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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 188

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 188 (sequence 204)
Language
German
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IRI
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ERDE. VON EGON LEDERER (WIEN). Wir sind das, wozu unsere Mütter uns gemacht haben. Emerson, Conduct of life, Fatuni. Es gibt Dinge, die wir nur mit geschlossenen Augen erkennen, wenn sich langsam mit dem flackernden Tageslicht der Krampf der Sinne löst und die Sehnsucht der Seele nach der Einheit des Lebens erwacht. Das Chaos unter der Schwelle des Bewusstseins beginnt sich leise zu regen, wir fühlen, wie es sich gestaltet — werdendes Leben dringt bis ins Unsagbare, also hart -an die Grenze des Menschengeistes. Wie beim plötzlichen Leuchten eines Blitzstrahles erkennen wir in scharfen Umrissen unsere Grenzen, — die Gesetze, die uns binden, und die Kräfte, die uns lösen, —• es sind Weihestunden inneren Erlebens, in denen Schwache erstarken und Starke zusammenbrechen. Menschen mit lebensvoller Psyche fühlen ihr Leben entschieden, denn sie hören die Stimme der Natur . . . Eine solche Triumphstunde des Weltahnens war es auch, in der sich uns Juden das Gesetz unserer Moderne offenbarte. Dem, der innerlich frei geboren wird, ohne Judentum in der Seele, dem lösen sich dii Widersprüche der Objekte in subjektive Harmonie. Das Erkennen der Konflikte ist für ihn ein Schritt in die Wahrheit, und die Hast seines Alltags sänftigt sich unter dem unendlichen Himmelsbogen ewiger Gedanken. Die ruhige Gesetzmässigkeit alles Passbaren strömt in seine Worte und macht sie klar und durchsichtig, so dass sie hell tönen wie Klänge von gläsernen Glocken. — Anders der, dessen innere Freiheit schon in dem ererbten Blute ertränkt ist. Das Erkennen befreit ihn nicht, die Schönheit erlöst ihn nicht, und die seligste Trunkenheit betäubt ihn nur bis vor die Schwelle seiner Tragik. Die sitzt in ihm, wie sie in seinem Vater und Grossvater gesessen ist, und um sie erst bilden sich die Krystalle der seelischen Kräfte. Das Bewusstsein dieser organischen Tragik ist wertvoll, denn es macht die Akkorde des Lebens — auch wenn sie gebrochene sind — so doch zu harmonischen. Blosses Ahnen der Schmerzensquelle verschiebt diese Lebensmelodien zu enharmonischen, und Tbewusste Unterdrückung der aufquellenden Empfindungen zwingt zu steter Disharmonie. Innere Einheit, wenn auch in Moll, gibt grössere Kraft, als jene verzehrende Flamme, die durch beständige Reibung von Natur und feindlichem Wollen entsteht — die Psychose der Juden. Furchtbar ist dieses heimliche Feuer, denn es äschert in uns die Ruhe der Schönheit und die Schönheit der Ruhe ein, es verzehrt 188

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