte. Und wenn wir uns das fünfte Gebot betrachten, die Verpflichtung der Ehrerbietung Vater und Mutter gegenüber, so ist das für jeden zivilisierten Menschen eine Selbstverständlichkeit, oder haben wir es nicht erlebt, daß es Menschen gab, die Vater und Mutter denunzierten und ins Gefängnis brachten, daß es Kinder gab, die sich ihres jüdischen Elternteils schämten und heute wird zu spät die Reue, wie sie dieses Gebot übertreten haben. Es war stets die höchste und sauberste Pflicht eines Jeden, dieses Gebot so zu erfüllen, wie es vom Schöpfer befohlen wurde. Leider haben die wenig Überlebenden des Restes von Israel kaum heute Gelegenheit, dieses in der Praxis auszuüben, aber über den Tod hinaus ist es auch heute unsere Pflicht, in Pietät und Würde die Gräber unserer Teuren mit der Ehrerbietung zu pflegen, die von uns verlangt wird. Und wenn wir die weiteren Gebote betrachten, die Ermahnung nicht zu stehlen, nicht zu morden, so haben wir früher dieses Gebot als eine Selbstverständlichkeit hingenommen, aber die letzten Jahre haben uns .bewiesen, wie weit die Menschlichkeit sinken kann, wenn sie die göttlichen Gebote mißachtet. Mord und Diebstahl, Raub und Verbrechen waren die Hauptelemente, die zur Vernichtung des jüdischen Volkes eingesetzt waren und deshalb erfüllt es uns mit besonderem Schmerz auch, daß heute noch nicht genügend Wert auf die Erfüllung dieser göttlichen Gesetze gelegt wird. Die Wende der Zivilisation hat sich durch die Kriegsereignisse, die Erziehung zum Haß, zum Mord und zum organisierten Rauditum sehr gelockert und es ist unsere Pflicht, der ganzen Menschheit die göttlichen Worte „Du sollst nicht töten und du sollst nicht stehlen“ wieder ins Gewissen zurückzurufen, damit eine bessere Erziehung der jungen Menschen von heute stattfinden wird und wenn der Schöpfer uns zuruft: „Trete nicht auf mit falschem Zeugnis gegen Deinen Nächsten“, dann sehen wir hierin die Ermahnung zur Wahrheitsliebe und vor allen Dingen des Fernhaltens vor. leichtfertigen Anschuldigungen, zu denen sich auch mancher hinreißen läßt, der mit gutgemeinter Absicht und im guten Glauben den zur Rechenschaft ziehen will, den er glaubt schuldig an dem Elend zu sehen, was ihm zugefügt wurde. Klare Überlegung, ruhige Betrachtung und immer eingedenk sein des Wortes: „Mir ist es recht“ — spricht der Herr, sich nicht verleiten lassen zu Gefühlen der Rache und der Vergeltung, sondern bewußt der Tatsache, daß Gott der Herr das vergangene Blut von Israel selbst rächen wird. Und wenn das zehnte Gebot uns auf erlegt, nicht zu begehren das Gut des Nächsten, dann sind wir uns bewußt, daß wir, die wir alles verloren haben, nicht nach dem streben, was anderen gehört, sondern lediglich das verlangen und fordern, was uns unter Verletzung unserer göttlichen Rechte genommen wurde. Das ist der neuzeitliche und tiefe Sinn dieser zehn Worte vom Sinai, deren wir am Wochenfest gedenken, und wenn wir uns in unseren Gotteshäusern zusammenfinden und aus der heiligen Schrift diese markanten Worte vorlesen lassen, dann sind wir uns bewußt, daß es der Sinn unseres Festes ist, uns selbst zu ermahnen, diese Gesetze nachzulesen zum Wohle des Judentums und der ganzen zivilisierten Menschheit. Dr. Ph. AueFbach

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