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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 197

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 197 (sequence 213)
Language
German
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IRI
…/1112869-9323001--204-9304786
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EIN FRUEHLINGSOPFER. AUS EINER GROESSEREN ERZAEHLUNG VON HERMANN BLUMENTHAL (BOLECHOW). (Isaak, ein vierzehnjähriger, buckliger Knabe, dessen Kindheit ein grosses Leiden war, träumt sich in die Vorstellung hinein, sein jüngerer Bruder Benjamin sei von Gott zum Messias ausersehen. Benjamin erkrankt und in Isaak reift der dunkle Wille, sich für seinen Bruder zu opfern.) — — — Isaak geht langsam in die schweigsame Nacht hinein und viele Gedanken sind mit ihm. Beim Flusse hält er an. Die Fluten ziehen wie ein träger Strom geschmolzenen Silbers oder wie ein flüssiger Krystall, denn sie sind ganz durchsichtig, und in ihrem Grunde ruht ein zweiter Himmel in grosser Sternenherrlichkeit. Hier hat er oft gestanden und geträumt von unerhörten Märchenseligkeiten, damals, als er noch für sich träumen durfte. Nun war er lange schon hier und alle Gewalten seines Wesens waren wach und noch war ihm keine Klarheit geworden, wie er sich für Benjamin zum Opfer bringen sollte. Endlich aber nahm sein Wille Gestalt an und er wusste: dem Tode, der meinen Bruder bedroht, dem Dunklen und Gewaltigen biete ich mein armes Leben an, damit er von dem Erwählten Gottes ablasse, damit uns der Erlöser lebe! Gott will es, Gottes Werkzeug bin ich! Er dachte der Mutter, die am vergangenen Sabbat in die Synagoge gekommen war, glühend vor Angst und Liebe zu ihrem Kinde, die vor der offenen Bundeslade den Herrn um Benjamins Genesung gebeten — — — — — Wie ein gewaltiger Wiilensstrom schien der Mutter Begehren dem seinen sich zu verbinden, und er wurde stark und wusste, was ihm zu thun geboten war. * * * - Isaak ging nach Hause. Das Städtchen ist schlafen gegangen und liegt nun tief in seine Ruhe versunken wie ein Kind, das sich müd gespielt hat. Am Marktplatz hört man den Eluss rauschen, und Isaak ist es, als wollten die Wellen ihm nacheilen, ihn einholen. Unwillkürlich geht er rascher. Da, ein Kinderweinen, vom Winde hergetragene kurze, abgerissene Laute-- 197

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