Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 4 (24.5.1946)
- Date
- 1946-05-24
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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11. Die Sozialausgleichsabgabe und die Juden durch die Steuergesetze auferlegten Mehrbeträge an Lohn- und Einkommensteuer und Vermögenssteuer, sowie andere steuerliche Benachteiligungen (z. B. Versagung von Billigkeitsmaßnahmen oder von Steuerbegünstigungen bei Geschäftsverkäufen). Hier haben Sie eine klare Forderung, keine Utopie, sondern Realitäten. Einigkeit ist die Voraussetzung unserer Arbeit, Zurückstellung kleiner Belange, nur das Ziel der Allgemeinheit vor Augen sehend, damit wir unseren Brüdern und Schwestern, die heute auswandern wollen oder in Deutschland bleiben werden, in einen Lebensstandard zu setzen, der ihrer würdig ist. Unsere dringende Parole ist, daß wir, die wir durch das Hitlerregime gelitten haben, keine Wohlfahrtsempfänger sind, sondern unser Recht verlangen. Dr. Philipp Auerbach. An die „Jüdische Rundschau" Marburg Frankfurter Straße 20 Liebe Freunde! Ich begrüße die „Jüdische Rundschau“ mit großer Freude als eine Zeitung, die für die Juden in Deutschland von großer Bedeutung ist und sein wird. Sie gestatten jedoch, daß ich auf den Artikel „Ein offenes Wort“ von Chapl. Capt. Ernst M. Lorge, U.S. Army, antworte, und bitte ich Sie, diesen Artikel in der nächsten Nummer Ihrer Zeitung zu veröffentlichen: Ein noch „offeneres" Wort von Dr. Philipp Auerbach, 1. Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden der Nord-Rheinprovinz und Zonenvertreter der britischen Zone im Wohlfahrtsausschuß im Hauptquartier in Bünde, Mitglied des jüdischen Zentral-Kommitees in Bergen- Belsen. Verehrter Herr Chaplain! Ich habe mit großem Interesse Ihre offenen Worte in der „Jüdischen Rundschau“ gelesen. Ich verstehe Ihre Ausfüh-. rungen, muß aber zu meinem Bedauern sagen, daß Sie schwer die Psyche eines Menschen, der jahrelang in den Konzentrationslagern Auschwitz, Buchenwald, Belsen, Mauthausen etc., gelitten hat, verstehen können. Da wir nun einmal bei offenen Worten sind, so gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß nach unserer Auffassung alles, was wir haben durchmachen müssen — ich war über fünf Jahre Gefangener der Nazis — ich habe Auschwitz und Buchenwald kennengelernt, die Folterkammern der Gestapogefängnisse in Berlin gesehen — hätte erspart werden können, wenn die amerikanischen Juden vor dem Kriege ihren Einfluß bei der Regierung hätten geltend gemacht, so daß man in großzügiger Weise hätte die Auswanderung betreiben können. Und selbst nach der Befreiung — in Buchenwald am 11. 4. 1945, da überboten sich die Sprecher des amerikanischen Rundfunks in Lobeshymnen auf die Helden von Buchenwald. Da gellte der Äther wider von den Taten, die uns widerfuhren. Da konnte es die Welt nicht fassen, was wir haben durchmachen müssen, und was hat die amerikanische Judenheit getan? Was hat die amerikanische Judenheit getan, um das zu verhindern, was uis geschehen, und wie lange hat es gedauert, bis die erste Hilfe unserer Brüder vom Ausland zu uns kam? Sie als Außenstehender haben gut reden. Sie können das vergessen, was man Ihnen erzählte. Wir können aber nicht vergessen, was wir erlebten. Niemand kann das ersetzen, was wir an Teuerstem verloren und kein Mensch kann uns die Nerven und die Gesundheit wiedergeben, die wir im Lager ließen. Und der Fehler, der gemacht wird, ist der, daß man uns Mitleid zeigen will, wo wir auf Recht pochen, daß man uns Almosen geben will, wo wir Wiedergutmachung verlangen. Von der Kanzel aus sieht man die Sache ganz anders als im Steinbruch von Anschwitz und Buchenwald oder in den Gaskammern vor den Krematorien. Die Ausführungen Ihres Artikels: „Jessurin schel Ahavoh“ mögen für den, der Schlimmes erlebt •hat, mit einem Lächeln aufgenommen werden.. Über den Sinn der Gerechtigkeit nachzudenken, dürfte wohl heute keine Veranlassung sein. Sie haben recht, so lange eine derartige Auffassung von unseren eigenen Glaubensgenossen in Amerika ausgedrückt wird, können wir auf eine wahre Wiedergutmachung nicht rechnen. Sie können vom grünen Tisch aus leicht die zusätzlichen Rationen der D. P. lind der früheren KZ-Insassen auf ein Minimum beschränken, da sie ja mehr Mitleid mit dem Mörder als mit dem Ermordeten haben. Wenn man die Quintessenz Ihrer Ausführungen überdenkt, so muß man zu dem Ergebnis kommen — wie ich dies seinerzeit bei meinem Besuch in London mit meinem Freunde Jossel Rosensaft zum Ausdruck brachte — wir sind durch einen bedauerlichen Irrtum am Leben geblieben, denn dann hätten wir den Demokratien des Westens die Arbeit erspart, dem Rechte zum Siege zu verhelfen. Wir Juden in Deutschland haben uns damit abgefunden, kein Leben von Luxus oder auch nur Bequemlichkeit zu führen. Wir wissen, daß der Lebensstandard unserer Brüder in England und Amerika für uns nicht in Frage kommen kann, denn so lange wir zwölf Jahre lang als Juden behandelt und jetzt den Nazis gleichgestellt werden, können wir an eine Gerechtigkeit nicht glauben. Aber eins rufen wir Euch zu: Wir haben die stolze Tradition des deutschen Judentums allen Gewalten zum Trotz erhalten, und wir haben während der letzten zwölf Jahre bewiesen, daß wir uns auf dem Altar des internationalen Judentums für Euch geopfert haben. Ihr hattet das Glück, daß Euch der Ozean — und unsere Brüder in England der Kanal — von uns trennte. Wie wäre sonst Euer Schicksal geworden? Ihr habt drüben am Radio gesessen, habt davon gehört, daß sechs Millionen Juden ihr Leben lassen mußten, habt eine Träne zerdrückt, „I am sorry“ gesagt und die Musik wieder eingeschaltet. Und nun sind wir die armen Verwandten, in deren Gesellschaft man sich nicht gern sehen läßt. Wir verlangen nicht in erster Linie Geld und Unterstützung, sondern wir verlangen Rehabilitierung, Gerechtigkeit und eine menschenwürdige Behandlung, im Namen der ermordeten sechs Millionen Juden. Wir, die wir im Lager gelitten haben, haben bewiesen, daß wir in den deutschen Konzentrationslägern geläutert wurden; wir kennen keinen Unterschied zwischen Ost und West. Wir haben als Juden gemeinsam gelitten und kämpfen als Juden heute gemeinsam für unsere Anerkennung als ein jüdisches Volk und Gleichberechtigte unter den anderen Nationen. Und wenn wir heute zu den Vertretern der Siegermächte kommen, dann sind wir keine Juden, dann sind wir besiegte Deutsche und hier rufen wir aus, in die gleiche Welt hinein, die einst begeistert unsere Befreiung aus den Konzentrationslagern verkündete, wir haben den Krieg nicht verloren, Ihr kämpftet auf den Schlachtfeldern Europas und wir in den Höllen der deutschen Konzentrationsläger. Wir sind großzügig genug, um die Schwierigkeiten anzuerkennen, die die amerikanischen Hilfsorganisationen in den ersten Monaten hatten, aber wir sind dankbar genug, um ein solches Werk jüdischer Nächstenliebe öffentlich anzuerkennen. Unsere Probleme kennen wir. Wir müssen unsere Menschen wieder erziehen zur Liebe zur Arbeit, zur Liebe zur Kultur, zur Liebe zur Religion und vor allen Dingen zur jüdischen Nächstenliebe, aber glauben Sie, verehrter Herr Chaplain. daß Sie mit einer solchen Kritik dies werden erreichen können? Bedenken Sie doch, daß tausende dieser armen Menschen als Kinder in die Läger kamen, noch nie eine Erziehung genossen und jetzt liebebedürftig sind. Liebebedürftig nach einer Vater- und Mutterliebe, die ihnen nie vergönnt war, in ihrer Jugend zu verspüren. Herumgestoßen von einem Lager in das andere, sind sie auch heute noch D. P., Displaced Person, und wenn wir unsere alte jüdische Geschichte überdenken, so werden Sie zugeben müssen, daß wir durch Jahrtausende hindurch D. P. sind. Nur das Vertrauen auf unseren Gott und die innere Überzeugung an eine Gerechtigkeit hilft uns, auch diese schwere Zeit zu überstehen. Wir wissen genau, daß wir bessere Menschen sind, daß nicht Gleiches mit Gleichem vergolten wird. Wb verlangen aber eine richtige Bewertung dessen, was wir im Interesse des ganzen Judentums durchgemacht haben. Auch heute sind wir uns der großen Aufgaben bewußt, die wir noch auf diesem blutgetränkten Boden zu leisten haben. Hochachtungsvoll! Dr. Ph, Auerbach > 1. Vorsitzender des Landesver- . : bandes der jüdischen Gemeinden der Nord-Rheinprovinz.