Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 276)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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„Eintreten", der Gang über die Schwelle, die lichten Zimmer, die grossen Spiegel,, die weichen Möbel, Leib-Beers selbst mit seinem langen und breiten Bart und den strengen Herren-Augen, seine Gattin, die frohen, glücklichen Kinder, das Dienstmädchen sogar, das ihm noch von jenen zwei Malen im Gedächtnis geblieben war — das alles erfüllte ihn mit einem Angstgefühl, dass er sich fragte: „Wohin gehst Du? Bist Du wahnsinnig? Kehr um!", und er blieb mehrmals auf dem Wege stehen. Und er wäre gewiss zurückgegangen, wenn ihn nicht immer wieder der Gedanke an „Ulas" gepackt hätte und an seinen Speicher, den er nicht öffnen kann. Er wird nichts borgen — lächerlich, sich irgend eine Hoffnung zu machen, sagt er sich, um sich auf den Stoss vorzubereiten, der kommen würde. Aber er fühlte, dass er nicht den Mund würde aufthun können, wenn er sich selbst so mutlos machte, und er tröstete sich: Wenn ich ihn bei gutem Humor antreffe, wird er mir leihen. Wie denn anders? Soll er Furcht haben, mir ein paar Rubel über die Marktzeit zu borgen? Ich werde ihm sagen, im Augenblick, wo ich die Ware verkaufe, bekommt er das Darlehen zurückgezahlt. Ich werde es ihm schwören bei Weib und Kind . . . Er wird es glauben . . . Und ich werde es ihm ja wirklich zurückzahlen . . <r Aber das alles macht Chaim doch nicht fester, und er suchte nach einem anderen Trost, nach einem stärkeren Mittel, sich mutiger zu machen: Er ist kein schlechter Mensch . . . Und überdies kennt er mich doch nicht seit gestern. Schon zwanzig Jahre, dass wir in einer Gasse wohnen, — in der Parabotzker- Gasse ... Und Chaim erinnert sich, als vor zwei Wochen Leib-Beers an seinem Häuschen, vorbei zum Marktplatz ging und er, Chaim, freundlich, wie es sich einem gewichtigen Mann gegenüber gebührt, ihm guten Morgen gewünscht hatte (ich möchte schwören,, ich hab' ihm die Hand gegeben — will sich Chaim erinnern), da hat Leib-Beers ihm den Grass freundlich zurückgegeben, ist stehen geblieben und hat ihn gefragt, . wieman einen guten Bekannten fragt: „Wie geht's, Chaim?" Und Chaim strengt seinen Kopf an und erinnert sich, dass er geantwortet hat:. „Dank für die Nachfrage! Niemand soll sich versündigen . . . Man handelt . . Und Chaim ist noch heute zufrieden mit der Antwort, die er damals gegeben hat. Ganz würdig hab' ich damals geantwortet! . . . Und er beschliesst, auch diesmal so würdig und stolz als möglich zu sprechen,, sich demütigen — nein! 260