Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 1 (15.4.1946)
- Date
- 1946-04-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Pesach 5706 Der erste Pesach in der Freiheit. In der modernen Geschichte des Judentums haben wir wohl niemals mit mehr Berechtigung das alte traditionelle Gebet „Awodim Hojino“ gesprochen. Wenn wir mit unseren Gemeinden vereint um die traditionelle Zedertaiel sitzen und die alten Hymnen und Verse zitieren „Knechte waren wir gewesen“, dann gehen unsere Gedanken zurück in die Höllen von Auschwitz und Buchenwald, Oranienburg und Dachau, dann denken unsere alten Männer und Frauen an die schmachvollen Stunden von Theresienstadt und wir sehen vor unseren geistigen Augen, „wie auch wir arbeiten mußten Bechaumem und wilweinim mit Lehm und Ziegelsteinen“ für jenen Pharao, der mit Roß und Reiter durch Gottes Fügung gleich seinem biblischen Vorgänger vernichtet wurde. Unsere Gemeinden sind dezimiert, nur wenige sind versammelt zur Feier dieses traditionellen Festes, und wenn wir heute in unserer ersten Nummer der Gemeinde- Zeitung, die wir zu diesem Pesachfeste herausgeben, diese Gedanken ausdrücken, dann ist es unsere heilige Pflicht, an die Millionen von Brüdern und Schwestern zu denken, denen es nicht mehr vergönnt war, dieses pest der Freiheit mit uns zu feiern. Wir gedenken ihrer mit Ehrfurcht und Stolz. Wir sind uns bewußt der schweren heiligen Aufgabe und der großen sittlichen Pflicht, die uns ihr Tod auferlegte. Aber nicht nur uns, den Scheeiris hapleta, ist dieses Gedenken eine gebieterische Pflicht, sondern allen unseren Brüdern und Schwestern auf der Welt, wo sie auch sein mögen, die Gottes Schicksal von den Opfern, die wir bringen mußten, bewahrte. Wir fügen an dieses Gedenken Worte des Dankes an unsere Brüder und Schwestern in England und Amerika, die unermüdlich für uns tätig sind; um das Los der wenigen, die noch in Deutschland verblieben sind, zu lindern. Möge uns allen ein neuer Pesach der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit im kommenden Jahre beschert sein, so daß wir voll Hoffnung und Zuversicht ausrufen können: „Leschono haboo bnuei Chaurin! Im kommenden Jahre sind wir alle frei.“ Wozu ein Jüdisches Gemeindeblatt? Die vorliegende 1. Nummer des jüdischen Gemeindeblatts für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen stellt ein weiteres Bindeglied zwischen dem Landesverband und seinen Mitgliedern dar. Das jüdische Volk hat in diesem ^Kriege zweifellos die größten Verluste erlitten, die je ein Volk in seiner Geschichte zu verzeichnen hat. Ein kärglicher Rest unserer Menschen ist zurückgekehrt. Ist sich die Schar auch ihrer großen Verantwortung bewußt? Die Schwere der seelischen Belastung und das Erleben dieser Schreckenszeit gestattet jedem eine verdiente und notwendige Erholung, nicht aber ein stumpfes Versinken in eii\e Tatlosigkeit, deren unheilvolle Auswirkung nicht ab- ^z\j$ehen wäre. Es gibt noch viele unter uns, die noch nicht ihrer gewohnten Beschäftigung nachzugehen in der Lage sind. Das liegt vielfach an den zeitbedingten Verhältnissen unseres Landes. Der Landesverband und alle ihm angeschlossenen Gemeinden betrachten es als ihre vornehmste Aufgabe und Pflicht, zu helfen und jedem unserer Mitglieder zu einer Existenz und damit zu einem geordneten Leben zu verhelfen. Eine weitere Hilfe in dieser brennendsten aller Fragen soll unser Gemeindeblatt sein. Wir wollen immer da helfen, wo die Hilfe des Einzelnen nicht ausreicht. Wir wollen aber auch ein Helfer für diejenigen sein, die ein neues Leben bereits aufzubauen angefangen haben. Fachleute werden in allen uns betreffenden Rechtsfragen, Wiedergutmachung, Steuerangelegenheiten ausführlich und gemeinverständlich zu Worte kommen. Einen breiten Raum sollen alle Möglichkeiten der Auswanderungsfragen erhalten. Unsere Leser sollen zu Worte kommen, ihren Anregungen werden wir stets dankbar sein und sie veröffentlichen, wo sie für die Allgemeinheit von Wert und Nutzen sind. Nicht zuletzt soll unser Gemeindeblatt dazu dienen, uns einander näher zu bringen; Wir wollen zusammenstehen wie eine Familie, Zusammenhalten wie eine unzertrennliche Gemeinschaft, die durch Not und Elend zusammengeschweißt, sich erhalten hat. Wir wollen dankbar anerkennen, daß an der Spitze der Juden der Nord- Rheinprovinz und Westfalen ein Mann steht und unsere Geschicke lenkt, dessen Name Klang und Achtung besitzt und zu dem wir blindes Vertrauen haben können und haben müssen: Dr. Philipp Auerbach. Er hat Großes für uns bereits erreicht, seine unermüdliche Arbeitskraft wird uns weiterhelfen und weiterfördern, wenn wir weiterhin hinter ihm stehen werden wie bisher. Dieser Mann will von uns keinen Dank, was er von uns verlangt, ist Einigkeit unter uns. Mit diesem Wunsch und mit diesem Ziel erscheint die 1. Nummer des Gemeindeblatts. Hans Frey. Notiz Reverend Caplain Richards, Capt. des 1. Corps Iserlohn, verläßt uns wenige Tage nach den Pesach-Feiertagen. Wir möchten nicht verfehlen, diesem trefflichen Seelsorger unseren innigsten Dank |ür die geleistete Arbeit, <ye Unterstützung unserer Bestrebungen und sein Mitfühlen für unsere Schwachen und Kranken auszusprechen. Sein Ausscheiden aus dem 1. Corps bedauern wir sehr und wünschen ihm für seine nächste Tätigkeit in Lüneburg das Beste. Der Landesverband der jüd. Gemeinden der Nord-Rheinprovinz und Westfalen Betrifft: Auswanderung Laut uns gewordenen Mitteilungen sollen die amerikanischen Konsulate in der britischen Zone im Laufe des Monats Mai eröffnet werden. Ob und inwieweit Zertifikate für Palästina zur Verteilung gelangen werden, vermögen wir noch nicht zu sagen. Wir bitten die Gemeindemitglieder, uns die den Gemeinden zugeleiteten Fragebogen betreffend Auswanderung für den Fall, daß eine Auswanderung erfolgen soll, ausgefüllt zurückzusenden. Der Landesverband der jüd. Gemeinden der Nord-Reinprovinz Düsseldorf, Königsallee 27.