Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 245)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/1112869-9323001--236-9304818- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die anderen wunderten sich. Der Vater und die Mutter sahen ihn einigemal beunruhigt an. Er fühlte es und wurde noch verlegener. Und der alte Hirsche wendete sich zu ihm: „"Wirst Du denn heute keinen Vortrag halten?" Und der Vater fügte scherzend hinzu: „"Wir haben den Aegyptern schon alle Plagen ausgezählt und Du schweigst noch." Die Mutter sah ihn unruhig an und antwortete für ihn: ,,Gewiss hat er etwas für später vorbereitet." Aber Hinden schlug das Herz stärker und sie vergrub das Gesicht in ihrem Buche. Sie schämte sich, aber es schrie in ihr vor Freude. Als sie dann hinausging, um das Essen zu holen, hob er die Augen zu ihrem leeren Stuhl und hielt sie dort, bis sie zurückkam. "Während der Mahlzeit sass er wie ein Verträumter da. Der Wein der Festbecher munterte ihn nicht auf, das Essen erwärmte ihn nicht. Er schwieg und hörte nicht zu. Man war mit dem Essen und dem Tischgebete fertig und machte sich wieder an die Hagada. Man goss die vierten Becher ein und Elijahu des Propheten Becher, und Hinde ging hinaus, die Thür zu öffnen für Elijahu, der jetzt durch die jüdischen Häuser geht, um aufzunehmen den jüdischen Protest gegen die Völker, die nichts wissen von ihrem Gotte. Und dann kam sie zurück, blieb in der Thür zwischen Flur und Esszimmer stehen und wartete, bis man das Gebot „Schütte Deinen Grimm aus" zu Ende gesagt hätte. Ihre Augen blickten tiefer und ernster, weil Elijahu der Prophet jetzt in der Stube ist und ihr grosses Glück sieht. Leibke wollte sehen, warum sie stehen geblieben ist, und' sie trafen einander mit den Blicken. Ein heiliges Zittern übergoss seinen Körper. Er hatte das Gefühl, hinter ihr im Halbdunkel des Raumes stehe Elijahu, bedecke sie mit seinem Schatten, schaue heraus aus ihren Augen. Und als sie später hereinkam, nachdem sie die Gassenthür wieder geschlossen hatte, war Elijahu immer noch bei ihr und leuchtete aus ihren tiefen Augen. In diesem Augenblicke fühlte Leibke, dass er ihr niemals mehr ein hartes Wort wird sagen können. Da lebte er wieder auf. Und dann begann er zu sprechen über den vierten Teil des Hallelgebetes, über ,,Gott gedenkt unser". „Gott gedenkt unser und segnet uns; er segnet das Haus Israel ... Er segnet die Grossen und die Kleinen . . . Gesegnet seid ihr bei Gott, dem Schöpfer von Himmel und Erde. Der Himmel ist für Gott, die Erde für die Menschenkinder. Nicht die Toten loben Gott und nicht die ins Grab steigen." Er sprach mit liebender Wärme. Seine Seele war der Welt gut, und er segnete alle 229