Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 251 (sequence 267)
- Language
- German
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Das Land, auf welches man sich eben zu einigen beginnt, hat vor allen anderen mehr als einen entscheidenden Vorzug. Zunächst ist es dasjenige, welches alle, und mögen sie noch so oberflächlich sich mit dem Problem beschäftigen, ganz instinktiv in Frage ziehen: das alte Judenland — Palästina. Aber nicht nur die Gleichgiltigen werden ohne Besinnen zuerst an dieses Land denken, sondern unter den Juden selbst alle diejenigen, die den Zusammenhang mit Religion und Tradition, mit ihren Vätern und Grossvätern und mit ihres Volkes Geschichte noch nicht verloren haben und ihn nicht zu verlieren entschlossen sind. Und schliesslich müssen nach den Oberflächlichen und nach den Tiefen sogar die Verstandesmenschen in der alten Judenheimat die besten Möglichkeiten für eine territoriale Zusammenfassung der Juden erblicken, die in den Ländern ihres jetzigen Aufenthaltes sich nicht behaupten und nach den gewohnheitsmässig gewordenen Einwanderungsgebieten nicht länger in grösseren Massen abfliessen können. In diesem Zusammentreffen der Volkssehnsucht mit der vernunftgemässen Ausführungsmöglichkeit liegt die Stärke der orientalischen Lösung der Judenwanderungsfrage. Da nun aber die Sehnsucht etwas ist, was man hat oder nicht hat, und was wohl im Wege einer entsprechenden Erziehung den kommenden Generationen, nicht aber dem Leser im engen Rahmen dieser Ausführungen beigebracht werden könnte, — so soll hier wenigstens versucht werden, die voraussichtliche Entwickehmg des jüdischen Orients zu zeigen, auf deren erste Anfänge wir ja schon zurückblicken können. Ich denke mir diese Entwickehmg etwa so, dass im Laufe der nächsten 20 oder 30 Jahre die jüdische Wanderung, deren Umfang nach den Erfahrungen der letzten ähnlichen Periode auf mindestens zwei Millionen Menschen zu schätzen ist, zum grossen Teil nach dem türkischen Orient abfliessen wird — möglicherweise wesentlich verstärkt durch die Nähe dieser Immigrationsgebiete zu den Auswanderungsländern, sicherlich erleichtert durch die billigeren Uebersiedelungskosten, welche zusammen mit der voraussichtlichen Organisation auch den Massen derer die Auswanderung ermöglichen wird, für welche sie heute ein unerreichbarer Traum ist. Die Entwickehmg und Erschliessung des Orients, deren Anfänge wir mit erleben, geht von einem Jahr zum anderen mit sichtlich beschleunigtem Tempo vor sich und erlaubt uns, ohne jede Zuhilfenahme der Phantasie, für den Orient einen Aufschwung vorauszusehen, ähnlich wie wir ihn in Südafrika, Kalifornien und Australien und an einer Menge von kleineren und weniger bekannten Beispielen beobachten können. Haben auch in den markantesten Fällen einer rapiden Entwickelung meist Umstände mitgewirkt, wie das Auffinden reicher Naturschätze, so dürfen wir im Ealle der Juden 251