Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 328)
- Language
- German
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Kind, wir waren Kinder", lautet der erste Vers in Heinrich Heines wunderschönem Gedicht an seine Schwester. . . . Nun haben wir schon gebleichtes Haar, und während wir wehmütig nach den längst verrauschten Jugendtagen in der Judengasse unseres Heimatsstädtchens zurückblicken, klingt uns etwas ganz Neues, etwas merkwürdig Gegenwärtiges in unser stilles, tiefes, sehnsüchtiges Heimweh hinein. Wir vernehmen ringsum die laute Ankündigung einer „jüdischen Renaissance", und es stellt sich sogar ein „Jüdischer Almanach" ein. . . . . . . Ist plötzlich ein neues Saatkorn in den Seelen aufgegangen, das gleiche Saatkorn in der Seele des modern gerichteten deutschen, des ebenso bedräng-, ten, wie rückständigen polnischen, russischen, rumänischen, des zur Unbefangenheit und zum Indifferentismus erzogenen englischen, französischen, italienischen Juden? ... Es muss doch wohl etwas derartiges sich zugetragen haben — wie käme sonst dieser „ Jüdische Almanach" auf unseren Tisch? . . ... Er zeigt uns verführerisch, wie viel geistige Kraft, dichterische und künstlerische, in diesem „Judentum der Renaissance" steckt. . . . ... Die Fülle dieses Almanachs spricht selbst für sich, fast mit der Beredsamkeit, die von Wundern ausgeht, und es ist auch gar nicht einmal etwas spezifisch Zionistisches, was diese Dichter und Künstler differenziert. Es sind Dichter und Künstler, die sich als Juden fühlen. Und darauf wesentlich kommt es doch an. . . . . . . Liebe, leidenschaftliche, streitbare Liebe hat diesen „Almanach" zusammengestellt. Es ist das erste seiner Art. . . . FRANKFURTER ZEITUNG. 5. April 1903. . . . Der vorhegende stattliche Quartband ist das Erstlingswerk des neubegründeten Jüdischen Verlages. Was da an literarischen und künstlerischen Beiträgen zusammengestellt ist, soll eine jüdische Renaissance vor Augen führen. . . . Also ein Zeichen der jüdischen Renaissance soll das Buch sein, ein Zeichen des Erwachens des uralten Kulturvolks und damit ein Ausblick in die neue jüdische Welt. Wir sollen es zu thun haben mit einer Vereinigung zu einer machtvollen Aeusserung eines neuen jüdischen sozialen Empfindens, das sich im eigenen Lande die freie Arbeit und die freie Geistesentfaltung durch eigenes Recht und eigene Ordnung sichern will. In dem Mutterboden sollen sich künftig die befreiten Rassenkräfte in eine neue Kultur umsetzen, und die Brücken zu diesen neuen Zeiten sollen jetzt gebaut werden. Ein Stück jüdischer Kulturarbeit soll geleistet, eine Zentralstelle zur Förderung jüdischer Literatur, Kunst und Wissenschaft geschaffen, neben dem jüdisch-sittlichen Ideal soll das jüdisch-ästhetische aufgerichtet werden und damit dem Volke ein neues Vertrauen in seinen Wert und in seine zukünftige Bestimmung erwachsen. In diesem Sinne soll das Buch ein erster Versuch sein, östliches und westliches Judentum in einem kleinen Abbild seines Schaffens vorzuführen. So das Frogramm. Ich fasse den Begriff des Sittlichen und Aesthetischen und der Kultur überhaupt etwas weiter auf. . . . Sieht man aber von dieser grundsätzlichen Divergenz ab, so verdient das, was in dem Jüdischen Almanach zusammengetragen ist, alle Anerkennung. . ' Reichlich und reichhaltig ist der Inhalt; er bringt vieles Schöne und Ansprechende. . . . Ueber die jüdische Bewegung, die jüdische Kultur, die alte und die neue, wird in A^erschiedenen Aufsätzen ein Ueberblick gegeben, das jüdische Volksleben und Familienleben findet anschauliche Schilderung in Beschreibungen, Skizzen und Erzählungen aus dem Familienleben. Dazu kommen poetische Beiträge, Aufsätze über neuhebräische Dichter, jüdische Künstler und Künstlerinnen. Zu diesen literarischen Arbeiten kommt der künstlerische Teil, enthaltend sehr gute Reproduktionen nach bekannten vorzüglichen O rigin alen von Antokolski, Liebermann, Israels, Struck, Lesser Ury u. a., die einen ausgezeichneten Schmuck des Werkes bilden. OBERSCHLESISCHE GRENZ¬ ZEITUNG, BEUTHEN O.-S. 25. November 1902. (Norbert Jacques.) . . . Dass das jüdische Volk manche grosse Künstler hervorgebracht hat, ist eine so anerkannte Thatsache, dass ich nicht nötig habe, Namen zu nennen. Aber eine andere merkwürdige Thatsache ist unerklärlich, dass das Volk diese Talente und Werke nie für das allgemeine Interesse des Stammes verwertet hat, wohl weil früher kein oder wenig Verständnis dafür vorlag, oder weil ein eventuelles Verständnis doch durch andere Bedürfnisse und andere Bestrebungen aufgesaugt wurde. Der Wert, die Resultate der geistigen Arbeit im Sinne des jüdischen Interesses zu verwirklichen, musste also unerkannt bleiben. Das Heimatsgefühl konnte, durch die rastlose Jagd nach verschiedenen Zielen, die weit auseinander lagen, nicht